Israels Völkermord-Entscheidung
Armenien: Paschinjan verurteilt Israels „Völkermord-Entscheidung“

Überraschende Wende: Armeniens Premier Paschinjan kritisiert Israels Völkermord-Anerkennung als politische Waffe.

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Jerewan – Die Entscheidung des israelischen Kabinetts, die historischen Ereignisse von 1915 offiziell als Völkermord an den Armeniern anzuerkennen, sorgt für massive politische Verwerfungen.

Während der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den Beschluss mit Blick auf das Vorgehen Israels im Gazastreifen scharf zurückwies, reagierte ausgerechnet auch der armenische Premierminister Nikol Paschinjan mit Kritik. Er warf Israel vor, die Tragödie seines Volkes als politische Waffe zu missbrauchen.

Jerewan bricht das Schweigen mit einer Absage an Israel

Nachdem die armenische Regierung nach dem Kabinettsbeschluss vom Sonntag zunächst geschwiegen hatte, bezog Premierminister Nikol Paschinjan am Montag vor Journalisten überraschend deutlich Stellung. Anstatt den Beschluss aus Jerusalem zu begrüßen, erteilte er der israelischen Initiative eine klare Absage:

„Wir glauben, dass es im Interesse der Republik Armenien liegt, sich nicht auf die Instrumentalisierung des armenischen Völkermords als politische Waffe einzulassen. Daher sehen wir keine Notwendigkeit für eine Reaktion.“

Paschinjan signalisierte damit unmissverständlich, dass der Schritt aus Jerewan als rein politisch motiviert wahrgenommen wird. Israel hatte die Anerkennung über Jahrzehnte hinweg stets blockiert, um die strategischen Beziehungen zur Türkei und Aserbaidschan nicht zu gefährden. Erst nach dem massiven Bruch im Verhältnis zwischen Jerusalem und Ankara machten die israelischen Minister den Weg für das Vorhaben frei, das in den kommenden Tagen noch von der Knesset endgültig verabschiedet werden soll.

Erdoğan teilt gegen „kriminelles Netzwerk“ aus

Am Dienstag reagierte auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im Rahmen einer Fernsehansprache nach einer Kabinettssitzung in Ankara. Er wies die Resolution aus Jerusalem entschieden zurück und holte zu einem verbalen Gegenschlag aus:

„Wir schenken den Verleumdungen dieses kriminellen Netzwerks gegen unser Land, das das Blut von 73.000 unschuldigen Menschen in Gaza – meist Kinder und Frauen – an seinen Händen kleben hat, absolut keine Beachtung. Unsere Geschichte ist frei von Völkermord, Massakern, Unterdrückung und Kolonialismus.“

Zwischen der Türkei und Armenien bestehen seit 1993 keine offiziellen diplomatischen Beziehungen, und die gemeinsame Grenze ist geschlossen. Allerdings bemühen sich beide Staaten in den letzten Jahren durch Sondergesandte um eine vorsichtige Annäherung und eine Normalisierung der Verhältnisse. Ein politischer Streit auf dem Rücken dieser Historie kommt für Jerewan daher zur Unzeit.

Netanjahu fordert Erdoğan zur Mäßigung auf

Die Reaktion aus Ankara ließ den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu noch am Dienstagabend in einem Interview mit dem Fernsehsender Channel 14 kontern. Auf die Frage, ob ihn die Rhetorik aus der Türkei besorgt, entgegnete Netanjahu: „Natürlich besorgt mich das.“ Er warf Erdoğan vor, die Realitäten in der Region zu verkennen:

„Die Dinge, die Erdoğan über den Wunsch nach Zerstörung Israels und einer erneuten Herrschaft über Jerusalem äußert – ich denke, er hat vergessen, dass die 400 Jahre osmanischer Herrschaft vorbei sind. Heute gibt es hier einen starken Staat namens Israel. Es gibt die israelischen Verteidigungskräfte, das Volk und die Regierung Israels. Und es wäre klug für ihn, sich zu beruhigen.“

Netanjahu fügte hinzu, dass Israel niemandem erlauben werde, seine Existenz oder Sicherheit zu bedrohen, und man bereits demonstriert habe, wozu das Land fähig sei. Der verbale Schlagabtausch reiht sich ein in eine Serie schwerer Spannungen, nachdem der türkische Innenminister jüngst zur „Befreiung“ Jerusalems aufgerufen hatte und Berichte über scharfe Predigten Erdoğans gegen Israel die Runde machten.

Aserbaidschan stellt sich bedingungslos an die Seite der Türkei

Bereits am Montag hatte auch das aserbaidschanische Außenministerium die israelische Entscheidung scharf verurteilt. Baku sprach von einer „Verzerrung der historischen Wahrheit“ und forderte die israelische Regierung auf, den Beschluss rückgängig zu machen.

Obwohl Israel Aserbaidschan im Bergkarabach-Krieg im Jahr 2020 entscheidend mit fortschrittlichen Waffen unterstützte, hat sich Baku nun zu einer seltenen und scharfen Verurteilung seines engen Verbündeten durchgerungen – nachdem sich Aserbaidschan aus Dankbarkeit für diese Militärhilfe mit öffentlicher Kritik an Israel bislang strikt zurückgehalten hatte.

Auch die jüdische Gemeinde in Aserbaidschan reagierte umgehend mit scharfer Ablehnung: Rabbi Zamir Isayev verurteilte den israelischen Vorstoß am Montag als „falsch, einseitig und politisch motiviert“. Baku teilt in der historischen Bewertung traditionell die Position Ankaras und sieht in dem Vorstoß den durchschaubaren Versuch, die Türkei geopolitisch unter Druck zu setzen.


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