Gashandel zwischen Assad und IS
Warum arbeiten an einem vom IS kontrollierten Gaswerk in Syrien russische Ingenieure?

Das renommierte Polit-Magazin "Foreign Policy" stellt in seiner aktuellen Ausgabe einige aufschlussreiche Fragen: Moskau behaupte, sich im Krieg gegen den IS zu befinden, doch beide Seiten seien inmitten der Kampfhandlungen zu gemeinsamen Geschäften bereit.

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New York (fp/nex) – Das renommierte Polit-Magazin „Foreign Policy“ stellt in seiner aktuellen Ausgabe einige aufschlussreiche Fragen: Moskau behaupte, sich im Krieg gegen den IS zu befinden, doch seien beide Seiten inmitten der Kampfhandlungen zu gemeinsamen Geschäften bereit.

Warum arbeiten an einem vom IS kontrollierten Gaswerk in Syrien russische Ingenieure?

Offiziell befinden sich Syriens Präsident Baschar al-Assad und seine russischen Verbündeten im Krieg gegen den IS. Aber ein Gaswerk im Norden Syriens, das unter der Kontrolle des IS steht, liefert den Beleg, dass zwischen dem syrischen Regime und dem IS Geschäftsbeziehungen bestehen. Nach Angaben offizieller türkischer Stellen und der syrischen Rebellen ist die Anlage ebenfalls ein Ort der Zusammenarbeit zwischen dem IS und einem russischen Energiekonzern mit engen Verbindungen zu Putin.

Das Tuweinan-Gaswerk, das sich ca. 100 km südwestlich von der De-Facto-Hauptstadt des IS, Rakka, befindet, ist die größte Anlage ihrer Art in Syrien. Es wurde von dem russischen Bauunternehmen Stroytransgaz erbaut, das dem Milliardär Gennady Timtschenko, einem engen Partner Putins, gehört. Die Verbindungen des Unternehmens zum Kreml sind gut dokumentiert: Die US-Finanzbehörde sanktionierte erst kürzlich Stroytransgaz zusammen mit anderen Unternehmen Timtschenkos wegen Tätigkeiten im Ukraine-Konflikt, die „in direkter Verbindung zu Putin“ stehen.

In die Geschehnisse rund um das Gaswerk sind das Assad-Regime, russisch-syrische Geschäftsleute, der IS und moderate syrische Rebellen involviert, die gemeinsam versuchten, das Gaswerk zu aktivieren um finanzielle und logistische Nutzen daraus zu ziehen.

Die syrische Regierung vergab die Ausschreibung für den Bau des Tuweinan-Gaswerks an das russische Unternehmen Stroytransgaz im Jahr 2007. Der Bau wurde von dem syrischem Subunternehmen Hesco durchgeführt, das dem russisch-syrischen Doppelstaatsbürger George Haswani gehört. Im November letzten Jahres sanktionierte ihn das US-Finanzamt wegen angeblicher Vermittlungen zwischen dem Assad-Regime und dem IS bei Ölverkäufen – Anschuldigungen, die er von sich weist. Die Partnerschaft zwischen Hesco und Stroytransgaz gehe weit über dieses eine Projekt hinaus, sagt der Schwiegersohn Haswanis, Yusuf Arbash, der das Moskauer Hesco-Büro leitet. Beide Unternehmen hätten seit 2000 bei Gemeinschaftsprojekten im Sudan, in Algerien, im Irak und in den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammengearbeitet.

Der Bau ging erst nur langsam voran, bis eine Koalition von syrischen Rebellen zusammen mit der al-Qaida-nahen alNusraFront das Gaswerk im Januar 2013 eroberten. Abu Khalid, Mitglied der Qwais al-Qarani-Brigade, die dem Rebellenzusammenschluss angehörte, sagte, dass russische Ingenieure und Berater das Gelände bereits verlassen und sie nur syrische Arbeiter vorgefunden hätten, als sie das Gaswerk einnahmen. „

Wir beschlossen, das Gaswerk zu beschützen. Wir waren nämlich der Meinung, dass es dem syrischen Volk gehöre, da der Staat der Eigentümer war“, erklärte er.

