Gastkommentar
Özgür Çelik: „Im Schatten der radikalen Verlierer“

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik Der zeitgenössischen Angst begegnet man heute nicht mehr mit Sandsäcken und Luftschutzsirenen, sondern mit Push-Nachrichten, Kameras an jeder Ecke und einem diffusen Gefühl, dass die eigentliche Gefahr überall und nirgends zugleich lauert. Der Terror hat seine spektakuläre Sichtbarkeit eingebüßt und ist stattdessen in den Alltag eingesickert: als gedämpfte Alarmbereitschaft in Bahnhöfen, als misstrauischer Blick im Flugzeug, als politische Rhetorik, die Sicherheit verspricht und dabei Unsicherheit verlängert. Die Gesellschaft hat gelernt, mit der Möglichkeit der Katastrophe zu leben, sie zu normalisieren, sie in statistische Wahrscheinlichkeit zu verwandeln. Und gerade in dieser Gewöhnung liegt eine neue, weit gefährlichere Form der Ohnmacht verborgen. Hans Magnus Enzensberger schien diesen Mechanismus bereits zu ahnen, als er den „radikalen Verlierer“ beschrieb – nicht als bloße Randfigur, sondern als Symptom einer tieferliegenden zivilisatorischen Erschöpfung. Der radikale Verlierer ist kein Produkt eines bestimmten Glaubens oder einer bestimmten Nation; er ist das Kind einer Weltordnung, die ständig Gewinner produziert und noch mehr Verlierer. Er entsteht dort, wo Menschen lernen, sich ausschließlich über Erfolg zu definieren, und jedes Scheitern als endgültige Demütigung erleben müssen. In einer globalisierten Ökonomie des Vergleichs wird das eigene Leben zum Wettbewerb, und wer nicht mithalten kann, beginnt, die Welt selbst als Zumutung zu empfinden. Hier berühren sich Enzensbergers Gedanke und Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ auf eigentümliche Weise. Was vordergründig als Zusammenstoß von Religionen, Traditionen und Wertesystemen erscheint, ist in der Tiefe oft ein Konflikt um Anerkennung, Würde und Sichtbarkeit. Der sogenannte Kampf der Kulturen wird gespeist von Millionen biografischer Niederlagen, von zerbrochenen Aufstiegsversprechen, von Gesellschaften, die Integration predigen und Ausgrenzung praktizieren. Der radikale Verlierer ist weniger der Soldat einer fremden Zivilisation als das verzweifelte Produkt einer Welt, die ihm keinen Platz zugesteht. In Europa, besonders aber in Gesellschaften wie der deutschen oder der türkischen, die zwischen Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, Säkularismus und Tradition oszillieren, zeigt sich dieser Widerspruch besonders deutlich. Die Kinder der Migration lernen früh, in zwei Welten zu leben, in keiner ganz zu Hause. Sie werden aufgefordert, sich anzupassen, aber selten wirklich eingeladen, dazuzugehören. Gleichzeitig klammern sich Mehrheitsgesellschaften an ein Bild von kultureller Reinheit, das längst nur noch eine Illusion ist. So entsteht ein Raum der Kränkung, in dem Identität zur Waffe werden kann – gegen andere, aber letztlich gegen das eigene Selbst. Der radikale Verlierer ist in diesem Sinn kein monströser Fremdkörper, sondern ein Zerrbild unserer eigenen Werte. Er glaubt, was wir predigen: dass das Leben ein Wettkampf sei. Er zieht daraus nur eine andere, düstere Konsequenz. Wenn er nicht gewinnen kann, will er wenigstens zerstören – und sei es sich selbst. Seine Tat ist nicht die Tat des Starken, sondern das Aufbäumen des endgültig Ausgeschlossenen. Sie ist ein verzweifelter Ruf nach Bedeutung in einer Welt, die Bedeutung nur noch in Zahlen, Klicks und Trophäen misst. Und so bleibt die unbequeme Erkenntnis, dass keine Mauer, keine Überwachung, kein militärischer Schlag diesen Konflikt wirklich lösen kann. Denn der wahre Kampf der Kulturen verläuft nicht zwischen Nationen oder Religionen, sondern zwischen dem Bild, das wir vom Menschen haben, und der Wirklichkeit, in der wir ihn leben lassen. Solange Erfolg als einzig legitimes Lebensziel gilt, wird es Verlierer geben – und unter ihnen jene, die radikal werden. Die eigentliche Frage ist daher nicht, wie wir sie besiegen, sondern was in unserer Zivilisation geschehen ist, dass wir sie immer wieder hervorbringen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
 

