Ein Gastbeitrag von von Özgür Çelik
Den großen Turkisten Yusuf Akçura, einen der klarsten Köpfe des türkischen Geisteslebens und Gründervater der „Türk Ocakları“ (Türkischer Club), an seinem 91. Todestag zu ehren, bedeutet nicht nur, eines Namens zu gedenken.
Es bedeutet zu begreifen, wie seine erschütternden Warnungen von vor einem Jahrhundert heute in der blutenden Geografie des Nahen Ostens ihren Widerhall finden. Seine 1913 verfassten „Briefe aus Syrien und Palästina“ (Suriye ve Filistin Mektupları), die heute im Ötüken-Verlag vorliegen, sind weit mehr als ein gewöhnlicher Reisebericht – sie sind die Anatomie eines aufziehenden Sturms.
Akçura untersuchte die Region am Vorabend des Zusammenbruchs des Imperiums mit dem Auge eines Strategen. Mit einer Weitsicht, die bis heute Licht ins Dunkel bringt, hielt er die administrative Schwäche der Osmanen, die systematische Einkreisung durch westliche Mächte und die disziplinierte Organisation des Zionismus fest, der sich damals „vom Traum zur Realität“ wandelte.
Der französische Schatten auf osmanischem Boden: Beiruts kulturelle Identitätskrise
Während Akçuras Reise von Istanbul nach Beirut führte, spürte er bereits vor dem Anlegen des Schiffes, dass die kulturellen und wirtschaftlichen Grenzen des Reiches längst erodiert waren. Das Bild, das sich ihm im Hafen von Beirut bot, glich der Ankündigung einer kulturellen Besatzung:
„Auf dem Weg von Istanbul nach Beirut und in Beirut selbst sah ich die Dominanz der französischen Zivilisation… Araber, Türken, alle sprachen Französisch und unterhielten sich über Frankreich, französische Literatur und französische Schulen.“
Akçura beschreibt hier nicht nur einen Sprachwechsel, sondern einen Wandel der Seele. Die Eliten der Region blickten nicht mehr nach Istanbul, sondern nach Paris. Dass in Beirut der französische Franc statt der osmanischen Akçe dominierte, verdeutlichte, wie diese kulturelle Bindung durch einen wirtschaftlichen Ausbeutungsmechanismus gefestigt wurde. In Akçuras Schilderung war Beirut eine Stadt unter osmanischer Flagge, deren Herz jedoch im Takt Europas schlug.
Die methodische Invasion des Westens: Schulen, Krankenhäuser und „zweckgebundene Wohltaten“
Auf seiner Reise durch Syrien und Palästina untersuchte Akçura nicht nur Gebäude, sondern den strategischen Verstand dahinter. Französische Schulen, amerikanische Missionskrankenhäuser, deutsche Institutionen und ein riesiges Konsularnetzwerk füllten mit großer Disziplin jede Lücke, die die träge osmanische Bürokratie hinterließ. Akçura betrachtete diese Institutionen nicht mit oberflächlicher „Fremdenfeindlichkeit“; im Gegenteil, er präsentierte deren Arbeitsdisziplin als ein Lehrstück:
„Manche klugen Leser mögen nun einwenden: Die Christen aus Europa und Amerika geben Geld aus, sie tun vordergründig Gutes, aber sie haben Hintergedanken… Natürlich! Wer etwas ohne Absicht tut, ist ein Narr.“
Laut Akçura waren die Westler keineswegs Narren; indem sie Schulen und Krankenhäuser eröffneten, gewannen sie die Sympathie des Volkes; durch die Verbreitung ihrer Sprache sicherten sie sich den Schlüssel zum Handel und durch ihre bloße Präsenz zeichneten sie die politische Landkarte der Zukunft. Akçuras eigentliche Empörung galt der Tatsache, dass das Osmanische Reich diesen „zweckgebundenen Wohltaten“ keinerlei „nationale Alternativen“ entgegensetzte.