Der IS hält seit Anfang 2014 die Anlage unter seiner Kontrolle

Ein ranghoher türkischer Beamter erklärte, dass nach dieser Übernahme Stroytransgaz‘ Subunternehmen Hesco mit der Erlaubnis des IS den Bau der Anlage fortsetzte. Er behauptete weiter, dass russische Ingenieure an der Fertigstellung der Anlage arbeiteten. Die syrische Staatszeitung „Tishreen“ veröffentlichte einen Bericht, der diese Behauptung zu untermauern scheint. Im Januar 2014, nach der Übernahme der Anlage durch den IS, zitierte die Zeitung syrische Regierungsquellen mit der Aussage, dass Stroytransgaz 80% des Gaswerks fertiggestellt habe und davon ausgehe, in der zweiten Hälfte des Jahres die Anlage dem syrischen Staat übergeben zu können. In dem Bericht wird allerdings nicht erwähnt, dass die Anlage unter der Kontrolle des IS stehe.

Nach Angaben David Butters, einem Partner des in London ansässigen Chatham House, der einen von George Haswani verfassten Brief gesehen habe, in dem die Details des Projektes erläutert würden, habe die erste Bauphase Ende 2014 begonnen und das Gaswerk sei im Laufe des Jahres 2015 voll einsatzbereit geworden. „Ein Teil des Gases geht nach Aleppo zum Stromkraftwerk, das unter dem Schutz des IS steht, der Rest wird nach Homs und Damaskus gepumpt“, so Butter.

Abu Khalid erklärte, dass russische Ingenieure immer noch in der Anlage arbeiteten und dass Haswani einen Deal zwischen dem IS und dem Assad-Regime ausgehandelt habe, der die für beide Parteien sehr profitable Gasproduktion regle. „Der IS erlaubte dem russischen Unternehmen Ingenieure und Arbeiter zu schicken um im Gegenzug großzügig am Gasgewinn und an der Gelderpressung beteiligt zu werden“, führte er aus. Die Informationen habe er von syrischen Rebellenkommandeuren erhalten, die in der Region gegen den IS kämpften. „Die Angestellten des russischen Unternehmens führten ihren Schichtwechsel über eine Militärbasis in der Provinz Hama durch.“

Haswani stritt die Vorwürfe der US-Finanzbehörde ab, an Ölgeschäften zwischen dem Assad-Regime und dem IS als Mittelsmann beteiligt gewesen zu sein. Aber er hat nie abgestritten, dass Hesco weiter an der Anlage baute, nachdem diese vom IS erobert wurde.

Details über den Tuweinan-Deal zwischen dem IS und Hesco gab erstmals die syrische oppositionelle Gruppe „Raqqa Is Being Slaughtered Silently“ (Rakka wird im Stillen abgeschlachtet) im Oktober 2014 bekannt. Die Gruppe behauptete, dass Hesco eine Vereinbarung mit dem IS unterzeichnet habe, in der das Unternehmen versprochen habe, einen Großteil des Gewinns dem IS zu überlassen. Im Oktober 2015 berichtete die „Financial Times“, dass das in der Anlage produzierte Gas zum vom IS kontrollierten Thermalkraftwerk in Aleppo geschickt werde. Die Vereinbarung sieht 50 MW Strom für das Assad-Regime vor, während der IS 70 MW Strom und 300 Barrels Kondensat erhalten soll. Die Ingenieure, die in der Anlage arbeiteten, erklärten gegenüber der „Financial Times“, dass Hesco jeden Monat ca. 50 000 Dollar an den IS bezahle, um seine wertvolle Ausrüstung beschützen zu lassen.

Während Syrien weiterhin politisch in verschiedene Lager gespalten ist, zeigt der Tuweinan-Deal, dass die rivalisierenden Parteien auch mitten im Krieg ihren gemeinsamen Geschäften weiterhin nachgehen. Aron Lund, Herausgeber der Webseite „Syria in Crisis“ der Stiftung „Carnegie Endowment for International Peace“, erklärt, dass ähnliche Gas- und Ölabkommen überall in Syrien abgeschlossen würden. „Es gibt sie zwischen dem IS und dem Regime, aber auch zwischen dem IS und rivalisierenden sunnitisch-arabischen Rebellen, zwischen den Kurden und dem Regime, zwischen den Kurden und den Rebellen, zwischen den Rebellen und dem Regime und so weiter“, so Lund. „Es gibt viele inoffizielle Handelsbeziehungen zwischen bewaffneten Gruppen, Schmugglern oder auch privaten Unternehmen, die versuchen, die Lücken an verschiedenen Stellen zu schließen, da das Land auseinanderbricht, aber zwangsläufig die staatlichen Einrichtungen und die Infrastruktur gemeinsam genutzt und ein Großteil des Handels miteinander betrieben werden müssen.“

 

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Erschienen auf Foreign Policy

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