Kommentar
Erdogan – vom Autokraten zum Friedensnobelpreis

Die Treffen der Delegationen aus Russland und der Ukraine in Istanbul oder Ankara kamen bei vielen in Europa augenscheinlich gut an. In einer niederländischen Meinung ist auch die Rede von einem Friedensnobelpreis für Erdogan.

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Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

„Als Mitglieder der Delegation haben Sie eine historische Verantwortung übernommen“, sagte der türkische Präsident Erdogan am vergangenen Dienstag, bevor sich die Delegationen aus Russland und der Ukraine zu internen Gesprächen zurückzogen.

Diese Treffen der Delegationen aus Russland und der Ukraine in Istanbul oder Ankara kamen bei vielen in Europa augenscheinlich gut an. In einer niederländischen Meinung ist auch die Rede von einem Friedensnobelpreis für Erdogan.

Wenn man aber genauer hinhört, schwingt, vor allem in deutschen Feuilletons und Editorials, in der Leistungsbeurteilung eines Erdogans stets ein „aber“ und damit Neid, Missgunst und Verärgerung mit. Die Türkei sei in den Schoß der NATO zurückgekehrt, heißt es u.a., um dabei geflissentlich zu übergehen, dass die Türkei ja selbst als einziges NATO-Land sich nicht an den Sanktionen des Westens gegen Russland beteiligt hat.

(Screenshot/Standard)

Mit dem typisch-deutschen sympathisch-optimistischen Grundgedanken, welche Potentiale die Türkei entfalten könne, wenn sie sich vom „islamischen Konservatismus“ und dem „Nationalismus“ verabschiede, verstehen all die Kritiker der türkischen Regierungen von 1923 bis 2022, die Türkei brilliant zu erklären. Ich glaube 95 Prozent aller Türken – Konservative, Nationalisten, Religiöse und Kemalisten – würden sich nach Durchsicht der einen oder anderen Meinung in Deutschland nur noch an den Kopf fassen. Man könnte den Grundgedanken auch so umschreiben: „… was wäre die Türkei für ein tolles Land, wenn bloß diese Türken nicht wären!“

Ich weiß nur, dass diese Kritiker eine andere Agenda verfolgen, die NATO nicht einheitlich agiert und sich einzelne Mitglieder daher hoffnungsvoll an die Türkei wenden. Schließlich hat man ja alle offenen Kanäle zu Putin innerhalb der EU selbst verbaut, sprich, erst geschossen, dann gefragt. Jetzt setzt man auf Erdogan, der als einziger noch offene Kanäle zu Putin besitzt, damit der Krieg nicht die senile europäische Wirtschaft in die Knie zwingt, die öffentliche Ordnung zusammenbricht.

Ich denke, die Sanktionen treffen die Europäer inzwischen mehr als die Russen. Ich darf mit Fug und Recht auch behaupten, dass sich Europa ihrer historischen Verantwortung bis heute gar nicht erst bewusst war und sich stattdessen ständig Fehltritte erlaubt hat. Die Türkei hat jedenfalls den Mist, der dabei stets hinterlassen wurde, so gut es geht wieder aufgeräumt. Finde, dass das schon eine starke Leistung ist.

Nur mal in kleinen Stichpunkten: In Libyen z.B. hatte sich die EU von General Haftar mehr erhofft als von der UN-anerkannten Einheitsregierung unter Sarradsch. Entsprechend zuvorkommend wurde Warlord Haftar behandelt, Regierungschef Sarradsch dafür unter Druck gesetzt. Sarradsch konnte sich in letzter Minute mithilfe der Türkei gegen Haftar militärisch durchsetzen. Haftar musste sich eingestehen aufs falsche Pferd gesetzt zu haben: Frankreich, Deutschland oder Russland.

