Ein Gastkommentar Michael Thomas
Seit vielen Jahren bereits bin ich über die dröhnende Stille, die das „Thema Israel“ innerhalb jüdischer Gemeinden umfängt, sehr verwundert. Denn es ist sehr wohl ein Thema.
Ich bilde mir nicht ein, jüdische Spiritualität und Schriften durchdrungen zu haben oder besondere Kenntnisse darin zu besitzen.
Was sagt die Schrift zim „Existenzrecht“? Was sagen die Gelehrten?
Aber eines immerhin weiß ich:
Die Existenz eines „jüdischen Staates“ ist unter jüdischen Gelehrten nicht unumstritten. Es gibt unter ihnen nicht wenig Stimmen, die das Existenzrecht Israels aus religiösen Gründen unter Hinweis auf die Schrift ablehnen. Manche gehen so weit zu sagen, dass es ihrer Exegese nach einen solchen Staat nicht geben dürfe. Sie verweisen dabei auf Kesubot 111a in der Tora. (1.)
Gerade ultraorthodoxe Juden wollen hierin ein göttliches Gebot sehen, keinesfalls aus eigenem Antrieb, sondern ausschließlich nur auf direkten Befehl Gottes einen neuen Staat Israel zu gründen – und sie sehen diesen Befehl als bisher nicht erteilt. Infolgedessen betrachten viele von ihnen die Existenz des „jüdischen Staates Israel“ als Sakrileg und lehnen ihn ab.
Hier ist besonders die Gruppe „Neturai Karta“ (aus dem Aramäischen „Wächter der Stadt“ [Jerusalem]) zu erwähnen, die seit den 40’er Jahren des letzten Jahrhunderts engagiert gegen den Staat Israel und insbesondere gegen den Zionismus zu Felde ziehen. (2.)
Man versucht sie mit dem Vorwurf zu isolieren, sie hätten angeblich den Holocaust geleugnet, weil ihre Vertreter an einer Versammlung zusammen mit anderen teilgenommen hatten, die als Holocaustleugner bekannt sind. Allerdings hat „Neturai Karta“ auf dieser Versammlung den Holocaust unter Hinweis auf eigene Opfer anerkannt.
Basierend auf einem anderen, jüdischen Grundgedanken gründete der Jude und bekennende Antizionist Richard Silverstein die Bewegung „Tikun Olam“, was in etwa „Die Welt zu einem besseren Ort machen“ bedeutet. (3.)
Silverstein sieht die Realität der Politik Israels hart mit den „Mizwot“, den Geboten des Judentums kollidieren und engagiert sich als Journalist intensiv im Kampf gegen den Zionismus, der seiner Auffassung nach in direktem Widerspruch zu den Schriften und dem Glauben steht.
Anzumerken ist, dass sich innerhalb des Judentums massive, auch spirituelle, ganz grundsätzliche Kritik an der bloßen Existenz Israels nicht nur auf diese beiden Aktionen bzw. Gruppen reduziert, sondern dass es eine Vielzahl solcher und ähnlicher Aktivitäten unterschiedlicher Nuancierung gibt. Auch in Israel selbst gibt es kontroverse Diskussionen, auch wenn diese zwar den Staat Israel als solchen, keineswegs jedoch dessen Politik infrage stellen.
Nicht allein durch die teilweise extremen, manipulatorischen Bemühungen der israelischen Politik, sondern auch durch die tätige Mithilfe ihrer „Freunde“ konnten unter anderem auch die Stimmen von „Neturai Karta“ und „Tikun Olam“ beispielsweise bisher immer erstickt und der öffentlichen Wahrnehmung entzogen werden.
Es wurde das Bild eines gewissermaßen monolithischen Blocks „der Juden“ erzeugt, die vorgeblich ausnahmslos nichts sehnlicher wünschen, als einen stark militarisierten, „jüdischen Staat Israel“, dessen angeblich einzige Überlebenschance im ewigen Kampf liegen würde.
Differenzierung findet auch und gerade in Deutschland nicht statt. Im Gegenteil wird dieses falsche Bild „der Juden“ betoniert und direkt auf Israel bezogen. Weder der Zentralrat der Juden Deutschlands, der zwar von der Regierung finanziert wird, allerdings nur einen Teil der jüdischen Gemeinschaften repräsentiert, noch die Bundesregierung selbst hat jemals auf die offenen Fragen von Juden reflektiert, inwiefern Israel als Staat existieren dürfe. Oder ob die aktuelle Kriegspolitik Israels spirituell vertretbar wäre.
