Geschichte
Atatürk: Der Staatsgründer, der Religion und Wissenschaft vereinte

In westlichen wie östlichen Narrativen wird er häufig entweder als rein säkularer Revolutionär oder gar als Gegner der Religion porträtiert.

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Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Mustafa Kemal Atatürk gilt als Begründer der modernen Türkei, als herausragender Feldherr und politischer Reformer. In westlichen wie östlichen Narrativen wird er häufig entweder als rein säkularer Revolutionär oder gar als Gegner der Religion porträtiert.

Doch diese Lesart greift zu kurz. Atatürk war nicht nur ein militärischer und politischer Visionär – er war zugleich ein Denker, der Wissenschaft und Religion als zwei Seiten derselben Medaille verstand. Sein Erbe zeigt: Es ging ihm nie darum, den Islam abzuschaffen – sondern ihn zu bewahren, zu reinigen und mit der Moderne zu versöhnen.

Bereits früh erkannte Atatürk die zerstörerische Kraft, die entsteht, wenn Religion politisch instrumentalisiert wird oder von unwissenden Autoritäten geleitet wird. Er trat deshalb entschieden für eine Trennung von Religion und Staat ein – nicht gegen die Religion, sondern zu ihrem Schutz. In einer Zeit, in der viele religiöse Anführer das Bildungswesen vernachlässigten oder sogar sabotierten, stellte Atatürk klar: „Der wahrste Mürşid (geistige Führer) im Leben ist die Wissenschaft.“

Dass er dabei das Wort mürşid verwendete – traditionell reserviert für große islamische Gelehrte oder spirituelle Lehrer – war kein Zufall. Er erhob die Wissenschaft zur höchsten Instanz, nicht aus Verachtung der Religion, sondern aus tiefem Respekt für ihren wahren Geist.

Ebenso sagte er: „Die wahre Tarîka (der Weg, die Methode), ist die Zivilisation selbst.“ Auch dieser Begriff stammt aus dem islamischen Kontext der Sufi-Orden, in denen der Weg der geistigen Läuterung als „Tarîka“ bezeichnet wird.

Mit anderen Worten: Der wahre Weg, die wahre Schule des Islam, ist nicht blinder Gehorsam, sondern der unendliche Pfad des Lernens, der Bildung und der moralischen Vervollkommnung.

Atatürks Verständnis berührte damit den innersten Kern des Islam: Schon der Prophet Mohammed begann seine Offenbarung mit dem Befehl „Lies!“ – ein Aufruf zur Erkenntnis. In einer weiteren Sure heißt es: „Sprich: Mein Herr, mehre mein Wissen!“ Und in den Hadithen findet sich die Mahnung: „Die Wissenschaft ist das verlorene Gut des Muslims – wo immer er sie findet, soll er sie nehmen.“

Atatürk sah den Weg der Erlösung im Weg der Wahrheit, der Wissenschaft und der Weisheit. Zudem verstand er die Menschheit als eine Einheit. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Philosoph – vor allem aber ein Vorreiter für eine neue Generation von Muslimen: mit freiem Denken und freiem Gewissen. Und das bedeutet nichts Geringeres als die höchste Verantwortung – für Wahrheit und Frieden, für Wissenschaft und Zivilisation.

Doch Atatürk beobachtete, dass viele religiöse Autoritäten diese Lehren verfälschten oder ins Gegenteil verkehrten. Es sei, so sagte er, „der größte Krieg, den man führen kann – der Krieg gegen die Unwissenheit.“

Mustafa Kemal, Scheich Seyyid Abdullah el-Haşimi el-Mekki er-Rifai (Qaddasallahu sirrahu’l-aziz – möge sein geheimes Wissen geheiligt sein), der „arabische Scheich“, und der islamische Richter von Sivas, Hasbi Efendi, zur Zeit des Sivas-Kongresses in Sivas – am 4. September 1919.

