8. Mai 1945
Algerien gedenkt: Als Frankreich 45.000 Menschen massakrierte

Am 8. Mai 1945 massakrierten französische Truppen 45.000 Algerier — während die Welt den Sieg über Hitler feierte. Ein Verbrechen, das Frankreich jahrzehntelang verschwieg.

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Algier – Während Europa am 8. Mai den 81. Jahrestag des Kriegsendes feierte, begingen Algerier einen anderen Jahrestag — einen der blutigsten Tage der französischen Kolonialgeschichte.

Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, eröffneten französische Truppen das Feuer auf unbewaffnete algerische Demonstranten in Sétif, Guelma und Kherrata. Männer wurden auf offener Straße erschossen, Frauen vergewaltigt, Leichen in Brunnen geworfen oder von Klippen gestoßen.

Algerische Quellen sprechen von 45.000 Toten. Es war der Beginn eines Prozesses, der neun Jahre später in einen blutigen Unabhängigkeitskrieg mündete.

Der 8. Mai 1945 in Sétif

Die Ironie des Datums war den Algeriern bewusst. Tausende von ihnen hatten in den Reihen der französischen Armee gegen Nazi-Deutschland gekämpft — im Vertrauen auf Versprechen, die Frankreich ihnen gemacht hatte: Wer für die Republik kämpfe, werde nach dem Krieg Selbstverwaltung und Unabhängigkeit erhalten. Am Tag des Sieges forderten sie die Einlösung dieser Versprechen. Die Antwort war Gewehrfeuer.

Als die Siegesnachrichten aus Europa eintrafen, gingen auch in Algerien Menschen auf die Straße. In Sétif versammelten sich Tausende zu einem friedlichen Marsch. Unter ihnen war Saal Bouzid, ein 14-jähriger Pfadfinder, der eine algerische Fahne trug. Auf Befehl eines Armeeoffiziers eröffneten französische Soldaten das Feuer. Bouzid wurde erschossen. Die Menge geriet in Panik — und die Soldaten feuerten weiter.

Was folgte, war kein Einsatz zur Wiederherstellung der Ordnung. Es war ein Massaker. Französische Streitkräfte setzten Flugzeuge und Kriegsschiffe ein, um Dörfer in der Region Kherrata zu bombardieren. Der Kreuzer Le Triomphant beschoss Küstensiedlungen aus der Luft. In den Straßen von Sétif organisierten europäische Siedlermilizen regelrechte Menschenjagden in arabischen Vierteln — unbewaffnete Männer wurden auf der Stelle erschossen.

Kalköfen, Klippen, Massengräber

In Guelma übernahmen lokale Behörden und Siedlermilizen die Kontrolle. Historiker schätzen, dass dort rund 13 Prozent der männlichen muslimischen Bevölkerung ermordet wurden. Um die Ausmaße der Verbrechen zu verschleiern, wurden die Leichen in lokalen Kalköfen verbrannt.

In Kherrata trieben Soldaten Gefangene auf die Hängebrücke über der tiefen Schlucht — die Hände gefesselt, wurden sie in die Tiefe gestoßen. Andere Opfer landeten in Brunnen oder wurden in Massengräbern verscharrt, wie jenem am Kef-el-Boumba.
Die Gewalt dauerte bis zum 22. Mai 1945 an.

Erst dann kapitulierte die lokale Bevölkerung. Nach algerischen Angaben waren bis dahin 45.000 Menschen getötet worden — darunter Frauen und Kinder. Auf französischer Seite starben rund 100 Menschen, die meisten davon Soldaten. Der Historiker Redouane Aïnad Tabet schrieb, die algerische Bevölkerung sei von den Ereignissen „schockiert“ gewesen, die politische Elite „wirklich traumatisiert“.

Sexuelle Gewalt als Waffe

Die Vergewaltigungen, die während der Massaker und des späteren Unabhängigkeitskrieges stattfanden, waren nach Einschätzung von Historikern kein zufälliges Begleitphänomen, sondern systematisch eingesetzt.

