Uigurische Literatur
Ziya Sämädis prophetischer Blick auf die Uigurenverfolgung

Ziya Sämädi (1914-2000) gilt als einer der bedeutendsten uigurischen Dramatiker und Schriftsteller. Sein Roman Mayimxan (1965) ist vermutlich der erste uigurische Roman, dessen gedruckte Originalversion bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist.

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Von Dr. Michael Reinhard Heß

Ziya Sämädi (1914-2000) gilt als einer der bedeutendsten uigurischen Dramatiker und Schriftsteller. Sein Roman Mayimxan (1965) ist vermutlich der erste uigurische Roman, dessen gedruckte Originalversion bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist.

Seinen unbestreitbaren Rang im Pantheon der uigurischen Literatur festigte Sämädi auch vermittels weiterer „historische Romane“, durch die er dieses Genre entscheidend mitprägte, und zwar lange, bevor es auch in der historischen Heimat der Uiguren in der Volksrepublik China ab dem Ende der 1979 Jahre zu Fuß fassen begann.

Geboren in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Zharkent (Ostkasachstan), kam Sämädi als junger Mann nach Zharkent und Ghulja. Obwohl er früh seinen Vater verlor und sich und seine Familie daher als Händler durchbringen musste, stieg er in den 1930er Jahren rasch zu einer zentralen Figur im uigurischen Unterrichtswesen, Theater und in der Literatur auf.

Diese glänzende und vielversprechende Laufbahn wurde jedoch jäh unterbrochen, als Sämädi im Zuge einer großangelegten Säuberungswelle des nominell für die KMT-Regierung als Militärgouverneur (chinesisch 督办Dūbàn) beziehungsweise „Kommandeur der Grenzverteidigungskommission“ agierenden kapriziösen Warlords Sheng Shicai (1897-1970) im Jahr 1937 verhaftet wurde. Erst nach sieben langen und elenden Jahren durfte Sämädi im Jahr 1944 wieder die Luft der Freiheit atmen.

Nach dem jähen Ende der aus der sogenannten „Dreiprovinzenrevolution“ (ab Herbst 1944) hervorgegangenen „Republik Ostturkestan“ (1944-1949) arrangierte sich Sämädi wie viele andere uigurische Intellektuelle mit der Herrschaft der Kommunisten und sah in ihr möglicherweise sogar ein gangbares Modell für die Zukunft.

Doch auch diese Phase der Einbettung in staatstragende und öffentliche Strukturen nahm ein brutale Ende. Denn nach der von Mao befohlenen „Hundertblumenkampagne“ wurde Sämädi als „Rechter“ und „Nationalist“ beschuldigt. Die Folge war die Einweisung in ein Internierungslager am Rande der Taklamakan-Wüste, in dem Sämädi von Ende April 1958 bis Oktober 1960 schmachtete, bis er aufgrund seines lebensbedrohlich verschlechterten Gesundheitszustandes freigelassen wurde.

Im November 1961 gelang Sämädi die Flucht ins angrenzende Kasachstan, wo er bis zu seinem Lebensende als gefeierter Schriftsteller und vor wie nach der Unabhängigkeit hochangesehener Intellektueller, Berater und Figur des öffentlichen Lebens wirkte.

In der gegenwärtigen Wahrnehmung der Situation der Uiguren in der VR China unter Xi Jinping scheint die Ansicht zu dominieren, dass es Ende 2016 beziehungsweise Anfang 2017 einen jähen Bruch in der Politik der KP Chinas gegenüber den Uiguren gegeben habe.

Diese Radikalisierung sei die Ursache für die seither geschehenen und gut dokumentierten systematischen Menschenrechtsverletzungen gegen die Uiguren und andere muslimisch-turksprachige Minderheiten der VR China, denen geschätzt gut eine Million Menschen zum Opfer gefallen sind.

Da diese Verfolgungswelle mit dem erkennbaren Versuch der VR-chinesischen Führung verbunden ist, die Kultur und Sprache der (als Minderheit in dem Land nichtsdestoweniger immer schon anerkannten) Uiguren zu eliminieren, hat man in diesem Kontext auch von „kulturellem Genozid“ gesprochen (zum Beispiel Sawa 2023 [2021]).

