Armenien-Wahlen
Frieden mit der Türkei: Paschinjan gewinnt die Wahlen

Armeniens Premier Paschinjan gewinnt die Parlamentswahlen — und kündigt an, die historische Annäherung mit der Türkei und Aserbaidschan fortzusetzen.

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Eriwan – Es ist ein Wahlergebnis das weit über Armenien hinausstrahlt. Premierminister Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahlen vom 7. Juni 2026 mit rund 54 Prozent der Stimmen gewonnen — und sprach von einem „historischen Sieg, der Armeniens Ewigkeit und Entwicklung sichern wird.“

Unmittelbar nach der Wahl bekräftigte er, was den Kern seiner Politik ausmacht: die Fortsetzung der historischen Annäherung an die Türkei und Aserbaidschan.

„Das armenische Volk hat für regionalen Wohlstand und Zusammenarbeit gestimmt — ich hoffe, dass dies eine positive Antwort aus der Türkei und Aserbaidschan hervorrufen wird“, sagte Paschinjan auf einer Pressekonferenz.

„Wir müssen den Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan institutionalisieren.“

Eine Annäherung die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien

Paschianjans Wahlsieg fällt in eine Phase des Südkaukasus, die Geschichte schreibt. Armenien und Aserbaidschan unterzeichneten im August 2025 unter US-Vermittlung ein Friedensabkommen im Weißen Haus. Flugverbindungen zwischen Eriwan und Istanbul wurden aufgenommen.

Im Juni 2025 reiste Paschinjan erstmals auf offizielle Einladung nach Istanbul und traf dort den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan — ein Bild das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Die seit über drei Jahrzehnten geschlossene armenisch-türkische Grenze könnte nach Medienberichten bald wiedereröffnet werden.

Geplant ist zudem eine Eisenbahnverbindung zwischen Armenien, Aserbaidschan, der Türkei und weiter nach Europa — die auch China und Zentralasien mit dem Mittelmeer verbinden soll. Die seit 1993 geschlossene Bahnstrecke zwischen dem türkischen Kars und dem armenischen Gümrü soll wiederbelebt werden. Im April 2026 trafen sich türkische und armenische Vertreter in Kars zu konkreten Verhandlungen.

„Bergkarabach gehörte nie uns“

Diese Annäherung hatte Paschinjan im Wahlkampf mit einer Aussage untermauert, die im eigenen Land für heftige Debatten sorgte: Bei einer Wahlkampfveranstaltung bezeichnete er die Bewegung zur Vereinigung Karabachs mit Armenien als „fatalen Fehler“ — und erklärte: „Es war nicht unseres, es war nicht unseres.“

Kritiker im eigenen Land nannten ihn daraufhin einen Verräter. Eduard Scharmasanow von der Republikanischen Partei fragte direkt: „Wenn Karabach nicht unseres war — warum hast du dann 5.000 unserer Söhne geopfert?“

Paschinjan ließ sich nicht beirren. Die Wähler haben ihm nun ein klares Mandat erteilt. Russland verliert an Einfluss — Europa gewinnt

Paschianjans Wiederwahl signalisiert auch eine tektonische Verschiebung im russischen Einflussbereich. Sein engster Konkurrent war der pro-russische armenisch-russische Oligarch Samvel Karapetyan, dessen Partei Strong Armenia laut Teilergebnissen auf rund 23,5 Prozent kam.

Armenien hatte 2024 sein Militärbündnis mit Russland ausgesetzt — Moskau reagierte mit wirtschaftlichen Restriktionen und Drohungen. Russlands Präsident Vladimir Putin warnte zuletzt, Armeniens Kurs auf die EU könnte zu einem „Ukraine-Szenario“ führen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Paschinjan umgehend:

„Der Geist der Samtenen Revolution, die Sie 2018 anführten, ist lebendig.“ Sie fügte hinzu: „Wir schätzen unsere Partnerschaft mit einem demokratischen Armenien, das sich immer mehr Europa annähert. Armenien kann auf uns zählen.“

US-Präsident Donald Trump hatte Paschinjan vor der Wahl öffentlich unterstützt — ein ungewöhnlicher Schritt der die geopolitische Bedeutung dieser Wahl unterstrich.
Armenische Analysten warnen jedoch vor zu einfachen Schlussfolgerungen.

Richard Giragosian vom Regional Studies Centre in Eriwan erwartet, dass Paschinjan nach der Wahl zunächst nach Moskau reisen wird um Russland zu versichern, dass Armenien der Eurasischen Wirtschaftsunion verbunden bleibt. „Das hier ist nicht EU gegen Russland — das ist Armeniens delikater Balanceakt“, sagte er.

 

 

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