BRICS-Gipfel
BRICS – wer ist das und was wollen die?

ein Gaskommentar von Michael Thomas

Derzeit erleben wir eine Welle rasanter und fundamentaler Veränderungen in der Welt. Die alte Ordnung, die sich nach Ost- und Westblock richtete, ist spätestens nach dem Zusammenbruch der UdSSR, der Russland folgte, längst Vergangenheit.

Nun treten Mächte auf, die die nachfolgende Weltordnung, der die USA als regulierender „Weltpolizist“ vorstand, nun wirkungsvoll in Frage stellen. Eine seit etwas mehr als einem Jahrzehnt gegründete und zunächst belächelte Allianz ist BRICS.

Aber wer ist BRICS?

BRICS setzt sich zusammen aus den führenden Buchstaben ihrer Mitglieder; aus nachfolgend erläuterten Gründen setze ich einfach einmal eine Kenngröße, die die Wirtschaftskraft eines Landes darstellt, neben die Länder. Diese Kenngröße ist „BIP“, das „Bruttoinlandsprodukt“ und es bewertet den Gesamtwert aller im genannten Land hergestellten Güter und Dienstleistungen eines Jahres ohne ihre jeweiligen Vorprodukte. Die Daten stammen aus 2021 und werden von der Weltbank herausgegeben und repräsentieren die wirtschaftliche Macht und Größe:

Brasilien 1,609 Billionen USD

Russland 1,779 Billionen USD

Indien 3,176 Billionen USD

China 17,73 Billionen USD

Südafrika 419 Milliarden USD

Addiert sind dies 24,713 Billionen USD. Im Vergleich dazu betrug das BIP der gesamten EU etwa 17,15 Billionen USD und liegt damit unter dem Wert von China. Die USA erwirtschafteten in 2021 ein BIP von 23,32 Billionen USD und liegt damit leicht unter dem Wert der BRICS-Staaten. Wenn man jetzt noch weiß, dass das globale BIP in 2021 etwa bei 97 Billionen Dollar gelegen hatte, kann man einschätzen, wie hoch die wirtschaftliche Macht der BRICS-Staaten heute bereits ist.

Gerade im Zuge des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine gibt es Anzeichen seitens der BRICS, sich auf dem Weltmarkt gegen die westlich dominierten Bündnisse zu stellen und ihnen die Kontrolle über die globale Wirtschaft entziehen zu wollen. Hinzu kommt, dass die USA aufgrund ihrer latenten Schwierigkeiten im Innern die Weltmärkte nachhaltig verunsichern, so hat der Streit um den Staatshaushalt dem Ruf des Dollars als „safe haven“, als „sicherer Hafen“ im Sinne von Stabilität und Zuverlässigkeit schwer geschadet. (Link)

Schon jetzt werden anwachsende Teile internationalen Handels in chinesischen Renminbi („Volksgeld“) abgewickelt und sind somit der direkten Kontrolle der USA entzogen. Diese Kontrolle üben die USA über US-Staatsanleihen aus, die ausnahmslos in US-Dollar gehandelt werden müssen. Dies zwingt alle relevanten Landesbanken zur Bevorratung dieser Papiere und Dollarreserven. Seit 1945 schien alles sehr einfach: die USA boten sich an, alle erzielten Überschüsse über den US-Wertpapierhandel und ihr Bankensystem gewissermaßen aufzusaugen und sicherzustellen.

Die USA fungierten als eine eigenständige Weltbank, die im Zahlungsverkehr innerhalb dieses Systems den Dollar vorschrieb. Somit wurde es politisch überaus einfach, politisch unbotmäßige Länder und Staaten durch Ausschluss aus diesem System zu disziplinieren. Diese Länder mussten, sofern sie Überschüsse erzielten und investieren mussten, andere, meist isolierte Wege gehen. Dies bringt gewaltige Nachteile mit sich, da die Rechnungsbeträge in anderen Währungen mühsam in US-Dollar konvertiert werden müssen, was kosten- und zeitaufwendig ist und nicht von jeder Bank bewerkstelligt werden kann.

Und an dieser Stelle muss über die Geschichte nachgedacht werden, da viele Wirtschaftler den Blick auf die Finanzmärkte fokussieren und allzu häufig politische Überlegungen übersehen. Nicht nur die BRICS-Mitgliedsstaaten, sondern alle Länder, die nur wenig wirtschaftliche Macht haben, begegnen der UN zunehmend misstrauisch. Sie haben den illegalen Angriffskrieg der USA auf Irak erlebt, dem die UN nichts entgegenstellen konnte und dessen Folgen sie unbeantwortet ließ.

Es folgte weder eine internationale Verurteilung, noch irgendeine Maßnahme gegen die USA. Desweiteren erlebt die Welt, dass weder die UN, noch die EU oder sonst irgendjemand ein geeignetes Mittel in der Hand hält, den Ukraine-Krieg oder das latente Fehlverhalten Israels gegen Palästina wirksam zu beeinflussen. International wächst das Gefühl, im Zweifel allein gelassen zu werden, da die UN sich außerstande sieht, irgendeinen Konflikt überzeugend lösen oder kriegerische Handlungen verhindern oder zum Stillstand zu können. Dem Generalsektretär Gueterres bleibt ein ums andere Mal nichts anderes übrig, als von seiner „Besorgnis“ zu sprechen und hilf- wie zumeist ergebnislos Dialoge mit Konfliktparteien zu führen. Weder im Falle Iran, noch im Falle Afghanistan wirkte eine UN entscheidend auf die Ereignisse ein.

Die Spirale dreht sich: schon heute wickelt Saudi-Arabien mit China bedeutende Geschäfte in Milliardenhöhe ohne Dollarzahlungen ab und die beiderseitigen Absichtserklärungen reichen noch erheblich weiter. Da werden von Saudi-Arabien ganze Fabrikkomplexe in China errichtet, ohne dass ein einziger US-Dollar flösse. Die Tendenz ist steigend. Gerade China und Russland sind beide maximal daran interessiert, hindernde Einflüsse seitens der USA aus dem Wege zu räumen und es gäbe dafür keinen besseren Weg, als eine Welt zu schaffen, in welcher der Dollar keine oder nur noch eine marginale Rolle spielt.

Nun werden die Märkte und Banken zunehmend nervös; politische und wirtschaftspolitische Analysten besprechen das Phänomen der „Entdollarisierung“, das seitens BRICS in Szene gesetzt werden könnte und den USA die Kontrolle über die globalen Finanzmärkte aus der Hand nähme.

BRICS scheint nicht bereit, die Vorherrschaft der USA über die Weltmärkte länger hinzunehmen und drängt auf eine Ausweitung seiner eigenen Allianz. Wie vermeldet wird, hat BRICS soeben die Aufnahme von Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Äthiopien und Argentinien in seine Reihen beschlossen. Allein nur Saudi-Arabien erwirtschaftete in 2021 833 Milliarden Dollar BIP (Link). Ägypten trägt 404,1 Milliarden Dollar BIP bei. Die anderen Länder sind durch globalpolitische Erwägungen motiviert und erhoffen sich eine deutliche Erhöhung ihrer Produktivität durch erleichterte Zusammenarbeit und Unterstützung.

