Steinach am Brenner – Tief unter den Alpen fressen sich gewaltige Tunnelbohrmaschinen durch den Fels. Am Brennerpass entsteht derzeit das längste Eisenbahntunnel-Projekt der Welt — ein Ingenieursmeisterwerk, das Europa gemeinsam verwirklicht.
Der Brenner Basistunnel verbindet Österreich mit Italien und bildet das Herzstück des transeuropäischen Eisenbahnkorridors zwischen Nord- und Südeuropa. Mit einer Gesamtlänge von 64 Kilometern wird die gigantische Anlage die längste Untergrundbahnstrecke der Welt sein — sie erstreckt sich vom Portal Tulfes bei Innsbruck bis nach Fortezza in Südtirol und ist das zentrale Glied im skandinavisch-mediterranen Transeuropäischen Netz (TEN) von Helsinki bis Valletta.
Projektleiter Sebastian Reimann zeigte sich gegenüber Euronews stolz auf das Vorhaben: „Die Europäer können stolz auf das sein, was sie hier erschaffen. Das ist eine gemeinsame europäische Leistung.“ Sein Kollege Andreas Ambrosi ergänzte gegenüber Euronews: „Elf Nationen aus ganz Europa arbeiten hier. Und europäische Spitzenunternehmen sind beteiligt — allein Herrenknecht hat acht Tunnelbohrmaschinen im Einsatz.“
Ein Projekt mit Signalwirkung für Mensch und Umwelt
Im Jahr 2024 überquerten 14,2 Millionen Autos und Lastwagen den Brennerpass auf der Straße. Mit dem Tunnel soll der Schwerlastverkehr künftig von der Straße auf die Schiene verlagert werden — zum Vorteil der Anwohner und der Umwelt.
Die nahezu waagerechte Tunnelstrecke wird die Steigungen der über 140 Jahre alten Brennerbahn überflüssig machen, die über den 1.371 Meter hohen Brennerpass führt.

Herrenknecht: Europäische Ingenieurskunst im Weltmaßstab
Vier Tunnelbohrmaschinen des deutschen Unternehmens Herrenknecht graben sich derzeit durch den Brenner. Die gewaltigen Maschinen leisten 6.000 PS, sind fast 20 Meter hoch und mehrere hundert Meter lang.
Herrenknecht gilt als Weltmarktführer für große Tunnelbohrmaschinen und beschäftigt weltweit rund 5.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro. Die Maschinen des Unternehmens bohren nicht nur unter den Alpen — sie kamen auch beim Gelben Fluss, dem Panamakanal und im Himalaya zum Einsatz.
Gegründet wurde das Unternehmen vor einem halben Jahrhundert vom Ingenieur Martin Herrenknecht, einer der prägenden Stimmen der deutschen Industrie.
Eine Besonderheit des Projekts ist ein vorab gebohrter Erkundungsstollen, der die Geologie des Gebirges — etwa im Hinblick auf Störungszonen — vorab erkundet. Später, wenn die Züge fahren, wird dieser Stollen als Entwässerungs- und Wartungstunnel genutzt.
Für den Erkundungsstollen auf österreichischer Seite lieferte Herrenknecht eine rund 200 Meter lange und 1.800 Tonnen schwere Gripper-TBM mit einem Durchmesser von 7,9 Metern, die im September 2015 ihre 16,7 Kilometer lange Fahrt von Ahrental Richtung italienische Grenze aufnahm.
Herrenknecht warnt vor chinesischem Dumping
Gegenüber Euronews äußerte sich Firmengründer Martin Herrenknecht auch zur aktuellen Debatte in Brüssel über eine mögliche europäische Präferenz bei öffentlichen Aufträgen.
„Das ist die einzige Option“, sagte er. „Wenn man sieht, wie wir durch chinesisches Preisdumping unter Druck gesetzt werden: Ein Schweißer verdient hier 50 Euro brutto pro Stunde, in China 15 Euro. China arbeitet mit Dumping-Stahlpreisen — zum halben Preis. Unter solchen Bedingungen können wir die Wirtschaft in Europa nicht ankurbeln.“

