Türkei
Imamoglu tritt bei Parteiwahl gegen sich selbst an

Heutewählten landesweit Mitglieder der CHP ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Jahre 2028, die noch vor der Verhaftung von İmamoğlu angekündigt wurde.

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Ekrem İmamoğlu (CHP), ehemaliger Oberbürgermeister von Istanbul, muss in Untersuchungshaft. Das Innenministerium suspendiert daraufhin sein Amt. Währenddessen wählen heute landesweit Mitglieder der CHP ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Jahre 2028, die noch vor der Verhaftung von İmamoğlu angekündigt wurde.

Nun prangert auf den Stimmzetteln einzig und allein das Konterfei von Ekrem İmamoğlu. Die Wählerrinnen und Wähler bestimmen also, wie in einer freiheitlichen Demokratie üblich, über einen einzigen aufgebotenen Kandidaten, der frühestens 2028, wenn er denn als Präsidentschaftskandidat der CHP gewählt wird, ein „Erdoğan-Rivale“ sein könnte.

„Könnte“ deshalb, da einerseits sein Diplom von der Leitung der renommierten Universität von Istanbul jüngst aberkannt wurde und jetzt ein Rechtsstreit darum ausgebrochen ist – mit ungewissen Ausgang. Andererseits kann eine Verurteilung den Ambitionen der deutschen Medien einen Strich durch die Rechnung machen. Denn, wer verurteilt wird, erhält automatisch auch einen langjährigen Betätigungsverbot in der Politik, die Gazetten hätten nichts mehr zu berichten und somit weniger Einnahmen.

Aber ich wollte auch niemandem vorab die Vorfreude nehmen, denn heute sind beinahe alle Wählerschichten innerhalb der CHP-Bubble glücklich, dass man an der Wahlurne seinen Präsidenten kürt. Und, die deutschen Medien haben in ihrer eigenen Bubble wieder mal etwas über den Orient zu berichten, in der „Rivalen“ mit unlauteren Mitteln außer Gefecht gesetzt werden. Übrigens, nach ersten Hochrechnungen liegt Ekrem İmamoğlu weit in Führung…

Wer seine Freude darüber beibehalten will, sollte ab nun den Tab wechseln oder im Netz nach etwas anderem suchen und nicht mehr weiterlesen.

Leute, es kann doch nicht so schwer sein, Ekrem İmamoğlu direkt zum Kandidaten auszurufen, schließlich gibt es keinen zweiten Kandidaten, der es sich mit dem künftigen Präsidenten des Landes verscherzen will. Wozu das Galama in 81 Provinzen, wo man Menschen von ihren Grillpartys fernhält, Straßen verstopfen lässt, alte gebrechliche Menschen in der Gegend herumkarrt, quengelnde Kinder hinter sich herschleppen lässt?

Einfach zum Kandidaten ernennen und gut ist!

Denn, diese Menschen, die ihr noch vor wenigen Wochen an die Wahlurnen zitiert habt, die werden euch in wenigen Monaten was Husten, wenn Ekrem İmamoğlu wegen Korruption und Bestechung im Amt um Nimmerwiedersehen in den Knast landet und all die Fäkalien sich über die Partei selbst ergießen, weil das, was derzeit im Umlauf ist, nur die Spitze des Eisbergs ist.

Ist ja auch nicht verwunderlich, schließlich stecken die Ermittlungen noch in der heißen Phase, und nur spärlich sickern vereinzelte Informationen, die in ihrer Quantität und Qualität allein schon zunehmend besorgniserregender werden.

Wenn ich so überlege, komme aber auch ich nicht umhin zu sagen, dass der große Anteil der Wählerschicht der CHP, die heute auf den Straßen irrt, auch einer Pantoffel die Kandidatur zutrauen und wählen würde, denn genauso verpeilt irrt die Spitze der CHP herum – bezeichnend für den aktuellen Zustand der Opposition.

Statt auf einen neuen Kandidaten wie einer Pantoffel zu setzen, der aufgrund der hohen Inflationsrate und des ansteigenden Unmuts der Gesellschaft, einen Senkrechtstart hinlegen und Erdoğan mächtig auf den Keks gehen würde, setzt man weiterhin auf einen Kandidaten, der im Sinne der Anklage quasi längst verurteilt ist.

Das sage oder behaupte ja nicht ich, sondern etliche Weggefährten von İmamoğlu selbst. Einer namens Erkan Cakir behauptet gar auf X, mit einem Telefonat die Karriere von Ekrem İmamoğlu versaut zu haben. Einer von vielen, der İmamoğlu loswerden wollte.

