USS Liberty
Der israelische Angriff auf die USS Liberty: Was Überlebende über den „Unfall“ sagen

Fast 60 Jahre nach dem tödlichen Angriff Israels auf das US-Marineschiff USS Liberty fordern Überlebende und ein US-Abgeordneter eine offizielle Untersuchung.

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Washington/Sinai – Es war der 8. Juni 1967, der vierte Tag des Sechs-Tage-Krieges. Die USS Liberty, ein amerikanisches Aufklärungsschiff der US-Marine, lag 15 Seemeilen nördlich der Sinai-Halbinsel in internationalen Gewässern.

Sie war mit der amerikanischen Flagge gekennzeichnet — fünf Fuß hoch, acht Fuß breit — und auf allen Seiten deutlich als US-Schiff identifizierbar. Israelische Kampfjets hatten das Schiff am Morgen mehrfach überflogen, mindestens ein halbes Dutzend Mal. Um 13:57 Uhr begann der Angriff.

Israelische Mirage-Jets straften die Liberty von Bug bis Heck. Torpedos trafen das Schiff und rissen ein massives Loch in die Steuerbordseite. Am Ende waren 34 amerikanische Soldaten tot, 173 weitere verletzt. Es war einer der tödlichsten Angriffe auf ein US-Marineschiff durch einen Verbündeten in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

„Es war kein Versehen“

Israel erklärte den Angriff als tragische Verwechslung — erschöpfte Piloten hätten das Schiff für ein ägyptisches Kriegsschiff gehalten. Überlebende widersprechen dieser Version bis heute.

Larry Bowen, ein Überlebender des Angriffs, erklärte gegenüber Arab News:

„Die Geschichte wurde nie richtig erzählt. Es gab keine vollständige und unparteiische Untersuchung durch den Kongress.“

Die Marine habe eine schnelle Untersuchung durchgeführt, aber nur 14 Besatzungsmitglieder befragt. „Jede Aussage, die Israel kritisch gegenüberstand, wurde aus dem abschließenden Bericht herausgestrichen.“

Bowen schilderte einen besonders brisanten Vorfall: „Wir hatten tatsächlich Abfangmeldungen von den israelischen Piloten an die Bodenkontrolle. Einer der Piloten funkte zurück: ‚Es ist ein amerikanisches Schiff. Ich kann die Flagge sehen.‘ Die Person an der Bodenkontrolle sagte ihm daraufhin: ‚Greife das Ziel an.'“ 

Sein Fazit war eindeutig: „Nach unserer Überzeugung war der Angriff absolut absichtlich. Sie wussten sehr wohl, dass wir die USS Liberty waren. Sie hatten uns bereits früh am Morgen auf ihrer Lagekarte im Kriegsraum.“

Richard Brooks, Chefingenieur des Schiffes, erklärte gegenüber Al Jazeera in einem Interview: „Es war kein tragischer Unfall. Es war ein absichtlicher Angriff. Sie wussten, wer wir waren. Sie versuchten, uns zu versenken.“

Eine 2014 von Al Jazeera veröffentlichte 50-minütige Dokumentation mit dem Titel „The Day Israel Attacked America“ griff die Vorwürfe erneut auf. Der Film präsentierte erstmals Audioaufnahmen auf Hebräisch zwischen israelischen Piloten und der Bodenkontrolle, die laut den Produzenten belegen sollen, dass den Angreifern bewusst gewesen sei, dass es sich um ein amerikanisches Schiff handelte.

Ein israelischer Super-Frelon-Hubschrauber (französischer Bau) umkreist das Schiff, als es am 8. Juni 1967 vor der Sinai-Halbinsel von israelischen Streitkräften angegriffen wurde. Offizielles Foto der US-Marine.

Überlebende schildern den Angriff

Mickey LeMay, damals Elektriker zweiter Klasse an Bord, beschrieb gegenüber Arab News den Moment kurz vor dem ersten Angriff: „Ich schaute nach rechts und ein Kampfjet flog in dieselbe Richtung wie wir. Er war nicht hoch. Wir hätten uns gegenseitig zuwinken können, so nah war er. Das Flugzeug war vollständig schwarz und trug keinerlei Markierungen.“

Dann kam der erste Beschuss: „Ein weiteres Flugzeug kam diagonal von Bug bis Heck und beschoss uns. Ich schaute nach unten und überall an mir war Blut. Ich schaute zum Leutnant — er sah genauso aus wie ich, überall Blut.“ Der Leutnant starb später an seinen Verletzungen. LeMay selbst trägt bis heute 52 Schrapnellsplitter in seinem Körper.

Don Pageler, der den Verwundeten half, bestätigte:

„Ja, wir führten eine große amerikanische Flagge. Während des Angriffs wurde sie jedoch so stark zerfetzt, dass unser Signalmann mitten im Beschuss eine noch größere US-Flagge hisste — eine riesige Flagge von sieben mal 13 Fuß. Trotzdem behaupteten sie später, sie hätten keine Flagge gesehen.“

Pageler berichtete zudem, dass Israel später behauptet habe, die Liberty habe seine Stellungen beschossen — was er als falsch zurückwies. Das Schiff war lediglich mit kleinen .50-Kaliber-Maschinengewehren ausgestattet.

