Ein Gastkommentar von Ahmet Inam
Wenn „Antisemit“ bedeutet, gegen einen Völkermord oder einen Genozid zu sein, dann bin ich ein Antisemit.
Wenn es bedeutet, gegen eine rassistische und unmenschliche Ideologie wie den Zionismus zu sein; wenn es bedeutet, gegen eine barbarische Regierung und deren Mitglieder wie Netanjahu, Smotrich oder Ben-Gvir zu sein, die ihre Menschenverachtung mehrmals öffentlich publik gemacht und damit posiert haben; wenn es bedeutet, gegen eine „Staatsräson“ zu sein, die genau dieses Unrecht und diese Barbarei „schützt und billigt“ und sie darüber hinaus sogar mit Waffen unterstützt – dann bin ich ein Antisemit.
Ich bin mir sicher, dass viele aus Wut, Verzweiflung oder Unverständnis ebenso sagen würden: „Ich bin ein Antisemit“. Nicht, weil sie tatsächlich antisemitisch oder antijüdisch sind, sondern weil sie aufgrund ihrer berechtigten Israelkritik als Antisemiten beleidigt werden.
Doch ich bin kein Judenhasser, sofern „Antisemit“ dies bedeuten soll. So wie meine muslimischen Vorfahren in der Geschichte keine Antisemiten waren – im Gegenteil: Sie agierten gegen den europäisch-christlichen Antisemitismus, retteten und beschützten Juden –, so bin auch ich gewiss kein Antisemit. Und ich lasse mich sicher nicht von „verstandes-, wissens- und anstandslosen Individuen“ diskreditieren, nur weil diese ihre eigene antisemitische oder rassistische Geisteskrankheit auf andere projizieren wollen.
Ich bin aus Überzeugung und mit ganzem Herzen kein Antisemit, zumal viele der Propheten vor dem letzten Propheten Muhammad Nachkommen unseres „Vaters“ Abraham waren. Jakob, der Enkel Abrahams und Sohn Isaaks, wurde von Gott mit dem Namen Israel bedacht. Bis zu Jesus gab es viele israelitische bzw. jüdische Propheten. Gemäß meinem Glauben mache ich keinen Unterschied zwischen den Propheten und liebe sie mehr als mich selbst.
Die muslimische Liebe und Hinwendung zu allen Propheten gehört zum Fundament des islamischen Glaubens: „Sprecht: ‚Wir glauben an Allah und an das, was uns herabgesandt wurde, und an das, was Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und seinen Enkeln/Nachkommen herabgesandt wurde, und an das, was Moses und Jesus gegeben wurde, und an das, was allen Propheten von ihrem Herrn zuteilwurde. Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und wir sind Ihm/Gott ergeben.‘“ (Sure 2:136)
Das ist kein Geschwafel im Sinne einer „Taqiyya“ (Verheimlichung), wie man sie bei den vom deutschen Staat und den Medien geliebten Gülenisten oder bei den zionistisch-messianistischen Evangelikalen findet. Letztere warten ihrer Ideologie gemäß nur darauf, dass der Messias kommt, das tausendjährige Reich ausruft und alle Juden „umtauft“, heucheln sich jedoch bis dahin als „Freunde Israels“ zurecht.
„Der folgende [in der Endzeit stattfindende] Holocaust, in dem zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung vernichtet werden, ist nach dem Direktor von Falwells Liberty Home Bible Institut soteriologisch zu interpretieren, er ist „Teil des göttlichen Heilsplanes“ für Israel, insofern dadurch „ein Rest … erkennen wird, daß Jesus der Messias war, und wenn Jesus dann wiederkommt, werden sie Ihn diesmal als ihren Messias annehmen.“
Die Falwells sind übrigens starke Unterstützer Donald Trumps.3 Doch zu Recht wird „In Israel selbst […] diese massive Hinwendung durchaus auch kritisch gesehen. Dass es sich um wahre Liebe handelt, wird vielfach bezweifelt“. Denn die große Mehrheit der Juden glaubt nicht, dass Jesus der Messias ist. Bis dahin unterstützen sich jedoch radikale „Christenisten“ und „Judenisten“ gegenseitig und sehen im Islam den Erzfeind, weshalb es sehr wichtig sei, „daß die christliche Kirche, eine klare geistliche – und das heißt auch politische und militärische – Entscheidung für Israel und gegen die islamische Welt trifft, denn:
„Israels Feind ist der Islam. Die winzige Nation Israel ist in gewisser Hinsicht ausersehen, den Islam in seinem Vormarsch auf die Weltherrschaft aufzuhalten, aber es ist jetzt Zeit für die Kirche, sich wie nie zuvor geistlich in diese Schlacht einzumischen, damit sie nicht von den Mächten, die hinter dem Islam stehen, verschlungen wird. … Es gibt heute keine Nationen auf der Erde, die gefährlicher und tödlicher und begieriger sind, jede andere Nation auf der Erde zur zerreißen, als die islamischen Nationen“.
Auf der anderen Seite, der jüdisch-zionistischen, tat Netanjahu schon vor Jahrzehnten alles dafür, dass der Islam stets mit Terror in Verbindung gebracht wird. Für dieses „Heuchelei-Bündnis“ missachten sie die Grundpfeiler ihrer eigenen Religion, wie etwa die Nächstenliebe (Jesus) oder das Gebot „Du sollst nicht töten“ (Moses).
Es waren zudem vor allem extremistische „Christenisten“, die den Zionismus ins Leben riefen und die Juden sozusagen dazu „aufstachelten“: Als Herzl darüber debattierte, wo ein Zufluchtsort für die Juden zu finden sei …, sandte ihm Pfarrer William E. Blackstone eine Ausgabe des Alten Testaments, in dem überall die prophetischen Stellen markiert waren, die sich auf die Rückkehr der Juden in das Land Israel beziehen.