Film
Julian Assange: The Six Billion Dollar Man

Los Angeles – In einer filmischen Wiederauferstehung einer der polarisierendsten Figuren des 21. Jahrhunderts hat Regisseur Eugene Jareckis explosiver neuer Dokumentarfilm „The Six Billion Dollar Man“ Julian Assange zurück ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit katapultiert. Der Film, der bei seiner Premiere auf den Filmfestspielen von Cannes 2025 begeistert aufgenommen wurde, zeichnet nicht nur den mutigen Kampf des WikiLeaks-Gründers gegen seine Auslieferung und Inhaftierung nach, sondern entfacht auch erneut dringende Debatten über Pressefreiheit, staatliche Übergriffe und die wahren Kosten der Wahrheitsfindung in einer Zeit der Überwachung und Geheimhaltung. Als spannender Hightech-Thriller inszeniert – komplett mit düsteren CCTV-Aufnahmen aus Assanges Haft, nie zuvor gesehenen WikiLeaks-Archiven und brisanten Beweisen für Machenschaften hinter den Kulissen – zeichnet das 129-minütige Epos Assanges unwahrscheinlichen Weg vom zurückgezogen lebenden australischen Hacker zum Blitzableiter der Informationsrevolution nach. WikiLeaks wurde 2006 als gemeinnützige Plattform für Whistleblower gegründet und veröffentlichte unter Assanges Leitung eine Flut von geheimen Dokumenten, die mutmaßliche Gräueltaten des US-Militärs, diplomatische Doppelzüngigkeit und Korruption in Unternehmen aufdeckten. Der Titel des Films „6 Milliarden Dollar“ bezieht sich nicht auf kybernetische Verbesserungen à la der Fernsehserie aus den 1970er Jahren, die den Namen inspirierte, sondern symbolisiert den schwindelerregenden geschätzten wirtschaftlichen Wert des Zugangs zu den Enthüllungen der Leaks, verbunden mit ihren weltweiten politischen Auswirkungen – von der Auslösung der Aufstände des Arabischen Frühlings bis hin zu endlosen juristischen Vendetten der Weltmächte. „Die Zahl verdeutlicht die Kühnheit von Assanges Handeln: Er hat nicht nur Geheimnisse preisgegeben, sondern auch den Preis für Transparenz in einer Welt quantifiziert, die diese verzweifelt verbergen will“, erklärte Jarecki kürzlich in einem Interview mit The Hollywood Reporter und betonte, wie der Film anhand von privilegiertem Insider-Material die „prekäre Lage von Journalisten“ angesichts zunehmender Bedrohungen für die vierte Gewalt analysiert. In Anlehnung an Oscar-prämierte Vorgänger wie Laura Poitras‘ Citizenfour (über Edward Snowden) hält sich Jareckis Werk nicht zurück und porträtiert Assange nicht als makellosen Helden, sondern als „Märtyrer, der inhaftiert und überwacht wird, weil er es gewagt hat, die Verfehlungen intriganter Regierungen, Oligarchen und Ideologen aufzudecken“. Im Kern ist „The Six Billion Dollar Man“ eine forensische Enthüllung von Assanges erschütternder Odyssee durch die Mühlen der internationalen Justiz. Sie beginnt im Jahr 2010, dem annus mirabilis der vielbeachteten Datenveröffentlichungen von WikiLeaks, darunter das berüchtigte Video „Collateral Murder“ – eine unbearbeitete Hubschrauberaufnahme, die zeigt, wie US-Soldaten im Irak unbewaffnete Zivilisten und Reuters-Journalisten erschießen, eine Geschichte, die die Mainstream-Medien nur schwer zu veröffentlichen vermochten. Diese „Bombe, die auf die offizielle Geschichte der Vereinigten Staaten gefallen ist“, wie der verstorbene Medienkritiker Danny Schechter es im Film nennt, zog den Zorn von drei aufeinanderfolgenden US-Präsidenten auf sich: Obama, Trump und Biden. Unter Trump wurde angeblich ein bizarrer Deal über 6 Millionen Dollar mit Ecuador – Assanges Asylgeber – ausgehandelt, um ihn aus der ecuadorianischen Botschaft in London zu vertreiben, wo er sich seit 2012 versteckt hielt, um sich den schwedischen Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe (die später fallen gelassen wurden) zu entziehen. Die eindringlichsten Szenen des Films zeigen das Chaos bei Assanges Verhaftung am 11. April 2019 in London. Nachdem Ecuador ihm plötzlich sein Asyl entzogen hatte – Berichten zufolge hatten Botschaftsmitarbeiter laute Musik gespielt und Wände mit Fäkalien beschmiert, um seine Ausreise zu beschleunigen –, stürmte die britische Polizei die Botschaft und schleppte den zerzausten damals 47-jährigen Assange in Handschellen hinaus. Im Mai desselben Jahres wurde er wegen Verstoßes gegen die Auflagen seiner Kaution aus dem Jahr 2012 zu 50 Wochen Haft verurteilt, blieb jedoch in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh und kämpfte gegen die Auslieferungsanklage der USA nach dem Spionagegesetz wegen „Verschwörung zur Beschaffung und Weitergabe geheimer Informationen zur nationalen Verteidigung”. Was folgte, war eine zermürbende fünfjährige Ungewissheit: 1.901 Tage in einer Art Einzelhaft, in der sich Assanges Gesundheitszustand verschlechterte und Selbstmordgefahr bestand, wie ein britisches Gericht 2021 feststellte. Die seit 2018 unter Verschluss gehaltene US-Anklage stützte sich auf Aussagen von zweifelhaften Informanten wie Siggi the Hacker – einem isländischen ehemaligen WikiLeaks-Freiwilligen, der wegen Anwerbung von Kindern und der Erschießung eines Freundes aus Spaß verurteilt worden war – der später zugab, Verbrechen gegen Assange erfunden zu haben. Die Freiheit kam unerwartet am 24. Juni 2024, dank eines unter der Biden-Regierung ausgehandelten Plädoyerabkommens. Assange bekannte sich in einem abgelegenen Gerichtssaal in Saipan in einem Punkt des schweren Verbrechens für schuldig und erhielt eine Strafe von 62 Monaten – genau die Zeit, die er bereits in Belmarsh verbüßt hatte. Das US-Justizministerium erklärte sich nach jahrelanger Verfolgung bereit, weitere Anklagen fallen zu lassen, sodass der gebürtige Australier einen Privatjet vom Londoner Flughafen Stansted nehmen und nach Canberra zurückkehren konnte, wo Premierminister Anthony Albanese dies als „willkommene Entwicklung” begrüßte. Die Lösung, die durch den diplomatischen Druck Australiens und Bidens Bereitschaft im April 2024, das Verfahren einzustellen, vorangetrieben wurde, markierte eine deutliche politische Kehrtwende – möglicherweise zeitlich abgestimmt, um einem umstrittenen US-Wahlzyklus zuvorzukommen. Assanges Frau Stella bezeichnete dies als „das Ende eines Albtraums”, während Kritiker die Einigung als stillschweigendes Eingeständnis verurteilten, dass die Strafverfolgung von Verlegern die Meinungsfreiheit einschränkt. Cannes krönte die Premiere des Films mit zwei Auszeichnungen und verstärkte damit seine sensationelle Wirkung. Am 23. Mai 2025 gewann „The Six Billion Dollar Man“ den Sonderpreis der Jury „L’Œil d’Or“ zum 10-jährigen Jubiläum des Preises – eine feste Größe des französischen Festivals, mit der herausragende Dokumentarfilme ausgezeichnet werden –, während „Imago“ den Hauptpreis gewann.
Artemis Rising Docu Award
Einige Tage zuvor wurde Jarecki als Preisträger mit dem Golden Globes‘ Artemis Rising Docu Award ausgezeichnet, einer neuen Auszeichnung für Dokumentarfilme, die von einer Jury verliehen wird, der unter anderem die Oscar-Produzentin Geralyn White Dreyfous und die Schauspielerin Tessa Thompson angehören. „Wir sind stolz darauf, seinen außergewöhnlichen Beitrag zu würdigen“, sagte Helen Hoehne, Präsidentin der Golden Globes. Assange selbst nahm an der Premiere an der Riviera teil, seinem ersten großen öffentlichen Auftritt seit seiner Freilassung, und posierte in einem seltenen Moment der Genugtuung für Fotos. Seit Cannes hat der Dokumentarfilm Festivals wie DOC NYC (wo es zu einer Fragerunde mit Jarecki und Produzentin Kathleen Fournier kam) und das IDFA in Amsterdam im Sturm erobert und eine makellose Bewertung von 8,5/10 auf IMDb sowie überschwängliche Kritiken erhalten.
Rotten Tomatoes: „Mitreißende Collage“
Rotten Tomatoes lobt ihn als „mitreißende Collage“, die „die Fakten der Assange-Saga in einer zeitgemäßen und pointierten Stellungnahme gegen eine Welt zusammenführt, in der die Mächtigen die Massen manipulieren“. The Film Verdict bezeichnet ihn als „Meisterwerk“ und lobt seine kapitelweise Struktur, die zwischen Assanges frühen Hackerangriffen und der Belagerung der Botschaft hin- und herwechselt. Selbst Skeptiker wie der Kritiker von Slate, der das „bejahende Argument“ für die Enthüllungen von WikiLeaks hervorhebt, räumen ein, dass der Film eindrucksvoll zeigt, wie Regierungen „ihre eigenen Gesetze beugen“, um Dissens zum Schweigen zu bringen. Mit einem Trailer, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde und Assanges trotzige Voiceovers inmitten von glitchigen digitalen Montagen zeigt, positioniert sich The Six Billion Dollar Man als sicherer Oscar-Kandidat in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“. Jarecki, dessen frühere Werke wie „Why We Fight“ und „The Trials of Henry Kissinger“ sich mit den Schattenseiten des amerikanischen Imperiums befassten, zog sich aus dem Sundance 2025 zurück, um Assanges Plädoyer-Vereinbarung einzubeziehen und so die „unerwarteten Entwicklungen“ der Erzählung sicherzustellen. Wie ein Jurymitglied in Cannes sagte, ist dies „ein Muss in einer Zeit, in der die Wahrheit mehr denn je bedroht ist“. In einer Zeit von Deepfakes und KI-gestützter Desinformation kommt „The Six Billion Dollar Man“ sowohl als Elegie als auch als Warnung daher: Was passiert, wenn die Architekten der Enthüllung selbst zu Gejagten werden? Für Assange, der mittlerweile 54 Jahre alt ist und sich in Australien ein neues Leben aufbaut, liegt die Antwort vielleicht in der letzten, eindringlichen Zeile des Films, die seine eigenen Worte widerspiegelt: „Die Verteidigung der Wahrheit ist bedroht, aber sie hält stand.“ Mit der sich zuspitzenden Preisverleihungssaison spitzt sich auch der Kampf zu, den der Film verewigt. Der US-Kinostart ist für Anfang 2026 über einen unabhängigen Verleiher geplant, was verspricht, die 6-Milliarden-Dollar-Debatte – und Assanges unnachgiebiges Vermächtnis – weiter am Leben zu erhalten.

