Bananensprayer Thomas Baumgärtel
Kommentar: Remzi Aru zur Kunstfreiheit in Deutschland

Eine Banane im Hintern von Erdoğan in der Langenfelder Kunsthalle inspiriert den Unternehmer und ADD-Sprecher Remzi Aru zu einem inneren Monolog auf NEX.

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Ein Gastkommentar von Remzi Aru

„Wer nichts weiß und wer nichts kann, geht zur Post oder zur Bahn“ und „Wer nichts wird, wird Wirt“ lauteten einst zwei böse Sprüche, die in meinem deutschen Wohnumfeld umgingen – und ich fand sie damals schon unangemessen, da es in beiden genannten Dienstleistungsunternehmen ebenso wie in der Gastronomie eine Menge sehr fähiger und cleverer Menschen gibt, die ungemein Wertvolles für unser Gemeinwesen leisten.

Allerdings hat mir die jüngste „Kunst“-Darbietung des „Meisters“ Thomas Baumgärtel in Langenfeld diese Bonmots wieder in Erinnerung gerufen und mich zu einer Erweiterung der Aussagen über Postler, Eisenbahner und Wirte inspiriert, die da lautet: „Und hast Du nicht mal damit Glück, gibt’s immer noch Islam-(Türkei-)Kritik.“

Nun, weder Thomas Baumgärtel noch Langenfeld dürften bis dato weit ins öffentliche Bewusstsein des Landes vorgedrungen sein. Dank eines „Kunstwerks“, das eine „Banane im Hintern von Erdoğan“ darstellt, haben es jedoch beide auf einmal zum erwünschten 15-Minuten-Starruhm gebracht, bevor sie wieder in jener Bedeutungslosigkeit versinken, wo sie auch hingehören.

Ob und wenn ja, welche genaue Aussage diese Darbietung transportieren soll, bleibt wie immer der Fantasie des Betrachters überlassen. Vielleicht ist die Banane ja als Symbol für Ostdeutschland gedacht und die Aussage des Machwerks, dass die dort herstammende Angela Merkel zu Taktiken der Analakrobatik gegenüber dem türkischen Präsidenten greifen muss, damit ihr nicht ihre eigene Flüchtlingspolitik um die Ohren fliegt.

Ich tippe hingegen eher darauf, dass die Aussage dahinter lautet: „Ich, ein unbekannter Nichtsnutz aus einer unbedeutenden Provinz, will auch mal den Geruch der großen weiten Welt spüren und habe jetzt auch endlich die Formel dafür gefunden.“

Nachdem der „Bananensprayer“ realisieren musste, dass die Verfremdung traditionell gefahrloser Spottobjekte wie deutscher Weltkriegssoldaten oder christlicher Glaubenssymbole nicht mehr so sicher wie früher den Weg zum dauerhaften Ruhm darstellt, musste etwas her, was auch wirklich ungeteilte überregionale Aufmerksamkeit garantiert.

Und einmal mehr erwies sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan als oberster Karriereförderer für C-Promis aus der Kunstszene. Erdoğan-Darstellungen, möglichst niveauarm und unterhalb der Gürtellinie, wie es der westlichen Hochkultur angemessen ist, führen heute schneller zum Erfolg als jeder Auftritt im Dschungelcamp. Jan Böhmermann hat es vorgemacht, die Plagiatoren folgen.

Primitiv-„Kunst“, die sich gegen Erdoğan richtet, ist in Deutschland zum Patentrezept für Popularität und Ruhm geworden. Wie die in 2000ern von einer unheiligen Allianz aus Kulturmarxisten und Neokonservativen gepushte „Islamkritik“ ist sie Ausdruck der Selbstbeweihräucherungssucht eines Westens, der sich immer noch für überlegen hält, obwohl er zusehen muss, wie er selbst wirtschaftlich stagniert, kulturell verfällt, politisch immer einflussloser wird und demografisch von der Bildfläche verschwindet.

Auch kann man unter diesem Banner endlich Rassisten und Fremdenfeinde mit ins Boot holen, deren Hass gegen Türken – die von der NPD als „völkischer Feind Nummer eins“ betrachtet werden – als solcher politisch nicht korrekt war, unter dem Banner des Maßregelungsdrangs der selbstberufenen demokratischen Musterschüler gegen den Islam und die Türkei aber wieder offiziell rehabilitiert werden kann.

