Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge
Der 15. Mai 1919 gilt als eines der traumatischsten Daten der modernen türkischen Geschichte. Mit der Landung der griechischen Armee in Izmir begann nicht nur eine militärische Okkupation, sondern auch eine Welle von massenhaften Gewaltverbrechen gegen die türkische Bevölkerung der Stadt.
Die Ereignisse auf dem Konak-Platz und entlang der Küste wurden damals nicht nur von Einheimischen, sondern auch von ausländischen Beobachtern dokumentiert. Einer dieser Zeugen war der italienische Maler Vittorio Pisani, der viele Jahre in Izmir gelebt hatte. Was er am 15. Mai sah, verarbeitete er später in eindrucksvollen Aquarellen und Gemälden.
Ein italienischer Künstler in Izmir
Vittorio Pisani lebte über viele Jahre mit seiner Familie in Izmir und kannte das soziale Leben der Stadt sehr gut. In einem später überlieferten Schreiben erklärte er: „Nachdem ich fünfzehn Jahre mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem Bruder in Izmir gelebt hatte, wurde ich Zeuge der griechischen Besetzung Izmirs und musste die Türkei verlassen und nach Italien zurückkehren.“
Diese Aussage gilt als das wichtigste schriftliche Zeugnis dafür, dass Pisani die Ereignisse persönlich miterlebt hat.
Der Morgen des 15. Mai 1919
Am frühen Morgen landeten griechische Truppen in Izmir. Große Menschenmengen versammelten sich am Hafen und entlang der Straßen. Während Teile der griechischen Bevölkerung die Besetzung feierten, herrschten unter den Türken Angst und Unsicherheit.
Nach den ersten Schüssen eskalierte die Situation rasch. Türkische Soldaten wurden trotz ihrer Kapitulation misshandelt, geschlagen oder erschossen. Auch Zivilisten gerieten ins Visier bewaffneter Gruppen.
Pisani hielt genau diese Szenen fest:
– unbewaffnete osmanische Soldaten, die durch die Straßen geschleift wurden,
– Angriffe auf türkische Zivilisten,
– öffentliche Erschießungen,
– Panik und Chaos auf dem Konak-Platz.
Das berühmteste Gemälde
Das bekannteste Werk Pisani zeigt die Ereignisse auf dem Konak-Platz während der ersten Stunden der Besetzung. Das Bild zeigt griechische Soldaten, die auf wehrlose Türken einschlagen, verletzte Menschen am Boden sowie fliehende Zivilisten.
Besonders auffällig sind die dunklen Rot- und Grautöne, mit denen Pisani die Atmosphäre von Gewalt, Rauch und Verzweiflung darstellt. Das Gemälde verherrlicht keinen Krieg, sondern zeigt die menschliche Tragödie.
Historische Bedeutung
Die Werke Vittorio Pisanis besitzen bis heute große historische Bedeutung. Sie stellen nicht nur Kunstwerke dar, sondern auch visuelle Zeugnisse der Gewalt während der Besetzung Westanatoliens. Da nur wenige Fotografien aus jener Zeit existieren, helfen seine Bilder dabei, die Atmosphäre und die Ereignisse des 15. Mai 1919 besser zu verstehen.
Der Türkische Befreiungskrieg war nicht nur ein militärischer Kampf, sondern auch eine Zeit großen menschlichen Leids für die Bevölkerung Anatoliens. Die Werke Vittorio Pisanis gehören zu den eindrucksvollsten bildlichen Zeugnissen dieser Epoche. Seine Gemälde zeigen Angst, Chaos, Gewalt und Verzweiflung – und bewahren die Erinnerung an die tragischen Ereignisse von Izmir.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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