Auch wenn es eher unwahrscheinlich erscheint, dass die BRICS in absehbarer Zeit eine eigene Währung definiert und diese handelt, so ist es doch recht wahrscheinlich, dass sich die Mitglieder auf eine bisher isolierte, allerdings im Welthandel als sehr stabil erwiesene Währung wie etwa den japanischen Yen einigen könnten. Auch der Euro läge recht gut im Rennen.

Die jüngsten Maßnahmen westlicher Blöcke, die sich gezielt und konkret gegen die größten und mächtigsten Mitglieder von BRICS, nämlich Russland und China richten, wecken nicht erst seit kurzem Begehrlichkeiten, der Dominanz der USA ein neues Machtgefüge entgegenzustellen. Besonders China drängt auf eine führende Stellung und auf eine Ausweitung der Wirtschaftsmacht der BRICS. Allerdings ist nach Ansicht vieler Analysten vieles in der Strategie noch unklar; nicht jeder BRICS-Mitgliedsstaat sucht eine revolutionäre Umwälzung der Weltmärkte, sondern nach pragmatischen Lösungen außerhalb einer möglichen Erpressbarkeit durch die USA. Dennoch äußert China auf dem letzten Treffen der BRICS klar, unmissverständlich und öffentlich, dass eine neue Weltordnung jenseits der USA errichtet werden solle. Xi Jinping hat dies dort deutlich zur Sprache bringen lassen. (Link)

Westliche Analysten unterschätzen den politischen Antrieb der BRICS meiner persönlichen Meinung nach dramatisch; die Strategie dieses Bündnisses wird nicht nur in Geld gemessen, sondern hat auch eine nachhaltige Veränderung des internationalen Machtgefüges zum Ziel. Zweifellos werden die mächtigsten BRICS-Staaten wirksame Mittel zur Unterstützung ihrer weniger privilegierten Mitglieder aufwenden und dadurch deutlich an Attraktivität gewinnen. Es dürfte bereits nachdenklich machen, dass Saudi-Arabien eine Mitgliedschaft auslotet, denn weitere Ölförderländer könnten dem Beispiel folgen und die USA langfristig in eine prekäre Lage bringen.

Ob wir dies wollen oder nicht, wird die Welt in eine neue Ordnung steuern, die möglicherweise von den BRICS-Staaten dominiert werden könnte. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die USA ohne oder auch mit der EU ihre derzeitige Position auch nur annähernd wird halten können. Ganz Lateinamerika, heute noch von der US-Übermacht zurückgehalten, sucht Wege, daraus zu entkommen. Die afrikanischen, wie auch die asiatischen Staaten werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in steigender Anzahl ebenfalls BRICS zuwenden.

Bedingt durch die zunehmenden Schwierigkeiten der USA wird der asiatische Raum gezwungen sein, sich mit China auseinanderzusetzen, dessen Einfluss und Bedeutung von Jahr zu Jahr nennenswert ansteigt.

Im Fazit bleibt zweifelsfrei festzustellen, dass die Weltordnung, wie wir sie heute noch kennen, nicht länger Bestand haben wird. Inwiefern sie durch Krisen und Kriege weiterhin aufrechterhalten werden oder ob ein unausweichlicher Wandel friedlich moderiert werden könnte, bleibt dem Verantwortungsbewusstsein der westlichen Führungen überlassen.

Wir müssen realisieren, dass die treibenden Faktoren nicht Ethik oder Menschenrechte, sondern Dollar und Macht sind. BRICS tritt nicht an, die Welt menschlicher zu machen und es ist fraglich, ob eine Besserung der Zustände für viele Völker der Erde einer faktischen Machtübernahme durch BRICS erfolgen könnte.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor 
Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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Türkei
Türkei: Lira steigt dramatisch nach Zinserhöhung

Ankara – Türkische Währung steigt um mehr als fünf Prozent gegenüber dem Dollar, während die Türkei mit der größten Zinserhöhung seit Jahren überrascht. Die türkische Zentralbank hat am Donnerstag die Zinssätze stärker als erwartet auf 25 Prozent angehoben was einen Kursanstieg der Lira auslöste. Die Türkei signalisiert damit, dass sie gewillt ist, ihre neue Verpflichtung zur Eindämmung der Inflation durch die Geldpolitik zu erfüllen. Zuvor lag der Leitzins bei 17,5 Prozent. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einer Erhöhung auf 20 Prozent gerechnet In einem volatilen Handel nach der Ankündigung gewann die umkämpfte türkische Lira an Boden gegenüber dem US-Dollar und Euro. In einer Erklärung vom Donnerstag erklärte der türkische Zentralbankausschuss, er habe „beschlossen, den geldpolitischen Straffungsprozess fortzusetzen, um so schnell wie möglich einen Desinflationskurs einzuschlagen, die Inflationserwartungen zu verankern und die Verschlechterung des Preisverhaltens zu kontrollieren“. Neue Richtung Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ernannte im Juni die ehemaligen Wall-Street-Bankerin Hafize Gaye Erkan zur neuen Zentralbankgouverneurin und deutete damit eine Abkehr von der umstrittenen Politik der Zinssenkungen bei steigender Inflation an. Der türkische Staatschef argumentiert seit langem, dass eine Senkung der Zinssätze zur Bekämpfung der Inflation beiträgt, eine Theorie, die dem traditionellen wirtschaftlichen Denken zuwiderläuft. Die Zentralbank hat seither im Juni und Juli Zinserhöhungen angekündigt, wobei der Schritt im Juli hinter den Markterwartungen zurückblieb.

