Geschichtswissenschaft
Ibn Rushd: Der Philosoph, der Islam und Wissenschaft vereinte

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Von Çağıl Çayır

In einer Zeit, in der religiöse Dogmen oft als Feinde der Wissenschaft dargestellt werden, wirkt der andalusisch-muslimische Philosoph Ibn Rushd wie eine leuchtende Ausnahmefigur. Im 12. Jahrhundert vertrat er eine Überzeugung, die für viele bis heute radikal erscheint: Der Islam widerspricht der Wissenschaft nicht – im Gegenteil, er verlangt sie.

Ein islamischer Aristoteliker

Ibn Rushd, der im Westen unter dem Namen Averroes bekannt ist, wurde 1126 in Córdoba geboren, damals ein Zentrum islamischer Kultur in Andalusien. Er war nicht nur ein Philosoph, sondern auch Jurist, Arzt und Astronom. Seine bekannteste Leistung: die umfassende Kommentierung der Werke Aristoteles’ – und die Behauptung, dass Vernunft und Glaube im Einklang stehen.

Während in Europa die Scholastik noch versuchte, antike Philosophie mit dem Christentum zu versöhnen, tat Ibn Rushd dies bereits auf hohem Niveau innerhalb des Islam. Für ihn war die Suche nach Wissen eine religiöse Pflicht – weil der Koran selbst den Menschen auffordert, über die Welt nachzudenken.

Faṣl al-Maqāl – die Entscheidung für die Philosophie

In seinem Hauptwerk Fasl al-Maqal fima bayn al-hikma wa-sh-sharia mina al-ittisal (etwa: „Die entscheidende Abhandlung über das Verhältnis von Philosophie und islamischem Gesetz“) erklärt Ibn Rushd, dass das Studium der Philosophie im Islam nicht nur erlaubt, sondern religiöse Pflicht sei. Der Koran selbst fordere die Menschen dazu auf, über die Schöpfung nachzudenken, die Natur zu studieren und Erkenntnis zu suchen.

Der Koran als Quelle der Vernunft

In seinem Werk „Der Widerspruch des Widerspruchs“ (Tahāfut al-Tahāfut) trat Ibn Rushd gegen den berühmten Theologen al-Ghazali an, der die Philosophie als gefährlich für den Glauben angesehen hatte. Ibn Rushd hielt dagegen: Wahre Philosophie widerspricht der Religion nicht – sie führt zu ihr. Wer die Welt mit dem Verstand erfasst, versteht laut Ibn Rushd auch den göttlichen Plan besser. Wissenschaft sei kein weltliches Unterfangen, sondern ein Weg zu Gott.

Er unterschied zwischen drei Arten von Menschen: den einfachen Gläubigen, die dem religiösen Wort folgen; den Theologen, die es auslegen; und den Philosophen, die es durch Vernunft erkennen. Für Letztere seien wissenschaftliche Methoden und Logik das geeignete Mittel, um Gott zu erkennen.

Verfolgung und Exil

Doch nicht alle waren bereit, diese Idee zu akzeptieren. Trotz seiner Berühmtheit und seiner Ämter – unter anderem als Hofarzt und Richter – wurde Ibn Rushd gegen Ende seines Lebens Opfer politischer Intrigen. Unter dem Einfluss konservativer Kräfte verbot der Almohaden-Kalif Yaqub al-Mansur seine Bücher, ließ sie verbrennen und schickte ihn ins Exil.

In Marrakesch, von der politischen Bühne entfernt, starb Ibn Rushd im Jahr 1198. Erst posthum wurde er rehabilitiert – jedoch weniger im muslimischen Raum als im christlichen Europa. Dort wirkten seine Schriften über Jahrhunderte fort. Thomas von Aquin, Albertus Magnus und viele Denker der Scholastik setzten sich mit seinen Ideen auseinander. In Paris und Bologna wurde er zu einem „Lehrer der Lehrer“.

Ein Vorbild für heute?

In einer Zeit, in der Religion und Wissenschaft oft gegeneinander ausgespielt werden, wirkt Ibn Rushds Botschaft wie ein dringend benötigter Appell zur Versöhnung. Er erinnerte daran, dass Glaube keine Denkverbote verlangt – im Gegenteil: Wahrer Glaube braucht den Mut zur Vernunft.