Algerische Frauen wurden als Symbole der nationalen Ehre gezielt angegriffen — in Dörfern, auf Polizeiwachen, in Militärkasernen und in spezialisierten Folterzentren wie dem Hauptquartier der 10. Fallschirmjägerdivision.

Der Fall von Djamila Boupacha wurde 1960 international bekannt: Die junge Algerierin wurde von französischen Soldaten gefoltert und vergewaltigt. Ihre Anwältin Gisèle Halimi und die Philosophin Simone de Beauvoir machten den Fall öffentlich und lösten damit eine Debatte in Frankreich aus.

Louiette Ighilahriz, eine FLN-Veteranin, schilderte im Jahr 2000 öffentlich ihre Vergewaltigung und Folterung durch französische Fallschirmjäger im Jahr 1957. Ihre Aussage erschütterte Frankreich. Im Jahr 2001 erkannte ein französisches Gericht erstmals einen Mann als Kriegsopfer an, der durch eine Vergewaltigung durch französische Soldaten gezeugt worden war — und sprach ihm eine Militärrente zu.

Paris 1961: Das Massaker mitten in der Hauptstadt

Sétif war kein Einzelfall. Sechzehn Jahre später, am 17. Oktober 1961, wiederholte sich das Muster — diesmal mitten in Paris.

Rund 30.000 algerische Arbeiter versammelten sich zu einem friedlichen Protest gegen eine diskriminierende Ausgangssperre, die der Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon ausschließlich für „algerische muslimische Arbeiter“ verhängt hatte. Papon gab den Befehl, die Demonstration mit allen Mitteln zu unterdrücken.

Was folgte, wurde jahrzehntelang verschwiegen. Polizisten prügelten auf unbewaffnete Demonstranten ein, erschossen Menschen auf offener Straße und warfen Algerier in die Seine. Leichen wurden tagelang aus dem Fluss geborgen.

Die offizielle Version der Polizei sprach von zwei Toten. Journalisten wurden von der Berichterstattung ferngehalten, Akten vernichtet, Zeugen eingeschüchtert. Historiker gehen heute von 200 bis 300 Todesopfern aus.

Erst 1998 erkannte Frankreich offiziell an, dass bei dem Einsatz Menschen ums Leben gekommen waren. Im Jahr 2012 entschuldigte sich die französische Regierung. Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Ereignisse 2021 als „unverzeihlich“ — 60 Jahre nach der Tat.

Nukleare Tests in der Wüste

Zu den weniger bekannten Kapiteln der französischen Kolonialherrschaft in Algerien gehören die Atomtests in der Sahara. Zwischen 1960 und 1966 führte Frankreich 17 Nukleartests auf algerischem Boden durch. Die langfristigen gesundheitlichen Schäden für die Bevölkerung sind bis heute nicht vollständig erfasst, eine Entschädigung der Betroffenen blieb aus.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit

Die Brutalität des 8. Mai 1945 gilt als einer der entscheidenden Auslöser für den algerischen Unabhängigkeitskrieg. Am 1. November 1954 begann der bewaffnete Aufstand der FLN gegen die französische Kolonialherrschaft. In den acht Jahren des Krieges wurden nach algerischen Angaben rund 1,5 Millionen Algerier getötet, Millionen weitere vertrieben.

Frankreich gestand 2018 ein, dass Foltermethoden wie Wasserboarding, Elektroschocks und Verbrennen während des Krieges offiziell erlaubt gewesen waren. Rund zwei Millionen Algerier wurden in Lager umgesiedelt, etwa 8.000 Dörfer zerstört.
Am 5. Juli 1962 wurde Algerien unabhängig. Der Jahrestag des 8. Mai bleibt in Algerien ein Tag der Erinnerung — und eine offene Wunde im Verhältnis zu Frankreich, die bis heute nicht vollständig verheilt ist.

 


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