Meinung
Kommentar: Die Türkei fühlt sich mit der Nato im Rücken sicherer

Sowohl der russische Präsident Wladimir Putin, als auch Erdogan haben die letzten Monate in der Öffentlichkeit immer wieder Stärke und Zusammenhalt demonstriert. Doch hinter den Kulissen war es alles andere als harmonisch.

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Ein Gastkommentar von Yilmaz Bingöl

Letzte Woche kurz vor der Urlaubssaison hatte Russland die meisten Charter- und Linienflüge in die Urlaubsziele der Türkei ausgesetzt. Als Grund nannte Russland den starken Corona-Anstieg in der Türkei.

Politische Beobachter gehen jedoch davon aus, dies als Warnung Moskaus an Ankara zu verstehen – wegen der Waffenlieferung und den Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zur Lage in der Ukraine. Daraufhin hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Bürger zur Unterstützung aufgerufen, ihren Urlaub jetzt in der Türkei zu verbringen.

Sowohl der russische Präsident Wladimir Putin, als auch Erdogan haben die letzten Monate in der Öffentlichkeit immer wieder Stärke und Zusammenhalt demonstriert. Doch hinter den Kulissen war es alles andere als harmonisch. Denn Streitpunkte wie der bröckelnde Sicherheitspuffer im Norden Syriens oder der Libyenkonflikt bei dem Russland gemeinsam mit Frankreich und Ägypten den kriminellen General und Putschisten Haftar unterstützte, zeugten nicht von gemeinsamen Interessen.

Als Teil des geopolitischen Projekts „Großraum Mittlerer Osten“ ist die Türkei mit Ländern wie Ägypten, Saudi-Arabien, Syrien, Irak und Libyen seit jeher abhängig von den USA. Unter Erdogan hat sich diese Position nicht geändert, auch wenn man zwischenzeitlich einen anderen Eindruck aufgrund dem Bestreben nach mehr Souveränität vermittelte. Die Türkei fühlt sich mit den USA bzw. der Nato im Rücken sicherer.

Mit Russland eint die Türkei ein wirtschaftliches Zweckbündnis in der Landwirtschaft, der Gas-Pipeline und dem Tourismus. Die russisch-türkische Pipeline ist den USA wohlgesonnener, als das russisch-deutsche Pipeline-Projekt North-Stream 2. Denn die USA haben die Türkei und die Ukraine besser unter Kontrolle, weil beide keine EU-Mitglieder sind.

Und somit ist Russland für sein Gas in die EU auch von den beiden Gasförderländern abhängig. So können die USA zum einen Russland beeinflussen, als auch die EU. Deshalb war es damals ein taktisch großer Fehler von der EU, die Türkei aufgrund kultureller Bedenken und unliebsamer Machtverteilung nicht aufgenommen zu haben. Denn heute üben die USA wieder erfolgreich ihren Einfluss aus.

Die Türkei ist gut beraten sich zwischen beiden Mächten soweit es geht neutral zu positionieren und somit deeskalierend in der Region zu wirken. Denn bei einem erneuten offensiven Kalten Krieg beider Großmächte, bei dem mittlerweile auch mit China ein dritter im Bunde ist, wäre die Türkei ähnlich wie der Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen mittendrin. Was vom türkischen Volk nicht gewollt sein kann, für dieses seit jeher der Ausspruch des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürks gilt „Yurtta sulh, cihanda sulh“ (auf Deutsch: Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt).


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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