Nun, natürlich waren deutsche Qualitätsmedien wie bereits im Fall Böhmermann Feuer und Flamme für die „gelungene Provokation“, und wie schon anlässlich des Anschlages auf „Charlie Hebdo“ in Paris betont wurde, dient dies als Beispiel dafür, wie hoch im freien Westen die „künstlerische Freiheit“ geschätzt wird und „verletzte Gefühle“ dieser nicht im Weg stehen dürfen.

Wie immer gibt es natürlich Ausnahmen, bei denen die Grenzen der „Kunstfreiheit“ sehr schnell gezogen sind: Etwa wenn ein „islamistischer“ Dieudonné wegen geschmackloser Aussagen gerichtlich verurteilt wird, im Haus des rechtsradikalen Sängers Frank Rennicke Spielzeugwaffen beschlagnahmt oder die linken Musiker von der „Erste Allgemeine Verunsicherung“ nach einem USA-kritischen Machwerk von den Bildschirmen verbannt werden. Aber diese bestätigen ja offenbar die Regel, und die heißt, dass Journalisten und Künstler, sofern sie die politisch „richtige“ Meinung haben, nicht nur über jedweder sonst gerne beschworenen Notwendigkeit stehen, „Respekt“ und „gesellschaftliche Einigkeit“ zu zeigen, sondern,  wenn sie Glück haben, auch über dem Gesetz.

Aber wenn das so ist, dann will ich auch mal – rein künstlerisch – einen kleinen Gedankenstrom fließen lassen, keine Bange, nicht so ausgedehnt wie James Joyce oder Alfred Döblin, aber so weit, wie es nötig ist, um deutlich zu machen, warum die Verachtung gegenüber den hiesigen politischen und gesellschaftlichen Eliten und das Misstrauen gegenüber den Medien von Tag zu Tag größer werden und zwar sowohl in den Einwanderercommunitys als auch unter den bereits länger hier Ansässigen.

Ihr wollt, wenn ich das richtig verstanden habe, „Anpassung“, „Respekt“ vor „euren Werten“, Einwanderer sollen die „Überlegenheit“ Eurer „Zivilisation“ anerkennen und in deutlicher erkennbarer Weise das wertschätzen, wofür „Europa“ oder der „Westen“ stehen.

Nun, was sollen „wir“ denn da genau lobpreisen? Die „aufgeklärte Wissensgesellschaft“, die bis 1945 noch geglaubt hat, man könne die Charaktereigenschaften eines Menschen anhand seiner Schädelform erkennen? Die heute Scharlatanen wie dem „Club of Rome“ huldigt, der die Menschheit unter dem Banner irrer Ökoesoterik zur Selbstauslöschung motivieren will, obwohl sich sämtliche seiner Katastrophenvorhersagen als Legenden entpuppt haben?

Eine „Pressefreiheit“, die es ermöglicht, in den Niederlanden einen Journalisten für 15 Stunden ohne Richterbeschluss zu inhaftieren, nur weil er nicht Erdoğan-kritisch genug ist? Eine „Herrschaft des Rechts“, unter der Politiker und Banker sich Tag für Tag sehenden Auges über höchstgerichtliche Urteile hinwegsetzen, als wären sie die Wortspende eines Tresenphilosophen?

Ihr wollt „Toleranz außer gegenüber der Intoleranz“ und plustert Euch als wackere Kämpfer gegen Nationalismus und Islamismus auf, aber habt mit beidem kein Problem, wenn sie Euch helfen, missliebige Regierungen in anderen Ländern zu unterminieren oder den Ölpreis niedrig zu halten? Ihr blafft muslimische Einwanderer an, sie sollen gefälligst akzeptieren, dass ihre religiösen, ästhetischen oder moralischen Gefühle irrelevant sind, aber diskutiert ein Verbot von Kleidungsstücken, sobald sich ein paar von Euch Sensibelchen durch den Anblick einer verschleierten Frau irritiert fühlen?

Und Ihr wundert Euch auch nur für den Bruchteil einer Sekunde darüber, dass immer mehr Menschen – aus Einwanderercommunitys, aber auch aus der alteingesessenen Bevölkerung – diese allgegenwärtige Heuchelei nicht mehr ertragen können und dieser Gesellschaft innerlich kündigen?

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Satz jetzt sagen soll, denn eigentlich widerspricht er meiner Kinderstube. Aber da ich als braver westlicher Demokrat aus den unabhängigen und kritischen Qualitätsmedien gelernt habe, dass verletzte Gefühle in unseren Breiten keine schützenswerten Rechtsgüter sind, spreche ich es aus – zumal Euch das Thema ja offenbar beschäftigt:

Steckt doch am besten Euch Eure eigenen „Werte“ in den Allerwertesten!

 

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