Polen
Wegen Gaza: Sopot beendet Städtepartnerschaft mit Israels Aschkelon

Warschau – Die polnische Küstenstadt Sopot ist die erste Gemeinde des Landes, die ihre Partnerschaft mit einer israelischen Stadt offiziell beendet hat. Als entscheidenden Grund für diesen Schritt nannte sie den anhaltenden Krieg im Gazastreifen. Vertreter der Stadtverwaltung gaben die Entscheidung nach einer Abstimmung im Stadtrat Anfang dieser Woche bekannt und erklärten, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Aschkelon – seit 1992 Partnerstadt von Sopot – nicht mehr mit den Werten der Stadt vereinbar sei. In einer öffentlichen Erklärung betonten lokale Vertreter, dass die humanitäre Lage in Gaza und das Ausmaß des Leidens der Zivilbevölkerung eine zentrale Rolle bei ihrer Entscheidung gespielt hätten. „Wir können nicht ignorieren, was gerade passiert“, sagten Mitglieder des Rates und wiesen darauf hin, dass die Partnerschaft ursprünglich auf kulturellem Austausch, Jugendprogrammen und Gemeinschaftsbeziehungen beruhte, die seit der Eskalation der Gewalt alle praktisch ausgesetzt sind. Die Beendigung der Partnerschaft ist weitgehend symbolisch, stellt jedoch einen seltenen Fall dar, in dem eine polnische Kommunalverwaltung offiziell Stellung zu dem Konflikt bezieht. Polen unterhält seit jeher enge diplomatische Beziehungen zu Israel, und Städtepartnerschaften werden in der Regel als unpolitisch angesehen. Die Entscheidung fällt zu einem Zeitpunkt, an dem immer mehr Länder, Organisationen und Menschenrechtsgruppen Israels Vorgehen im Gazastreifen verurteilen. Mehrere große Menschenrechtsorganisationen – darunter Amnesty International – sind zu dem Schluss gekommen, dass das Ausmaß und die Art der Gewalt einem Völkermord an den Palästinensern gleichkommen.
Türkei: Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu 
Gleichzeitig handeln einige Staaten entsprechend dieser Einschätzung: Die Staatsanwaltschaft in Istanbul in der Türkei hat kürzlich Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und mehrere hochrangige israelische Beamte erlassen und sie wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 ist die Zahl der zivilen Todesopfer in Gaza sprunghaft angestiegen: Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza und internationaler Beobachtungsstellen wurden Zehntausende Palästinenser getötet – darunter viele Frauen und Kinder – und noch viel mehr verletzt oder vertrieben. Eine Studie aus Deutschland geht von mehr als 100.000 Opfern aus. Für viele Menschen in Sopot und darüber hinaus sendet die Entscheidung, die Partnerschaft zu beenden, eine Botschaft aus: dass kulturelle Bindungen nicht bestehen bleiben können, wenn humanitäre Prinzipien auf dem Spiel stehen. Kritiker argumentieren jedoch, dass solche Gesten wenig Einfluss auf den Verlauf des Konflikts haben – und warnen davor, dass eine Trennung der Beziehungen einen Kanal für den Dialog zwischen den Gemeinschaften verschließen könnte, der einst darauf abzielte, Verständnis aufzubauen.
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– Münster – Deutschland: Leugnung des Existenzrechts Israels keine Straftat

Die bloße Leugnung oder Infragestellung des Existenzrechts des Staates Israel ist in Deutschland keine Straftat und darf auf Demonstrationen nicht pauschal verboten werden.

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Wirtschaft
Wirtschaftsaufschwung abgesagt? Deutsche Unternehmer bleiben pessimistisch

