Hanau-Attentat
Sechs Jahre danach: Die Wunde von Hanau bleibt offen

Sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau bleibt die Erinnerung an die Opfer Teil der Gegenwart. Die Angehörigen fordern weiterhin Aufklärung und Konsequenzen.

Teilen

Von Kemal Bölge

Es ist ein kalter Abend im Februar, wie damals. Die Luft scheint stillzustehen, als würde auch sie sich erinnern. Sechs Jahre sind vergangen seit dem 19. Februar 2020, seit jener Nacht, in der ein rassistischer Täter neun junge Menschen aus dem Leben riss.

Sechs Jahre – eine Zeitspanne, die lang genug ist, um Jahreszahlen zu wechseln, Regierungen kommen und gehen zu sehen, Schlagzeilen zu verdrängen. Und doch ist sie zu kurz, um zu heilen, was nicht heilbar ist.

Die Namen sind geblieben. Gökhan. Sedat. Ferhat. Mercedes. Hamza. Said Nesar. Vili Viorel. Kaloyan. Fatih. Ihre Namen sind mehr als Erinnerung; sie sind Widerstand gegen das Vergessen. Sie sind ein leiser, beharrlicher Einspruch gegen eine Welt, die dazu neigt, weiterzugehen, während andere stehen bleiben müssen.

In Hanau selbst ist Erinnerung kein abstrakter Begriff. Sie ist eingeschrieben in Straßenecken, in Hausfassaden, in improvisierte Gedenkorte, die längst zu festen Zeichen geworden sind. Blumen, die verwelken und erneuert werden. Kerzen, deren Flammen zittern, aber nicht erlöschen. Erinnerung ist hier keine Geste, sondern ein Zustand.

Was damals geschah, war kein isolierter Ausbruch. Es war die tödliche Konsequenz einer rassistischen Ideologie, die Menschen sortiert, abwertet und entmenschlicht. Der Anschlag war ein Bruch – nicht nur im Leben der Familien und Freunde, sondern auch im Selbstverständnis einer Gesellschaft, die sich gern als offen und plural begreift.

Seitdem haben die Angehörigen gesprochen, immer wieder, gegen das Vergessen und gegen die Müdigkeit der Öffentlichkeit. Sie haben Fragen gestellt, deren Dringlichkeit nicht mit den Jahren abnimmt. Sie haben getrauert in einer Öffentlichkeit, die oft nicht weiß, wohin mit dieser Trauer. Und sie haben erinnert, nicht nur an den Tod, sondern vor allem an das Leben: an Lachen, an Pläne, an Zukünfte, die nie stattfinden werden.

Vielleicht ist das das Schwerste am Erinnern: nicht nur das Geschehene anzuerkennen, sondern das Fehlende auszuhalten. Die Gespräche, die nicht mehr geführt werden. Die Geburtstage, die stiller geworden sind. Die gewöhnlichen Tage, in denen die Abwesenheit am lautesten ist.

Sechs Jahre danach ist Hanau ein anderer Ort. Nicht, weil die Zeit die Dinge leichter gemacht hätte, sondern weil die Erinnerung Teil seiner Gegenwart geworden ist. Weil es Menschen gibt, die sich weigern, die Nacht von damals zu einem abgeschlossenen Kapitel werden zu lassen.

Erinnerung ist keine Rückwärtsbewegung. Sie ist eine Entscheidung in der Gegenwart. Eine Entscheidung, die Namen auszusprechen. Eine Entscheidung, hinzusehen. Eine Entscheidung, Menschlichkeit nicht für selbstverständlich zu halten.

An diesem Jahrestag ist Hanau nicht nur ein Ort der Trauer. Es ist ein Ort der Frage: Was bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, die sich ihrer eigenen Verletzlichkeit bewusst geworden ist? Und was bedeutet es, aus dieser Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen?

Die Antworten sind nicht laut. Sie liegen in den Stimmen derjenigen, die erinnern. Und in der stillen Gewissheit, dass die Toten nicht verschwinden, solange ihre Namen gesprochen werden.


Fakten zum Anschlag in Hanau

Datum: 19. Februar 2020

Tatzeit: Ab ca. 21:55 Uhr

Tatorte: Ein Kiosk am Heumarkt (Hanau-Innenstadt) und eine Bar sowie ein Kiosk im Stadtteil Kesselstadt.

Todesopfer des rassistischen Anschlags: Insgesamt starben zehn Menschen durch die Folgen der Tat. Neun Menschen wurden unmittelbar in der Tatnacht ermordet: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Am 10. Januar 2026 verstarb mit Ibrahim Akkuş ein Überlebender, der in der Arena Bar achtmal angeschossen worden war, an den körperlichen und seelischen Spätfolgen.