Seine Geschichte zeigt aber auch die Gefahren: Intellektuelle, die neue Wege vorschlagen, riskieren Ausgrenzung. Ibn Rushd bezahlte seine Überzeugung mit Verbannung – und doch lebt seine Idee weiter: Dass Islam, Wissenschaft und Vernunft keine Gegensätze sein müssen, sondern drei Stimmen derselben Wahrheit.

Das Buch von Ibn Rushd auf Deutsch:

Ibn Rushd, Maßgebliche Abhandlung – Fasl al-maqal
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
 

Imamoglu-Verhaftung
Yücel: „Das Eko-System in Istanbul bricht zusammen“

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel In der Türkei wurden bei der zuletzt fünften Verhaftungswelle weitere Angestellte und oppositionelle Bürgermeister aus Istanbul und Adana verhaftet. Auf der anderen Seite wurden elf Personen aus der Untersuchungshaft entlassen, die zuvor mit der Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft vollumfänglich kooperierten, dabei mit teilweisen oder vollen Schuldeingeständnissen eine Freilassung bis zum Verhandlungstag herausgeschlagen hatten. Schlimmer als Ekrem Imamoğlu geht nimmer, dachte man sich bislang. Doch je länger und tiefer die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaften in Istanbul, Ankara oder Adana anhalten, je mehr Untersuchungshäftlinge von der „wirksamen Reue“ (etkin pişmanlık) Gebrauch machen, desto eher hegt man mittlerweile den Verdacht, dass hier ein „Eko-System“ im Gange war, dessen Zerschlagung die Türkei an den oppositionellen Fundamenten rütteln wird.
Eyüp Subaşı-Aussage
Erstmals bezeichnete der türkische Unternehmer Eyüp Subaşı in seiner vollumfänglichen Aussage gegenüber der Generalstaatsanwaltschaft Istanbul die Korruptionsvorwürfe in Zusammenhang mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu als „System“. Seither wird in sozialen Medien oder in den unzähligen TV-Talkshows von einem „Eko-System“ gesprochen. „Eko“ steht hier für Ekrem, sprich Ekrem Imamoğlu. Mit Beginn der Razzia gegen den ehemaligen OB von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, am 19. März, verstärkt sich nicht nur der Druck auf den „Kopf“ des „Systems“ der „kriminellen Organisation“, sondern auch auf die Oppositionspartei CHP selbst. Und damit vor allem der Druck auf den Parteivorsitzenden Özgür Özel. Der brillierte zuletzt mit einem außerordentlichem Wink mit dem Zaunpfahl, ausgerechnet in Richtung des ermittelnden Istanbuler Generalstaatsanwalts Akın Gürlek.
„Gekaufte Delegierten-Stimmen“
Als wenn es schon nicht genug Probleme gebe, wie z.B. mit „gekauften Delegierten-Stimmen“ zur Vorsitzendenwahl während der 38. Generalversammlung am 5. November 2023, bei der der ehemalige Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu seinem Kontrahenten Özgür Özel unterlag, positioniert sich nun Özgür Özel selbst geradezu mutwillig ins Fadenkreuz der Justiz. Laut Medienberichten hat die Generalstaatsanwaltschaft von Istanbul nach diesem Fauxpas die Ermittlungen gegen den CHP-Vorsitzenden aufgenommen: wegen Drohung und Nötigung gegen Amtsträger. Die Ermittlungen in Zusammenhang mit „gekauften Delegierten-Stimmen“ sind in Ankara bereits im vollen Gange und gehen demnächst in die Anklageerhebung über. Wenn die Vorwürfe ernst genommen werden und zur Anklage führt, droht Özgür Özel selbst nicht nur eine Strafe, sondern die juristisch angeordnete Abwahl und die Wiederernennung seines einstigen Ziehvaters Kemal Kılıçdaroğlu zum Parteivorsitzenden. Kemal Kılıçdaroğlu selbst hatte kurz nach der 38. Generalversammlung die Wahl als getürkt dargestellt und seinen politischen Weggefährten Özgür Özel und Ekrem Imamoğlu vorgeworfen, ihn