Naher Osten
Israel: Abgeordneter Gideon Sa’ar fordert Anerkennung des „Völkermords an den Armeniern“

Inmitten der Annäherung zwischen der Türkei und Armenien fordert ein israelischer Abgeordneter eine "Anerkennung des Völkermords". Beobachter wittern Kalkül.

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Tel Aviv – Inmitten einer historischen Annäherung zwischen der Türkei und Armenien sorgt ein politischer Vorstoß aus Israel für erhebliche Diskussionen. Der israelische Abgeordnete Gideon Sa’ar hat angekündigt, eine Resolution zur offiziellen Anerkennung der Ereignisse von 1915 als Völkermord auf den Weg zu bringen. Beobachter werfen der israelischen Politik jedoch vor, das Thema als strategische Waffe zu missbrauchen.

Auf der Plattform X gab Sa’ar seine Pläne bekannt: „Ich werde der israelischen Regierung bei ihrer nächsten Sitzung einen Resolutionsentwurf zur offiziellen Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die israelische Regierung vorlegen“, schrieb der Abgeordnete.

Die Anerkennung der Geschehnisse in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches sei sowohl eine „moralische als auch eine historische Pflicht“. Zudem müsse jede Leugnung, Verharmlosung oder Verfälschung der historischen Wahrheit entschieden verurteilt werden. Nach der Beratung im Kabinett soll die Resolution der Knesset zur Abstimmung vorgelegt werden.

Zweifel an der Aufrichtigkeit und scharfe Kritik

Internationale Beobachter und Analysten bezweifeln jedoch die Aufrichtigkeit des Zeitpunkts. Kritiker sehen darin weniger ein echtes moralisches Anliegen als vielmehr den Versuch, geopolitischen Druck auszuüben.

Der armenisch-stämmige US-Journalist Stephan Pechdimaldji brachte das Misstrauen auf X direkt auf den Punkt:

„Tun Sie dies, weil Sie wirklich daran glauben, oder ist dies nur der jüngste Versuch, den armenischen Völkermord als geopolitischen Fußball zu nutzen? Ein Völkermord ist kein Nullsummenspiel.“

In den sozialen Netzwerken löste die Ankündigung zudem eine Welle von Gegenreaktionen aus. Zahlreiche Nutzer warfen Israel Doppelmoral vor und verwiesen auf die aktuellen militärischen Handlungen im Gazastreifen. Zudem erinnerten viele Kommentatoren an die jüngere Geschichte: Im aserbaidschanisch-armenischen Krieg um Bergkarabach im Jahr 2020 gehörte Israel zu den wichtigsten Waffenlieferanten Aserbaidschans und unterstützte damit direkt die Gegenseite Armeniens.

Historische Wiederannäherung im Südkaukasus

Dass der israelische Vorstoß gerade jetzt erfolgt, kommt nicht von ungefähr. Die Region Südkaukasus erlebt derzeit eine diplomatische Dynamik, die noch vor wenigen Jahren als völlig undenkbar galt. Erst Anfang Juni festigte der armenische Premierminister Nikol Paschinjan seine Position durch einen Wahlsieg bei den Parlamentswahlen und treibt den historischen Friedenskurs im Land weiter voran.

Bereits im August 2025 hatten Armenien und Aserbaidschan unter Vermittlung der USA ein umfassendes Friedensabkommen im Weißen Haus unterzeichnet. Seither läuft die Normalisierung auf Hochtouren: Die direkten Flugverbindungen zwischen Eriwan und Istanbul wurden wieder aufgenommen. Im Juni 2025 reiste Paschinjan zudem auf offizielle Einladung nach Istanbul, um den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu treffen – ein symbolträchtiges Treffen, das den Wandel in den bilateralen Beziehungen markierte.

