Gastkommentar
Henry Okorafor: „Deutschland rüstet auf, als wäre es 1985“

Deutschland riskiert, Milliarden in eine Armee des 20. Jahrhunderts zu investieren, obwohl die Kriegsführung längst im 21. Jahrhundert angekommen ist.

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Ein Gastkommentar von Henry Okorafor

Fünf Wochen Krieg – keine Bodentruppen: Was der Iran-Israel-USA Konflikt über die Zukunft der Kriegsführung verrät.

Deutschland riskiert, Milliarden in eine Armee des 20. Jahrhunderts zu investieren, obwohl die Kriegsführung längst im 21. Jahrhundert angekommen ist. Während andere Staaten auf Drohnen, KI und automatisierte Systeme setzen, hält Berlin an veralteten Strukturen fest – mit Folgen für die Effizienz der Bundeswehr und die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit des Landes.

Ein Krieg, der alles verändert – und doch niemanden überrascht:
Seit fünf Wochen eskaliert der militärische Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA. Raketenangriffe, Drohnenschwärme, Cyberattacken und KI gestützte Abwehrsysteme bestimmen das Bild – und dennoch kommt der gesamte Konflikt ohne Bodentruppen, Panzerkolonnen und Infanterie aus.

Dieser Krieg wird aus der Distanz geführt: präzise, automatisiert, unbemannt. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer strategischen Entwicklung, die seit Jahren sichtbar ist: Staaten vermeiden Bodentruppen, weil sie politisch riskant und militärisch verwundbar sind. Moderne Kriege werden so geführt, dass die eigene Bevölkerung möglichst wenig belastet wird – ein Trend, der sich in allen großen Militärmächten beobachten lässt.

Damit zeigt sich ein grundlegender Wandel: Die Kriegsführung der Zukunft findet längst statt. Und sie zwingt Deutschland zu einer Frage, die es bisher ausweicht: Warum Milliarden in Strukturen investieren, die moderne Kriege gar nicht mehr entscheiden? Die Bundeswehr wirkt in diesem Kontext wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Masse, Präsenz und Personalstärke entscheidend waren. Heute aber entscheidet Technologie über Überlegenheit – nicht die Anzahl der Soldaten.

Der Krieg der Zukunft ist da – und er braucht kaum noch Soldaten

Der Iran-Israel-USA Konflikt macht drei Entwicklungen unübersehbar. Drohnen übernehmen Aufgaben, für die früher ganze Bataillone nötig waren. Sie operieren rund um die Uhr, sind billig, präzise und können in Schwärmen eingesetzt werden, die selbst modernste Abwehrsysteme überfordern. Raketen ersetzen Panzer, weil entscheidende Schläge heute aus hunderten Kilometern Entfernung erfolgen.

Kein Panzer, kein Schützenfahrzeug, kein gepanzertes System kann sich gegen moderne Präzisionswaffen behaupten. Und künstliche Intelligenz ersetzt klassische Kommandostrukturen, weil Algorithmen schneller reagieren als jeder Mensch. KI analysiert Daten, erkennt Muster, priorisiert Ziele und steuert Abwehrsysteme in Echtzeit.

Diese Realität ist nicht theoretisch – sie ist sichtbar, täglich, global. Sie verändert nicht nur die Art, wie Kriege geführt werden, sondern auch die Art, wie Staaten Macht projizieren. Wer die technologische Dominanz besitzt, bestimmt die Regeln. Wer sie nicht besitzt, wird abhängig – militärisch, politisch und wirtschaftlich.

Deutschland aber rüstet auf, als wäre 1985

Während andere Staaten automatisieren und digitalisieren, setzt Deutschland weiterhin auf den Ausbau klassischer Strukturen wie Personal, Kasernen und konventionelle Truppenmodelle. Pistorius spricht von „Kriegstüchtigkeit“, meint aber vor allem: mehr Menschen, mehr Bataillone, mehr Präsenz. Doch Präsenz ist nicht gleich Stärke.
 
Und Masse ist nicht gleich Wirksamkeit. Eine Armee, die auf Personal setzt, aber keine modernen Systeme besitzt, ist im Ernstfall nicht kampffähig, sondern überfordert.

Deutschland investiert Milliarden in Strukturen, die schon im Kalten Krieg als schwerfällig galten.