Gastbeitrag
Bergkarabach: „Völkermord-Vorwurf ist absurd“

ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Als die Podcasterin und Autorin Jenny Günther am vergangenen Dienstag in der Bundespressekonferenz nach der Haltung der Bundesregierung zu Bergkarabach fragte, teilte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes mit, man sei „besorgt“. Auf Nachfrage, wie die Bundesregierung den drohenden „Genozid“ verhindern wolle, antwortete Regierungssprecher Steffen Hebestreit mit „Na ja“. Das gibt Hebestreit von sich, wenn er sich mit „Propaganda“ konfrontiert sieht, wie Hebestreit der Fragestellerin das auch erklärte. Der Begriff des Völkermords sei an dieser Stelle ein „Kampfbegriff“, so der Regierungssprecher. Wie absurd der Vorwurf des Völkermords ankommt, erklärte auch Rodney Dixon KC*, ein Experte für internationales Strafrecht. Dixon argumentiert, dass sich die internationale Gemeinschaft auf Vermittlungsbemühungen und nicht auf Völkermord-Behauptungen konzentrieren sollte, um die Not der Bergkarabach-Armenier wirklich zu lindern – deren Region im Zentrum der anhaltenden Territorialstreitigkeiten zwischen Aserbaidschan und Armenien liegt. Hier sein Resüme: Anfang des Monats veröffentlichte der ehemalige Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Luis Moreno Ocampo, ein privates Rechtsgutachten (Kommentar dazu), in dem er behauptete, dass in der aserbaidschanischen Region Bergkarabach ein Völkermord an ethnischen Armeniern im Gange sei. Solche schwerwiegenden Vorwürfe sollten nicht leichtfertig erhoben werden und erfordern eine sorgfältige Prüfung. Angesichts dieser Stellungnahme beauftragte mich die Regierung Aserbaidschans mit der Prüfung der Vorwürfe und der Erstellung einer unabhängigen rechtlichen Sachverständigenbewertung. Es wurde vorgestern veröffentlicht. Für die möglicherweise weitreichenden Konsequenzen der Ocampo-Stellungnahme, wonach in Bergkarabach ein Völkermord stattfinde, wurden keine Beweise geliefert, die die zentrale Behauptung stützen würden. Dennoch drohen seine provokativen Behauptungen, den eingeleiteten Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien nach deren fast drei Jahrzehnte währenden Streit um Bergkarabach zu untergraben. Eine Friedenslösung ist unter EU- und US-Vermittlung näher als je zuvor: Die armenische Regierung hat mit dem Präzedenzfall gebrochen und erklärte, sie sei bereit anzuerkennen, dass Bergkarabach Teil Aserbaidschans sei – ebenso wie die Position der internationalen Gemeinschaft im Einklang mit der internationalen Gemeinschaft. Armenien fiel in den 1990er Jahren in das Gebiet ein und vertrieb Hunderttausende dort lebende Aserbaidschaner. Seitdem hat Armenien das abtrünnige Gebiet finanziell und militärisch unterstützt, ohne es selbst anzuerkennen. Die Ocampo-Stellungnahme wurde im Namen derjenigen verfasst, die bei einem Friedensabkommen alles zu verlieren haben: der selbsternannten Regierung des illegalen Staates innerhalb Bergkarabachs. Die Veröffentlichung der Stellungnahme fällt mit den steigenden Aussichten auf eine Einigung und der bevorstehenden Wiedereingliederung der Region in Aserbaidschan zusammen. Leider besteht die Gefahr, dass es zu Spannungen vor Ort kommen wird. Darüber hinaus könnten die Vorwürfe, wenn man sie für bare Münze nimmt, die Handlungsfreiheit des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan einschränken, ein Friedensabkommen anzustreben. Nach eingehender Prüfung der Behauptungen von Ocampo habe ich festgestellt, dass sie auffallend unbegründet waren. Es wird behauptet, dass Aserbaidschan eine Blockade gegen Bergkarabach verhängt hat, die zu Hungersnot und damit zu Lebensbedingungen führt, die die physische Zerstörung der Bewohner zur Folge haben. Im Jahr 2020 kam es zu einem kurzen Konflikt, bei dem Aserbaidschan einen Teil seines international anerkannten Territoriums zurückeroberte. Dazu gehörte eine Region, durch die eine Straße – der Latschin-Korridor – führt, die Armenien mit dem Territorium der separatistischen Gebiet verbindet. Aserbaidschan hat auf dieser Straße nahe der Grenze einen Kontrollpunkt eingerichtet, der angeblich notwendig sei, „um den illegalen Zustrom von Waffen, militärischer Ausrüstung und Soldaten in [sein] Hoheitsgebiet zu stoppen“. Der Weg blieb für humanitäre Hilfe des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) offen. Das IKRK bestätigte dies in einer Stellungnahme, wonach ihr Emblem zum Schmuggel missbraucht wurde. Zuletzt hatte es auch bestätigt , dass es seit Dezember 2022 (als Ocampo behauptete, die Blockade habe begonnen) umfangreiche medizinische Versorgung, Lebensmittel und andere Hilfsgüter bereitgestellt hat und weiterhin Personen evakuiert, die medizinische Versorgung benötigen sowie eine sichere Passage für die Zusammenführung getrennter Familien gewährleistet. Die Stellungnahme befasst sich nicht mit diesen Sachverhaltsfragen. Bezeichnenderweise wird nicht erwähnt, dass Aserbaidschan eine alternative Route (die „Aghdam-Khankendi-Route“) vorgeschlagen hat, über die das IKRK und die Regierung die ethnische armenische Bevölkerung von Bergkarabach versorgen könnten. Diese Option wurde von der EU anerkannt. Doch diese Angebote wurden von der De-facto-Regierung in Bergkarabach kategorisch abgelehnt. Dies sind eindeutig relevante Umstände, die insbesondere dann berücksichtigt werden müssen, wenn behauptet wird, dass Aserbaidschan vorsätzlich Lebensbedingungen herbeiführt, die darauf abzielen, die dort lebenden Menschen physisch zu zerstören. Informationen, die die Schlussfolgerungen des Gutachtens eindeutig untergraben, werden einfach weggelassen. Die sehr schwerwiegende Anschuldigung eines Völkermords durch eine im Völkerrecht anerkannte Person bringt bestimmte Pflichten mit sich, insbesondere die Einhaltung einer strengen Beweislast und die Abwägung aller verfügbaren Beweise. Es ist daher nicht zu rechtfertigen, dass diese relevanten Überlegungen scheinbar übergangen wurden. Es bleibt weit hinter den strengen Merkmalen einer fairen und ausgewogenen Expertenmeinung zurück. Darüber hinaus hat Völkermord im Völkerrecht eine hohe Schwelle – die spezifische Absicht, die Gruppe ganz oder teilweise physisch zu zerstören. Das zwingende Erfordernis dieses Vorsatzes lässt sich nur mit großer Vorsicht und eindeutiger Feststellung ableiten, wie verschiedene internationale Gerichte betont haben. Die Stellungnahme ignoriert die etablierte völkerrechtliche Position. Angesichts der Tatsache, dass in der Stellungnahme behauptet wird, dass ein Völkermord bereits im Gange sei, ist es auch merkwürdig, dass die wesentlichen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung nicht erwähnt werden. Letzte Woche fand auf Ersuchen Armeniens eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates zur Lage in Bergkarabach statt. Während viele Redner feststellten, dass die Frage der humanitären Hilfe politisiert worden sei, erwähnte kein Redner – mit Ausnahme des armenischen Botschafters – den Ausdruck „Völkermord“ oder „ethnische Säuberung“. Edem Wosornu, Direktor für Einsätze und Interessenvertretung beim UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, sagte jedoch , dass die humanitäre Hilfe über alle verfügbaren Wege wieder aufgenommen werden dürfe. Am Ende der Sitzung gab der Rat keine Erklärung ab. Die unbelegten Behauptungen des Gutachtens boten also keine Grundlage für internationale Maßnahmen. Es ist wichtig, dass die unbestätigten Schlussfolgerungen der Ocampo-Stellungnahme den Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan nicht behindern. Stattdessen sollte seine Veröffentlichung die internationale Gemeinschaft dazu anregen, ihre Vermittlungsbemühungen zu verstärken, um einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
* Rodney Dixon KC ist ein führender Anwalt und Experte für internationales Recht. Er hat vor allen internationalen Strafgerichten sowohl Anklage erhoben als auch verteidigt, angefangen bei den Internationalen Strafgerichtshöfen für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda (ICTY/ICTR). Er verfügt über besondere Fachkenntnisse in Fällen, in denen es um mutmaßlichen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, da er in Fällen vor dem ICTY, dem ICTR und dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) tätig war, beispielsweise in der Sudan-Krise im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Völkermordfall gegen Präsident Bashir; in Syrien wegen der Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung; und für die ostturkestanische Exilregierung in Bezug auf den angeblichen Völkermord an den Uiguren. Rodney vertritt auch die Witwe von Jamal Khashoggi. Zusammen mit dem derzeitigen Chefankläger des ICC Karim Khan ist er Co-Autor des führenden Lehrbuchs über internationale Strafgerichtshöfe: „Archbold International: Practice, Procedure and Evidence“. Er praktiziert in Temple Garden Chambers, London und Den Haag.