Andere sparen sich die Einschränkung „kulturell“ und sprechen direkt von Völkermord. Unter anderem haben (Stand: Februar 2022) die USA, Frankreich, Kanada und die Niederlande das Vorgehen Beijings gegen die Uiguren und andere muslimische Minderheiten in Xinjiang offiziell als „Genozid“ anerkannt (Lenz 2022; Sterling/ Meijer 2022 [2021]; vgl. Pearson 2022; Defranoux 2023; Defranoux 2023 [2021]a; Friedländer 2023; Hoshur/ Lipes 2023 [2021]).

Der Periodisierungsansatz, der die unbestreitbare Intensivierung der gegen Uiguren und andere autochthone turksprachig-muslimische Gruppen innerhalb der VR China gerichteten Maßnahmen ab 2016/2017 verbal eskalierend als „Genozid“ beziehungsweise „kulturellen Genozid“ etikettiert, mag als phänomenologische Diagnose und in juristischer Hinsicht zwar zutreffend sein, ist jedoch insofern problematisch, als er Tendenz haben könnte, zu suggerieren, dass die gegen dieselben Minderheiten gerichtete Praxis der VR China vor dem Beginn der Verfolgungsradikalisierung 2016/2017 etwas anderes gewesen sein könnte als kultureller Genozid.

Die resultierende Wahrnehmung wäre demzufolge, dass der VR-chinesische Staatapparat vor 2016 ,netterʻ zu seinen uigurischen und sonstig turksprachigen muslimischen Staatsangehörigen gewesen sei.

Demgegenüber lässt sich argumentieren, dass sich ab Ende 2016 zwar die manifesten Erscheinungsformen des Vorgehens der VR China gegen die Uiguren und andere turksprachig-muslimische Minderheiten änderte, die zugrundelegenden Prinzipien aber schon lange Zeit vorher festgezurrt waren.

Genau an dieser Stelle wird die Position Ziya Sämädis interessant. Seine eingangs skizzenhaft umrissene Lebensleidgeschichte dürfte verdeutlichen, dass er in Bezug auf die Stellung der Uiguren innerhalb Chinas und insbesondere deren in verschiedenen Perioden erlittene Verfolgung über eine unbestreitbare zeugenschaftliche Kompetenz verfügt.

Denn er hat nicht nur die negativen Folgen dieser diskriminierenden Politik schmerzlich erfahren, sondern bis 1937 auch die (damals noch nationalistisch-)chinesische Provinz-Kulturverwaltung Chinas, in der Zeit der „Republik Ostturkestan“ verschiedene Aspekte der Politik des Landes und von 1950 bis 1958 den Kulturbetrieb der VR China in hohen Positionen intensiv kennengelernt.

Sein Wort hat nicht nur als Schriftsteller Gewicht.
Die folgende Äußerung Sämädis dürfte aus dem Jahr 1989 oder kurz danach stammen. Der Schriftsteller begründet darin, warum er sein 1989 begonnenes Memoirenprojekt vorerst beiseitelegte und stattdessen den Roman „Herr Äxmät“ (Äxmät Äpändi) über Äxmätjan Qasimiy (1914-1949), den wichtigsten uigurischen Politiker während der „Dreiprovinzenrevolution“ und der Republik Ostturkestan, schrieb.

Konkret nennt er als sein Hauptmotiv den Versuch der chinesischen Kommunisten, die historische Rolle Qasimiys und anderer uigurischer Figuren zu verfälschen. Terminus ante quem für das nachstehende Zitat ist in jedem Fall das Ersterscheinungsdatum von Äxmät Äpändi, 1995.

Sämädi sagte zu seinem Sohn Riza um 1989 Folgendes:

„Mein Sohn, als ob es nicht schon genug wäre, dass sie [sc. die Chinesen, Xitaylar – M. R. H.] sich mit Gewalt zu Herren über den heiligen uigurischen Boden und dessen unter- und oberirdische Bodenschätze aufgeworfen haben, unsere viele Jahrhunderte zurückreichende Geschichte nach ihrem Belieben verfälschen, die tapferen Söhne unseres Volks, die ihrem Vaterland und ihrer Nation in unendlicher Treue verbunden sind, umbringen oder in Gefängnisse oder Kerker sperren, die menschliche Freiheit und die Menschenrechte unserer Nation mit Füßen treten und sogar die Art, wie wir gehen und stehen, wie wir handeln und uns bewegen und unsere Worte und Reden unter strenger Kontrolle halten, kommt nun doch auch noch als Gipfel der Gemeinheit hinzu, dass sie unsere nationale Dreiprovinzenrevolution, die sie ja selber anerkannt haben, und deren Anführer und Helden aus dem Gedächtnis unseres Volkes auszuradieren versuchen.“