Medienberichten zufolge steht die seit über drei Jahrzehnten geschlossene armenisch-türkische Grenze vor der Wiedereröffnung. Geplant ist unter anderem eine umfassende Eisenbahnverbindung zwischen Armenien, Aserbaidschan und der Türkei, die bis nach Europa führen und gleichzeitig China sowie Zentralasien mit dem Mittelmeer verbinden soll. Die seit 1993 stillgelegte Bahnstrecke zwischen dem türkischen Kars und dem armenischen Gümrü soll dafür wiederbelebt werden. Erst im April 2026 trafen sich Vertreter beider Länder in Kars zu konkreten technischen Verhandlungen.

„Bergkarabach gehörte nie uns“

Diese weitreichende Annäherung hatte Paschinjan im Vorfeld des Urnengangs mit einer Aussage untermauert, die im eigenen Land für heftige politische Debatten sorgte. Bei einer Wahlkampfveranstaltung bezeichnete er die historische Bewegung zur schrittweisen Vereinigung Karabachs mit Armenien überraschend als einen „fatalen Fehler“ und erklärte unmissverständlich: „Es war nicht unseres, es war nicht unseres.“

Kritiker und die politische Opposition im Inland reagierten mit Empörung und nannten den Regierungschef daraufhin einen Verräter. Eduard Scharmasanow von der Republikanischen Partei konfrontierte Paschinjan direkt mit der harten Frage: „Wenn Karabach nicht unseres war – warum hast du dann 5.000 unserer Söhne geopfert?“

Paschinjan ließ sich von diesem Gegenwind jedoch nicht beirren, und die armenischen Wähler haben ihm mit der Wiederwahl nun ein klares Mandat für seinen pragmatischen Kurs erteilt.

Russland verliert an Einfluss – Europa gewinnt

Paschinjans Erfolg an den Wahlurnen signalisiert gleichzeitig eine tektonische Verschiebung im traditionellen russischen Einflussbereich. Sein engster Konkurrent bei der Wahl war der pro-russische, armenisch-russische Oligarch Samvel Karapetyan, dessen Partei „Strong Armenia“ laut den vorliegenden Teilergebnissen auf rund 23,5 Prozent der Stimmen kam und damit deutlich unterlag.

Armenien hatte bereits im Jahr 2024 sein langjähriges Militärbündnis mit Russland ausgesetzt, woraufhin Moskau mit empfindlichen wirtschaftlichen Restriktionen und unverhohlenen Drohungen reagierte. Russlands Präsident Wladimir Putin warnte Eriwan zuletzt eindringlich davor, dass der eingeschlagene Kurs in Richtung einer EU-Annäherung geradewegs zu einem „Ukraine-Szenario“ führen könnte.

Aus dem Westen hingegen gab es umgehend Rückendeckung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Paschinjan nach dem Wahlsieg via X: „Der Geist der Samtenen Revolution, die Sie 2018 anführten, ist lebendig.“

Sie fügte hinzu: „Wir schätzen unsere Partnerschaft mit einem demokratischen Armenien, das sich immer mehr Europa annähert. Armenien kann auf uns zählen.“ Auch US-Präsident Donald Trump hatte Paschinjan bereits vor der Wahl öffentlich seine Unterstützung ausgesprochen – ein für Washington ungewöhnlicher Schritt, der die enorme geopolitische Bedeutung dieser Wahl einmal mehr unterstrich.

Ein delikater Balanceakt für Eriwan

Trotz der Euphorie im Westen warnen armenische Analysten vor zu einfachen, voreiligen Schlussfolgerungen. Richard Giragosian vom renommierten Regional Studies Centre in Eriwan erwartet beispielsweise, dass Paschinjan trotz seines pro-westlichen Kurses nach der Wahl zunächst nach Moskau reisen wird. Ziel sei es, Russland zu versichern, dass Armenien der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) weiterhin fest verbunden bleibt.

„Das hier ist nicht einfach ein klares EU gegen Russland – das ist vielmehr Armeniens delikater und hochkomplexer Balanceakt“, betont der Analyst mit Blick auf die künftige Außenpolitik des Landes.

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