Antalya
Türkische Friseure beklagen russisch-ukrainische Konkurrenz

Antalya – Der wirtschaftliche Wandel infolge des Ukraine-Russland-Konflikts hat nicht nur bei Immobilienmaklern, sondern auch bei Friseuren in Antalya, wo 200 000 Ausländer, darunter mehrheitlich Russen und Ukrainer, leben, für Aufruhr gesorgt. Vor allem einheimische Friseure beklagen sich über den zunehmenden Wettbewerb zwischen ihnen und ausländischen Friseuren, die das Sechsfache des Durchschnittspreises verlangten. Der Präsident der Friseurkammer von Antalya, Yüksel Uzun, erklärte in einem Gespräch mit der Zeitung Hürriyet, dass im vergangenen Jahr zahlreiche Friseure im Stadtteil Konyaaltı eröffnet haben.
„Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Unsere Mitglieder, die in diesem Viertel Dienstleistungen anbieten, rufen mich sogar mitten in der Nacht an und bringen ihre Frustration zum Ausdruck. Ich gehe zur Stadtverwaltung und zur Polizei, aber ich kann keine Ergebnisse erzielen“
Uzun betonte, dass russische und ukrainische Friseure einen Preistarif in ausländischer Währung festlegen, was zu einem drastischen Preisgefälle zwischen einheimischen und ausländischen Friseursalons führe. Er sagte, dass Ausländer über soziale Medien Kunden finden und astronomische Preise verlangen, wie z. B. 40 Dollar für einen Haarschnitt und eine Rasur, was etwa 1.100 türkischen Lira entspricht – ein Preis, der türkische Friseure in den Ruin treiben würde, wenn sie ihn von ihren Kunden verlangen würden.
Das ist ungeheuerlich. Wenn meine Friseurkollegen solche Preise festsetzen würden, würden sie mit Stöcken verjagt werden.
„Wir verdienen das, was sie von einem einzigen Kunden verlangen, wenn wir sechs Personen bedienen. Einige der ansässigen Ausländer haben sich sogar bei der Handelskammer von Antalya registriert. Aber sie haben keinen Meisterbrief“, bemerkte er und forderte die Bezirksverwaltungen auf, eine Lösung für das Problem der überhöhten Preise zu finden. „Unsere ukrainischen Brüder brauchen keine Friseurläden zu eröffnen. Unsere Friseure sind in der Lage, auch für sie Dienstleistungen zu erbringen. Wenn die Behörden unsere Beobachtungen und Aufrufe nicht berücksichtigen, befürchte ich, dass ukrainische Flüchtlinge irgendwann anfangen könnten, den Türken Dienstleistungen zu Sondertarifen anzubieten. Dann sind wir wirklich am Ende.“

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– Türkei – Ukraine-Krieg: Mieten steigen in Antalya um bis zu 300 Prozent

Die Miet- und Immobilienpreise in der türkischen Provinz Antalya sind seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges in die Höhe geschnellt, da Russen und Ukrainer, die aus ihren Ländern fliehen mussten, dort Immobilien erwerben.

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Russland
Wagner-Chef Prigoschin bei Flugzeugabsturz gestorben

Moskau – Zehn Tote bei Flugzeugabsturz auf dem Flug von Moskau nach St. Petersburg, laut Notfallministerium. Ein Flugzeug mit dem berüchtigten Kriegsherrn Jewgeni Prigoschin an Bord, dessen Söldnergrupper Wagner im Juni einen gescheiterten Putsch gegen Präsident Wladimir Putin startete, ist nach Angaben russischer Behörden auf dem Flug von Moskau nach St. Petersburg abgestürzt. Alle 10 Personen an Bord des Flugzeugs, darunter drei Besatzungsmitglieder, kamen bei dem Absturz ums Leben, wie das russische Katastrophenschutzministerium nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti mitteilte. Auf Videoaufnahmen ist angeblich zu sehen, wie das Flugzeug im Bezirk Bologovsky in der Region Tver vom Himmel fällt. Ein brennendes Wrack, bei dem es sich offenbar um ein Flugzeug handelt, wurde später auf einem Feld gesehen, wobei unbestätigte Bilder zeigen, dass es vollständig in Flammen steht. Zeugen des Absturzes hörten einen lauten Knall, bevor sie sahen, wie der Jet „vom Himmel fiel“. „Es wurde eine Untersuchung des Absturzes des Embraer-Flugzeugs eingeleitet, der sich heute Abend in der Region Twer ereignet hat. Nach der Liste der Passagiere, unter ihnen ist der Name und Nachname von Yevgeny Prigozhin“, sagte das Ministerium in einer Erklärung. Der einst enge Vertraute Wladimir Putins hatte in öffentlichen Reden Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Top-General Waleri Gerassimow wegen ihres Umgangs mit der Invasion in der Ukraine scharf kritisiert. Prigoschin ist der Leiter der privaten paramilitärischen Organisation Wagner Group, die eine Schlüsselrolle bei der russischen Invasion in der Ukraine spielte, bevor sie im Juli kurzzeitig einen Aufstand gegen das russische Militär startete. Prigoschin-treue Truppen marschierten auf Moskau zu, kehrten aber nach einigen Tagen wieder um.

Shopping
Was ist eigentlich dieses Cashback?