Die Bundeswehr kämpft seit Jahrzehnten mit ineffizienten Beschaffungswegen, veralteten Systemen und strukturellen Schwächen. Und statt dieser Probleme zu lösen, werden sie nun mit Geld übergossen – ohne strategische Neuausrichtung. In meinem ersten Artikel – „Kriegstüchtigkeit“ ohne nukleare Abschreckung: Deutschland rüstet auf – aber in die falsche Richtung? – heißt es treffend: „Die Bundesregierung investiert in Strukturen, die seit Jahrzehnten als ineffizient gelten.“ Genau das setzt sich fort.

Die strategische Fehlannahme: Dass Kriege noch mit Bodentruppen entschieden werden

Die jüngsten Konflikte – Ukraine, Bergkarabach, das Rote Meer und nun Iran–Israel – zeigen klar, dass Bodentruppen nur noch eine Nebenrolle spielen. Drohnen zerstören Panzer schneller, als sie produziert werden können. Cyberangriffe legen Infrastruktur lahm, ohne dass ein Soldat die Grenze überschreitet. KI gestützte Systeme treffen Ziele, bevor ein Mensch reagieren kann.

Raketenangriffe entscheiden politische Verhandlungen, nicht Infanterie. Die Vorstellung, dass große Truppenbewegungen noch kriegsentscheidend sein könnten, ist eine Illusion aus einer vergangenen Epoche.

Trotzdem hält Verteidigungsminister Boris Pistorius an der Idee fest, Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen, indem er die Truppenstärke erhöht. Doch wie kriegstüchtig kann ein Land werden, wenn es Milliarden in Strukturen steckt, die moderne Kriege längst überholt haben? Oder wie ich in meinem ersten Artikel schrieb: „Die Milliarden fließen in Systeme, die im Ernstfall gegen eine Atommacht kaum eine Rolle spielen würden.“
Diese Aussage ist heute aktueller denn je.

500 Milliarden Euro – aber in die falsche Richtung?

Die Bundesregierung plant, 500 Milliarden Euro in die Modernisierung der Bundeswehr zu investieren. Doch die Realität moderner Kriege sieht anders aus als Pistorius’ Konzept. Bodentruppen werden kaum noch eingesetzt, Deutschland aber setzt auf massiven Ausbau.

Drohnen sind entscheidend, Deutschland bleibt jedoch unterentwickelt. Cyberabwehr ist zentral, aber chronisch unterfinanziert. KI-Systeme sind international Standard, in Deutschland jedoch kaum vorhanden. Raketenabwehr ist überlebenswichtig, Deutschland verfügt aber nur über Fragmente. Autonome Systeme dominieren moderne Konflikte, in Deutschland existieren sie bisher nur als Projekte.

Deutschland investiert also nicht zu wenig – sondern falsch. Und diese Fehlallokation wird sich in einer Krise bitter rächen.

Was Deutschland wirklich bräuchte

Wenn Pistorius Deutschland wirklich „kriegstüchtig“ machen will, braucht es eine strategische Neuausrichtung: eine europäische Raketenabwehr, moderne Drohnenprogramme, KI gestützte Lage- und Abwehrsysteme, autonome Fahrzeuge, starke Cyberkapazitäten und eine ernsthafte Debatte über europäische Abschreckung. Nicht mehr Soldaten, sondern mehr Technologie. Nicht mehr Personal, sondern mehr Präzision. Nicht mehr Kasernen, sondern mehr Rechenzentren.

Deutschland muss sich entscheiden: Will es eine Armee der Vergangenheit – oder eine Armee der Zukunft?

Der Krieg der Zukunft hat begonnen – Deutschland rüstet für den Krieg der Vergangenheit

Der Iran-Israel-USA Konflikt zeigt unmissverständlich: Die Zukunft der Kriegsführung ist unbemannt, digital und automatisiert. Deutschland aber investiert in Strukturen, die diese Realität ignorieren.

Wenn Sicherheit das Ziel ist, braucht es eine strategische Neuausrichtung – weg von Personalromantik, hin zu technologischer Souveränität. Pistorius’ Milliardenprogramm mag politisch gut klingen, aber ohne Zukunftsorientierung bleibt es ein teures Placebo.

 

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


ZUM AUTOR
Henry Okorafor, Politikwissenschaftler (M.A. Politikwissenschaft, Philosophie, Geschichte), Stadtrat a.D. Katholische Universität Eichstätt-Ingolstad


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