Mehrere Überlebende erklärten zudem, israelische Kräfte hätten selbst Rettungsboote unter Beschuss genommen. Laut späteren Berichten seien entsprechende Aussagen in offiziellen Untersuchungen nicht berücksichtigt worden. Zudem sei ein von einem Matrosen gesichertes Beweisstück eines Napalmbehälters später verschwunden.

Präsident Johnson rief die Rettungsflugzeuge zurück

Ein weiterer Aspekt, den Überlebende als besonders schmerzhaft empfinden: Ein nahe gelegener amerikanischer Flugzeugträger, die USS Saratoga, hatte zweimal angeboten, Flugzeuge zur Verteidigung der Liberty zu schicken. Beide Male rief Präsident Lyndon B. Johnson sie zurück.

„Wären die Flugzeuge der ersten Gruppe gekommen, hätten wir nur sieben Männer verloren“, sagte LeMay gegenüber Arab News. „Aber indem er die Flugzeuge zurückrief, konnten weitere 25 großartige Amerikaner sterben.“

Besonders erschütternd sei für viele Überlebende nicht nur der Angriff selbst gewesen, sondern auch das anschließende Schweigen. Laut Aussagen ehemaliger Crewmitglieder seien sie angewiesen worden, mit niemandem über die Ereignisse zu sprechen — auch nicht mit Journalisten oder Familienangehörigen.

Phil Tourney, ein weiterer Überlebender, brachte die Verbitterung vieler Kameraden auf den Punkt: „Das Wichtigste an dieser ganzen Vertuschung ist die Vertuschung selbst. Sie ist schlimmer als das, was sie uns angetan haben — und sie dauert seit 55 Jahren an. Amerika wurde verraten. Verrat auf hoher See durch unseren eigenen Präsidenten.“

Später zahlte Israel Entschädigungen an die USA sowie an Angehörige der Opfer und Überlebende. 1980 sollen die Vereinigten Staaten rund 17 Millionen Dollar für die Schäden an der USS Liberty gefordert haben. Israel habe laut Berichten eine deutlich geringere Summe angeboten.

Mögliche Motive bis heute umstritten

Bis heute gibt es unterschiedliche Theorien über mögliche Motive des Angriffs. In der Al-Jazeera-Dokumentation wird unter anderem die These vertreten, Israel habe verhindern wollen, dass die USA Informationen über geplante militärische Operationen auf den Golanhöhen erhalten.

Auf der Website des USS-Liberty-Memorials werden weitere mögliche Motive genannt. Demnach könnte Israel befürchtet haben, dass die Liberty die Tötung von bis zu 1.000 ägyptischen Kriegsgefangenen bei El-Arish dokumentieren oder über den Tod indischer UN-Friedenssoldaten im Gazastreifen berichten könnte.

Johnson glaubte an Absicht

Präsident Lyndon Johnson glaubte, der Angriff sei absichtlich erfolgt, und gab seine Meinung damals gegenüber Newsweek preis. Als diese Äußerungen dann bekannt wurden, mobilisierten die Israelis ihre Kräfte, wie Bobby Ray Inman, ehemaliger Direktor der NSA, in dem Aljazeera-Video formulierte. 

Inman sprach in der Dokumentation wörtlich von „blackmail“ — also Erpressung. Sollte Johnson seine Position nicht ändern, werde man ihm eine „blood libel“ sowie groben Antisemitismus vorwerfen. Zudem habe man signalisiert, dass Johnson bei einer erneuten Kandidatur politisch „nirgendwo hinkommen“ werde, falls die „Jewish lobby“ die angedrohte Kampagne gegen ihn starte.

Erneute Aufmerksamkeit — fast 60 Jahre später

Der Fall erlangte kürzlich erneut Aufmerksamkeit, als der US-Repräsentant Thomas Massie eine Untersuchung des „unprovoked“ Angriffs forderte — während zwölf Überlebende von der Galerie des US-Repräsentantenhauses zusahen.

Massie erklärte, das unbewaffnete Schiff habe eine deutlich sichtbare US-Flagge geführt als es unter anhaltenden Beschuss geriet. „Den Israelis zufolge haben sie die Rettungsboote mit Maschinengewehren beschossen. Sie haben die Feuerwehrleute auf dem Deck beschossen“, sagte Massie.

Ernie Gallo, Präsident der USS Liberty Survivors Group, bezeichnete Israels Erklärung der „versehentlichen Verwechslung“ als Lüge und fordert bis heute eine vollständige offizielle Untersuchung. Der US-Kongress hat bis heute weder den Angriff formal hinterfragt noch einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Der Angriff auf die USS Liberty steht nicht allein in der Geschichte israelischer Geheimdienstaktivitäten gegen die USA. Erst kürzlich stufte die Defense Intelligence Agency des Pentagon die Gegenspionage-Bedrohung durch Israel auf die höchste Stufe „Kritisch“ hoch — nach Berichten über verstärkte israelische Bemühungen, Informationen über US-Militärpersonal und Regierungsbeamte zu sammeln.

Jonathan Pollard, ein ziviler US-Geheimdienstanalytiker, wurde 1985 verhaftet und bekannte sich schuldig, Israel geheime Informationen zugespielt zu haben. Er verbüßte 30 Jahre Haft.

 


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