In diesem Geiste ließ Atatürk das Direktorat für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) einrichten, um die Religion unabhängig vom politischen Missbrauch zu organisieren. Gleichzeitig gründete er neue wissenschaftliche Institutionen, um die besten islamischen Gelehrten auszubilden – mit einer modernen Ausbildung auf Grundlage von Vernunft, Ethik und historischer Kritik. Er ließ den Koran ins Türkische übersetzen, förderte die freie Meinungsäußerung und brachte Millionen Menschen – Männern wie Frauen – Lesen und Schreiben bei.

Dabei begründete er die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht nur laizistisch, sondern ausdrücklich auch islamisch: Der Islam selbst fordere Erkenntnis und Verantwortlichkeit für alle Gläubigen – unabhängig vom Geschlecht.

Deshalb trat Atatürk auch für die höhere Bildung von Frauen ein, schuf Zugang zu Schulen und Universitäten, und förderte ihre Beteiligung am öffentlichen Leben. Für ihn waren Bildung, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe nicht nur Rechte, sondern religiöse Pflichten – und ein Gebot der Gerechtigkeit.

Seine Reformen zielten nicht auf eine Abkehr vom Glauben, sondern auf eine Rückkehr zu seiner Quelle: der Vernunft, der Ethik und der Suche nach Wahrheit.

Atatürks vielzitierter Grundsatz „Frieden in der Heimat – Frieden in der Welt“ ist keine bloße diplomatische Formel. Es ist Ausdruck eines tiefen, islamisch geprägten Weltverständnisses: Die Achtung des Mitmenschen, der Respekt gegenüber Andersdenkenden und der Einsatz für Gerechtigkeit sind nicht nur staatsbürgerliche, sondern auch religiöse Pflichten.

In einer Epoche, in der sowohl islamische Fundamentalisten als auch westliche Orientalisten Religion und Wissenschaft als Gegensätze betrachten, bleibt Atatürks Weg aktueller denn je. Er zeigt: Es gibt einen dritten Weg – jenseits von Fanatismus und Nihilismus – einen Weg der Aufklärung, der tief in der islamischen Tradition wurzelt und zugleich offen für universelle Werte ist.

Atatürk hat Religion und Wissenschaft nicht getrennt – er hat sie versöhnt. Und damit einen Beitrag geleistet, der über die Türkei hinaus von weltgeschichtlicher Bedeutung ist.

📘 Infobox: Atatürks religiöse Bildung & Rolle im Islam

  • Frühe Erziehung: Besuch einer traditionellen Sıbyan-Mektebi (Koranschule) in Saloniki.
  • Inhalte: Koranrezitation, arabisches Alphabet, Grundlagen islamischer Lehre.
  • Familiärer Einfluss: Seine Mutter Zübeyde Hanım war tief religiös und prägte seine spirituelle Entwicklung.
  • Weitere Bildung: Ausbildung an modernen zivilen und militärischen Schulen mit starkem Einfluss der Aufklärung.
  • Religiöse Haltung: Kannte den Koran, Hadithe und islamische Gelehrten. Kritisch gegenüber Dogmatismus und politischer Instrumentalisierung der Religion.
  • Islamische Titel: Zeitweise als „Schwert des Islams“ bezeichnet – wegen seines Kampfes zur Verteidigung muslimischen Territoriums.
  • Anerkennung: Manche sahen in ihm einen islamischen Meister der Moderne, der Glaube, Ethik und Wissenschaft versöhnte.
  • Laizismus & Kalifat: 1924 schaffte er das Kalifat ab, um Religion von der Politik zu trennen. Ziel war nicht die Abschaffung des Glaubens, sondern dessen Befreiung von politischem Missbrauch – im Sinne eines aufgeklärten, ethisch verstandenen Islams.
  • Ehrentitel: Am 24. November 1928 wurde ihm offiziell der Titel „Başöğretmen“ („Oberlehrer“) verliehen – als Symbol seines lebenslangen Engagements für Bildung, Aufklärung und Erneuerung.
  • Ziel: Verbindung von Glaube, Vernunft und Bildung – für eine gerechte, zivilisierte Gesellschaft.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.


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