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Kommentar
Die Türkei als letzter Erwachsener im Raum

In der aktuellen Lage scheint die Türkei in der geopolitischen Landschaft des Nahen Ostens - und weit darüber hinaus - als eine beinahe aussterbende diplomatische Art zu agieren

(Archivfoto: msb)
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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

In der aktuellen Lage scheint die Türkei in der geopolitischen Landschaft des Nahen Ostens – und weit darüber hinaus – als eine beinahe aussterbende diplomatische Art zu agieren; also als rationaler, deeskalierender und pragmatischer Akteur. Die Türkei gewinnt zunehmend an Plausibilität, insbesondere vor dem Hintergrund der Ereignisse im Jahr 2026 – sei es im Ukraine-Krieg oder im aktuellen Iran-USA-Israel-Krieg.

Wenn man sich all die im Raum stehenden Berichte, den Entscheidungsprozess in den USA, die Aussagen von Donald Trump und Marco Rubio und die Art und Weise ansieht, wie Tel Aviv das Weiße Haus zu verschiedenen Maßnahmen bewegt, wie europäische Führer einen Zick-Zack-Kurs fahren, entsteht der Eindruck, dass die Türkei der letzte Vernünftige im Raum ist.

Während der Nahe Osten von Eskalationen geprägt ist, darunter der laufende Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran, positioniert sich Ankara als Vermittler, der auf Dialog und Stabilität setzt. Dies markiert einen bemerkenswerten Wandel im Vergleich zu früheren Jahren, als die türkische Außenpolitik oft als impulsiv und expansiv wahrgenommen wurde, etwa durch Konzepte wie „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat) oder militärische Engagements in Libyen und im Ostmittelmeer.

Heute scheint die Türkei der „letzte Diplomat“ in einer Region zu sein, die von Chaos bedroht ist. Doch dieser Wandel ist nicht altruistisch, sondern resultiert aus einer Mischung aus wirtschaftlichen Zwängen, strategischen Kalkülen und globalen Verschiebungen. Im Folgenden werde ich diesen Prozess detailliert beleuchten, basierend auf aktuellen Entwicklungen und historischen Kontexten.

Von „Null Problemen“ zu neo-osmanischen Abenteuern und zurück

Die türkische Außenpolitik hat in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere Phasen durchlaufen. Unter dem damaligen Außenminister Ahmet Davutoğlu (2009–2014) stand das Konzept der „Null Probleme mit den Nachbarn“ im Vordergrund – eine Vision, die auf wirtschaftliche Integration und diplomatische Harmonie abzielte. Diese Ära endete jedoch abrupt mit dem Arabischen Frühling 2011, der Syrien-Krise und zunehmenden Spannungen mit Israel und Ägypten.

In den Jahren 2018–2022 rückte eine aggressivere, neo-osmanisch inspirierte Politik in den Vordergrund: Militäroperationen in Syrien (z. B. „Olivenzweig“ 2018), Unterstützung für Proxys in Libyen, Konflikte im Ostmittelmeer um Gasvorkommen und Engagements in Berg-Karabach. Diese „Abenteuer“ kamen die Türkei wirtschaftlich teuer zu stehen – die Inflation explodierte, die Lira brach ein und internationale Isolation drohte.

Der Wendepunkt kam ab 2023 mit der Ernennung Hakan Fidans zum Außenminister. Als ehemaliger Chef des türkischen Nachrichtendienstes MIT verkörpert Fidan eine „Fidanisierung“ der Außenpolitik: professionalisiert, nachrichtendienstlich fundiert, weniger ideologisch und stärker transaktional.

Diese Korrektur wurde durch äußere Faktoren erzwungen. Die EU führte eine Politik der „Zuckerbrot und Peitsche“ ein – etwa durch Drohungen mit Sanktionen wegen Bohrtätigkeiten im Mittelmeer, gepaart mit Anreizen wie der Modernisierung der Zollunion.

Gleichzeitig schuf die Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus 2025 Unsicherheit: Seine „America First“-Doktrin untergrub die traditionelle NATO-Architektur und ermutigte Israel zu einem „historischen Moment“, um die Region neu zu ordnen – etwa durch Eskalationen in Gaza, Libanon und schließlich gegen den Iran.

Aktuelle Entwicklungen: Die Türkei als Mediator im Iran-Konflikt

Im Jahr 2026 hat sich die türkische Rolle besonders im Konflikt um den Iran manifestiert, der seit Februar eskaliert ist. Nach US-israelischen Angriffen auf iranische Ziele, die den Tod des Obersten Führers Ali Khamenei und hunderte zivile Opfer forderten, positioniert sich Ankara erneut als neutraler Vermittler. Außenminister Fidan hat intensive Telefonate mit über 15 Amtskollegen geführt, darunter aus dem Iran, Irak, Saudi-Arabien, Katar, Syrien, Ägypten und Indonesien, um einen Waffenstillstand zu fordern.

Die Türkei betont, dass Dialog der „effektivste Weg zur Lösung regionaler Konflikte“ sei und bietet sich als Gastgeber für Verhandlungen an. Im Gegensatz zu früheren Jahren, wo die Türkei oft unilateral handelte, kooperiert sie nun mit Oman und Katar in multilateralen Formaten, um eine Deeskalation zu erreichen. Diese Haltung ist nicht nur rhetorisch: Ankara hat seinen Luftraum für Angriffe auf den Iran gesperrt und verurteilt sowohl die US-israelischen Schläge als auch iranische Vergeltungsangriffe auf Golfstaaten.