Die deutsche Wirtschaft bleibt nicht nur im Jahr 2025 angeschlagen – man geht derzeit auch davon aus, dass es im kommenden Jahr nicht unbedingt besser wird. Die Wirtschaftsweisen rechnen inzwischen nur noch mit einem Wachstum von gerade einmal 0,9 Prozent. Dass hier dann gleichzeitig die Kritik an der Bundesregierung lauter wird, ist nicht überraschend. Denn viele Experten sehen die Regierung eher als Teil des Problems und nicht als Lösung.
Das Geschäftsklima hat sich verschlechtert
In den Führungsetagen deutscher Unternehmen hat sich die Stimmung im November unerwartet verschlechtert. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex von 88,4 Punkten auf 88,1 Punkte gesunken. Das hat das Münchner Ifo-Institut nach seiner monatlichen Befragung von rund 9000 Manager mitgeteilt. Die Ökonomen sind im Vorfeld mit einem leichten Anstieg auf 88,5 Punkte ausgegangen. Zwar haben viele Unternehmen ihre aktuelle Lage etwas besser bewertet, doch gleichzeitig haben die Sorgen über die kommenden Monate erneut zugenommen. „Die deutsche Wirtschaft zweifelt an einer baldigen Erholung“, so der Ifo-Präsident Clemens Fuest. Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Entwicklung ebenfalls schwach geblieben. „Insbesondere die Erwartungen bekamen einen deutlichen Dämpfer“, betonte Fuest. Auch Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe fand klare Worte: „Die deutsche Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.“ Viele Betriebe haben noch immer Probleme im Bereich der Planungssicherheit und der anhaltende Kostendruck belastet die Produktionsabläufe wie etwa Investitionen. Ökonomen sparen nicht mit Kritik an der Regierung Der LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch sprach angesichts der aktuellen Datenlage von einer weiteren Enttäuschung. Für ihn sei die leichte Verbesserung der Lageeinschätzung nahezu ohne Bedeutung: „Der Anstieg war minimal und das erreichte Niveau bleibt unterirdisch“, sagte er. Vom politisch angekündigten „Herbst der Reformen“ sei so gut wie nichts geblieben. „Leider ist die Politik Teil des Problems. Es wäre besser, wenn sie Teil der Lösung werden würde“, so der Analyst. Ähnlich kritisch äußerte sich Alexander Krüger, der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Er warnte vor den Folgen eines unzureichenden fiskalischen Impulses: „Man möchte sich gar nicht ausmalen, was geschieht, wenn der Schub durch das Fiskalpaket weitgehend ausbleibt.“ Aus seiner Sicht sei es umso wichtiger, dass die Bundesregierung gegen die strukturellen Standortnachteile vorgeht. „Auf den ausgebliebenen Herbst der Reformen darf nicht ein Winter mit Tiefschlaf folgen.“ Viele Experten fordern bereits Maßnahmen, die von geringerer Bürokratie über steuerliche Anreize bis hin zu stabilen Energiekosten reichen. Doch noch hakt es bei der Umsetzung. Tatsächlich hat die Politik in den letzten Jahren mehrmals unter Beweis gestellt, dass auf das falsche Pferd gesetzt wurde. Ein gutes Beispiel mag der deutsche Glücksspielstaatsvertrag sein. Anfangs war man überzeugt, das bundesweit regulierte Glücksspiel würde sich vorteilhaft für Spieler auswirken, mit der Zeit hat man erkannt, dass die Zahl der Deutschen, die nach Casinos suchen, in denen OASIS nicht aktiv ist, wächst. Denn der deutsche Glücksspielstaatsvertrag beinhaltet abseits von OASIS auch ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro (plattformübergreifend) sowie auch ein Verbot von Live Casino Spielen.
Unterschiedliche Entwicklung in den Branchen: Einzelhandel ist schwach, Tourismus zieht an
Im Dienstleistungssektor hat sich das Klima etwas gebessert, doch die Erholung verläuft nicht überall gleich. Vor allem im Bereich Transport und Logistik ist es laut Ifo zu einem spürbaren Rückschlag gekommen. Gleichzeitig hat der Tourismus erkennbar zugelegt und aufgezeigt, dass die Reiselust vieler Menschen klar gestiegen ist. Im Handel hingegen hat sich der Abwärtstrend fortgesetzt. Das Ifo-Institut hat von einem enttäuschenden Start in das Weihnachtsgeschäft berichtet: „Insbesondere der Einzelhandel zeigte sich zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts enttäuscht.“ Auch im Baugewerbe hat sich die Stimmung weiter verschlechtert. Die schwache Nachfrage sei dort „ein bestimmender Engpass“, was angesichts hoher Zinsen, teurer Materialien und anhaltender Unsicherheit auch nicht überraschend ist.
Leichte Bewegung, aber keine Trendwende
Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Frühjahr und einer weitgehenden Stagnation im Sommer ist die Bundesbank der Meinung, dass die deutsche Wirtschaft im Schlussquartal 2025 wieder leicht wachsen könnte. Die Hoffnung liegt vor allem auf die staatlichen Mehrausgaben für Infrastrukturprojekte und Verteidigung, die im Jahr 2026 dann zusätzliche Impulse setzen sollen. Ein kräftiger Aufschwung ist aber noch lange nicht in Sicht. Belastend wirken vor allem die neuen US Zölle, die wichtige Branchen wie Automobilbau und Maschinenbau treffen, sowie auch die zunehmenden Wettbewerbsnachteile im globalen Umfeld. Die exportorientierte Industrie kämpft mit einer schwächeren Nachfrage in vielen internationalen Märkten. Für viele Ökonomen bleibt das Gesamtbild also unverändert: Die deutsche Wirtschaft steckt fest und eine nachhaltige Erholung ist erst möglich, wenn strukturelle Reformen, Investitionen und eine verlässliche Standortpolitik zusammenkommen. Bis dahin wird es für die Unternehmen und Beschäftigten ein Jahr der Unsicherheiten bleiben.
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– Wirtschaft – Aufstieg der Binnenmärkte: Was das Wachstum in Schwellenländern bedeutet

Schwellenländer wenden sich zunehmend der Emission heimischer Anleihen zu, was einen strukturellen Wandel darstellt, der die Abhängigkeit von externen Krediten in Hartwährungen verringert.

Aufstieg der Binnenmärkte: Was das Wachstum in Schwellenländern bedeutet
 

Sport
Wie digitale Plattformen im Sportmarkt neue Strategien entwickeln – und was Investoren daraus lernen können

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Kaum eine Branche verändert sich derzeit so rasant wie der Sportmarkt. Die digitale Transformation hat längst nicht nur die Übertragung von Spielen erfasst, sondern ganze Geschäftsmodelle neu definiert. Laut einer Analyse von Fortune Business Insights wächst der globale Markt für Sporttechnologie derzeit um durchschnittlich 20,8 Prozent pro Jahr. Digitale Plattformen, datenbasierte Entscheidungen und interaktive Fan-Erlebnisse verschieben die Machtverhältnisse. Für Investoren eröffnet sich damit ein Markt, der Chancen und Risiken zugleich bereithält.

Vom reinen Übertragungsmodell zur Fan-Erlebnisplattform

Lange Zeit bestimmten lineare Fernsehsender den Rhythmus des Sportkonsums. Doch das digitale Zeitalter hat diese Struktur aufgebrochen. Streamingdienste und interaktive Plattformen verändern, wie Fans Spiele erleben und wie Ligen ihre Reichweite gestalten. Nach aktuellen Daten von Ampere Analysis investieren Streaminganbieter im Jahr 2025 weltweit rund 12,5 Milliarden US-Dollar in Sportrechte – etwa ein Fünftel der gesamten Medienrechte-Ausgaben. Diese Verschiebung zeigt: Die Wertschöpfung liegt zunehmend bei den Plattformen, nicht mehr bei klassischen Sendern. Klassische Veranstalter spüren diesen Druck deutlich. Plattformen bieten längst mehr als reine Übertragungen. Sie schaffen Erlebnisräume – von Live-Statistiken über Community-Funktionen bis zu integrierten Fan-Shops. So wird der Sport zur dauerhaften Beziehung, nicht zum Event. Nutzer interagieren, kommentieren, handeln digitale Güter oder spenden direkt an Lieblingsvereine. Für Investoren ist das eine strategische Chance: Wer in Ökosysteme mit wiederkehrenden Erlösen investiert, profitiert von planbaren Wachstumsströmen. Gleichzeitig wächst die Verantwortung im Umgang mit Nutzerdaten. Plattformbetreiber müssen Datenschutz und Transparenz gewährleisten, damit beispielsweise keine OASIS Sperrdatei unbeabsichtigte Barrieren für Innovationen schafft.

Monetarisierung jenseits des Pay-TV

In der digitalen Sportszene verschiebt sich der Fokus von der reinen Übertragung hin zu vielfältigen Erlösmodellen. Plattformen kombinieren Werbung, Abonnements, Merchandise, Gaming und Content-Partnerschaften zu integrierten Geschäftsmodellen. Aus passiven Zuschauern werden aktive Teilnehmer, die durch Interaktionen, Käufe oder Community-Aktivitäten Mehrwert schaffen. Diese Entwicklung verändert auch die Denkweise von Investoren. Nicht mehr die Reichweite allein entscheidet, sondern das Ausmaß der Nutzerbindung und die Fähigkeit, aus Engagement verlässliche Umsätze zu generieren. Plattformen, die Inhalte, Communities und Transaktionen geschickt verknüpfen, können so stabile Einnahmequellen aufbauen. Entscheidend ist, wie tief Datenanalyse, Nutzerverständnis und technologische Innovation miteinander verschmelzen. Unternehmen, die ihre Plattformarchitektur flexibel gestalten, erschließen neue Zielgruppen – von E-Sport-Communities über Nischensportarten bis zu Formaten für weibliche Zielgruppen. Für Investoren liegt darin ein enormes Potenzial, sofern sie langfristig denken und nicht nur kurzfristige Renditen suchen.

