Ein Gastkommentar von Nabi Yücel
In einer Zeit, in der der Nahost-Konflikt mit dem israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran die gesamte Mittelmeerregion in Aufruhr versetzt, wird die türkische Präsenz auf Zypern erneut zum Ziel polemischer Kommentare.
Kritiker, darunter Griechenland, der griechische Teil Zyperns und Israel werfen Ankara vor, ihre Präsenz als „Besatzungsmacht“ zu stärken und militärische Schritte wie die mögliche Stationierung von F-16-Kampfjets im Norden der Insel zu nutzen, um weiter Einfluss auszuüben.
Doch aus türkischer Sicht ist dies nichts anderes als die Erfüllung einer historischen Verpflichtung: der Schutz der türkischen Zyprioten vor externen Bedrohungen und die Sicherstellung eines ausgewogenen Gleichgewichts auf der Insel. Die jüngsten Drohnenangriffe auf britische Stützpunkte in Zypern, die Entsendung britischer sowie europäischer Marineeinheiten und die Bekundung Zyperns, in die NATO beitreten zu wollen, unterstreichen nur, wie störanfällig die Region ist – und warum Ankara handeln muss.
Historischer Kontext: Die Garantiemacht Türkei
Seit den Verträgen von Zürich und London 1960 ist die Türkei neben Griechenland und Großbritannien eine der Garantiemächte. Diese Rolle wurde 1974 notwendig, als ein von der griechischen Junta unterstützter Putsch die Insel in Chaos stürzte und die türkische Minderheit bedrohte.
Die türkische Intervention – oft als „Invasion“ diffamiert – war eine defensive Maßnahme, um Völkermord zu verhindern und die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen. Heute existiert die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) als de-facto-Staat, der von Ankara anerkannt wird, und dient als Bollwerk gegen einseitige griechisch-zypriotische Dominanz. Kritiker sprechen von „Besatzung“, doch Ankara sieht darin eine legitime Präsenz, die Stabilität gewährleistet – im Gegensatz zu Großbritannien, das seine Stützpunkte auf der Insel trotz Garantiepflichten 1974 untätig ließ und nun selbst unter Beschuss steht.
Die Vorwürfe, Ankara wiederhole das „Somalia-Modell“ – eine Krise als Vorwand für permanente Militarisierung – sind absurd. In Somalia unterstützt die Türkei eine anerkannte Regierung gegen Terrorismus; in Zypern schützt sie eine bedrohte Gemeinschaft vor historischen Aggressionen. Der Hatay-Vorfall, bei der eine iranische Rakete türkisches Gebiet streifte, zeigt nicht Schwäche, sondern die Notwendigkeit der Besonnenheit und Stärke zugleich.
Ankara hat den Iran nie „geschützt“ – im Gegenteil: Die Türkei ist Teil des NATO-Bündnisses und hat wiederholt gegen Teherans Aggressionen Position bezogen, während sie wirtschaftliche Beziehungen pflegt, die dem Westen nutzen. Behauptungen von „strategischem Parasitismus“ ignorieren geflissentlich, dass die Türkei als zweitstärkste NATO-Macht aktiv zur Allianz beiträgt, etwa durch Operationen in der Schwarzmeerregion.
Die F-16-Stationierung: Notwendige Abschreckung, keine Aggression
Die Überlegungen zur Stationierung von F-16-Jets in Nordzypern sind eine direkte Reaktion auf die Eskalation im Iran-Krieg. Drohnenangriffe auf britische Basen in Zypern haben gezeigt, dass die Insel nicht isoliert ist – Luftkorridore, Seewege und Energierouten sind bedroht. Aus türkischer Sicht dienen diese Kampfjets der Verteidigung der Türkischen Republik Nordzypern und der türkischen Zyprioten, nicht als „Besatzungswaffe“.
Das türkische Verteidigungsministerium betonte bereits, dass es sich inmitten regionaler Instabilität um schrittweise Planungen handelt, um die Sicherheit zu gewährleisten. Es geht nicht um Expansion, sondern um Abschreckung: Zypern liegt in einem strategischen Brennpunkt, und ohne türkische Präsenz könnte die Insel zu einem Spielball externer Mächte werden.
Kritiker aus Israel und wie jene, die Israelische Interessen einbeziehen, übersehen, dass Ankara Realitäten aufzeigt: dass die türkische Präsenz indirekt auch israelische Interessen schützt, indem sie Stabilität in der Region fördert. Eine „Befreiung des Nordens“ durch Israel an der Seite Griechenlands wäre absurd und würde nur Chaos stiften. Stattdessen plädiert die Türkei für Dialog: Die Karte muss nicht „verändert“ werden, solange alle Parteien die Realitäten anerkennen.