Weitere Tote: Nach der Tat tötete der Täter in der gemeinsamen Wohnung seine 72-jährige Mutter und anschließend sich selbst.

Täter: Ein 43-jähriger Deutscher aus Hanau. Nach der Tat tötete er seine Mutter und anschließend sich selbst in der gemeinsamen Wohnung.

Motiv: Die Ermittlungen des Generalbundesanwalts bestätigten eine tiefgreifende rassistische Motivation sowie rechtsextremistische Ideologien und Verschwörungstheorien des Täters.

Konsequenzen: Der Anschlag löste eine bundesweite Debatte über Behördenversagen (u.a. verschlossener Notausgang, mangelhafte Erreichbarkeit des Notrufs) und den Schutz vor rechtsextremer Gewalt aus.


ZUM THEMA

– NEX24-Exklusivinterview –
Yasin Baş: „Hanau-Attentat war ein Angriff auf Deutschland“

Bei dem rechtsterroristischen Anschlag auf zwei Shisha-Bars in der hessischen Stadt Hanau kamen insgesamt elf Menschen ums Leben. Nun jährt sich der Amoklauf zum zweiten Mal. NEX24 sprach darüber mit dem deutsch-türkischen Politikberater und Autor Yasin Baş.

Yasin Baş: „Hanau-Attentat war ein Angriff auf Deutschland“

 

Auch interessant

Mattner: Die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Muslime

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Die Opfer des islamistischen Terrors? Sehr häufig Muslime. Eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion erstaunlich oft untergeht. Eine internationale Untersuchung...

Rekordwahl in Israel: Weder Netanjahu noch Eisenkot kommt auf eine Regierungsmehrheit

Tel Aviv - Die Knesset-Wahl in Israel hat nach ersten Exit-Polls und einer historisch hohen Wahlbeteiligung kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Weder Premierminister Benjamin Netanjahu...

Damaskus: Al-Scharaa warnt vor Krieg gegen Israel

Damaskus - Die syrische Führung soll Washingtoner Kreisen zufolge unmissverständlich klar gemacht haben, dass der Wille zur Vermeidung eines erneuten Krieges keineswegs mit mangelnder...

Klasse-B-Autoklaven als Rückgrat moderner Instrumentenaufbereitung

Sterilisation ist in vielen Bereichen längst nicht mehr nur ein Thema für große Kliniken. Ob Zahnarztpraxis, ambulantes OP-Zentrum, Podologie, Dermatologie oder Tattoo- und Piercingstudio:...

Fed und EZB vor Zinspause: Zinsangst, KI-Hype und Bitcoin

Von Dominic Weibel Die Fed und die EZB dürften diese Woche den Schraubenschlüssel liegen lassen. Beide stehen weiterhin im Tauziehen zwischen Inflationsdruck und Wachstumssorgen. Vor...

Headlines

Merz: Iran-Krieg kostete Europa mehr als 100 Milliarden

Berlin - Der Konflikt im Nahen Osten und dessen wirtschaftliche Folgen für Europa sorgen für neue diplomatische Spannungen. Bei...

Selenskyj zu Arbeitsbesuch bei Erdoğan in Istanbul eingetroffen

Istanbul - Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist heute zu einem Arbeitsbesuch in Istanbul eingetroffen. Auf Einladung des türkischen...

Epstein: El-Sayed fordert Trump zu einem Lügendetektortest auf

Detroit - Im Endspurt des US-Senatswahlkampfs in Michigan haben sich der demokratische Kandidat Abdul El-Sayed und US-Präsident Donald Trump...

Bericht: Israelische Einflusskampagne fördert Islamfeindlichkeit

London - Eine neue Untersuchung legt offen, wie eine verdeckte Desinformationskampagne mit Millionenaufwand antimuslimische und rassistische Narrative in Europa...

Meinung

Merz: Iran-Krieg kostete Europa mehr als 100 Milliarden

Berlin - Der Konflikt im Nahen Osten und dessen wirtschaftliche Folgen für Europa sorgen für neue diplomatische Spannungen. Bei seinem Besuch in Südkorea hat...

Selenskyj zu Arbeitsbesuch bei Erdoğan in Istanbul eingetroffen

Istanbul - Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist heute zu einem Arbeitsbesuch in Istanbul eingetroffen. Auf Einladung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan kommt...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Aliyev’in Konuşması ve Türkiye: Eleştiriler Neden Asıl Meseleyi Kaçırıyor?

Toghrul Hasanzadeh Azerbaycan Cumhurbaşkanı İlham Aliyev'in 2 Ekim 2026'da iktidardaki Yeni Azerbaycan Partisi'nin VIII. Kurultayı'nda yaptığı konuşma, Bakü'nün çok ötesinde de tartışmalara yol açtı. Özellikle...