Aber bereits vor vielen Jahren begann diese Phalanx des eisenharten Schweigens dazu zunächst in den USA zu zerbrechen. Immer und immer mehr vor allem junge Juden konfrontierten die Älteren in ihren Gemeinden mit der Frage, ob die anhaltende Gewalt und Ungerechtigkeit Israels mit dem Glauben vereinbar wären. Erste Risse zeigten sich, kritische und ablehnende Gruppen erhielten Zulauf.
Wie ich schon vor langer Zeit in einem Essay eines Juden aus den USA las, versuchten viele Ältere, die noch persönliche Holocausterfahrung hatten, diese Diskussion aus Angst zu erdrücken. Ihnen schien, trotz wahrgenommener Fehler und Schieflagen in Israel, dies Land als möglicher Fluchtpunkt und sicherer Hafen erstrebenswert zu sein.
Diese innere Haltung und die Angst, die daraus spricht, allen volltönenden Versprechen zum Trotz doch wieder zum Ziel von Vertreibung und Vernichtung werden zu können, kann und konnte ich menschlich immer nachvollziehen und verstehen. Vergessen wir nicht, dass der Pogrom im nationalsozialistischen Deutschland letztlich nur einer von vielen in der Geschichte war und manchen davon immer Phasen der Reue und Versprechungen gefolgt waren.
Unter dem Eindruck der zurückliegenden Jahre voller Zerstörung, Tod und Leid, gewinnen diese grundsätzlichen Diskussion um das „Existenzrecht Israels“ gerade auch innerhalb des Judentums allerdings deutlich an Lautstärke und Einfluss. Heute mehren sich die Reihen jüdischer Gelehrter, die diese ganz grundlegenden Fragen stellen – und sich zu organisieren beginnen.
Inwiefern sie eines Tages den grundsätzlichen Streit um die religiöse Zulässigkeit eines Israels innerhalb der jüdischen Weltgemeinschaft zum Gegenstand einer Auseinandersetzung machen können oder werden, wird heute niemand erahnen können.
Allerdings ist die bloße Existenz einer nunmehr größeren Organisation, die sich jetzt mit der Jewish Diaspora Movement (JDM) gegründet hat und ein starkes Anwachsen erfährt, ein extrem wichtiger Kontrapunkt gegen zionistische Behauptungen. (4.)
Denn dort versammelt sich spirituelle Kompetenz in den Personen von Rabbis, die nicht vom Tisch gefegt und ignoriert werden kann. Mit der JDM wird nun laut, was ich seit mindestens zwanzig Jahren und mehr vermisse: eine hör- und sichtbare Diskussion von Juden unter Juden über ganz grundlegende Fragen in Bezug auf Israel.
Flankiert wird sie durch weitere, jüdische Organisationen, die aus ihrem Entsetzen über die aktuelle Lage und die anhaltend aggressive Kriegs- und Eroberungspolitik dieses Israels die Abwanderung von Juden aus dem Land unterstützen. Solche, die vielleicht zu einem Israel stehen, aber keineswegs zu diesem konkreten Staat.
Nichtjuden steht meines Erachtens mangels Studium und Kenntnis der Schriften keine Teilnahme an dieser religiös zu führenden Diskussion zu – und selbstverständlich werde und würde ich mich aus Respekt daran niemals beteiligen.
Aber natürlich beobachte ich sie.
Und ihre bloße Existenz sagt mir unter Hinweis auf Gelehrte, dass der Zionismus aus Lügen besteht. Ich halte die Organisation JDM zusammen mit Richard Silverstein und Neturai Karta für einen Beweis, dass der Zionismus keineswegs die, wie behauptet, logische und legitime Folgerung aus dem jüdischen Glauben und somit identitätsstiftend sei.
Zusammen mit den Bestimmungen des Völkerrechts, dem ja beispielsweise auch mit Artikel 25 Grundgesetz Deutschland unterworfen ist, ergeben antizionistische Überlegungen eine neue Sichtweise, die der Darstellung der deutschen Regierung beispielsweise auf breiter Front widerspricht, die sich ausschließlich nur auf das verschobene Bild eines Judentums bezieht, wie es der israelischen Politik dient.
Hier wird ein fundamentales Umdenken, eine tiefgreifende Revision unseres bisherigen Umgangs mit diesem Israel sofort dann zwingend notwendig, wenn wir unser Verhalten tatsächlich an der historischen Schuld Deutschlands an Juden ausrichten wollen. Wir müssen es nämlich auch an den Juden ausrichten, die die Existenz Israels ablehnen. Sobald wir diese Opposition ignorieren, unterscheiden wir zwischen „guten, echten“ und „bösen, falschen“ Juden.
Und genau das steht uns nicht zu.
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https://www.zeit.de/politik/ausland/2010-07/Neturei-Karta-Israel
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https://www.richardsilverstein.com
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Jewish groups launch new diaspora movement rejecting Israel’s ethno-nationalism
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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