Die Felddisziplin des Zionismus: Von Herzls Traum zu Orangenhainen
Die eindringlichsten Abschnitte des Buches, die für das Verständnis der heutigen Tragödie im Nahen Osten von entscheidender Bedeutung sind, betreffen Akçuras Beobachtungen der zionistischen Kolonien. Während die Paschas in Istanbul den Zionismus noch als „Märchen junger Leute“ abtaten, sah Akçura in der Umgebung von Jaffa und Tel Aviv, wie dieses Märchen Realität wurde.
Er beschrieb die landwirtschaftlichen Kolonien, die genossenschaftliche Organisation und die Orangenhaine mit einer Mischung aus Bewunderung und Schauder. Diese Siedlungen, die von Ingenieuren, Architekten und Ärzten ohne fremde Hilfe und mit eigenem nationalem Kapital errichtet wurden, waren in Akçuras Augen eine „Generalprobe für die Staatsbildung“:
„Warum sollte ein Volk, das eine solch zivilisierte Stadt gründet, nicht auch ein Land, einen Staat gründen können? Wenn die Juden es wollen, ist das kein Märchen!“
Als er die würdevolle Haltung der Kinder in den modernen, nach Herzl benannten Gymnasien sah, erkannte Akçura dort nicht nur eine Schule, sondern den Wiederaufbau einer Nation.
Administrative Schwäche und „gelbes Gold“: Die Tragödie des Dorfes Artof
Szenen, in denen die osmanische Verwaltung korrupt und tatenlos dem Landverlust zusah, schmerzten Akçuras nationalistisches Herz am meisten. Das bitterste Beispiel ereignete sich im Dorf Artof. Als arabische Bauern ihre Schulden von 200 Lira an die Regierung nicht zahlen konnten, sprangen Zionisten ein, beglichen die Summe, übernahmen 600 Hektar Land und setzten die Bauern vor die Tür.
Diesen Schrei hörte Akçura persönlich von einem türkischen Offizier. Dass osmanische Beamte und Gouverneure gegen „gelbes Gold“ (Bestechungsgelder) bei diesen Verkäufen wegschauten, ließ Akçuras Feder förmlich Blut bluten. Während in Jaffa das Abwasser vor den muslimischen Schulen floss, waren die Sauberkeit und Disziplin der zionistischen Schulen das deutlichste Bild des administrativen Bankrotts eines Imperiums.
Nationale Verantwortung: Wer hat wem die Hände gebunden?
In jeder Zeile seines Buches ruft Akçura die türkischen und muslimischen Untertanen zum „Erwachen“ auf. Seiner Ansicht nach ist die Bewahrung der eigenen Existenz in der Heimat nicht nur ein Recht, sondern die „höchste Pflicht“, die den Einsatz aller materiellen und geistigen Kräfte erfordert. Akçura führte den Erfolg der Westler und Zionisten auf deren Fleiß zurück und stellte die entscheidende Frage:
„Warum tun die Muslime nicht das, was die Europäer und Amerikaner tun, um ihre Religion zu schützen? Warum tun die Türken es nicht, um ihre Herrschaft nicht zu verlieren? Wer bindet ihnen die Hände? Wer hindert sie daran?“
Für Akçura war nicht nur der Eindringling schuldig; der wahre Schuldige war das einheimische Element, das keine Schulen gründete, keine Krankenhäuser baute und sein Land nicht mit Wissenschaft und Disziplin verteidigte.
Akçura ein Jahrhundert später verstehen
Wenn wir Yusuf Akçura an seinem 91. Todestag ehren, sehen wir, dass seine „Briefe aus Syrien und Palästina“ ein Manifest geblieben sind, das bis heute seine Gültigkeit bewahrt hat. Akçura prophezeite vor 111 Jahren, dass die Liquidation eines Staates, der nicht arbeitet, sich von der Wissenschaft entfernt und sein Land der Bestechung und Unwissenheit opfert, unvermeidlich ist.
Er war nicht nur ein Denker, sondern ein nationales Gewissen, das die Realität vor Ort in ihrer nacktesten Form sah. Seine Vision ist der größte Beweis dafür, dass Vaterlandsliebe nicht nur durch Pathos, sondern durch disziplinierte Arbeit und eine nationale Strategie am Leben erhalten werden kann.
Möge seine Seele in Frieden ruhen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.
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