Bielefeld
Vergewaltigungsserie: Strafanzeige gegen Staatsanwaltschaft

Im Fall der Vergewaltigungsserie durch einen Assistenzarzt an der Bielefelder Bethel-Klinik hat Opfer-Anwältin Stefanie Höke Strafanzeige gegen Verantwortliche der Staatsanwaltschaft Bielefeld erstattet, unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung.

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Bielefeld – Im Fall der Vergewaltigungsserie durch einen Assistenzarzt an der Bielefelder Bethel-Klinik hat Opfer-Anwältin Stefanie Höke Strafanzeige gegen Verantwortliche der Staatsanwaltschaft Bielefeld erstattet, unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Hintergrund ist die Serienvergewaltigung von etwa 30 Frauen durch einen Neurologen in der Klinik in den Jahren 2019 und 2020. Der Assistenzarzt hatte die Frauen betäubt, vergewaltigt und seine Taten gefilmt. Nach dem Suizid des Täters in der Untersuchungshaft hatten die Bielefelder Staatsanwälte das Verfahren eingestellt, später auch die Ermittlungen gegen Verantwortliche der Klinik. Der Vorwurf lautete: Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen.

Die Opfer-Anwälte wollten eine Wiederaufnahme der Ermittlungen erwirken, doch das Vorhaben scheiterte an der übergeordneten Generalstaatsanwaltschaft Hamm. Im November 2021 griff das Justizministerium NRW dann zu einem ungewöhnlichen Mittel und wies mit der Duisburger Staatsanwaltschaft eine andere Behörde an, in dem Fall wieder zu ermitteln. Grund dafür war offenbar Misstrauen gegenüber der Generalstaatsanwaltschaft in Hamm.

Besorgnis der Befangenheit

Auf Anfrage teilte das Ministerium dem ARD-Politikmagazin Kontraste mit: „Die zuständige Fachabteilung gelangte in einer Gesamtschau zu der Besorgnis einer möglichen Befangenheit auf Seiten der Generalstaatsanwaltschaft Hamm.“

Ein Großteil der betroffenen Frauen war lange nicht darüber informiert worden, dass sie vergewaltigt worden sind. Bis heute ist unklar, ob Verantwortliche der Klinik, darunter ein Chefarzt, Hinweisen auf die Taten nicht ausreichend genug nachgegangen sind. Inzwischen wurden fast alle der 30 Frauen über ihre Vergewaltigung informiert.

Nach Kontraste-Recherchen erhärten sich jetzt auch die Hinweise auf eine Mitschuld der Klinik-Verantwortlichen. So soll der Chefarzt bereits im Februar 2019 erstmals durch den Vater eines Opfers darüber informiert worden sein, dass es seiner Tochter nach der Behandlung durch Assistenzarzt Philipp G. schlecht ging. Nach Aussagen dieses Vaters soll der Chefarzt daraufhin abgewiegelt haben.

Die Bethel-Klinik hingegen teilte Kontraste im April 2021 auf Anfrage mit, dass man erst im September 2019 von einer Patientin erstmalig über den Verdacht einer falschen Medikamentengabe durch den Assistenzarzt informiert worden sei. Zu einer Anfrage zu den neuen Vorwürfen haben sich weder der Chefarzt noch die Klinik geäußert. Die Klinik teilte aber mit, dass „der Wille zur Aufarbeitung und zur Hilfe für die Opfer“ allumfassend weiter gelte.

Zudem sollen beim Pflegepersonal Gerüchte darüber kursiert sein, dass der Assistenzarzt nicht angeordnete Infusionen verabreiche. Dazu schreibt eine Mitarbeiterin Kontraste: „Auf dem Flurfunk hörte ich, dass der Chefarzt dem Personal gesagt habe: Wir müssen die Klinik und den jungen Neurologen schützen, dem nicht die Zukunft verbauen, weil der übernimmt auch so viele Nachtdienste und entlastet uns.“ Auch dazu hat sich der Chefarzt auf Anfrage von Kontraste nicht geäußert.

„Die neuen Erkenntnisse belegen, dass der Chefarzt informiert war, dass Klinikpersonal informiert war, dass die Ärzteschaft informiert war“, sagt die Opfer-Anwältin Stefanie Höke in Bezug auf Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Sie vertritt inzwischen mehrere betroffene Frauen und ist der Ansicht, dass der Assistenzarzt von den Verantwortlichen gedeckt wurde. Das Verfahren müsse mindestens in einer Anklage enden, wenn nicht zu einer Verurteilung führen, sagt sie. Gegenüber der Neuen Westfälischen gab der Chefarzt kurz nach dem Selbstmord des Täters an, Phillip G. habe ihn und alle Kollegen getäuscht und ihr Vertrauen missbraucht.

Geschlechtskrankheit: hat sich Opfer bei Täter angesteckt?

Nach Kontraste-Informationen hatte die Obduktion des Täters ergeben, dass dieser zwei Geschlechtskrankheiten hatte, die unfruchtbar machen können. Eine Frau, die erst kürzlich im Zuge der Duisburger Ermittlungen von der Polizei darüber informiert wurde, dass auch sie zu den Opfern des Assistenzarztes zählt, hat sich offenbar beim Täter angesteckt. Sie leidet unter den seltenen Geschlechtskrankheiten, die auch der Täter hatte.

„Es kann sein, dass ich nicht schwanger werden kann“, sagt sie zu Kontraste. Sie wurde von der Polizei nach eigenen Angaben auch darüber informiert, dass es viele Videos von ihrer Vergewaltigung gibt und der Verdacht bestehe, dass ein Mittäter sie dabei gefilmt haben könnte. Die betreffende Polizei und Staatsanwaltschaft Duisburg haben sich auf Kontraste-Nachfrage dazu nicht geäußert.

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