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Cashback ist eine spezielle Form von Rabatt bei dem man beim Kauf eines Produkts oder Dienstleistung einen bestimmten Prozentsatz des Kaufpreises zurückerhält. Anstatt bei Einkaufen Punkte zu sammeln wie bei herkömmlichen Treueprogrammen, sammeln hier Kunden und Kundinnen bei jedem Einkauf bares Geld. Dieser Prozess kann zwar etwas aufwendiger sein als einen herkömmlichen Rabatt zu beantragen – dabei aber umso lohnenswerter, da Cashback-Angebote oft großzügige Prozentsätze an Vergünstigung bieten. Tatsächlich lässt sich mittels Nutzung von Cashback-Portalen im Durchschnitt zwischen 5 % und 10 % auf verschiedenste Einkäufe sparen. Wo ist der Haken? In unserer Welt gibt es nichts geschenkt – es muss daher doch einen Haken geben, oder?  Der „Haken“ besteht in der Regel darin, dass Einkäufe über die jeweiligen Cashback-Portale getätigt werden müssen. Man kann also nicht einfach irgendwo shoppen und dann Cashback darauf erhalten. Zudem kann die Auszahlung der Cashback-Beträge je nach Portal einige Wochen dauern. Woher kommt das Geld? Warum sollte jemand Geld für etwas geben, das er/sie sowieso kaufen wollte? Nun, das ist der Clou. Die Unternehmen, die Cashback anbieten, machen das nicht aus reiner Nächstenliebe. Sie tun es, weil es hilft, Kunden zu gewinnen und auch zu halten. Natürlich will ein Online-Händler, der mit anderen konkurrieren muss, etwas Besonderes anbieten, um die Aufmerksamkeit der Kunden zu gewinnen. Cashback ist daher ein attraktiver Anreiz dafür. Bezahlt wird das Cashback oft von den Marketingbudgets der Unternehmen. Für sie ist es eine Investition in ihre Kundenbeziehungen. Schließlich ist ein zufriedener, loyaler Kunde mehr wert als ein einmaliger Käufer. Wo kann ich Cashback anwenden? Die gute Nachricht ist, dass sich Cashback mittlerweile auf fast alles anwenden lässt, was online zu kaufen ist – von Kleidung, Haushaltsgeräten bis hin zu Reisen und sogar Dienstleistungen wie Strom und Internet. Zahlreiche große Unternehmen sind dabei, bei denen viele ohnehin schon seit Jahren shoppen. Theoretisch ist es sogar möglich den gesamten Urlaub um Cashback-Angebote herum zu planen, indem man alles, vom Flug über das Hotel bis hin zum Mietwagen, über ein Cashback-Portal bucht. Es ist also mittlerweile ein umfassendes Bonusprogramm, das sich über die gesamte Bandbreite verschiedenster Online-Ausgaben erstreckt. Der Unterschied zwischen Cashback und dem herkömmlichen Rabatt Während ein Rabatt den Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung direkt zum Zeitpunkt des Kaufs reduziert, bietet Cashback eine Rückerstattung nach dem Kauf. Das mag sich zwar auf den ersten Blick weniger interessant anhören – in der Praxis kann Cashback jedoch meist weit mehr Einsparungen ermöglichen als der gute alte Rabatt.

Fukushima
Japan wird radioaktives Wasser aus Fukushima in den Ozean leiten

Tokio – Japan wird am Donnerstag trotz des Widerstands seiner Nachbarn damit beginnen, aufbereitetes radioaktives Wasser aus dem vom Tsunami betroffenen Kernkraftwerk Fukushima in den Pazifischen Ozean zu leiten. Die Atomaufsichtsbehörde der Vereinten Nationen hatte das umstrittene Vorhaben genehmigt, das 12 Jahre nach der Kernschmelze von Fukushima in Kraft tritt. Japan sammelt und lagert das kontaminierte Wasser seit mehr als einem Jahrzehnt in Tanks, aber der Platz wird knapp. Der Umweltminister erklärte 2019, es gebe „keine anderen Optionen“, da der Platz zur Eindämmung des kontaminierten Materials knapp werde. Die Behörden werden den Betreiber des Kraftwerks auffordern, „unverzüglich Vorbereitungen“ für den Beginn der Entsorgung am 24. August zu treffen, wenn die Wetter- und Meeresbedingungen geeignet sind, sagte Japans Premierminister Fumio Kishida am Dienstag nach einer Kabinettssitzung. Im Jahr 2011 überflutete ein durch ein Erdbeben der Stärke 9,0 ausgelöster Tsunami drei Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Das Ereignis gilt als die schlimmste Nuklearkatastrophe der Welt seit Tschernobyl. Kurz darauf richteten die Behörden eine Sperrzone ein, die immer weiter ausgedehnt wurde, da Strahlung aus dem Kraftwerk austrat und mehr als 150 000 Menschen zur Evakuierung aus dem Gebiet zwang. Der Plan zur Freisetzung von Wasser aus der Anlage hat in ganz Asien und im Pazifikraum Alarm ausgelöst, seit er vor zwei Jahren von der japanischen Regierung genehmigt wurde. Im Juli wurde er von der UN-Atomaufsichtsbehörde abgesegnet, wobei die Behörden zu dem Schluss kamen, dass die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu vernachlässigen seien. Viele Menschen, darunter auch Fischer in der Region, befürchten jedoch, dass die Einleitung des behandelten Wassers ihre Lebensgrundlage beeinträchtigen wird. Eine Gruppe von Demonstranten veranstaltete am Dienstag in Tokio eine Kundgebung vor dem Amtssitz des Premierministers und forderte die Regierung auf, die Einleitung zu stoppen, berichtet CNN. Greenpeace Japan hat den Plan in einer Stellungnahme auf Schärfste verurteilt.
Die Entscheidung lässt wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht, verletzt die Menschenrechte der Gemeinschaften in Japan und der Pazifikregion und steht nicht im Einklang mit dem internationalen Seerecht. Vor allem aber ignoriert sie die Bedenken der Bevölkerung, einschließlich der Fischer. Die japanische Regierung und die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) – die Betreiber der Kernkraftwerke – behaupten fälschlicherweise, dass es keine Alternative zur Entscheidung über die Entladung gibt und dass es notwendig ist, die endgültige Stilllegung einzuleiten. Dies unterstreicht das Scheitern des Stilllegungsplans für die beim Erdbeben von 2011 zerstörten Kernkraftwerke, da Zehntausende Tonnen kontaminiertes Wasser weiter ansteigen werden, ohne dass es eine wirksame Lösung gibt.
„Wir sind zutiefst enttäuscht und empört über die Ankündigung der japanischen Regierung, radioaktiv belastetes Wasser in den Ozean zu leiten. Trotz der Bedenken von Fischern, Bürgern, Anwohnern von Fukushima und der internationalen Gemeinschaft, insbesondere in der Pazifikregion und den Nachbarländern, wurde diese Entscheidung getroffen“, sagte Hisayo Takada, Projektleiter bei Greenpeace Japan. „Die vorsätzliche Verschmutzung des Pazifischen Ozeans durch diese radioaktiven Abfälle ist eine Folge der Nuklearkatastrophe von 2011 und Japans jahrzehntelangem Atomkraftprogramm. Anstatt die Mängel des aktuellen Stilllegungsplans, die andauernde Atomkrise und den massiven Bedarf an öffentlichen Geldern anzuerkennen, beabsichtigt die japanische Regierung, weitere Atomreaktoren wieder in Betrieb zu nehmen, obwohl es Hinweise auf schwere Erdbeben und Sicherheitsrisiken gibt. Der derzeitige Energieplan der Regierung ist nicht in der Lage, sichere und nachhaltige erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie zu liefern, die angesichts der Klimakrise erforderlich sind“, so Hisayo Takada, Projektleiter bei Greenpeace Japan.