Was Investoren konkret tun sollten

Investoren, die sich im digitalen Sportmarkt engagieren möchten, brauchen heute mehr als nur Kapital. Sie benötigen ein tiefes Verständnis für Plattformlogiken und deren Wachstumsmechanismen. Erfolgreiche Strategien beginnen mit der Auswahl der richtigen Modelle: Plattformen, die über reine Content-Verwertung hinausgehen und Fans aktiv einbinden, bieten langfristig stabilere Erträge. Besonders wertvoll sind Ansätze, die Community-Funktionen, Daten-Monetarisierung und Transaktionen intelligent verbinden. Skalierbarkeit bleibt dabei ein zentrales Kriterium. Eine Plattform, die mehrere Sportarten abdeckt, internationale Märkte anspricht und verschiedene digitale Dienste integriert, ist weniger anfällig für Marktschwankungen. Ebenso wichtig ist der technologische Unterbau: Nur wer über belastbare Dateninfrastrukturen verfügt, kann Nutzer langfristig binden und Inhalte personalisiert anbieten. Investoren sollten deshalb auch prüfen, ob Plattformen ihre Systeme modular aufbauen – das erleichtert spätere Expansionen und Anpassungen an neue Märkte.

Strategisches Vorgehen und Partnerschaften

Neben dem operativen Potenzial zählen strategische Perspektiven. Partnerschaften mit etablierten Tech- oder Medienhäusern können Skalierung beschleunigen und neue Vertriebswege öffnen. Für viele Unternehmen ist auch ein Börsengang oder ein Teilverkauf an größere Akteure realistisch, sobald sie ihre Nutzerbasis und Monetarisierungsmodelle stabilisiert haben. Eine Studie von Capstone Partners aus dem Jahr 2025 zeigt, dass das Interesse an Übernahmen im Sporttechnologie-Sektor weiter zunimmt – vor allem in Bereichen wie Fan-Engagement, Datenanalyse und Trainingsplattformen.
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– Rennsport – Kenan Sofuoglu hofft auf ersten türkischen Formel-1-Weltmeister

Der Sechsjährige hat nicht nur an Kart-Rennen teilgenommen, sondern in der offiziellen Junioren-Meisterschaft in Portugal sogar einen Streckenrekord aufgestellt

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Assad-Diktatur
„Damascus Dossier“: Assads Tötungemaschinerie

Hamburg – Zehntausende bislang streng geheime Fotos und Dokumente liefern neue Erkenntnisse zu den Verbrechen der Assad-Diktatur am eigenen Volk. Sie zeigen schwerste Menschenrechtsverletzungen des Regimes bis kurz vor seinem Sturz im Dezember 2024 und werfen damit ein neues Licht auf das Ausmaß und die Systematik dieser Gräueltaten. Zentraler Teil des Datensatzes ist eine in dieser Größe einzigartige Fotosammlung. Die mehr als 70.000 Bildern wurden von der syrischen Militärpolizei in den Jahren 2015 bis 2024 aufgenommen. Sie zeigen unter anderem zehntausende Aufnahmen von toten Häftlingen. Der syrischen Öffentlichkeit ist die Existenz dieser Aufnahmen bislang nicht bekannt. Die Unterlagen wurden dem NDR zugespielt, der sie mit WDR, Süddeutscher Zeitung, dem Internationalen Consortium Investigativer Journalisten (ICIJ) und mit zahlreichen internationalen Medienpartnern geteilt hat. Die gemeinsame Recherche wird ab sofort weltweit unter dem Titel „Damascus Dossier“ veröffentlicht. NDR Reporter konnten mit dem Offizier sprechen, der die Fotos in den letzten Tagen des Assad-Regimes aus einer Militäreinrichtung geschmuggelt hat. Er war bis Ende 2024 Chef der sogenannten Beweissicherungsabteilung der Militärpolizei in Damaskus. Im Interview mit dem NDR sagt er zu seiner Motivation, es seien sehr viele Menschenleben ausgelöscht worden und „die Familien müssen wissen, wo ihre Angehörigen sind“. Bei sich selbst sieht der Soldat keine Mitschuld. Er und seine Einheit seien nur für die Dokumentation der Toten zuständig gewesen. Neben den Fotos enthält der Datensatz auch zehntausende Unterlagen syrischer Geheimdienste. Darunter sind unter anderem abgehörte Telefonate, Listen von Militärangehörigen und Totenscheine von Gefangenen. Die Daten legen offen, wie die frühere syrische Regierung mit Hilfe ihrer Geheimdienste die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung organisierte. Sie belegen im Detail, wie bis zum Sturz von Baschar Al-Assad im Dezember 2024 Menschen systematisch bespitzelt, wegsperrt und zu Tode gefoltert wurden. Der überwiegende Teil der Leichname auf den Fotos zeigt Zeichen von Unterernährung, viele der Leichen sind bis auf die Knochen abgemagert. Außerdem sind Spuren massiver Gewalteinwirkung sichtbar, die Experten als Folgen systematischer Folter interpretieren.
Ärzte aus syrischem Militärkrankenhaus praktizieren heute in Deutschland
Die Recherchen zeigen zudem, dass Militärkrankenhäuser in Assads Repressionsapparat eine bedeutende Rolle spielten. So zeigt das „Damascus Dossier“, dass Ärzte aus dem Militärkrankenhaus Harasta in Damaskus Todeszertifikate verstorbener Häftlinge abzeichneten und dabei ungeachtet der tatsächlichen Todesursache standardmäßig „Herzstillstand“ vermerkten, mitunter offenbar, ohne die Leichen überhaupt gesehen zu haben. Überlebende Häftlinge, die ins Harasta-Krankenhaus eingeliefert wurden, berichten von einer dort eigens eingerichteten Folteretage. Auch ehemalige Ärzte des Harasta-Krankenhauses haben gegenüber NDR, WDR und SZ die Folter im Krankenhaus bestätigt. Die Recherchen haben ergeben, dass einige früher dort beschäftigten Ärzte heute in Deutschland praktizieren. Im Gespräch mit NDR, WDR und SZ wiesen sie alle Schuld von sich. Das Harasta-Krankenhaus fungierte zudem als Ort der Dokumentation und Station für den Abtransport toter Gefangener. Die Recherchen zeigen, dass viele der Leichen-Fotos der Militärpolizei im Keller des Krankenhauses aufgenommen wurden. Die Fotos der getöteten Syrer sind auch für deutsche Behörden von Bedeutung. Denn syrische Täter können auch in Deutschland auf Grundlage des sogenannten Weltrechtsprinzips für Taten in Syrien angeklagt werden. Im Zuge der Recherchen erhielten NDR, WDR und SZ die Information, dass die Bilder auch dem Generalbundesanwalt vorliegen, der diese prüft und auswerten will. Sie sind Teil eines Strukturermittlungsverfahrens zu Syrien, in dem ähnliche Bilder schon eine Rolle gespielt haben. „Fotos, die uns zu Syrien vorliegen, ergänzen die Zeugenaussagen einzelner Personen. Sie machen besonders anschaulich für jeden sichtbar und damit auch objektivierbar, was einzelne Personen erlitten haben“, sagt Generalbundesanwalt Jens Rommel gegenüber NDR, WDR und SZ. Den Recherchen zufolge führt die Bundesanwaltschaft derzeit eine mittlere zweistellige Anzahl an Ermittlungsverfahren und hat insgesamt im Rahmen des Strukturermittlungsverfahrens bereits weit über 2000 Zeugen vernommen. Anfragen des Rechercheteams zu den Vorwürfen ließen sowohl die jetzige syrische Regierung als auch der ehemalige Präsident Baschar Al Assad unbeantwortet. Auch ein Jahr nach dem Sturz der Diktatur in Syrien gelten schätzungsweise 160.000 Syrerinnen und Syrer als vermisst. Aus den zahlreichen Dokumenten des „Damascus Dossier”-Datensatzes hat der NDR gemeinsam mit dem ICIJ Listen erstellt, die Informationen über das Schicksal von mehr als 1.500 Menschen enthalten, die in Gefangenschaft genommen wurden oder in Haft verstorben sind. Der NDR hat die Listen mit drei syrischen Nichtregierungsorganisationen (Syrian Network for Human Rights, Syrian Center for Legal Studies and Research, Ta´afi) und mit der UN-Organisation Independent Institution on Missing Persons in the Syrian Arab Republic (IIMP) geteilt. Alle vier Institutionen helfen Familienangehörigen von in Syrien Verschwundenen bei der Suche nach ihren Verwandten.
„Damascus Dossiers“ – Gemeinsame Recherche über 25 Länder
Am Rechercheprojekt „Damascus Dossiers“ waren neben NDR/WDR und Süddeutscher Zeitung Journalisten aus 25 Ländern beteiligt, unter anderem von ARIJ (Jordanien), CBC (Kanada), DARAJ (Libanon), El País (Spanien), L´Espresso (Italien), ORF (Österreich), SVT (Schweden), Times of London (Großbritannien), Toronto Star (Kanada), VG (Norwegen), Washington Post (USA), Yle (Finnland). Alle Rechercheergebnisse werden ab sofort international veröffentlicht. Mehr zum „Damascus Dossier“ auf tagesschau.de, in der ARD Mediathek im Film „Das Damascus Dossier“, bei Panorama im Ersten am 4.12. um 21.45 Uhr, und bei 11KM: der tagesschau-Podcast in der ARD-Audiothek.

