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Kommentar
İlber Ortaylı – Ein Nachruf auf eine Ära

Er war kein Akademiker, der sich in den verstaubten Seiten der Geschichte verlor. Er war eine Brücke, die die Vergangenheit in die Gegenwart trug

(Foto: Screenshot)
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Von Özgür Çelik

Es gibt Menschen, mit deren Fortgang nicht nur ein Individuum, sondern der Stil einer ganzen Epoche von uns scheidet. Eine Bibliothek verstummt, eine Stadt wird ein Stück stiller, und im Gedächtnis einer Nation entsteht eine Lücke, die kaum zu beschreiben ist. Das Ableben von İlber Ortaylı, einer der gewaltigsten Stimmen der türkischen Geschichtsschreibung, hinterlässt genau solch eine Stille.

Er war kein Akademiker, der sich in den verstaubten Seiten der Geschichte verlor. Er war eine Brücke, die die Vergangenheit in die Gegenwart trug und die Gegenwart mit der Vergangenheit konfrontierte. Während er mit seiner scharfen und geistreichen Zunge der Ignoranz den Kampf ansagte, war er zugleich ein Kulturführer, der der Jugend lehrte, wie man ein Leben wahrhaftig lebt.

Vom Flüchtlingslager in die Welt der Akademie

Die Geschichte von İlber Ortaylı ist wie eine kleine Zusammenfassung der turbulenten türkischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Er wurde 1947 in der österreichischen Stadt Bregenz in einem Flüchtlingslager geboren – als Kind einer krimtatarischen Familie, die vor der Unterdrückung Stalins geflohen war. Als er im Alter von zwei Jahren in die Türkei kam, ahnte noch niemand, dass sein Schicksal ihn weit über ein gewöhnliches Leben hinausführen würde.

Das kulturelle Erbe seiner Mutter, Şefika Hanım, und die disziplinierte Welt seines Vaters, Kemal Bey, formten seinen Geist bereits in jungen Jahren. Sein Bildungsweg, der in Ankara begann, erstreckte sich binnen kurzer Zeit bis in die Zentren der weltweiten Wissenschaft.

In Chicago wurde er von einem Titanen der Geschichtswissenschaft, Halil İnalcık, geprägt. Er lehrte und forschte in einer weiten akademischen Geografie – von Wien nach Paris, von Moskau bis nach Oxford. Sein Verstand, der neun Sprachen beherrschte, war erfüllt von einer Neugier, die nicht nur Wörter, sondern die Seelen ganzer Völker verstehen wollte.

Er war ein wahrer Weltintellektueller, der es ablehnte, provinziell zu bleiben, ohne jemals seine Wurzeln zu verleugnen.

Eine strenge, aber aufrichtige Stimme, die Wissen populär machte

Was İlber Ortaylı von einem gewöhnlichen Akademiker unterschied, war die Art und Weise, wie er sein Wissen mit der Gesellschaft teilte.

Wenn er seinem Gegenüber im Fernsehen entgegnete: „Was ist das für eine Frage?“ oder „Das ist reine Ignoranz“, ging es ihm weniger darum, eine Person herabzusetzen, als vielmehr daran zu erinnern, dass Wissen Respekt verdient.

Hinter seinem streng wirkenden Stil verbarg sich stets eine Mahnung:

Lest. Reist. Lernt.

Einer seiner bekanntesten Ratschläge an die Jugend lautete:

„Investiert euer Geld nach der Heirat nicht in Möbelgarnituren, sondern bereist die Welt.“

Dieser Satz war die Essenz seines Geschichtsverständnisses. Denn für Ortaylı lebte Kultur nicht nur in Büchern, sondern in Städten, auf Straßen, in Museen und im Gedächtnis der Menschen.

Ein Museumsdirektor, ein Hüter der Kultur

Während seiner Zeit als Direktor des Topkapı-Palast-Museums repräsentierte Ortaylı ein Verständnis, das historische Bauten nicht nur als Steinhaufen betrachtete.

Für ihn waren Museen keine Orte, an denen die Vergangenheit bloß ausgestellt wurde, sondern das lebendige Gedächtnis einer Zivilisation. Wenn er durch die Korridore von Topkapı schritt, glich er einem Führer, der wahrhaftig mit der Geschichte sprach.

Sein Wissen reichte von den osmanischen Archiven bis zur europäischen Diplomatiegeschichte. Doch er hielt dieses Wissen nicht in akademischen Zirkeln gefangen; es gelang ihm, die breite Masse der Gesellschaft zu erreichen.

Ein Nationalismus jenseits von Slogans

Obwohl seine Gedankenwelt oft missverstanden wurde, wurzelte sein Verständnis von Nationalismus tiefer als stumpfe Slogans. Er vertrat einen Kulturnationalismus, der das Erbe von Persönlichkeiten wie Yusuf Akçura, Zeki Velidi Togan und Halil İnalcık weitertrug.

Er war der Idee des Staates treu ergeben, verteidigte diese jedoch nicht mit Pathos, sondern mit historischem Bewusstsein. Seine scharfen Positionen zu aktuellen Themen der Türkei entsprangen meist dieser historischen Perspektive. Einer seiner prägendsten Sätze lautete:

„Ich kann nicht leben, ohne die türkische Sprache um mich herum zu hören.“

Das Kind im Akademiker

Jene, die İlber Ortaylı näher kannten, berichten von einer anderen Seite an ihm.

Hinter dem gewaltigen Wissensschatz verbarg sich ein rastloser, schelmischer und lebensfroher Mensch. Die Geschichten an den Tafeln mit Freunden, das Lachen und seine unendliche Neugier waren untrennbare Teile seines Charakters. Seine Freude, als er auf Lesbos den „Harmandalı“ tanzte, war ein Symbol für seine Liebe zum Leben.

Der Stil einer Ära

Mit İlber Ortaylı bleiben uns nicht nur über fünfzig Bücher und tausende Schüler. Mit ihm verschwindet auch ein ganz eigener Stil aus der türkischen Geisteswelt: Ein Stil, der Wissen mit Ernsthaftigkeit verteidigte, die Ignoranz beim Namen nannte und gleichzeitig die Schönheit des Lebens pries.

Er beantwortete mit seinem Leben die Frage:

„Wie lebt man ein Leben?“

Unsere Aufgabe ist es nun, den Kampf fortzuführen, an den er uns so oft erinnerte: Gegen die Ignoranz zu kämpfen und Geschichte nicht als romantisches Märchen, sondern als Verantwortung zu begreifen.

Denn der Tod eines Gelehrten ist in der Tat ein großer Verlust für die Welt. Aber es gibt Menschen, deren Ideen weiterleben, auch wenn sie selbst von uns gegangen sind.

İlber Ortaylı ist einer von ihnen.

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