hinterhältig erdolcht zu haben. Offensichtlich stolpern Özgür Özel und Ekrem İmamoğlu nun selbst über die einstigen selbst gestellten Fallen, und über ihre hehren Ziele: der Kandidatur zur Präsidentschaftswahl, die erst in drei Jahren ansteht. Nicht nur das: sie stehen auch politisch auf einem seidenen Faden. Während Imamoğlu noch immer auf seine Popularität zurückgreifen kann, die mit Social-Media-Bots mehr schlecht als recht aufrechterhalten wird, muss Özgür Özel nun alle Register ziehen, um den entstandenen Imageschaden abzuwenden. Doch reicht der Wink mit dem Zaunpfahl? Experten sind sich einig, dass der Schaden für die Partei selbst immens sein wird, vor allem dann, wenn die Anklageschriften stehen und danach nach Jahren und juristischem Tauziehen die Anschuldigungen in Verurteilungen enden und rechtswirksam werden. Dabei würde z.B. allein schon ein Blick auf die Begründung des Haftrichters vom 23. März 2025 reichen, um zu verstehen, wie ernst es um Ekrem İmamoğlu steht. In der Begründung zur Untersuchungshaft wurde vom Gericht detailliert vorgetragen, weshalb man der Generalstaatsanwaltschaft zustimme,  Imamoğlu in Untersuchungshaft zu nehmen. Zwar bekommt man in der Begründung des Haftrichters nicht mit, welche konkreten Vorwürfe von der Generalstaatsanwaltschaft mit Beweisführung vorgetragen wurden, aber die Begründung an sich liefert schon allein für sich den starken begründeten Verdacht, dass die erhobenen Anschuldigungen nicht von der Hand zu weisen sind, sondern in der Beweisführung Hand und Fuß haben. Die Generalstaatsanwaltschaft hat offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht, und das war auch dringlich geboten, angesichts der Person und dem Status an sich. Da wäre aber vor allem auch die Frage zu stellen, weshalb die CHP-Führung es bislang eklatant versäumt hat, die vor den Generalstaatsanwaltschaften gesprächigen, kooperativen einstigen politischen Weggefährten, kommunalen Bediensteten oder Unternehmer wegen Verleumdung anzuklagen. Sind sie doch allesamt jene, die in diese Korruptionsaffäre laut eigenen Aussagen selbst verwickelt sind, diese Vorwürfe selbst bestätigen. Bis jetzt – nach Wochen und Monaten – hat weder Ekrem İmamoğlu noch Özgür Özel oder die Partei an sich, eine einzige Verleumdungsklage gegen einen dieser unzähligen „Lügner“ eingereicht, wie die Heerschar von Social-Media-Bots uns glaubhaft machen will. Zudem, Özgür Özel und Ekrem Imamoğlu stehen doch allein wegen CHP-Mitgliedern selbst im Fadenkreuz der Justiz, die seit der 38. Generalversammlung unzählige Strafanzeigen gestellt oder in Funk und Medien die Parteiführung angegriffen haben. Offensichtlich hatte sich das Projekt „Ekrem İmamoğlu run for President“ für viele nicht rentiert oder zahlten sogar drauf, die in den Moloch des OB von Istanbul gerieten. Imamoğlu hatte laut dem Unternehmer Eyüp Subaşı die Korruption für sich, die politische Karriere und zuletzt für die Präsidentschaftskandidatur entdeckt. Er konnte offensichtlich nicht mehr genug bekommen, erklären weitere Unternehmer, die in dieses Moloch gerieten und die Vorwürfe von Subaşı ebenfalls teilen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Yücel: „Der gesunde Menschenverstand würde sich daher zuerst fragen: was hätte Erdoğan bei diesem Chaos davon, gegen einen İmamoğlu vorzugehen? Wohlgemerkt: gegen den schwächeren der beiden möglichen CHP-Kandidaten?“

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Düsseldorf
Die Ästhetik der Unvollständigkeit – Internationale Gruppenausstellung „Fragmented Wholeness“ in der 16art8 Gallery Düsseldorf