Israel-Reise
Humanitäre Organisationen fordern Merz: Schutz für Palästinenser

Berlin – Vor dem Antrittsbesuch von Friedrich Merz in Israel appellieren neun humanitäre Organisationen an den Bundeskanzler, sich dort mit Nachdruck für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen, in Ostjerusalem sowie im Westjordanland einzusetzen. In einem heute übermittelten Brief betonen die Organisationen, dass die humanitäre Lage im Gazastreifen auch knapp zwei Monate nach der Waffenstillstandsvereinbarung katastrophal bleibt:
„Weiterhin sterben Frauen, Männer und Kinder, weil es ihnen an Essen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung fehlt. Trotz der vereinbarten Waffenruhe kommt es weiterhin zu Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Zwischen dem 11. Oktober und dem 24. November wurden mehr als 339 Menschen, darunter 70 Kinder, durch Angriffe des israelischen Militärs getötet.“
Die unterzeichnenden Organisationen kritisieren ferner, dass der Zugang für humanitäre Hilfe weiter stark beschränkt bleibt: Obwohl die Vereinbarung über die Waffenruhe ausdrücklich bekräftigt, dass nach dem humanitären Völkerrecht Hilfe umfänglich, unverzüglich und uneingeschränkt in den Gazastreifen gelangen muss, beschränken israelische Behörden weiter die Einfuhr lebenswichtiger Hilfsgüter, darunter Nahrungsmittel. Die Verfasser*innen des Briefes prangern auch die eskalierende Gewalt im Westjordanland und Ostjerusalem durch israelische Militäreinsätze und militante Siedler*innen an. Zivilist*innen – darunter Kinder – werden verletzt und getötet. Durch die Militäroperationen bleibt außerdem zahlreichen Kindern der Zugang zu grundlegender Versorgung sowie zu Bildungs- und Gesundheitsdiensten verwehrt. Die Unterzeichnenden appellieren an Friedrich Merz, von der israelischen Regierung mit Nachdruck unter anderem Folgendes einzufordern:
  • ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu ermöglichen
  • die Arbeit unabhängiger humanitärer Organisationen zu schützen
  • einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand verlässlich und endgültig einzuhalten
  • die palästinensische Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten zu schützen und die israelischen Militäreinsätze unverzüglich einzustellen
An die Bundesregierung gerichtet, fordern sie:
  • Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht aufs Schärfste zu verurteilen, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen und internationales Recht ausnahmslos durchzusetzen
  • die Perspektiven und die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Zivilbevölkerung als zentrale Voraussetzung für Friedensverhandlungen zu verankern
Die unterzeichnenden Organisationen sind: Aktion gegen den Hunger Ärzte der Welt CARE Deutschland e.V. Caritas international Handicap International e.V. medico international Oxfam Deutschland e.V. Save the Children Deutschland e.V. Welthungerhilfe
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– IDF-Krise – Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Die israelischen Streitkräfte (IDF) stehen vor einer Situation, die Militäranalysten als die schwerste Personalkrise seit Jahrzehnten bezeichnen.

Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Antalya
Skandal in der Türkei: Ukrainische Waisenkinder vergewaltigt