Der Einfluß dieser christlichen Gestalten ist Beleg für eine unabweisbare Tatsache: Die Ursprünge der Zionistischen Bewegung sind viel älter als Herzl, sie sind in der Bibel festgelegt und in der tausendjährigen Hoffnung auf jüdische Rückkehr in das Land Israel, wie es die hebräischen Propheten versprochen haben. Und tatsächlich stellten sich Christen als die heraus, die mit der größten Gewissheit an diese prophetischen Verse glaubten und als die stärksten Fürsprecher der Rückführung der Juden nach Zion.“
Wenn wir bei den Nachkommen Abrahams sind, sei daran erinnert, dass Abraham mehrere Kinder hatte, darunter Isaak und Ismael. Isaak bzw. sein Sohn Jakob gilt als Vater der Israeliten/Juden, Ismael als Vater der Araber. Beide Völker sind semitisch, und Hass gegen beide Völker ist Antisemitismus! Das zionistische Argument, Gott habe das Heilige Land vor tausenden Jahren „den Nachkommen Abrahams versprochen“ (1. Mose 15,18), gilt somit auch für die Nachkommen Abrahams aus der Linie Ismaels (1. Mose 16: „Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael“).
Meine Kritik und die Kritik der Muslime richten sich gegen den politischen, ideologischen und messianistischen Zionismus (sowohl den jüdischen als auch den christlichen). Es gibt wenige Ausnahmen unter Muslimen, die offensichtlich die Kritik am Zionismus mit Kritik am Judentum verwechselt haben. Daher mahne ich immer wieder: Wenn der Kampf gegen den Zionismus dich zu einem Antisemiten macht, hat der Zionismus gewonnen und du verloren.
Doch egal, wie oft diese historische und religiöse Tatsache betont wird: Es gibt in Deutschland Gruppierungen innerhalb der Parteienlandschaft, die versuchen, ihre eigene Rechtsradikalität und ihren Antisemitismus zu verbergen oder zu relativieren. Sie verpassen keine Chance, ohne Fakten, Wissen oder Anstand von einem „importierten Antisemitismus“ zu sprechen.
Während die Bundestagsabgeordnete Klöckner vor einigen Jahren Lutz Bachmann – einen der Gründer der rechtsextremen Pegida-Bewegung, der wegen des verbotenen Hitlergrußes kritisiert wurde – verteidigte und erklärte, dies falle unter die Meinungsfreiheit, zeigt sie heute deutlich ihre Unterstützung für eine rechtsextremistische Regierung in Israel, die laut dem Internationalen Gerichtshof und Menschenrechtsorganisationen in Gaza einen Völkermord begeht.
Ein ähnliches Beispiel ist der bayerische Wirtschaftsminister und Vorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, der mit der CSU in einer Koalition sitzt. Als 2023 bekannt wurde, dass Aiwanger als Schüler eine antisemitische Broschüre verteilt hatte, wies er die Schuld von sich, anstatt Verantwortung zu übernehmen. Er blieb im Amt. Ein Jahr später sagte er: „Bayern steht an der Seite Israels.“ Wer online nach „Politiker und Hitlergruß“ sucht, findet weitere Beispiele für Antisemitismus in der deutschen Politik, die oft folgenlos blieben.
Statt sich ernsthaft mit rassistischen Strukturen in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen, tat die Parteilandschaft Folgendes: Am 5. November 2024 nahm der Bundestag mit den Stimmen von SPD, CDU/CSU, Grünen und FDP den Antrag „Nie wieder ist jetzt: Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ an. Auch die bekanntermaßen rechtsextreme AfD stimmte dafür.
Die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch lobte insbesondere den Beitrag der Grünen, da darin der Begriff „importierter Antisemitismus“ verwendet wurde. Damit sind insbesondere Migranten muslimischer Herkunft aus arabischen Ländern und Muslime im Allgemeinen gemeint.
Während also die deutsche Politik und die Medien den „Ich bin der Geist, der stets verneint“ (Mephisto) spielen, wenn es um die eigene Schuld oder den eigenen Antisemitismus geht, und versuchen, sich der Welt gegenüber als „geläutert“ zu präsentieren, verpassen sie keine Gelegenheit – wie auch der jetzige Bundeskanzler, unter anderem mit Hilfe fragwürdiger und vermeintlicher „Experten muslimischen Glaubens“ –, Muslime und Menschen mit Migrationshintergrund pauschal als Quelle des Antisemitismus15 und neuerdings auch als Quelle der Gewalttätigkeit zu verunglimpfen, obwohl die Statistiken eine andere Sprache sprechen.16
Wenn es bedeutet, dass ich ein Antisemit gemäß der unseligen und für das Judentum insgesamt eigentlich destruktiven – und somit selbst antisemitischen – IHRA-Definition bin, dann bin ich ein Antisemit; zumal ich weiterhin den Zionismus sowie die rechtsextremistischen, rassistischen und messianistischen Zionisten in Israel und weltweit kritisieren werde.
Wenn mir aber Antisemitismus vorgeworfen wird, weil ich ein Judenhasser sei, nur weil ich genau die eben genannte Kritik äußere, der möge sich die „Antisemitismus-Keule“17 – auf gut Deutsch gesagt – „sonst wohin stecken“.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Dr. Ahmet Inam ist Islam- und Religionswissenschaftler. Er promovierte 2015 an der Frankfurter Goethe-Universität am „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ mit dem Titel „Die theologischen, juristischen und sozialen Dimensionen der Sünde im Koran“. Er ist Autor des Buchs „Der Islam – Eine Binnenperspektive“ (Ditibverlag, 2020).
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