Präsident Erdoğan hat mit Trump und dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian telefoniert, um eine trilateralen Videokonferenz vorzuschlagen. Experten sehen darin eine Strategie, um ein Regimechange-Chaos im Iran zu verhindern, dass Flüchtlingsströme und Instabilität an der türkischen Grenze auslösen könnte. Stattdessen plädiert die Türkei für schrittweise Verhandlungen, beginnend mit dem Atomdossier, um Sanktionen zu lockern und Stabilität zu gewährleisten.

Ähnlich pragmatisch agiert Ankara in Syrien nach dem Fall Assads im Dezember 2024. Statt Chaos zu schüren, drängt die Türkei auf Stabilisierung: Integration der Milizen in eine nationale Armee unter Ahmed al-Sharaa, Druck auf die kurdische YPG/SDF zur Entwaffnung und Flüchtlingsrückkehr. Fidan pendelt zwischen al-Sharaa, der Arabischen Liga und dem Irak, um eine post-Assad-Ordnung zu schmieden.

Im Irak hat die Türkei mit Bagdad kooperiert, um die PKK zu bekämpfen und Projekte wie die „Development Road“ voranzutreiben. Sogar in Gaza hat die Türkei als Garant für einen Trump-Plan fungiert, Hamas zu Zugeständnissen gedrängt und sich in Stabilisierungsinitiativen engagiert.

Faktoren der Neuausrichtung: Ökonomie, Geopolitik und innere Stabilität

Der Wandel ist primär durch ökonomischen Druck getrieben. Die Kosten der früheren „Abenteuer“ – Militärausgaben, Sanktionsrisiken und wirtschaftliche Isolation – zwangen zu einer Korrektur. Die Lira-Krise 2022–2023 und anhaltende Inflation machten klar, dass Expansionismus teuer ist. Fidans Ansatz betont nun „multi-layered negotiations“, die wirtschaftliche Vorteile sichern, wie Handelsabkommen mit den Golfstaaten oder EU-Zugeständnisse.

Geopolitisch nutzt die Türkei die US-Unsicherheit unter Trump. Seine Drohungen, NATO zu verlassen oder Truppen abzuziehen, schaffen Spielraum für Ankara, unabhängiger zu agieren. Gleichzeitig balanciert die Türkei zwischen Blöcken: Als NATO-Mitglied hält sie Kanäle zu Washington offen, pflegt aber Beziehungen zu Russland, Iran und China. Dies macht sie zu einem „Balancer“, der in Konflikten wie dem Russland-Ukraine-Krieg (Getreideabkommen) oder im Horn von Afrika (Äthiopien-Mediation) unverzichtbar wird.

Innenpolitisch dient diese Politik der Legitimation. Erdoğan nutzt die Rolle als „Vorkämpfer der Umma“ (islamische Gemeinschaft) für Popularität, etwa durch Palästina-Support, ohne jedoch in Kriege verwickelt zu werden. Die PKK-Initiative von 2025 und der Auflösungsruf Abdullah Öcalans haben innere Vulnerabilitäten reduziert, die Iran früher ausnutzte.

Nuancen und Kritik: Interessengeleitete Diplomatie, nicht Idealismus

Trotz des positiven Bildes bleibt die türkische Politik interessengeleitet. In Syrien geht es primär um die Eindämmung kurdischer Autonomie (YPG/PKK als „rote Linie“). Die Rivalität mit Israel ist tief: Ankara sieht in Israels Expansion („Groß-Israel“) eine Bedrohung, während Israel die Türkei als „neuen Iran“ wahrnimmt.

Dennoch vermeidet die Türkei direkte Konfrontationen, um nicht zwischen NATO und Nachbarn zerrieben zu werden. Kritiker warnen, dass diese „strategische Ambiguität“ – wie im Russland-Ukraine-Krieg – langfristig Glaubwürdigkeit kostet. Zudem könnte ein Fall des iranischen Regimes neue Risiken schaffen: Ein Machtvakuum könnte die PKK- oder PJAK-Aktivitäten fördern. Und Israels Bedenken vor einem „neo-osmanischen“ Einfluss in Syrien könnten zu neuen Spannungen führen.

Hält der Wandel an?

Die türkische Neuausrichtung von „Null Problemen“ zu „letztem Diplomaten“ nimmt Charakter an, die durch Ereignisse seit Anfang 2026 untermauert wird. Im Vergleich zu einem Israel im „historischen Moment“-Modus, einem kämpfenden Iran und opportunistischen arabischen Akteuren wirkt Ankara deeskalierend und stabilitätsorientiert.

Ob dies anhält, hängt von folgenden Faktoren ab: der wirtschaftlichen Erholung, Trumps Politik und ob Israel oder die USA Ankara zu sehr drängen. In einer multipolaren Welt könnte die Türkei als „indispensable power“ aufsteigen, doch Risiken wie ein erneuter Kurdenkonflikt oder wirtschaftliche Rückschläge lauern. Letztlich zeigt dies, dass Pragmatismus in der Außenpolitik über Ideologie siegt – eigentlich eine Lektion für die gesamte Region.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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