Regensburg – Am Schwanenplatz in Regensburg ist in den vergangenen Wochen ein Ort entstanden, der für viele Menschen in dieser Stadt lange gefehlt hat: ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an Fatih Saraçoğlu — einen jungen Mann, der in Regensburg aufwuchs und am 19. Februar 2020 beim rechtsterroristischen Anschlag in Hanau ermordet wurde.
Fatih Saraçoğlu wurde am 1. April 1985 im türkischen Iskilip in der Provinz Çorum geboren. Er wuchs in Regensburg auf, absolvierte dort seine Schulausbildung und seine Berufsausbildung, lebte mit Familie und Freunden in der Stadt.
Erst wenige Jahre vor seinem Tod war er nach Maintal im Rhein-Main-Gebiet gezogen, um sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig zu machen — bundesweit wollte er tätig werden. Sein Bruder Hayrettin beschrieb ihn so: „Er war jemand, der viele Ideen hatte, der viel wollte. Er hat mich auch immer angetrieben.“ Fatih Saraçoğlu wurde 34 Jahre alt. Vier Kugeln trafen ihn auf offener Straße vor der Shisha-Bar „Midnight“ am Hanauer Heumarkt.
Der Anschlag von Hanau
In der Nacht des 19. Februar 2020 verübte der Rechtsterrorist Tobias R. einen rassistisch motivierten Anschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau. Binnen weniger Minuten ermordete er neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.
Ibrahim Akkuş starb am 10. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren als zehntes Todesopfer an den Spätfolgen des Anschlags. Der Täter erschoss anschließend seine Mutter und sich selbst. Der Generalbundesanwalt stellte fest, dass die Tat strategisch und planvoll ausgeführt worden war.
Die Familie Saraçoğlu erfuhr vom Tod Fatihs erst durch seine Vermieterin. Gewebeproben wurden ihnen laut Hayrettin Saraçoğlu teilnahmslos ausgehändigt, psychologische Betreuung wurde nicht angeboten. „Das Ursprungsproblem des Anschlags und des Behördenumgangs mit den Angehörigen sei Rassismus“, erklärte Hayrettin Saraçoğlu öffentlich.
Eine temporäre Installation — und eine dauerhafte Forderung
Die aktuelle Initiative am Schwanenplatz geht auf den Neuen Kunstverein Regensburg zurück. In Abstimmung mit der Familie wurde im Rahmen einer sogenannten „Kunsthaltestelle“ ein Schild mit der Aufschrift „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ angebracht.
Alle 30 Minuten erklingt ein akustisches Element: das Gedicht „In der Sprache des Mörders“, verfasst von Derya Saraçoğlu, der Schwägerin von Fatih. Der Künstler Jonas Höschl versteht die Intervention als Einladung zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung.
Doch die Installation ist auf drei Monate begrenzt — und genau daran entzündet sich die Kritik. Es ist nicht das erste Mal, dass Regensburg versucht, an Fatih Saraçoğlu zu erinnern.
Bereits zuvor wurde der Neupfarrplatz unter dem Motto „#SayTheirNames“ vorübergehend in „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ umbenannt — Plakate wurden damals von Unbekannten heruntergerissen, die Veranstalter erhielten ein Bußgeld vom städtischen Ordnungsamt wegen falsch aufgehängter Plakate. Das Gedenken an den Regensburger verkam zum Rechtsstreit, bei dem die Stadt ein würdeloses Bild abgab.
Sechs Jahre — und noch kein dauerhafter Gedenkort
Sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau gibt es in Regensburg noch immer keinen dauerhaften und würdigen Gedenkort für Fatih Saraçoğlu. Forderungen der Familie sollen über Jahre hinweg unbeantwortet geblieben sein, Zusagen der ehemaligen Oberbürgermeisterin bislang nicht eingehalten worden sein.
Bis heute warten die Angehörigen auf zentrale Zeichen des Erinnerns — darunter eine Grabsteinlegung, eine Straßenumbenennung sowie eine dauerhafte Gedenktafel.
Besonders schmerzlich: In Fatihs Geburtsstadt Iskilip in der Türkei wurde bereits vor Jahren eine Straße nach ihm benannt — ausgerechnet in Regensburg, der Stadt, mit der er den größten Teil seines Lebens verband, fehlt ein solcher Ort bis heute.
„Wir hatten keine Ahnung, wie laut Schweigen sein kann“, wird die Familie zitiert.
Die Forderung
Mutlu Koçak, Autor, Aktivist und Unterstützer der Familie, verweist auf einen Widerspruch, der in vielen deutschen Städten sichtbar ist: Straßen tragen noch immer Namen historischer Persönlichkeiten, die mit Kolonialverbrechen oder autoritären Regimen in Verbindung stehen — während die Würdigung von Opfern rechter Gewalt oft temporär bleibt oder ganz ausbleibt.
Die Forderung der Familie und ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer ist klar: Der Fatih-Saraçoğlu-Platz soll dauerhaft bestehen bleiben. Darüber hinaus wird ein grundsätzlicher Wandel im Umgang mit öffentlicher Erinnerung gefordert — Täter-Namen sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden, während die Namen der Opfer sichtbar und dauerhaft verankert werden.


