Großbritannien
Angela Rayner: Shakespeare-Drama in britischer Labour-Partei

Angela Rayner – potentielle Premierministerin, jetzt arbeitslos: Shakespeare-Drama in britischer Labour-Partei

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Ein Gastbeitrag von Klaus Jürgens

Schadenfreude 2.0 bei der britischen Opposition, und selbst in der eigenen Partei mehr als nur vereinzeltes Kopfschütteln: wie kann es sein, dass eine Wohnungsbauministerin diskret übersieht das man auch oder gerade als führende Politikerin den korrekten Immobiliensteuersatz entrichten muss?

Im Vereinigten Königreich nennt man das ‚Stamp Duty‘ und die setzt bei einem Kaufpreis von über 125000 Pfund Sterling ein (Eurowechselkurs 1.15) und liegt bei zwei Prozent, ab 250000 Pfund Sterling bei fünf Prozent. Dann ist sie weiter gestaffelt und bei einem Haus oder Wohnungspreis von über 700000 Pfund Sterling liegt der Steuersatz schon bei zehn Prozent.

Rayner zahlte nach ihrem Hauskauf – Wert fast 800000 Pfund Sterling – aber nur knapp unter 30000 Pfund Sterling, die offizielle Regierungskalkulation auf deren Internetseite gibt einen Betrag von 27500 Pfund Sterling an, gerade vom Verfasser dieser Zeilen nachvollzogen.

So weit so gut, aber dies ist nur anwendbar, wenn man lediglich eine Immobilie besitzt nach dem Kauf. Sollte man zwei oder sogar mehr Immobilien besitzen nach diesem Neukauf hätte man 67500 Pfund Sterling entrichten müssen. Frau Rayner gab an dies sei nunmehr ihre einzige Immobilie und zahlte den kleineren Betrag.

Ihr Fehler: sie besaß aber in der Tat einen Teil an einer zweiten Immobilie im Norden Englands; der Eigentümer sei aber eine Art Treuhandfonds im Namen ihres behinderten Kindes, wobei sie einen Anteil von 25 Prozent hatte (ein weiterer Teil gehört ihrem geschiedenen Partner, der Rest dem Treuhandfonds).

Sie verkaufte laut eigener Aussage ihren Anteil um das als Kaution (162500 Pfund Sterling) für das o.a. neue Domizil an der englischen Südküste zu benützen. Doch sie zog noch gar nicht ein, also wo lebte sie seit dem Jahresanfang? Natürlich hat sie als Ministerin eine Bleibe in London (ein sogenanntes ‚grace and favour‘ – Arrangement) wann immer nötig, dies ist aber nicht ihre eigene Immobilie, sondern gehört der britischen Regierung.

Sie und ihr Ex teilen sich das Sorgerecht für ihr (behindertes) Kind – insgesamt hat Rayner drei Kinder – und leben abwechselnd in der ursprünglichen Wohnung. Alles ein cleverer Versuch, um Steuern zu sparen, eine Art Postkasten-Haus-Konstruktion? Oder sprichwörtliches Versehen?

Und das, obwohl ihre Berater eindeutig sagten ihre Annahme weniger zu bezahlen sei wohl unrichtig? Eine Ministerin vergisst doch weder den Hinweis ihrer eigenen Berater oder wollte sie einfach nicht zuhören? Fragen über Fragen aber soweit es die Steuerbehörde sieht, muss sie rund 40000 Pfund Sterling nachzahlen!

Viele weitere Ungereimtheiten stehen im Raum: warum verkaufte sie den Anteil an dem Treuhandfonds so kurze Zeit vor ihrem Neukauf? War dies gedacht, um an der Südküste dann die günstigere Steuerrate zu zahlen da diese steigt, sobald man zwei oder mehr Immobilien besitzt? Aber wie kommt es das die Wohnung im Norden Englands nach wie vor offiziell mit ihr registriert ist?

Könnte es sogar sein das der Neukauf überraschend schnell im Mai dieses Jahres passierte, also einige Monate vor der erwarteten Immobilien-Steuererhöhung seitens ihrer eigenen Regierung?

