Ein Gastkommentar von Özgür Çelik
Patrick Haennis Werk „L’Islam de marché : L’autre révolution conservatrice“ zählt trotz der Jahre seit seiner Veröffentlichung weiterhin zu den Schriften, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.
Der Hauptgrund dafür liegt in der sorgfältigen und vielschichtigen Analyse der jüngsten Transformationen islamistischer Bewegungen. Indem Haenni Brüche innerhalb des Islamismus, die gegenüber der Moderne gemachten Zugeständnisse sowie die daraus hervorgegangenen neuen Formen von Religiosität ins Zentrum stellt, macht er den Zerfall der klassischen Muster des politischen Islam sichtbar.
Der Autor gilt in der französischen politikwissenschaftlichen Literatur als einer derjenigen, die die These vom „Scheitern des politischen Islam“ am systematischsten ausgearbeitet haben.
Zwar wurde diese These bereits Anfang der 1990er Jahre von Olivier Roy formuliert, doch Haennis origineller Beitrag besteht darin zu zeigen, dass das Engagement im Namen des Islam sich inzwischen außerhalb der traditionellen islamistischen Symbolik entwickelt.
Während der Islamismus als politisches und organisatorisches Projekt an Attraktivität verliert, entsteht eine neue religiöse Sensibilität, die mit individuellem Erfolg, Unternehmertum, persönlicher Entwicklung und marktwirtschaftlichen Werten kompatibel ist.
Nach Haenni ist diese Transformation sowohl das Ergebnis der Enttäuschungen, die durch autoritäre und zentralistische Strukturen islamistischer Organisationen hervorgerufen wurden, als auch der zunehmenden nationalen und internationalen Repressionen nach dem 11. September.
Religion im Dienst des Marktes?
Zugleich hat die Globalisierung – insbesondere durch westlich geprägte Konsummuster – eine kulturelle Anpassung in muslimischen Gesellschaften bewirkt, die diesen Prozess beschleunigt hat. Islamistische Utopien wurden so zunehmend durch weltlichere und individualistische Lebensstile ersetzt, die versuchen, religiöse Normen mit marktwirtschaftlicher Ethik zu versöhnen.
Als symbolische Figur dieser neuen Ausrichtung hebt Haenni den ägyptischen Prediger Amr Khaled hervor. Dessen populäre Fernsehprogramme zielen darauf ab, den Islam von rigidem Moralismus und politischen Fixierungen zu befreien und ihn in einem mit individueller Selbstverwirklichung vereinbaren Rahmen zu präsentieren.
Dieser Ansatz steht für eine Religiosität, die sich von den Grenzen islamistischer Militanz gelöst hat, in Kontakt mit der Welt steht und sich den Dynamiken der Gegenwart anpasst. Genau hier stellt sich jedoch eine entscheidende Frage: Bedeutet der Marktislam tatsächlich das Ende des politischen Islam – oder lediglich seine neue Erscheinungsform?
Haennis These des Post-Islamismus beruht auf der Annahme, dass die Mobilisierungsfähigkeit des Islamismus weitgehend erschöpft sei. Demgegenüber bleiben islamistische Parteien in vielen Ländern nach wie vor starke Anziehungspunkte für Bevölkerungsgruppen, die von autoritären Regimen und politischer Abnutzung enttäuscht sind.
Dies wirft Zweifel daran auf, ob der Marktislam tatsächlich eine endgültige und irreversible Überwindung der islamistischen Ideologie darstellt. Eine temporäre Anpassung religiöser Normen an institutionelle Politik bedeutet nicht zwangsläufig, dass revolutionäre oder theokratische Zielsetzungen vollständig aufgegeben wurden.
Diese Problematik wird noch deutlicher, wenn man sie gemeinsam mit dem von Bernard Rougier herausgegebenen „Qu’est-ce que le salafisme?“ betrachtet. Rougiers Werk legt die theoretischen Referenzen, praktischen Erscheinungsformen und die geografische Vielfalt des Salafismus detailliert offen und ergänzt Haennis Marktislam-These um wichtige Nuancierungen.
Die auf umfangreichen Feldforschungen beruhenden Beiträge – von der Arabischen Halbinsel bis zu den europäischen Vorstädten – verdeutlichen, wie schwierig es ist, von einer einheitlichen und homogenen post-islamistischen Transformation in der islamischen Welt zu sprechen.
Der Salafismus weist zwar tiefgreifende interne Spaltungen und Widersprüche auf, formiert sich jedoch um eine gemeinsame Referenzmatrix. Indem er die Praxis der ersten muslimischen Generationen als absolutes Vorbild setzt, entfaltet dieser Ansatz in seinen literalistischen, reformistischen und dschihadistischen Ausprägungen bis heute eine erhebliche gesellschaftliche und politische Wirkung.
Insbesondere die zunehmende Sichtbarkeit salafistischer Strömungen in den französischen Banlieues stellt die Behauptung ernsthaft infrage, der Marktislam habe sich gegenüber allen anderen Formen von Religiosität durchgesetzt.
Die intensive Nutzung des Internets und digitaler Medien durch salafistische Bewegungen zeigt zudem, wie moderne Instrumente mit einem anti-modernen Diskurs verschränkt werden können. Auch wenn sich dieser Befund in bestimmten Punkten mit Haennis Marktislam-Analysen deckt, hebt er nicht die Tatsache auf, dass der Salafismus weiterhin einen starken normativen und politischen Anspruch erhebt.
Sowohl „dschihadistische“ als auch „quietistische“ salafistische Strömungen haben das Ideal einer vollständigen Durchsetzung islamischer Normen im gesellschaftlichen Leben keineswegs aufgegeben.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die klassischen Formen des Islamismus zweifellos einer Erosion unterliegen; diese Erosion kann jedoch nicht als ein linearer und homogener post-islamistischer Prozess verstanden werden.
Der Marktislam stellt zwar eine wesentliche Dimension dieser Transformation dar, doch die fortbestehende Präsenz strenger und normativer Religiositätsformen wie des Salafismus verweist auf die anhaltende ideologische und praktische Vielfalt innerhalb der islamischen Welt. Die zentrale Frage lautet daher weniger, ob der Islamismus beendet ist, sondern vielmehr, in welchen Formen er sich neu produziert.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
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