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Boykott: Israelischer Landwirtschaft droht ein „Kollaps“

Was als vereinzelte Protestaktionen begann, hat sich laut Berichten von israelischen Branchenblättern zu einer ernsthaften wirtschaftlichen Bedrohung ausgeweitet.

(Foto: pixa)
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Tel Aviv – Israels Landwirtschaft, einst Stolz der Nation und wichtiger Devisenbringer, steht vor einem beispiellosen Trümmerhaufen. Landwirte und Branchenexperten warnen eindringlich vor einem „bevorstehenden Kollaps“ des Agrarexports. Der Grund: Eine weltweit wachsende Ablehnung israelischer Produkte als Reaktion auf das militärische Vorgehen im Gazastreifen.

Was als vereinzelte Protestaktionen begann, hat sich laut Berichten von israelischen Branchenblättern zu einer ernsthaften wirtschaftlichen Bedrohung ausgeweitet. Besonders die europäischen Märkte, die traditionell zu den wichtigsten Abnehmern für israelisches Obst und Gemüse gehören, ziehen sich zunehmend zurück.

Der „stille Boykott“ zeigt Wirkung

Landwirte aus der Arava-Region und dem Jordantal berichten, dass europäische Supermarktketten und Großhändler Bestellungen stornieren oder Verträge nicht verlängern. Dabei handelt es sich oft um einen „stillen Boykott“: Die Ketten begründen die Absagen offiziell mit logistischen Problemen oder mangelnder Nachfrage, doch hinter den Kulissen ist der Druck der Konsumenten spürbar.

Besonders betroffen sind Premium-Produkte wie Medjool-Datteln, Avocados und Zitrusfrüchte. „Unsere Produkte verrotten teilweise in den Lagern oder müssen zu Schleuderpreisen auf dem heimischen Markt verkauft werden, weil der Exportweg nach Europa und in Teile Asiens faktisch blockiert ist“, zitiert der Bericht einen betroffenen Farmer. Das Label „Made in Israel“ hat sich für viele internationale Einkäufer von einem Qualitätssiegel zu einem Reputationsrisiko gewandelt.

Arbeitskräftemangel verschärft die Krise

Zu dem internationalen Boykott gesellt sich ein massives internes Problem: der akute Mangel an Arbeitskräften. Seit Beginn der Eskalation im Oktober 2023 ist der Sektor gelähmt. Tausende thailändische Gastarbeiter haben das Land verlassen, während palästinensischen Arbeitern aus dem Westjordanland der Zugang zu den Feldern verweigert wird.

Die israelische Regierung versuchte, die Lücken mit Freiwilligen und Arbeitern aus Malawi oder Indien zu füllen, doch die Produktivität erreicht bei weitem nicht das erforderliche Niveau für den Exportmarkt. Die Folge sind explodierende Produktionskosten bei gleichzeitig wegbrechenden Einnahmen.

Finanzieller Ruin für tausende Familien

Die wirtschaftlichen Kennzahlen sind düster. Schätzungen zufolge könnten die Exporteinnahmen im Agrarsektor in diesem Jahr um bis zu 30 bis 40 Prozent einbrechen. Für viele landwirtschaftliche Genossenschaften (Moschawim) bedeutet dies den finanziellen Ruin. Ohne massive staatliche Subventionen, die aufgrund des hohen Militärbudgets derzeit knapp sind, wird ein Großteil der Betriebe das Jahr 2026 nicht überstehen.

Die Warnungen der Landwirte sind auch ein Signal an die Politik in Tel Aviv. Sie machen deutlich, dass die internationale Isolierung Israels längst die reale Wirtschaft erreicht hat. Der Vorwurf des Genozids im Gazastreifen, der derzeit auch den Internationalen Gerichtshof beschäftigt, hat eine Dynamik entfacht, die sich durch moralische Appelle nicht mehr stoppen lässt.

BDS: Die drei Buchstaben, die Israel fürchtet

Hinter diesem wirtschaftlichen Druck steht maßgeblich die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions). Die 2005 gegründete palästinensische Initiative verfolgt drei klare Ziele:

  • Boykott: Der Verzicht auf israelische Produkte, Kultur und akademische Zusammenarbeit.
  • Desinvestition (Divestment): Der Abzug von Kapital aus Unternehmen, die von der Besatzung profitieren.
  • Sanktionen: Druck auf Regierungen, rechtliche Strafmaßnahmen gegen Israel zu verhängen.

Die Bewegung orientiert sich explizit am historischen Vorbild des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika. Was jahrelang als Randphänomen abgetan wurde, hat im Jahr 2026 eine neue Qualität erreicht. Unterstützt von internationalen Gewerkschaften, Studentenverbänden und prominenten Künstlern, ist BDS zu einer globalen Kraft geworden, die Israel zunehmend als „Paria-Staat“ isoliert.

Israels Kampf gegen die „Existenzbedrohung“

Die israelische Regierung stuft BDS nicht als legitimen Protest, sondern als strategische „Existenzbedrohung“ ein. Das Land investiert Millionen in Ministerien und PR-Kampagnen, um die Bewegung als antisemitisch zu brandmarken und ihre Protagonisten weltweit juristisch zu verfolgen.

In vielen US-Bundesstaaten und auch in Deutschland wurden auf Drängen pro-israelischer Netzwerke Anti-BDS-Resolutionen verabschiedet, die eine öffentliche Förderung von Boykott-Unterstützern erschweren.

Doch trotz dieser massiven Gegenwehr zeigt der aktuelle Einbruch im Agrarsektor: Der „stille Boykott“ der Konsumenten lässt sich nicht per Gesetz verbieten. Wenn europäische Supermarktketten aus Angst vor Reputationsschäden Verträge stornieren, treffen sie Israel an seiner empfindlichsten Stelle – dem Geldbeutel.

Wirtschaft im freien Fall

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Israels Staatsverschuldung ist bis Anfang 2026 massiv angestiegen, während die Investitionen in Start-ups und Landwirtschaft eingebrochen sind. Experten warnen, dass das Label „Made in Israel“ auf dem Weltmarkt dauerhaft beschädigt sein könnte.

Für die israelischen Landwirte, die oft keine politischen Akteure sind, fühlt sich dieser wirtschaftliche Krieg wie der Anfang vom Ende an. Ohne eine radikale politische Kursänderung in Tel Aviv, so die Befürchtung, wird der Agrarexport als einer der ersten Sektoren den totalen Kollaps erleben.