Und da der Wert der nordenglischen Immobilie unabhängig davon ob er einem Treuhandfonds gehört oder nicht kommerziell berechnet wurde fragen sich manche Oppositionspolitiker, ob diese Bewertung nicht etwas zu hoch ausgefallen sei, damit sie einen höheren Verkaufspreis ergattern könnte?

Der letzte Punkt ist natürlich Politikpolemik, und kann von mir nicht überprüft werden. Generell halten wir ohnehin fest, es gilt die Unschuldsvermutung auch in ihrem Fall – Vorsatz oder Versehen kann von hier aus nicht beantwortet werden.

Fakt ist: sie zahlte den falschen Betrag, verstiess somit gegen den ministeriellen Verhaltenskodex, und ihre Karriere scheint zumindest vorerst auf Eis gelegt worden zu sein. Nicht von Parteifreunden, nicht von der Opposition, sondern von ihr selbst.

Raynor war Hoffnungsträgerin, wurde als zukünftige Premierministerin gehandelt

Sie war durchaus beliebt, und hat mit Sicherheit noch genügend Rückhalt in den eigenen Reihen, um eines Tages vielleicht doch noch an die Macht zurückzukehren.

Aufgewachsen in einer Sozialwohnung im Norden des Landes, schwanger geworden mit 16 Jahren, später zunächst alleinerziehende Mutter, und dann dieser so typische Akzent den man in London weniger hört, mit Sicherheit nicht inmitten der politischen Eliten.

Dann ein Schicksalsschlag, eine lebenslange Behinderung bei einem ihrer Kinder. Sie überkam alle Hürden, kämpfte sich nach vorne und wurde der neue Liebling in der Arbeiterpartei.

Dann vor einem Jahr Bingo: die Labour Partei unter Sir Keir Starmer gewinnt die Wahlen in einem erdrutschartigen Sieg und Rayner wird Ministerin und zugleich Vize-Premierministerin. Und auch noch stellvertretende Parteivorsitzende, ein ‚Powerhouse‘ sozusagen.

Nicht alle mochten sie aber 24/7 und es gab auch Konflikte zwischen ihr und Starmer, aber letztendlich führte am so beliebten Mädchen aus dem hohen Norden kein Weg vorbei. Sie symbolisierte das neue Labour-Bild, aufgeschlossen, weiblich, vormals aus ärmeren Verhältnissen, eine Kämpfernatur – und dann auch noch verantwortlich für den Wohnungsbau, so wichtig in einem Land wo sich die meisten Menschen kaum noch die Miete leisten können.

Und vielleicht ist es genau dieser Punkt, der den Fall von Rayner so kurz nach ihrem kometenhaften Aufstieg einleitete:

Natürlich wäre es unangemessen zu behaupten, dass nur linke Politiker und sobald im Amt und aufgrund ihrer eher mageren vorherigen Einkünfte – falls überhaupt – den Staat, dem sie dienen sollen, als finanziellen Selbstbedienungsladen missverstehen. Es gibt ebenso Fälle, wo Konservative oder Grüne oder Liberale sich hier falsch verhielten.

Aber wenn genau zu dem Zeitpunkt, wo viele Menschen nicht mehr wissen wie man am Monatsende noch eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellen kann sich dann so eben kurz einmal um 40000 Pfund Sterling zu bereichern ist nicht nur geschmacklos – um im Esstisch-Bild zu bleiben – sondern wahrscheinlich sogar eine erhebliche Geldbuße wert.

Man sagt hier in England übersetzt man kann den Jungen zwar aus dem Norden Richtung Süden, will sagen London verpflanzen, aber niemals den Norden aus dem Gedächtnis desselben Jungen entfernen, ‚You can take the boy out of the country but you can’t take the country out of the boy‘.

Zusammengefasst: vielleicht war die ganz große nationale Politik eben doch eine Nummer zu groß für Angela Rayner.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Klaus Jurgens MSc. (LSE)
Media Relations Expert and Communications Strategist
Economyfirst Limited London
Telephone UK +44 7473 467 339
Telephone Türkiye +90 531 8348 703

 


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