Latschin-Korridor
„Aserbaidschan verteidigt sich gegen Landraub Armeniens“

ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Nach internationalen Regeln hat sich Aserbaidschan in Bergkarabach aufgrund der Blockadehaltung in Zusammenhang mit dem Latschin-Korridor nichts zu Schulden kommen lassen, verteidigt sie sich doch gegen den Landraub Armeniens seit 1994 – wie die Ukraine gegen Russland in der Krim, Donbass oder Luhansk. Dennoch veröffentlich der ehemalige Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) Luis Moreno Ocampo einen „Bericht“ mit der bombastischen Schlagzeile: „Völkermord an den Armeniern im Jahr 2023“.

Das „Völkermord-Gutachten“

Das sogenannte „Gutachten“ erstellte Ocampo innerhalb von wenigen Tagen, ohne Bergkarabach je besucht zu haben, an dem ja der „Völkermord“ angeblich stattfindet und von hiesigen Medien befeuert wird. Und noch etwas ist interessant. Ocampo trat als Staatsanwalt vom IStGH zurück, nach dem Korruptionsvorwürfe laut wurden. Sein Name taucht seitdem nur noch in Zusammenhang mit Skandalen auf, und in Zusammenhang mit dem Wunsch von Arajik Harutjunjan, dem sogenannten Präsidenten der international nicht anerkannten Republik Arzach, die ja auf aserbaidschanischen Staatsterritorium in Bergkarabach von armenischen Separatisten mit Gewalt im Jahre 1994 ausgerufen wurde.

De-facto Republik Arzach

Bei der sogenannten armenischen Republik Arzach handelt es sich also um eine selbsternannte separatistische Enklave in Bergkarabach auf dem Territorium Aserbaidschans, die von keinem Staat anerkannt wird – nur von ähnlichen selbsternannten russischen Stellvertreterrepubliken auf dem Territorium der Ukraine, Moldawiens und Georgiens. Es ist fast so, als hätten die armenischen Besatzer in Bergkarabach tief im Inneren gewusst, dass Aserbaidschan eines Tages unweigerlich ihr eigenes Staatsterritorium zurückerobern wird, weshalb man sich nicht einmal mehr die Mühe machte, bei über 30 Jahren Okkupation etwas aufzubauen. Es überrascht nicht, dass Russland ebenfalls in dieser Enklave die Kontrolle ausüben will.

Es überrascht auch nicht, dass das sogenannte „Gutachten“ von Luis Moreno Ocampo von angesehenen internationalen Rechtsanwälten und Menschenrechtsaktivisten zwiespältig aufgenommen wird. Einer von ihnen ist der britische Völkerrechtler Rodney Dixon, dessen Fachwissen über zwischenstaatliche Konflikte, der internationalen Strafverfolgung und zivilrechtlichen Ansprüche sehr gefragt ist. Dixon bewerte daher auch die Meinung Ocampos. Dixons rechtliche Beurteilung der Stellungnahme von Ocampo umfasst dabei fünf wichtige Aspekte, die die mangelnde Glaubwürdigkeit und den unbegründeten Charakter der darin enthaltenen Behauptungen belegen.

Der Experte legt verschiedene Argumente vor, warum das „Gutachten“ einer ernsthaften Prüfung nicht standhält. Das wichtigste Argument, dass es sich in diesem Fall um Völkermord handle, kommen aus völkerrechtlicher Hinsicht gar nicht erst in Frage, so Dixon im Resümee.

Dixon bezieht sich auf die Erklärung des Internationalen Gerichtshofs im Fall Kroatien gegen Serbien, in der es heißt, dass „Völkermord zwei konstituierende Elemente enthält: das physische Element, nämlich die begangene Tat oder den Actus reus, und das mentale Element, das Mens rea.“

Der Experte weist weiter darauf hin, dass das Gutachten von Ocampo die Verfahren des Internationalen Gerichtshofs zum Konflikt in Bergkarabach völlig falsch darstellt und „… es keine Beweise gibt, die ein entscheidendes Element des Völkermords untermauern würden […] – die konkrete Absicht, die Gruppe ganz oder teilweise physisch zu vernichten.“

Latschin-Korridor und die Aghdam-Khankendi-Route

Ein weiterer wichtiger Punkt, den Dixon hervorhebt, ist, dass Ocampos Einschätzung „offensichtlich selektiv in Bezug auf die Fakten erfolgte, auf die sie sich bezieht“. Ocampo spricht von einem fiktiven „Völkermord“ aufgrund der Blockade der Hauptroute für humanitäre Hilfslieferungen nach Bergkarabach – dem Latschin-Korridor. Der ehemalige Staatsanwalt des IStGH Ocampo erwähnt jedoch bewusst nicht die Existenz einer weiteren humanitären Versorgungsstraße, über die die Enklave seither grundlegend versorgt wird: der Aghdam-Khankendi-Route, die ebenfalls durch aserbaidschanisches Staatsgebiet verläuft.

Arajik Harutjunjans Bitte!

Ocampos Voreingenommenheit und die Inkompetenz seiner Einschätzung lassen sich leicht durch die Umstände erklären, die mit der Entstehung dieses „Gutachten“ einhergingen. Am 29. Juli bat „der Präsident“ Arajik Harutjunjan Ocampo, sich zur Lage in Bergkarabach zu äußern – das ist eine Tatsache. In nur neun Tagen erstellte der ehemalige Staatsanwalt nach dem Auftrag das „Gutachten“ und stellte es öffentlich vor. Bemerkenswert ist, dass der ehemalige Chefankläger des IStGH, der in neun Jahren kaum einen Fall abgeschlossen hatte, die Lage in Bergkarabach in nur neun Tagen bewerten konnte.

Dixon kritisiert dabei nicht nur die „unvollständige und ungenaue“ Stellungnahme von Ocampo, sondern fordert, dass dieses Scharfrichterurteil „nicht dazu führen darf, einen ungerechtfertigten Keil zwischen der friedenssuchenden Regierungen Armeniens und Aserbaidschans zu treiben“. Dennoch beachtete Armenien die Meinung des Experten für internationales Recht nicht und forderte am 11. August den UN-Sicherheitsrat auf, eine Dringlichkeitssitzung zu diesem Thema einzuberufen. Die unbegründete und jeder Glaubwürdigkeit entbehrende Meinung von Ocampo war ihr einziger Vorwand dazu.

