Ärzte-Krise
Türkei: Immer mehr Ärzte wollen nach Deutschland

Statistiken der Türkischen Ärztevereinigung (Türk Tabipleri Birliği, TTB) zufolge haben in den letzten zehn Jahren immer mehr Ärzte die Türkei verlassen, um in europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten zu arbeiten, und zwar in alarmierendem Tempo.

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Istanbul – Statistiken der Türkischen Ärztevereinigung (Türk Tabipleri Birliği, TTB) zufolge haben in den letzten zehn Jahren immer mehr Ärzte die Türkei verlassen, um in europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten zu arbeiten, und zwar in alarmierendem Tempo.

Laut einem Bericht des in London ansässigen Nachrichtenmagazins Middle East Eye (MEE), das sich auf die Zahlen der TMA beruft, verließen in den ersten elf Monaten des Jahres 2021 1.361 Ärzte die Türkei. Im Jahr 2012 waren es nur 59, was einem Anstieg von 2.206 Prozent entspricht. Die überwiegende Mehrheit derjenigen, die die Türkei verlassen, sind Ärzte, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben. Angesichts der Tatsache, dass jedes Jahr 15.000 Studierende ihren Abschluss an medizinischen Fakultäten machen, verliert die Türkei derzeit fast 10 Prozent ihrer Ärzte an Einrichtungen im Ausland.

Unter Berufung auf Ärzte, die eine Abwanderung in Erwägung ziehen, heißt es in dem Bericht, dass die Abwanderung auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen sei, darunter körperliche und psychische Misshandlung, obligatorischer Dienst in abgelegenen Gebieten und Vetternwirtschaft in der Krankenhausverwaltung.

Laut Gülseren Yenice, eine Assistenzärztin in Istanbul, lernte nur einer von 150 Assistenzärzten in ihrem Krankenhaus im vergangenen Jahr für die türkische Facharztprüfung, während die übrigen 149 Assistenzärzte „entweder für Deutschland oder die USA lernten“. Auch sie besuche nebenbei Deutschkurse, um sich im Anschluss ans Studium in Deutschland zu bewerben.

Als Hauptgründe für die Abwanderung nannte Yenice die zunehmende Gewalt durch Patienten und Arbeitgeber, die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage und die Tatsache, dass unqualifizierte Personen aufgrund ihrer politischen Verbindungen zur Regierung Spitzenpositionen in Krankenhäusern erhielten.

„Selbst Professoren suchen nach Möglichkeiten, einen Platz in einem deutschen oder schweizerischen Krankenhaus zu finden“, sagte sie. „Warum auch nicht, wenn ein Arzt unter diesen wirtschaftlichen Bedingungen kaum überleben kann, zusätzlich zu den ständigen Drohungen von Patienten, der Krankenhausleitung und den Beschimpfungen von ungelernten, aber von Ankara gestellten privilegierten Managern?“

Für eine Fachärztin in einem Istanbuler Krankenhaus sei die Erfahrung von Gewalt während ihrer gesamten medizinischen Laufbahn der Hauptgrund für den Wunsch einer Auswanderung. In einer Frühschicht etwa habe sich ein Mann geweigert im Notfallbereich zu warten und ohne Warnung den Arzt, der gerade neben ihr stand, Niedergeschlagen. Der Mann habe gesagt, dass er auch ihr „den Kopf eingeschlagen“ hätte, wenn sie ein Mann gewesen wäre. „Warum sollte ich diesen Beruf weiter hier ausüben, wenn nicht einmal mein Leben sicher ist?“, so Sena Kerimoglu.

Im Jahr 2020 wurden in der Türkei 11.942 Fälle von Gewalt gegen Ärzte gemeldet, doch laut TMA-Chefin Sebnem Korur Fincanci ist die Dunkelziffer höher.

Ahmet Kulfalli, Assistenzarzt in einem staatlichen Krankenhaus in Istanbul ist auch der Meinung, dass weder die Regierung noch die Krankenhausleitung die Ärzte gegen Gewalttaten oder unbegründete Beschwerden unterstütze.

„Eines Tages, es war gegen 17.00 Uhr, war die Arbeitsschicht zu Ende und wir nahmen keine Patienten mehr auf“, erklärte Kulfali gegenüber MEE.

„Ein Mann kam und schrie uns an, dass wir ihn behandeln müssten. Als wir uns weigerten, ging er direkt zum Chefarzt und sagte, er sei ein Verwandter des Bürgermeisters [des Bezirks]. Daraufhin rief mich der Chefarzt an und schrie, dass wir ihn sofort behandeln sollten“, sagte Kulfalli. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas in Deutschland passieren würde.“

Ärzte wollen nach Deutschland

„In den letzten Jahren wollten Tausende von Ärzte aufgrund von sehr langen Arbeitszeiten, Dauerschichten, Stress und wirtschaftlichen Bedingungen aus der Türkei nach Deutschland oder in die Schweiz auswandern“, so Umut Karapinar, der in Deutschland lebt und Ärzten, die einwandern möchten, über eine Telegram-Gruppe Ratschläge zu Visumsfragen und anderen Anforderungen anbietet, gegenüber MEE. Der bürokratische Prozess dauere jedoch etwa 12 bis 18 Monate.

„Außerdem kostet es mehr als 10.000 Euro, was angesichts der Abwertung der türkischen Lira gegenüber ausländischen Währungen heutzutage eine beträchtliche Summe ist“, erklärte Karapinar. Allerdings hätten türkische Ärzte in Deutschland eine Chance, da das Land dringend mehr Ärzte benötige und die Arbeitsbedingungen weitaus besser seien, so Karapinar weiter. „Hier in Deutschland arbeitet ein Arzt etwa 40 Stunden pro Woche, mit der Möglichkeit, diese Zahl auf 20 zu reduzieren. Sie haben hier also ein Sozialleben.“

Deutschland hat die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland in mehreren Bereichen, darunter auch in der Medizin, erleichtert. Beschleunigt durch die Corona-Pandemie beschäftigte Deutschland im Jahr 2020 mehr als 56.000 im Ausland ausgebildete Ärzte, verglichen mit weniger als 20.000 vor 2010, berichtet MEE weiter.

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