Istanbul – Ein humanitäres Projekt, das über 500 ukrainische Kriegswaisen in die Türkei brachte, ist zu einem der schwersten Kindesmissbrauchsskandale des Landes geworden: Zwei minderjährige Mädchen wurden nach Medienberichten von Hotelangestellten wiederholt vergewaltigt und schwanger – zur Vertuschung wurden sie eilig in die Ukraine zurückgeschickt. Die Opfer, die nur als N. (15) und I. (16) identifiziert wurden, gehörten zu den 510 Kindern, die im März 2022 aus Waisenhäusern in der Oblast Dnipropetrowsk evakuiert und im Rahmen des „Warless Childhood Project“ fast drei Jahre lang in zwei Hotels im Bezirk Beldibi in Antalya untergebracht wurden. Das Programm wurde öffentlich als Vorbild für die türkisch-ukrainische Solidarität gefeiert. Laut Dokumenten und Zeugenaussagen, die türkischen Medien vorliegen, wurden die Vergewaltigungen von zwei Küchenmitarbeitern begangen: M. (23), einem Koch, der N. schwängerte, und S. (21), der I. schwängerte. Die ukrainischen Betreuer, die zum Schutz der Kinder abgestellt waren, sollen von den Übergriffen gewusst, nächtliche Besuche in den Zimmern der Mädchen ermöglicht und die Minderjährigen später dazu gezwungen haben, Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie behaupteten, die sexuellen Beziehungen seien „einvernehmlich“ gewesen und sie seien in ihre erwachsenen Vergewaltiger „verliebt“ gewesen. Als die Schwangerschaften nicht mehr zu verbergen waren, wurden beide Mädchen aus der Türkei entfernt und in die Ukraine zurückgebracht, wo sie ohne angemessene medizinische oder soziale Unterstützung durch die Stiftung, die sie dorthin gebracht hatte, ihre Kinder zur Welt brachten. Drei Monate nach der Entbindung unternahm das Opfer I. einen Selbstmordversuch. Eine gemeinsame Inspektion im März 2024 – durchgeführt vom ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinets, dem türkischen Ombudsmann und einem Vertreter der UNICEF – deckte eine lange Liste weiterer Misshandlungen und Vernachlässigungen auf:
  • Den Kindern wurde regelmäßig sauberes Trinkwasser vorenthalten (das Leitungswasser im Hotel roch übel, Wasser in Flaschen wurde rationiert).
  • Waisenkinder wurden gezwungen, bei Spendenveranstaltungen Lieder zu singen, zu tanzen und Gedichte vorzutragen; diejenigen, die sich weigerten, wurden mit Entzug von Essen oder Kleidung bestraft.
  • 120 Kinder mit schweren psychoneurologischen Behinderungen erhielten keine spezielle Betreuung, Therapie oder Ernährung.
  • Die medizinische Behandlung bestand aus telefonischen Konsultationen mit Ärzten in der Ukraine; persönliche Untersuchungen fanden nicht statt.
  • Die Kinder schliefen auf schmutzigen Decken; die Bettwäsche wurde nur alle paar Wochen gewechselt.
  • Ein Kind wurde stundenlang vermisst und schließlich nach einer Suche mit dem Hubschrauber an einem Strand gefunden.
Der offizielle Bericht der 11-köpfigen Delegation beschrieb eine „Kette von Vernachlässigung und Ausbeutung“. Trotz der Schwere der Ergebnisse schlossen beide Länder die Fälle schnell ab. Die Ukraine beendete ihre strafrechtlichen Ermittlungen im Juni 2025 unter Berufung auf die von den Minderjährigen unter Zwang unterzeichneten „Einverständniserklärungen“. In der Türkei stellte die Staatsanwaltschaft Antalya das Verfahren ein, nachdem die Opfer – immer noch minderjährig und unter Druck stehend – wiederholt behaupteten, die Vergewaltigungen seien „im gegenseitigen Einvernehmen“ erfolgt. Berufungen wurden abgelehnt. Ruslan Shostak, der ukrainische Geschäftsmann, dessen Stiftung die Evakuierung organisiert und Millionen an Spenden erhalten hatte, wurde nicht angeklagt. Die türkischen Behörden betonten, dass die Hotels privat geführt wurden und die Hauptverantwortung bei den ukrainischen Betreuern lag. Kritiker, darunter Kinderrechtsaktivisten, argumentieren, dass die Türkei als Gastland gemäß der UN-Kinderrechtskonvention eine nicht delegierbare Pflicht hatte, die Minderjährigen auf ihrem Staatsgebiet zu schützen. Als die letzten Waisenkinder im Dezember 2024 in die Ukraine zurückkehrten, sprachen viele warmherzig über ihre Zeit in der Türkei und drückten ihre Dankbarkeit für die Unterkunft aus, die sie von der Front fernhielt. Für mindestens zwei von ihnen war der Preis für diese Sicherheit jedoch Vergewaltigung, erzwungene Schwangerschaft und eine Vertuschung, die ihnen Gerechtigkeit vorenthielt.

IDF-Krise
Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Jerusalem – Die israelischen Streitkräfte (IDF) stehen vor einer Situation, die Militäranalysten als die schwerste Personalkrise seit Jahrzehnten bezeichnen. Der akute Mangel an Offizieren und Unteroffizieren gefährdet die Einsatzbereitschaft und die langfristige Nachhaltigkeit. Interne Umfragen zeigen einen dramatischen Rückgang der Verbleibquote, der durch den langwierigen Krieg im Gazastreifen, Burnout und bessere zivile Beschäftigungsmöglichkeiten noch verschärft wird und den schwersten Personalmangel seit den 1980er Jahren darstellt. Neue Daten, die der IDF-Führung und politischen Persönlichkeiten vorgelegt wurden, zeichnen ein düsteres Bild: Dem Militär fehlen in verschiedenen Einheiten etwa 1.300 Offiziere im Rang eines Leutnants und Hauptmanns sowie 300 Majore. Das Interesse der Offiziere an einer Weiterbeschäftigung ist von 83 % im Jahr 2018 auf nur noch 63 % im Jahr 2025 gesunken, während es bei den Unteroffizieren im gleichen Zeitraum von 58 % auf 37 % gefallen ist, berichtet Times of Israel. Rund 600 Berufssoldaten streben eine vorzeitige Pensionierung an, was die IDF dazu zwingt, weniger erfahrene Unteroffiziere zu befördern, um kritische Lücken zu füllen. Der Reserve-General und Militäranalyst Itzhak Brik sprach am Sonntag eine deutliche Warnung aus und bezeichnete die Situation als „die schlimmste Personalkrise in der Geschichte“, zitiert TRT World Brik. „Die katastrophale Lage innerhalb der Armee könnte dazu führen, dass die Armee ihre Funktionsfähigkeit vollständig verliert“, sagte Brik und verwies auf Tausende von Offizieren und Unteroffizieren, die sich geweigert haben, ihren Einberufungsbefehl anzutreten oder ihren Vertrag zu verlängern. Er betonte, dass der starke Personalrückgang bereits jetzt die Wartung der Ausrüstung und den Betrieb der Kampfsysteme beeinträchtige, da „unvorbereitetes Personal in sensiblen Funktionen nicht in der Lage ist, die Herausforderungen des aktuellen Schlachtfeldes zu bewältigen“.
„Vollständigen Lähmung“
Brik warnte, dass sich die Krise ohne dringende Reformen zu einer „vollständigen Lähmung“ der IDF entwickeln könnte. Die Ursachen lassen sich auf den zweijährigen Konflikt im Gazastreifen zurückführen, der einen hohen Tribut gefordert hat: 923 Soldaten wurden getötet, 6.399 verwundet und schätzungsweise 20.000 Soldaten leiden unter posttraumatischer Belastungsstörung.
Kriegsbedingte Erschöpfung
Anreize im zivilen Sektor – höhere Gehälter, weniger Stress und flexible Arbeitszeiten – haben viele davon gelockt, was durch kriegsbedingte Erschöpfung, sich verschlechternde Dienstbedingungen und die Wahrnehmung einer politischen Delegitimierung des Militärs noch verstärkt wurde, berichtet Times of Israel weiter. Die Scheidungsrate unter Soldaten ist um 20 % gestiegen, was die familiären Verpflichtungen bei längerem Dienst zusätzlich belastet. Brigadegeneral Amir Vadmani, Stabschef der Personalabteilung der IDF, räumte die Herausforderungen kürzlich in einer Pressekonferenz ein. „Es gibt Lücken. Um einige dieser Lücken zu schließen, fördern wir junge Menschen mit weniger Erfahrung, um die Reihen aufzufüllen“, sagte er. „Wir haben einen Rückgang der Auswahlquote. Bis 2028 müssen wir 400 Oberstleutnants aus den derzeit 500 verfügbaren Kandidaten ernennen, und diese Zahl wird weiter sinken.“ Vadmani führte diese Trends auf eine zunehmende Burnout-Rate auf allen Ebenen zurück, die sich aus laufenden internen Umfragen ergibt.
Einsatzplan für 2026
Als Reaktion darauf hat die IDF einen Einsatzplan für 2026 verabschiedet, der den Reservedienst erheblich reduziert, um die Belastung für Teilzeitsoldaten zu verringern. Nach dem neuen „Kampffeldplan“, der vom Stabschef, Generalleutnant Eyal Zamir, genehmigt wurde, werden Reservisten insgesamt etwa 60 Tage Dienst leisten – gegenüber durchschnittlich 136 Tagen für Kampfsoldaten und 168 Tagen für Kommandeure im ersten Kriegsjahr. Vor dem Krieg war der Reservedienst auf maximal 25 Tage alle drei Jahre plus jährliche Ausbildung begrenzt. Der Plan verlagert den Schwerpunkt auf etwa sechs Wochen operative Tätigkeit, während der Rest für mehrwöchige Ausbildungsübungen zur Stärkung der Einsatzbereitschaft der Einheiten vorgesehen ist. Experten bezweifeln jedoch, dass diese Maßnahmen ausreichen werden.
280.000 Einberufungsbefehle
Die Regierung hat 280.000 Einberufungsbefehle für Reservisten für das kommende Jahr genehmigt, was möglicherweise 60 bis 70 Tage pro Reservist erfordert. Schätzungen zufolge könnten jedoch bis zu 30 % nicht erscheinen, was die Einsatzfähigkeit weiter beeinträchtigen würde. Der Gesamtmangel wird auf 10.000 bis 12.000 Soldaten geschätzt, verteilt auf aktive und Reservekräfte. Während der Krieg in Gaza ausklingt, sieht sich die Führung der IDF zunehmendem Druck ausgesetzt, das Personalmanagement zu überarbeiten, einschließlich der Modernisierung veralteter Systeme und der Beseitigung fragmentierter Datenbanken, die zu einer „Informationsblindheit” beigetragen haben. Kritiker, darunter Brik, verurteilen den starken Personalabbau und die Verkürzung der Wehrpflicht – drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen – als Entscheidungen, die die Streitkräfte ausgehöhlt haben.
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– Münster – Deutschland: Leugnung des Existenzrechts Israels keine Straftat