Interessant scheint aus heutiger Sicht insbesondere die Formulierung, dass die kommunistischen Herrscher in China „sogar die Art, wie wir gehen und stehen, wie wir handeln und uns bewegen und unsere Worte und Reden unter strenger Kontrolle halten“ (hätta žürüš-turuš, iš-härikät, gäp-sözlirini qattiq nazarät astida tutuvatqanliġi), zu sein.

Fast drei Jahrzehnte vor dem Beginn der aktuellen Verfolgungswelle benennt Sämädi genau die allumfassende Kontrollwut und Herrschsucht, die hinter den aktuellen gründlichen Kontroll- und Überwachungsanprüchen des Staates steckt, und dies, obwohl damals noch niemand auch nur im Entferntesten hätte ahnen können, welche Macht zur tatsächlichen Umsetzung dieser Ansprüche dem VR-chinesischen Staat als Folge der digitalen Revolution heute an die Hand gegeben ist.

In der Summe scheint es so, als ob der leidgeprüfte Sämädi das Wesen der VR-chinesischen Politik gegenüber den Uiguren wesentlich klarer zu erkennen und benennen imstande war als selbst viele Uiguren aus der VR vor 2016.

Es stellt sich die Frage, ob man bis zu diesem Jahr, ab dem der radikal intensivierte Verfolgungs- und Unterdrückungscharakter dieser Politik vor den Augen der ganzen Welt unleugbar wurde, sowohl innerhalb der uigurischen Community in der VR China (und teilweise in der Diaspora) als auch in der weltweiten Öffentlichkeit nicht viel oberflächlicher und naiver war, als man es hätte sein können, wenn man auf die Warnungen erfahrener Dissidenten wie Sämädi gehört hatte.

Stattdessen arrangierten sich viele Uiguren mit dem VR-chinesischen Staat, und etliche kooperieren und profitieren bis heute gerne von diesem Arrangement, während ihre Volksgenossen ihrer elementarsten Menschenrechte beraubt werden.

Der sogenannten Weltöffentlichkeit einschließlich der universitären und sonstigen Bildungsinstitutionen kann man vorwerfen, wie so oft ein Problem – in diesem Fall eine menschenverachtende Ideologie und deren logische Folgen – nicht in seiner Realität als solches erfasst, sondern im Interesse des Geldes und politischer Konzessionen seitens der zur Weltmacht aufgestiegenen Volksrepublik das Beschweigen vorgezogen zu haben, bis es sich infolge der Xinjiang Police Papers nicht mehr aufrechterhalten ließ.

Auch in diesem Fall hatte man nicht die historische Lektion gelernt, dass der Versuch, einen Tiger zu besänftigen, indem man ihm Fleisch hinwirft, in der Regel nicht zum Sinken des Appetits der Raubkatze führt.

Die Photographie zu diesem Post stammt aus Ziya Sämädis unter dem Titel „Wille und Schicksal” (Istäk vä qismät) in Almaty erschienenen Lebenserinnerungen. Laut der Unterschrift zeigt es den Schriftsteller im Mai 1960, während einer vorübergehenden Entlassung aus der chinesischen Lagerhaft (Sämädi 2008, zwischen Seite 408 und 409).


ZUM AUTOR

PD Dr. Michael Reinhard Heß, geboren in Offenbach am Main, ist ein renommierter Turkologe, der an der Universität Frankfurt am Main Geschichte, Turkologie, Islamkunde und Griechische Philologie studierte. Nach seiner Promotion und Habilitation wirkt er seit 2005 als Privatdozent für Turkologie an der Freien Universität Berlin und hat über 130 wissenschaftliche Arbeiten verfasst, darunter Beiträge zur türkischen Literatur und Kulturgeschichte. Als Übersetzer und Gründer des Verlags Gulandot widmet er sich der Förderung türkischer Literatur in deutscher Sprache, etwa durch Werke zu Imadeddin Nasimi oder der kulturellen Bedeutung von Schuscha.


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