Der NATO-Beitrittswunsch der griechisch-zypriotischen Regierung: Ein destabilisierender Faktor
Besonders brisant ist der erneuerte Drang der griechisch-zypriotischen Regierung in Nikosia, der NATO beizutreten. Präsident Nikos Christodoulides hat erklärt, Zypern würde „morgen“ beitreten, wenn möglich – doch Ankara sieht darin eine einseitige Provokation.
Als NATO-Mitglied hat die Türkei ein Vetorecht, und sie würde es nutzen, solange die Zypern-Frage ungelöst bleibt. Ein Beitritt würde das fragile Gleichgewicht auf der Insel stören, die Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung sabotieren und den türkischen Teil der Insel isolieren.
Aus türkischer Perspektive ist dies kein Zufall: Nikosia nutzt die EU-Präsidentschaft und den Iran-Konflikt, um Druck auszuüben, anstatt echte Kompromisse einzugehen. Die griechisch-zypriotische Seite ignoriert, dass NATO-Beitritt einstimmig erfolgen muss – und dass die Türkei die TRNZ nicht opfern wird.
Stattdessen sollte Nikosia die TRNZ anerkennen und eine faire Lösung anstreben, wie es türkische Quellen vorschlagen. Ein NATO-Beitritt ohne Einigung würde Spannungen innerhalb des Bündnisses schüren, nicht lindern. Ankara fordert stattdessen, dass Upgrades und Kooperationen – wie bei den F-16 – der gesamten Insel nutzen, nicht nur einer Seite.
Die Garantien der Türkei sind nicht „zusammengebrochen“, die Türkei erfüllt ihre Pflicht, im Gegensatz zu London, das seine Militärbasen trotz Beschuss nicht effektiv schützen konnte. Wie kann dann ein Bündnisbruch durch F-16-Operationen vorherrschen, wenn doch die Türkei seit 1974 auf der Insel ununterbrochen an die 40.000-Mann stationiert hat, diese Kampfjets der NATO-Sicherheit dienen, indem sie regionale Bedrohungen abwehren?
Nordzypern inzwischen auch ein israelisches Problem?
Es ist paradox: während Israel vorgibt ihr Existenzrecht zu verteidigen, in dem sie auf über drei Länder Bomben abwirft, soll die Türkei auf Geheiß dieser Macht und aufgrund ihrer Befindlichkeiten zusehen, wie Flüchtlingsströme, Energieengpässe, Marktschocks und ein Machtvakuum, das völkisch-kurdische bewaffnete Gruppen über mehrere Grenzen hinweg ausnutzen könnten, ihren freien Lauf nehmen.
Und diese Forderungen seitens israelischer Kommentatoren nimmt beständig zu, je nebulöser ihre militärischen Operationen gegen den Iran, Libanon, Gaza, Westjordanland, Katar, Jemen oder Syrien verlaufen und je verzwickter die Lage wird. Sonst noch für Wünsche?
Dialog statt Eskalation
Die rote Linie Ankaras ist klar: Die Sicherheit der TRNZ und der türkischen Zyprioten ist unverhandelbar und in sich zu betrachten. Erdoğan betonte: „Die türkischen Zyprioten werden nicht akzeptieren, zu einer Minderheit reduziert zu werden.“ Die Lösung liegt in der Anerkennung der Realitäten – zweier Staaten, echter Gleichberechtigung und Demilitarisierung unter gegenseitigen Garantien.
Solange Nikosia einseitig NATO anstrebt und externe Mächte instrumentalisiert, bleibt die türkische Präsenz essenziell. Zypern kann Stabilität werden – wenn der Westen aufhört, einseitige Narrative zu fördern, und Ankara als verlässlichen Garanten anerkennt.
Dasselbe gilt auch für Israel, wenn sie denn wirklich etwas vom Existenzrecht hält: Anerkennung der Realitäten – zweier Staaten unter Einbeziehung der Vereinten Nationen, echter Gleichberechtigung und Demilitarisierung unter gegenseitigen Garantien. Solange Israel die palästinensische Frage nicht löst, wird die türkische Präsenz in der Region essenziell bleiben. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, welche externe Mächte Israel hierbei als Hebel instrumentalisieren will.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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