Türkei
Eine blutige Woche im Juli 1993 erschüttert die Türkei

Am 5. Juli 1993 erschütterte das Başbağlar-Massaker die Türkei. Ein Rückblick auf die Tragödie und die blutige Woche, die auch das Sivas-Drama umfasste.

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Erzincan – Es bleibt eines der dunkelsten und schmerzhaftesten Kapitel in der jüngeren Geschichte der Türkei. Am 5. Juli 1993 überfielen Terroristen der PKK das ostanatolische Dorf Başbağlar und töteten 33 unschuldige Zivilisten. Das Gedenken an diesen Tag steht bis heute symbolisch für das Leid der Zivilbevölkerung im Kampf gegen den Terror.

Es war der Abend des 5. Juli 1993, als eine schwer bewaffnete Terrorzelle der PKK das abgelegene Dorf Başbağlar in der Provinz Erzincan umzingelte. Die Angreifer schnitten die Telefonleitungen ab, trieben die Dorfbewohner auf dem Dorfplatz zusammen und setzten die Häuser, die Schule sowie die Dorfmoschee in Brand.

Bei dem anschließenden Massaker wurden 28 Männer vor den Augen ihrer Familien erschossen. Fünf weitere Menschen, darunter Frauen und Kinder, kamen in den brennenden Häusern ums Leben. Nach dem Überfall hinterließen die Täter ein Flugblatt, das die Tat als vorgebliche „Vergeltung“ deklarierte. Das Başbağlar-Massaker gilt bis heute als eines der schwersten Verbrechen an der türkischen Zivilbevölkerung.

Forderung nach Gerechtigkeit bleibt lebendig

Auch Jahrzehnte nach der Tragödie sitzt der Schmerz bei den Überlebenden und Angehörigen tief. Jedes Jahr kommen Regierungsvertreter, Oppositionspolitiker und Bürger in dem wiederaufgebauten Dorf zusammen, um der Opfer zu gedenken.

In den Reden wird regelmäßig betont, dass der Schmerz von Başbağlar unvergessen bleibt und die juristische Aufarbeitung der Hintergründe sowie die vollständige Identifizierung aller Täter weiterhin eine historische Pflicht des Staates darstellen.

Eine Woche des Schmerzes: Der Kontext zum 2. Juli 1993

Das Massaker von Başbağlar kann historisch nicht isoliert betrachtet werden, sondern bildet den Kulminationspunkt einer der blutigsten und traumatischsten Wochen in der modernen Geschichte der Türkei. Nur drei Tage zuvor, am 2. Juli 1993, kam es in der zentralanatolischen Stadt Sivas zu einer weiteren Katastrophe.

Beim Brandanschlag auf das Madımak-Hotel in Sivas starben 37 Menschen, zumeist alevitische Intellektuelle, Musiker und Dichter, die dort für ein Kulturfestival zusammengekommen waren, nachdem ein aufgebrachter Mob das Gebäude belagert und in Brand gesteckt hatte.

Der Auslöser und das Pir-Sultan-Abdal-Festival

In Sivas fand an jenem Wochenende das traditionelle Pir-Sultan-Abdal-Kulturfestival statt, eine bedeutende Kulturveranstaltung der alevitischen Gemeinschaft. Zu den Gästen gehörten hochkarätige Künstler, Schriftsteller, Musiker und Denker – darunter der berühmte Dichter Aziz Nesin.

Nesin hatte kurz zuvor Teile von Salman Rushdies umstrittenem Roman Die satanischen Verse ins Türkische übersetzt. Radikale Kreise und islamistische Gruppierungen nutzten dies in den Tagen vor dem Festival, um durch Flugblätter und gezielte Agitation in der Stadt Stimmung gegen die Konferenzteilnehmer zu machen.

Die mehrstündige Belagerung

Am 2. Juli eskalierte die Situation nach dem Freitagsgebet. Ein aufgebrachter Mob von mehreren tausend Menschen zog vor das Madımak-Hotel, in dem die Festivalgäste untergebracht waren. Die Menge skandierte radikale Parolen und belagerte das Gebäude über viele Stunden hinweg.

Die im Hotel festsitzenden Intellektuellen versuchten verzweifelt, per Telefon Hilfe aus Ankara und von den lokalen Behörden zu rufen. Die Sicherheitskräfte vor Ort griffen jedoch über Stunden hinweg nicht entscheidend ein, um die Menge aufzulösen, was bis heute einer der größten Kritikpunkte und Traumata dieses Tages ist. An den Absperrungen vorbei gelang es Demonstranten schließlich, Autos vor dem Hotel und schließlich das Gebäude selbst in Brand zu stecken.

Die Opfer des Anschlags

Unter den 37 Todesopfern befanden sich einige der prägendsten Figuren der alevitisch-türkischen Kultur, darunter:

Hasret Gültekin (22), ein hochtalentierter und damals extrem populärer Musiker und Saz-Spieler.

Metin Altıok (53) und Behçet Aysan (44), zwei der bekanntesten Dichter der damaligen Zeit.

Asaf Koçak (35), ein renommierter Karikaturist.

Unter den Opfern waren zudem viele junge Tänzerinnen und Tänzer einer Folkloregruppe (die jüngsten Opfer waren die Geschwister Asuman und Yasemin Sivri, 16 und 17 Jahre alt).

Aziz Nesin selbst überlebte den Anschlag schwer verletzt, da es ihm gelang, über eine Feuerwehrleiter aus dem brennenden Gebäude zu fliehen, während er von Teilen der Menge angegriffen wurde. Zwei Hotelangestellte und zwei Personen aus der Menge starben ebenfalls.

Der langjährige juristische Nachspiel

Der Madımak-Prozess zog sich über Jahrzehnte hinweg. Es gab zwar Todesurteile und lebenslange Haftstrafen für die Hauptverantwortlichen, doch viele der Täter konnten ins Ausland (insbesondere nach Europa und Deutschland) fliehen. Im Laufe der Jahre verjährten einige der Verfahren gegen flüchtige Verdächtige, was bis heute für große Empörung und das Gefühl mangelnder Gerechtigkeit bei den Opferfamilien sorgt.

Heutige Bedeutung

Das Madımak-Hotel wurde Jahre später nach langem politischen Druck der alevitischen Verbände verstaatlicht. Das Gebäude wurde in ein Wissenschafts- und Kulturzentrum umgewandelt, in dem eine Gedenktafel an die Opfer erinnert – allerdings wird der Ort von den Angehörigen weiterhin als „Museum der Schande“ bezeichnet, da sie eine vollständige Umwandlung in ein reines Gedenkmuseum fordern.

Beide Ereignisse innerhalb von nur 72 Stunden stürzten die Türkei im Sommer 1993 in eine tiefe gesellschaftliche und politische Krise. In der heutigen Erinnerungskultur wird oft betont, dass sowohl das Drama von Sivas am 2. Juli als auch das Massaker von Başbağlar am 5. Juli zwei Seiten derselben Medaille des Schmerzes sind.

Das gemeinsame Gedenken an alle Opfer dieser blutigen Tage gilt in der Türkei heute als wichtiges Zeichen für den gesellschaftlichen Frieden und gegen jede Form von Terrorismus und Extremismus.

 

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