Die bloße Leugnung oder Infragestellung des Existenzrechts des Staates Israel ist in Deutschland keine Straftat und darf auf Demonstrationen nicht pauschal verboten werden.

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Kommentar
Wenn Kritik zum Tabu wird: Warum wir Sophie von der Tann verteidigen müssen

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik Es wird zunehmend unheimlich still an den Orten, an denen eigentlich die lautesten Debatten geführt werden müssten. Die Stille entsteht nicht, weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil viele Menschen Angst haben, überhaupt noch Worte in den Mund zu nehmen. Genau deshalb verdient Sophie von der Tann Rückendeckung. Eine Korrespondentin, die sich traut, historische Zusammenhänge zu erklären, wird zur Zielscheibe jener, die jede Form von Kontext bereits als Relativierung brandmarken. Doch wer den Auftrag ernst nimmt, Journalismus zu betreiben, muss das Gesamtbild ausleuchten dürfen – auch, wenn es unbequem ist. Während über eine Formulierung gestritten wird, lenkt kaum noch jemand den Blick auf das, was gleichzeitig geschieht: Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant erlassen – schwerste Vorwürfe, darunter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die internationale Justiz hat keinen symbolischen Akt vollzogen, sondern juristisch bindende Schritte gesetzt. Und dennoch finden wir uns in einer öffentlichen Debatte wieder, in der jede Kritik an israelischer Regierungspolitik reflexhaft als antisemitisch gedeutet wird. Als wäre die bloße Benennung rechtswidriger Gewalt ein Angriff auf ein ganzes Volk. Als hätte die Menschheit nie gelernt, zwischen Menschen und Regierungen zu unterscheiden, zwischen Judentum und politischem Zionismus, zwischen religiöser Identität und militärischer Doktrin. Wer darauf besteht, diese Unterschiede zu verwischen, nimmt nicht nur die öffentliche Debatte in Geiselhaft, sondern instrumentalisiert den Kampf gegen Antisemitismus für politische Zwecke. Genau das beschädigt am Ende das, was eigentlich geschützt werden soll: das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes. Antisemitismus ist real, gefährlich, tödlich – und gerade deshalb darf er nicht als rhetorisches Werkzeug missbraucht werden, um Kritik an staatlicher Gewalt zu verhindern. Niemandem ist damit gedient, wenn legitime Fragezeichen kriminalisiert werden. Der Verweis auf die deutsche Geschichte lastet schwer, und natürlich prägt er den Umgang mit Israel bis heute. Doch die Vergangenheit darf nicht zur moralischen Blockade werden, die jede nüchterne Analyse verhindert. Eine Demokratie, die erwachsen sein will, muss fähig sein, beides gleichzeitig zu tun: bedingungslos gegen Antisemitismus einzutreten und dennoch Verstöße gegen das Völkerrecht klar zu benennen, egal von wem sie begangen werden. Wenn der IStGH Haftbefehle ausstellt, dann spricht er nicht im Namen irgendeiner politischen Bewegung, sondern im Namen eines globalen Rechtsprinzips, das bewusst geschaffen wurde, damit nie wieder Menschen über ihrer Verantwortlichkeit stehen. Es kann nicht sein, dass die Welt wegschaut, während internationale Institutionen Alarm schlagen. Es kann nicht sein, dass Journalistinnen, die ihren Job machen, eingeschüchtert werden sollen. Und es kann auch nicht sein, dass Menschen, die Missstände benennen, sofort unter Generalverdacht gestellt werden. Kritik an einer Regierung ist kein Angriff auf ein Volk. Kritik an militärischer Politik ist kein Angriff auf eine Religion. Und wer das Gegenteil behauptet, betreibt nicht Aufklärung, sondern Abschreckung. Wir sollten den Mut haben, auszusprechen, was ist: Niemand, wirklich niemand, steht über dem Recht. Wenn Menschenrechtsverbrechen im Raum stehen, müssen sie untersucht werden. Wenn der IStGH handelt, ist es unsere Pflicht, hinzuschauen – nicht zu schweigen. Und wenn Journalistinnen wie Sophie von der Tann versuchen, die Komplexität des Geschehens zu erklären, verdienen sie nicht Misstrauen, sondern Respekt. Gerade für die junge Generation brauchen wir eine politische Kultur, die nicht in Reflexen erstarrt, sondern in der Lage ist, zu unterscheiden, zu differenzieren, zu denken. Eine Kultur, die Kritik nicht fürchtet, sondern sie als demokratische Notwendigkeit begreift. Denn Verantwortlichkeit ist kein Angriff auf Würde – sie ist ihre Voraussetzung.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
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