Ein Gastkommentar von Özgür Çelik
Wer versucht, den Nahen Osten zu verstehen, stößt unweigerlich auf die tiefe Kluft zwischen Schein und Sein. In dieser Geografie lässt sich kein Konflikt allein durch Grenzen, Konfessionen oder Energieressourcen erklären; denn das Spiel auf der Bühne ist meist nur das Spiegelbild eines Drehbuchs, das hinter den Kulissen geschrieben wurde.
Staaten, Organisationen, Ideologien und Anführer agieren lediglich als Variablen einer größeren Gleichung. Im Zentrum dieser Gleichung steht nicht die Macht an sich, sondern die Frage, wie Macht erzeugt, gelenkt und wahrgenommen wird.
Die heutige Spannung zwischen dem Iran und Israel ist keine rein militärische Abrechnung zweier Akteure. Sie ist der Schnittpunkt jahrzehntelanger strategischer Planungen, Energierouten, ideologischer Konflikte und globaler Machtrivalitäten. Insbesondere die US-Außenpolitik der Post-Cold-War-Ära behandelt den Nahen Osten nicht als einen „Raum der Instabilität“, sondern als eine Zone des steuerbaren Chaos.
Dieser Ansatz begünstigt kontrollierte Spannungen statt eines dauerhaften Friedens, da manipulierbare Krisen den Weltmächten sowohl militärische als auch wirtschaftliche und politische Hebelwirkungen verschaffen.
In diesem Kontext ist die Position des Irans weit mehr als die eines gewöhnlichen regionalen Akteurs. Der Iran steht im Zentrum des Systems – nicht nur wegen seiner Ressourcen oder geografischen Lage, sondern aufgrund seines ideologischen und strategischen Widerstands.
Ältere Berichte aus US-Think-Tanks argumentierten, dass der Iran nicht durch direkte militärische Intervention, sondern durch Druck, Isolation und kontrolliertes Engagement transformiert werden sollte. Dies verdeutlicht, dass der Iran weniger als ein „umzustürzender Staat“, sondern vielmehr als ein „zu verwaltendes Problem“ betrachtet wird.
Die Realität vor Ort folgt jedoch selten den Plänen am Schreibtisch. Die Beispiele Irak, Afghanistan und Libyen haben die chaotischen Folgen direkter Interventionen aufgezeigt. Daher wurde im Falle des Irans eine komplexere Strategie gewählt: Eindämmung (Containment), Stellvertreterkriege, wirtschaftlicher Druck und Informationskriegführung. Diese Strategie hat sich zu einem Modell des hybriden Krieges entwickelt, in dem Medien, Finanzen und Wahrnehmungsmanagement ebenso entscheidend sind wie Panzer und Raketen.
Hierbei ist das Konzept des „konstruierten Feindes“ von zentraler Bedeutung. Um die eigene Öffentlichkeit zu mobilisieren und Interventionen zu legitimieren, bedarf es oft einer Bedrohung. Diese kann real, übertrieben oder gänzlich konstruiert sein. Viele bewaffnete Gruppierungen im Nahen Osten fungieren in diesem Rahmen als Bauern auf dem Schachbrett der Großmächte – sie werden nach strategischem Bedarf eingesetzt oder geopfert.
Dies stellt auch die Unabhängigkeit der regionalen Akteure infrage. Die Situation der kurdischen Gruppen ist hierfür beispielhaft: Ihre historischen Beziehungen zu Großmächten brachten oft kurzfristige Gewinne, aber langfristig hohe Kosten mit sich. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen nationalen Zielen und globalen Interessen, was sie in eine dauerhafte Abhängigkeit führt und sie als unzuverlässige Partner erscheinen lässt.
Die Rolle der Türkei in dieser Gleichung ist ebenfalls komplex. Während der offizielle Diskurs die Türkei als starken, bestimmenden Akteur darstellt, ist der Handlungsspielraum in der Praxis durch die Präsenz von Weltmächten und vielschichtige Konfliktdynamiken stark begrenzt. Es entsteht eine Spannung zwischen der innenpolitischen Machtrhetorik und der geopolitischen Realität.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Ökonomie. Moderne Kriege werden durch finanzielle Nachhaltigkeit definiert. Schwankungen im globalen Finanzsystem, Rentenmärkte und Energiepreise können den Verlauf von Konflikten direkt beeinflussen. Auch Europa ist in diese Gleichung eingebunden; aufgrund seiner Energieabhängigkeit und seiner demografischen Struktur wirken sich Erschütterungen im Nahen Osten unmittelbar auf die europäische Innenpolitik aus.
Ideologisch gesehen konkurrieren heute Liberalismus, religiöser Messianismus und nationalistische Visionen auf demselben Schlachtfeld. Es geht nicht mehr nur um die Frage „Wer gewinnt?“, sondern darum, welche Weltordnung dominieren wird. Der Iran nimmt hier eine hybride Stellung ein: ein System basierend auf religiösen Referenzen, das gleichzeitig eine pragmatische Außenpolitik betreibt und durch strategische Partnerschaften mit Russland und China Teil eines alternativen globalen Blocks wird.
Was wir im Nahen Osten sehen, ist weit mehr als das, was an der Oberfläche erscheint. Diese Geografie ist zum Schauplatz eines indirekten Kampfes der Weltmächte geworden. Die Werkzeuge ändern sich, doch die Logik bleibt gleich: Kontrolle und Einfluss.
Die entscheidende Frage lautet: Wohin führt dieses Spiel? Solange sich die Regeln des Systems nicht ändern, werden die Konflikte anhalten, da sie Teil eines globalen Neugestaltungsprozesses sind. Wahre Macht liegt nicht in der Anzahl der Panzer, sondern in der Fähigkeit, die Regeln des Spiels zu bestimmen. Um im Nahen Osten kein Opfer eines fremden Drehbuchs zu werden, bedarf es eines „tiefen Verstandes“, der in der Lage ist, die Fäden der Puppenspieler zu demaskieren.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.
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