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Kommentar: Die Linke darf Erdogan-Anhänger nicht dämonisieren

Und wenn in Deutschland oder Österreich "Linke" lieber muslimische Menschen bekämpfen, dämonisieren und aus Bündnissen rausschmeißen wollen, dann zeigt sich auch hier, dass sie in Wahrheit nur die AKP stärken. Für die meisten muslimischen Menschen ist daher die AKP total alternativlos - was übrigens auch für einen großen Teil der kurdischen PKK-Gegner gilt. Ein Kommentar.

(Archivfoto: AA)

Gastbeitrag von Richard Lederer

In Deutschland und Österreich leben viele Türken und Türkinnen, die nur deswegen hier sind, weil sie 1980 vor dem grausamen, blutigen Putsch des türkischen Militärs geflüchtet sind. In diesem Putsch kam es zum Verbot von Gewerkschaften, 45.000 Festnahmen, massenhaften Folterungen und Dutzenden Todesurteilen.

Die Präsenz des kemalistischen Militärs war in der Türkei allgegenwärtig und dominierte das Leben der Menschen für viele Jahrzehnte und stellte immer klar, dass es alles wegputschen werde, was ihm nicht genehm ist.

Als schließlich Recep Tayyip Erdogans AKP im Jahre 2002 an die Macht kam und genau das bekämpfte, wovor sie (oder ihre Eltern) geflohen waren, war es kein Wunder, dass die AKP viele Sympathien bei den in Deutschland und Österreich lebenden Türkinnen und Türken auslöste und sie Erdogan als Befreier empfanden. Das gilt übrigens auch für viel Kurden, die nach dem Machtantritt der AKP viel mehr Freiheiten als zuvor hatten und ihre Sprache wieder sprechen durften. Es gibt Kurdisch als Wahlfach an Schulen, Kurdologieinstitute, einen staatlichen kurdischen Sender, der auf Kurdisch sendet, kurdische Presse und sogar eine kurdische Suchmaschine. Auch der Konflikt mit der PKK war für eine Zeit lang deutlich gelindert.

Ich selber bin AKP-Kritiker, war auf Seiten der Gezi Proteste und habe den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien verurteilt. Aber was hier an Dämonisierung von AKP-Sympathisanten betrieben wird, ist furchtbar. Man muss kein Erdogan-Fan sein, um zu verstehen, warum viele türkische und kurdische MuslimInnen Sympathien für ihn empfinden.

Wenn „Linke“ heute AKP-Wählerinnen und Wähler mit Nazis gleichsetzen, ist das einfach nur eine Frechheit. Wenn auf Demos gegen Rassismus AKP-SympathisantInnen ausgeschlossen werden – wie jüngst in Österreich -, dann schließt man zu einem großen Teil jene aus, die am meisten unter der rassistischen Regierung leiden. Das ist kein Antirassismus!

Nach dieser Erläuterung, warum es absolut verständlich ist, dass viele muslimische Frauen und Männer Sympathien für die AKP haben, und die Verteufelung von ihnen als Rechtsextreme, Faschisten oder gar Nazis eine Frechheit ist, möchte ich nun weitergehen und erklären, warum der bisherige Umgang der Linken in Bezug auf den Islam und auch die AKP komplett katastrophal und kontraproduktiv ist.

Religiöse Freiheiten sind ein Grundrecht und waren weltweit fast immer zentrale Forderung bei Aufständen. Nur in Diktaturen und unter der Herrschaft von Despoten wurden Religionsfreiheiten von Minderheiten eingeschränkt. Religionen spielten und spielen bei vielen Menschen eine sehr wichtige Rolle und stehen für sie für Gerechtigkeit und Moral.Ich finde, dass man auch als Nichtreligiöser, so wie ich es bin, es schaffen sollte, dieses Bedürfnis ernst zu nehmen und nicht zu bekämpfen.

Wenn in der Türkei die Linke also traditionell immer extrem religionsfeindlich eingestellt war und religöse Menschen pauschal als Spinner oder rückständig angesehen hat, bei denen es sich nicht lohnt, sich mit ihnen zu solidarisieren, dann darf man sich eben nicht wundern, wenn genau diese Menschen sich von ihnen überhaupt nicht angesprochen fühlen, sondern sie im Gegenteil als Gegner oder sogar als Feinde wahrnehmen.

Auch sollten sich Linke nicht wundern, wenn diese Bevölkerungsgruppen andere Parteien wählen – und zwar jene, welche ihnen glaubhaft versichern, auf ihrer Seite zu sein und für ihr Recht auf freie Religionsausübung zu kämpfen. Weder die türkischen „Sozialdemokraten“, noch die „Kommunisten“ haben sich jemals für diese Leute eingesetzt – sie haben sie sogar dämonisiert.

Ich selber hatte einmal Kontakt mit einer in der Türkei lebenden Kommunistin, die in den „ungebildeten Religiösen“ die Hauptgefahr und nicht jene Kraft sah, auf die eigentlich Linke sich fokussieren sollten: die „kleinen Leute“, die unter Not leiden und eine bessere Welt ersehnen.

Und wenn in Deutschland oder Österreich „Linke“ lieber muslimische Menschen bekämpfen, dämonisieren und aus Bündnissen rausschmeißen wollen, dann zeigt sich auch hier, dass sie in Wahrheit nur die AKP stärken. Für die meisten muslimischen Menschen ist daher die AKP total alternativlos – was übrigens auch für einen großen Teil der kurdischen PKK-Gegner gilt. Sie betonen immer die Freiheiten, welche Erdogan den Kurden gebracht hat. Seit der AKP dürfen sie ihre eigene Sprache sprechen und ihre Kultur leben, während sie in den Jahrzehnten des Kemalismus wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

Ich habe am mehreren Stellen schon betont, dass ich sehr AKP-kritisch bin und den Einmarsch der Türkei in Syrien (was ich übrigens für ein traditionell nationalistisches und kein muslimisches Problem halte) verurteile. Diese Ignoranz und Verachtung jener Menschen, die entweder in der Türkei leben oder aus ihr hierher geflüchtet sind, ist aber genau das, was die AKP groß gemacht hat und sie weiter stärken wird.

Wenn es uns wirklich darum geht, linkes Gedankengut bei Türken salonfähig zu machen, dann sollten wir das Gegenteil von dem tun was wir bisher praktiziert haben. Wir sollten das religiöse Bedürfnis von Menschen ernst nehmen und uns für ihre Bedürfnisse einsetzen.

Wir sollten zeigen, dass eine unterschiedliche Auffassung über Gott und das Paradies nicht dazu führen muss, den anderen die Solidarität zu verweigern. Wir müssen für jene Leute kämpfen, die am meisten unter Not und Militärdiktaturen gelitten haben, egal ob und woran sie glauben. Erst dann wird es für einen großen Teil der Menschen in der Türkei eine ernsthafte Alternative geben.

Richard Lederer ist österreichischer Marxist und Musiker.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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