Bezug zu Russland

Weder Arajik Harutjunjan noch der armenische Präsident Nikol Paschinjan oder die armenische Diaspora, werden von der Eskalation im Südkaukasus jedoch profitieren. Stattdessen ist Russland der einzige Nutznießer dieses „Gutachtens“, der in Auftrag gegebenen wurde und zu dieser absurden „Notfallsitzung“ des UN-Sicherheitsrates führte. Russland deshalb, weil etliche Medien davor schon gewarnt hatten:

„Russlands Regime manipuliert die armenische Minderheit im aserbaidschanischen Karabach, um ethnische Konflikte im Südkaukasus zu schüren und die armenische Regierung durch einen Moskauer Stellvertreter zu ersetzen. Das Szenario erinnert an andere Streitigkeiten, die der Kreml in Georgien, Moldawien oder der Ukraine inszeniert hat, um seinen imperialen Einflussbereich aufrechtzuerhalten.“ Washington Times

„Russlands „Friedenstruppen“ in der Region Bergkarabach in Aserbaidschan verfolgen Moskaus Plan, das Gebiet in eine weitere Krim zu verwandeln“ The Hill

„Putin setzt armenische Separatistenmarionetten in Bergkarabach ein, ebenso wie er es mit Osseten und Abchasen in Georgien und Anhängern des „Russischen Friedens“ auf der Krim und im Donbass getan hat.“ Censor

„Dies ermöglicht es Moskau, eine militärische Präsenz im Südkaukasus aufrechtzuerhalten, beispielsweise in der abtrünnigen Region Südossetien oder in den von Russland kontrollierten östlichen Regionen Moldawiens“ The Newsweek

Während Russland mithilfe Armeniens unter Nutzung des Ocampo-„Gutachtens“ ein weiteres Schreckgespenst bei den Vereinten Nationen etablieren will, um seine eigenen Interessen im Südkaukasus zu verfolgen, rührt hierzulande die armenische Diaspora zusammen mit deutschen Medienvertretern die Werbetrommel für die sogenannte Republik Arzach und trommelt Menschenrechtsaktivisten zusammen um die hiesige Politik zu beeinflussen. Das war auch Sinn und Zweck des fehlerhaften „Gutachtens“, dessen Urheber Arzach und Russland ist. Mit demselben Vorwand überrannte Russland die ukrainischen Regionen Donbass und Luhansk, um international nicht anerkannte Satellitenstaaten auszurufen.

Türkische Querschläger

Besonders interessant wird das ganze, wenn sogar türkische Menschenrechtsaktivisten aus der Reserve gelockt werden, um der sogenannten Republik Arzach beizustehen. Genau genommen 97 Schriftsteller, Journalisten und Politiker gaben eine Erklärung ab, in der sie die internationale Gemeinschaft dazu aufriefen, Maßnahmen zu ergreifen, die zur Beendigung der Blockade der sogenannten Republik Arzach beitragen. Dabei wurde auch ein Bezug zur Luftbrücke für die Berlin-Blockade von 1948/1949 gezogen, womit die ganze Geschichte noch pikanter wird.

Völkermord?

Bei Ausgrabungen in einem ehemaligen Gefängnis in der einst von armenischen Separatisten belagerten Stadt Schuscha in der Region Bergkarabach wurden menschliche Überreste gefunden. Aserbaidschanische Forensiker fanden also nach dem Krieg um Bergkarabach 2020 ein weiteres Massengrab. Bei den Opfern soll es sich um aserbaidschanische Bürger handeln, die seit dem Krieg von 1992 bis 1994 als verschollen gelten.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Azertac wurden bei den Ausgrabungen, die Überreste von 17 Menschen freigelegt. Sie sollen nach ersten Erkenntnissen Folter und Tötungsspuren aufweisen.

Im März 1992 drangen armenische Freischärler in große Teile Bergkarabachs ein und rückten auch auf aserbaidschanisches Gebiet außerhalb der umstrittenen Region vor, so wurde die Stadt Aghdam unter Beschuss genommen, wurde das Massaker von Chodschali verübt, die von Aserbaischan als Völkermord bezeichnet wird.

Ende Juli verhaftete der aserbaischanische Grenzschutz einen armenischen Staatsbürger, der aus der Enklave nach Armenien überführt werden sollte. Ihm wird vorgeworfen, für das Massaker von Chodchali mitverantwortlich zu sein.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Thema

– Hodschali-Massaker – Das Massaker von Chodschali: 31 Jahre Straflosigkeit

Vom 25. bis 26. Februar 1992 besetzten die armenischen Streitkräfte die Stadt Chodschali mit Hilfe von gepanzerten Fahrzeugen und Soldaten der russischen 366. motorisierten Schützenbrigade.

Das Massaker von Chodschali: 31 Jahre Straflosigkeit

Ratgeber
Kreatin: So dosieren Sie es richtig

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Um die Effektivität des Trainingseinheit zu steigern, setzen Sportler in der Regel auf die Einnahme von Kreatin-Tabletten oder Kreatin-Pulver. Denn die Säure unterstützt den ATP-Transport und kann sich unmittelbar auf die Muskelleistung der Fast-twitch-Fasern, die Schnellkraft des menschlichen Körpers, auswirken. 1 bis 2 Gramm Kreatin stellt der Körper mit Hilfe der Aminosäuren Arginin, Glycin und Methionin in der Leber, den Nieren und der Bauchspeicheldrüse her. Die restlichen 3 bis 4 Gramm Kreatin nehmen Sie über die Nahrung auf, indem Sie ausreichend Fleisch und Fisch konsumieren oder Kreatin als Nahrungsergänzungsmittel konsumieren. Doch was ist Kreatin und wie wirkt die Verbindung? Wann lohnt sich die Einnahme von Kreatin-Tabletten oder -Pulvern und welche Nebenwirkungen können auftreten?

Was ist Kreatin?

Bei Kreatin, auch Creatin, handelt es sich um eine Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindung. Die organische Säure ist in diversen Lebensmitteln enthalten und kann zudem als Nahrungsergänzungsmittel in Pulver- oder Kapselform erworben werden. Pro Tag speichert der Körper bis zu 5 Gramm Kreatin. Überschüssige Verbindungen scheidet der Organismus ungenutzt aus. Der Abbau erfolgt über die Nieren. Die Problematik: Um 5 Gramm Kreatin pro Tag zu konsumieren, müssten Sie circa 1 Kilogramm Fleisch wie Rindfleisch verzehren. Vegetarier und Veganer können ihren Kreatin-Speicher kaum über pflanzliche Lebensmittel decken. Doch wie viel Kreatin enthalten natürliche Nahrungsmittel konkret? Bei dem Verzehr von einem Kilogramm Hering nehmen Sie circa 6,5 bis 10 Gramm Kreatin auf. Schweine- und Rindfleisch verzeichnen einen durchschnittlichen Kreatin-Gehalt von 4,5 bis 5 Gramm pro Kilogramm. Lachs und Tunfisch können bis zu 4,5 Gramm Kreatin pro Kilogramm enthalten. Bei Milchprodukten fällt der Kreatin-Gehalt noch geringer aus. In diesem Fall nehmen Sie circa 0,5 Gramm Kreatin pro Kilogramm auf. Aus diesem Grund greifen insbesondere Hobby-Sportler regelmässig zu Kreatin in Pulver- oder Kapselform. In der Regel handelt es sich in diesem Zusammenhang um ein Kreatin-Monohydrat. Darüber hinaus bietet der Markt eine breite Auswahl an Produkten aus gepufftem Kreatin, Kreatin-Hydrochlorid, Kreatin-Citrat, Kreatin-Malat, Kreatin-Magnesium-Chelat, Kreatin-Pyruvat und Kreatin-Nitrat. Das Kreatin-Monohydrat wurde bisher in diversen Studien untersucht. Um die Verstoffwechslung des Nahrungsergänzungsmittels zu unterstützen, kann das Präparat in Kombination mit Äpfeln oder Trauben eingenommen werden. Einige Sportler schwören ausserdem darauf, Kreatin auf leeren Magen zu konsumieren.