In Ägypten unterstützte die EU ebenfalls einen Generalissimus, der nach der gewaltsamen Machtübernahme sich in einen regelrechten Shopping-Trip rund um die Welt begab, um die westliche Rüstungs- und Energieindustrie wiederzubeleben. Heute ist der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi mehr mit dem bevorstehenden Wirtschaftskollaps beschäftigt, als mit den Muslimbrüdern, die in Europa als Feindbild die diktatorische Herrschaft al-Sisis erst begründeten.

Fast ausnahmslos alle in Deutschland und in Europa, die die Operationen der Türkei in Syrien heftig kritisiert haben, kritisierten merkwürdigerweise den US-Abzug aus Syrien, den Trump 2018 angekündigt hatte. Vor allem deutsche Kritiker befürchteten, dass in Nordsyrien statt Tornado-Fotosafaris und Amazonen-Kulturreisen, der türkische Lira und Kebab Einzug erhält.

Die Scheinheiligkeit der Europäer ist jedenfalls nicht auszuhalten. Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) meinte einst auf einem CSU-Parteitag, die „Kurden“ hätten auf syrischen Boden den IS (Islamischer Staat) für die USA bekämpft. Schon klar, AKK hatte daran natürlich auch gar keinen Nutzen! Dasselbe Kabinett und die EU hatten die völkerrechtswidrige Intervention der USA im Irak oder in Syrien nicht etwa kritisiert, sondern im Wesentlichen mitgetragen, indem sie Botschaften schlossen, sowie Sanktionen gegen diese Länder erließen und weit über das hinausgingen, was Putin in der Gegenwart in der Ukraine veranstaltet.

Bevor hier einer glaubt, den hiesigen Türken oder Erdogan mit Feuilletons und Editorials ans Bein pinkeln zu können; sie sollten sich vielleicht mal fragen, ob da nicht etwas gewaltig schiefläuft, wenn die PKK (YPG / SDF) – eine dem strukturellen Wesen nach terroristische Vereinigung – weiterhin durchweg anonymisiert mit „die Kurden“ assoziiert wird, während man auf der anderen Seite offenbar gehörigen Aufwand betreibt, um mit der Lupe nach singulären Verbrechen und fragwürdigen Biografien auf der Seite der türkischen Verbündeten (oppositionelle Rebellen) in Syrien zu suchen, um sie als terroristisch zu diffamieren.

Genauso ist der Schrei nach Sanktionen gegen Russland nirgends dümmer als in Deutschland. Staaten wie die USA nutzen die Gelegenheit, um mit ihrem überteuerten und fragwürdigen Fracking-Gas, mit ebenso schmutzigen und teuren Transportmitteln einen unliebsamen Rivalen aus dem europäischen Gasmarkt zu drängen, während die ganze Absurdität des devoten deutschen Bücklings gegenüber den transatlantischen Strippenziehern in einem Bild kulminiert, das einen grünen deutschen Wirtschaftsminister in demütig gebückter Haltung gegenüber einem katarischen Scheich zeigt. Aber die Türkei sei in den Schoß der NATO zurückgekehrt? Alles klar!

Nebenbei bemerkt: Russland kann von der EU global betrachtet nicht einmal ansatzweise so sanktioniert und boykottiert werden, wie kleinere Länder mit weit geringerem politischen Gewicht. Tatsächlich schafft man es ja nicht einmal, dass die westlichen Staaten Russland einheitlich boykottieren. Gut 80 Prozent der Staaten in der Welt macht den Unfug erst gar nicht mit.

Wer ist also wo eingedämmt? Castro hat mehrere US-Präsidenten überlebt. Die nordkoreanische Kim-Dynastie kann inzwischen einen privaten Atomwaffen-Spielplatz sein Eigen nennen. Es ist erst der zweite Ajatollah, der den Iran durch die umfassenden US- und EU-Sanktionen führt, aber der wievielte US-Präsident, der die Sanktionsmaßnahmen ausweitet? Die Frage ist doch, wie sich „Einflüsterer“ trotz alledem in der Nähe der großen europäischen Politik halten können? Wer protegiert diese Leute? Sind wir alle von Nippelblitzern umgeben, die die europäische Sicherheitsarchitektur mitgestalten?


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar


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