Selbst Journalisten, die in oppositionellen TV-Sendern vor Monaten noch „Stopp“ riefen, schlagen nun beinahe schon aufatmend die Hände über den Kopf und rütteln jetzt an den Fundamenten der Führungsspitze der CHP.

Dass die 25 Zeugen, die von der Generalstaatsanwaltschaft angeführt werden, darunter vereinzelte, die sich unter die Kronzeugenregelung begeben haben, İmamoğlu ebenfalls schwer belasten, ist nur ein Detail von vielen, dass den deutschen Medien nicht erwähnenswert scheint. Aber das sollte die Türkei auch nicht kümmern, mit denen kann man auch später abrechnen.

Ich mein, gab es denn sonst keinen Kandidaten gegen den amtierenden Präsidenten, als diesen Senkrechtstarter aus Beylikdüzü, auf den man setzte? Der Treibstoff, aus der er sich speiste, aus den städtischen Kassen Istanbuls, ist nun ausgegangen! Und wer hat auf den Hahn gezeigt?

Mitglieder der CHP und eigene oppositionelle Journalisten und Akademiker selbst, die die Ankaraner Parteizentrale monatelang wachzurütteln versucht haben, die Öffentlichkeiten aufwecken wollten, die die Polizei und Staatsanwälte schlussendlich anflehten, damit sie İmamoğlu stoppen!

Zum Beispiel hatte man lange Zeit förmlich gebettelt, dass İmamoğlu die Datenschutzbestimmung aushebelt, wenn er die Daten sämtlicher Einwohner einfach mal kopiert. Das wurde ja bereits zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2019 durchgesetzt, jedoch alsbald vom Verwaltungsgericht einkassiert.

Hatte ja jüngst den Audiomitschnitt zwischen Murat Ongun und Serdal Taşkın angesprochen, worin geplappert wird, wie die personenbezogenen Daten der in Istanbul lebenden Bürger über mobile Anwendungen der Istanbuler Stadtverwaltung abgegriffen und zu Geld gemacht werden könnten.

Das wurde also doch gegen richterlichen Beschluss hin getan. Die hauseigene Meldung der Istanbuler Stadtverwaltung IBB, dass sämtliche Daten der Istanbuler, der US-amerikanischen USTDA im Gegenzug für eine „Spende“ von 5 Millionen US-Dollar zugänglich gemacht wurden, wurde von der offiziellen Website des IBB jetzt, nach dem die Untersuchungshaft sich anbahnte, schleunigst entfernt.

Das Ganze hatte sich längst abgezeichnet, alles war schon bekannt. Die Parteizentrale der CHP wachte oder handelte aus ihrem Dornröschenschlaf heraus erst, als Informationen durchsickerten, wonach die Generalstaatsanwaltschaft Ermittlungen gegen İmamoğlu und Weitere führt.

Auch angestoßen von einem ehemaligen Bürgermeister der Istanbuler Gemeinde Beşiktaş, Rıza Akpolat (CHP) und Lütfü Savaş (CHP), ehemaliger Bürgermeister der Stadt Hatay. Und dann kam diesen Spitzbuben lediglich die Idee, ihren Schützling als Kandidaten für die Präsidentschaftswahl von 2028 küren zu lassen? Jetzt zeigt man sich in Kampfeslust und spielt gute Miene zum bösen Spiel!

Im türkischen gibt es einen Spruch, der hierzu wie die Faust aufs Auge passt: „Düğün aceleye getiriliyorsa gelin hamiledir“ – auf Deutsch: Wenn die Hochzeit überstürzt stattfindet, ist die Braut hochschwanger.

Mir schwant nichts Gutes, angesichts dieses Galamas um die heutige Wahl von İmamoğlu! Mir tut lediglich die Partei selbst leid, deren Ursprünge im Gründervater der Türkei, Atatürk, liegen. In nur 2 Jahrzehnten wurde die Partei dermaßen ausgehöhlt, dass der darin entstandene Vakuum zum Impakt führen wird.

In Istanbul ist das jetzt geschehen. Nach der Verkündung der Untersuchungshaft gab das türkische Innenministerium zwangsläufig bekannt, dass der Oberbürgermeister der Stadtverwaltung von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, der Bürgermeister von Beylikdüzü, Mehmet Murat Çalık, und der Bürgermeister von Şişli, Resul Emrah Şahan, von ihren Ämtern suspendiert wurden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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