Was bewirkt Kreatin im Körper?

Kreatin in Pulver- oder Kapselform wandelt der Körper in Kreatinphosphat um. Das Kreatinphosphat unterstützt den Transport von Adenosintriphosphat, kurz ATP, in die Muskelzellen der Typ-2-Fasern. Je mehr Kreatin zur Verfügung steht, desto mehr Leistung kann der Körper zeigen. Das bedeutet: Nehmen Sie ausreichend Kreatin pro Tag auf, können Ihre Muskeln schnell kontrahieren. In der Folge ist eine Leistungssteigerung bei intensiver, kurzzeitiger sportlicher Betätigung zu verzeichnen. Hier gilt jedoch nicht: Mehr ist mehr. Denn der Körper kann maximal 5 Gramm Kreatin aufnehmen. Der Rest wird ausgeschieden. Laut aktueller Studienlage gilt eine Einnahme von 3 Gramm Kreatin pro Tag bei gesunden Erwachsenen als ungefährlich. Ausserdem reagiert jeder Körper unterschiedlich auf die Kreatin-Zufuhr. Zudem fällt das Leistungsempfinden subjektiv aus.

Wann lohnt es sich, Kreatin zu nehmen?

Die Einnahme von Kreatin kann sich für erwachsene Sportler lohnen. Kraftsportler beispielsweise profitieren von einer schnellen Energiezufuhr. Die Muskeln erreicht in diesem Moment ausreichend ATP, indem Kreatinphosphat den Kreatinspeicher in den Muskelzellen auffüllt und kurzfristig neues ATP bereitstellt. Auf diese Weise gelingt es Ihnen, einen weiteren Satz zu absolvieren oder mehr Gewicht zu heben. Ihre Muskeln erhalten neue Reize und können in der Folge wachsen. Obendrein bindet Kreatin Wasser. Das gebundene Wasser in den Muskelzellen führt zu einer Volumenzunahme, sodass die Muskeln grösser wirken. Dieser Umstand zeigt sich deutlich auf der Waage. Der Bizeps und Co. gewinnen somit nicht an Muskelmasse, erscheinen jedoch praller.

Was sind die Nebenwirkungen von Kreatin?

Führen Sie zu viel Kreatin zu, können Nebenwirkungen auftreten. Bei einer täglichen Aufnahme von 20 Gramm Kreatin können demnach Beschwerden wie Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall auftreten. Auch Mundgeruch, Blähungen oder Muskelkrämpfe sind nicht auszuschliessen. Bisher ist noch nicht erforscht, ob sich eine zu hohe Dosierung negativ auf die Organe auswirken kann. Da Kreatin über die Niere abgebaut wird, ist zu vermuten, dass diese durch fehlerhafte Dosierungen geschädigt werden könnte. Leiden Sie an Diabetes mellitus oder einer anderen Nierenerkrankung sollten Sie die empfohlene Höchstmenge von 3 Gramm Kreatin deswegen keinesfalls überschreiten. Eine ärztliche Untersuchung steht bevor? Teilen Sie dem behandelnden Mediziner frühzeitig mit, dass Sie Kreatin als Nahrungsergänzungsmittel zuführen. Denn erhöhte Kreatin-Werte im Blut können ohne Kenntnis über die Kreatin-Einnahme dazu führen, dass der Arzt eine fehlerhafte Nierenfunktion diagnostiziert.

Das Fazit – effektives Training durch 3 Gramm Kreatin pro Tag

5 Gramm Kreatin kann der menschliche Körper maximal aufnehmen. Wer sich dazu entscheidet, die Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindung über Kapseln oder in Pulverform einzunehmen, sollte maximal 3 Gramm pro Tag konsumieren. Der Grund: Auch über die Nahrung nehmen wir täglich Kreatin auf. Ein Überschuss wird über die Nieren abgebaut und ausgeschieden. Durch die Einnahme von Kreatin können erwachsene Sportler eine höhere Leistung erzielen. Gleichzeitig können die Muskeln aufgrund von Wassereinlagerungen grösser erscheinen.

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Flüchtlingspolitik
Deutschland schiebt mehr abgelehnte Asylbewerber ab

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Osnabrück – Die Zahl der Abschiebungen aus Deutschland ist im ersten Halbjahr um mehr als ein Viertel gestiegen. Es wurden 7861 Personen abgeschoben, knapp 27 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das geht aus der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor, die der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) vorliegt. Davon waren 1664 Frauen und 1375 Minderjährige. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird oder deren Visum oder Aufenthaltstitel abgelaufen ist, müssen Deutschland verlassen. Tun sie das nicht und es liegen keine Hinderungsgründe wie etwa eine Krankheit oder andere Duldungsgründe vor, muss die Ausländerbehörde sie abschieben. Allerdings scheitern in der Praxis in Deutschland zwei von drei Abschiebungen. So mussten im ersten Halbjahr laut Ministerium allein 520 Abschiebungs-Versuche auf dem Luftweg in letzter Minute abgebrochen werden, weil die Betroffenen Widerstand leisteten, die Piloten oder Fluggesellschaften sich weigerten oder die Bundespolizei die Übernahme verweigerte. Die meisten Ausländer wurden auch im ersten Halbjahr 2023 in ihre Herkunftsländer zurückgebracht: Georgien, Nordmazedonien, Albanien, Moldau und Serbien. Abschiebungen sind ein kontrovers diskutiertes Thema. Die Koalition aus SPD, Grünen und FDP hatte schon in ihrem Koalitionsvertrag eine Rückführungsoffensive angekündigt, um Ausreisen konsequenter durchzusetzen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser will die Regeln für Abschiebungen verschärfen. Am 30. Juni 2023 lebten laut Ministerium 279.098 ausreisepflichtige Personen in Deutschland, davon besaßen 224.768 eine Duldung. Die Zahl der Ausreisepflichtigen ist damit erstmals seit vielen Jahren gesunken. In den vergangenen Jahren hatte es – vor allem wegen der Corona-Pandemie – deutlich weniger Abschiebungen als in den Jahren zuvor gegeben. 2022 wurden aus Deutschland 12.945 Menschen abgeschoben Zusätzlich wurden in den ersten sechs Monaten 2023 auch 2186 Personen, die unerlaubt eingereist waren, direkt an der Grenze zurückgeschickt. Ähnlich stark wie die Abschiebungen stieg auch die Zahl der Menschen, die freiwillig aus Deutschland ausreisten. Mit Bundes-Fördergeldern verließen 4892 Menschen wieder das Land, mit Geldern von Ländern und Kommunen 2309 Personen. Die fluchtpolitische Sprecherin der Linken Clara Bünger, die die Anfrage gestellt hatte, kritisierte die gestiegenen Zahlen. Bünger sagte: „Allzu oft werden dadurch Menschen unter Androhung oder Anwendung von Gewalt an Orte zurückgezwungen, an denen ihnen Krieg, extreme Armut und Perspektivlosigkeit drohen. Das ist unverantwortlich.“ Statt einer Abschiebungsoffensive forderte sie von der Bundesregierung „eine Offensive für Humanität und Menschlichkeit“.