DÜSSELDORF – Die 16art8 Gallery lädt vom 19. bis 28. April 2025 zu einer hochkarätig kuratierten internationalen Gruppenausstellung unter dem Titel „Fragmented Wholeness“ ein. Die Schau erforscht das Fragmentarische nicht als Mangel, sondern als schöpferisches Prinzip und stellt die These auf: „Ganzheit hat nie existiert – Fragmentierung ist der Normalzustand.“ Im Zentrum der Ausstellung steht die Frage: „Wenn Vollständigkeit unerreichbar bleibt – können wir dennoch eine Struktur im Fragment entdecken?“ Die gezeigten Werke reflektieren diesen Gedanken durch vielfältige künstlerische Ansätze, die sich mit Erinnerung, Identität, Raum, Zeit und Geschichtsschreibung auseinandersetzen – Themen, die sich ständig im Wandel befinden. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten folgender internationaler Künstler: innen:Chunhan Chen, Jialin Wu, Jing Wang, Jing Zhou, Lexiong Ying, Lin (Ruki) Li, Riccardo Matlakas, Mo Cheng, Peiyao (Heather) Tang, Shuqi Zhang, Xiaosu Jing, Yiyang Shi, Yongkang Yu, Yuchu Zhao, Yixuan Yang, Zhaoqi Wang und Ziya Lin. Ihre Werke – in unterschiedlichen Medien und künstlerischen Sprachen – oszillieren zwischen Dekonstruktion und Rekontextualisierung, zwischen Erinnerungsspuren und imaginären Zukünften. Die Ausstellung schafft einen Raum, in dem Fragmente nicht als Bruchstücke, sondern als Ausgangspunkte neuer Bedeutungszusammenhänge erlebt werden können. Besucher:innen sind eingeladen, sich durch dieses fein gewobene Netz aus visuellen Lücken und konzeptuellen Andeutungen zu bewegen und darin eine neue Form von Ganzheit zu imaginieren. Kuratiert wird die Ausstellung unter anderem von zwei international anerkannten Fachpersönlichkeiten:Yuan Zhuang, preisgekrönte Bildhauerin und Wissenschaftlerin, bekannt für ihre monumentale Skulptur zur China Open 2024, die dauerhaft im Olympiapark in Peking zu sehen ist; sowieJiaxing (Sean) Guo, multidisziplinärer Künstler und Designer aus Los Angeles, Mitbegründer von Mackerel Design, dessen Arbeit sich an den Schnittstellen von Technologie, Mode und Kunst positioniert.  
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– Ausstellung in Frankfurt – Traditionelle Kunstform: Die türkische Keramikmalerei

NEX24-Interview mit der Kunstpädagogin Ayşe Kurt. Am 1. Juni findet im Türkischen Kulturzentrum in Frankfurt am Main eine Keramikmalerei-Ausstellung statt.

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Trump-Musk-Streit
„America Party“: Musk kündigt mögliche Parteigründung an

Los Angeles – In einer dramatischen Eskalation seines Zerwürfnisses mit Präsident Donald Trump hat der Milliardär und Unternehmer Elon Musk vorgeschlagen, eine neue politische Partei mit dem vorläufigen Namen „America Party“ zu gründen, die die „80 % in der Mitte“ der amerikanischen Wählerschaft vertreten soll. Die Ankündigung, die über Musks Social-Media-Plattform X gemacht wurde, folgt auf einen öffentlichkeitswirksamen Streit mit Trump, den Musk zuvor bei den Präsidentschaftswahlen 2024 mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt hatte. Musk, der Berichten zufolge mehr als 250 Millionen Dollar ausgegeben hat, um die Wahl von Trump und anderen republikanischen Kandidaten im letzten Jahr zu unterstützen, ist öffentlich mit dem Präsidenten wegen des „One Big Beautiful Bill Act“ aneinandergeraten, einem umfangreichen innenpolitischen Gesetzentwurf, der von Trump unterstützt wird.
„Ekelhafte Abscheulichkeit“
Musk bezeichnete es als „ekelhafte Abscheulichkeit“ und „mit Schweinefleisch gefüllt“ und kritisierte, dass die Gesetzgebung das Bundesdefizit erhöhe und seine Bemühungen um eine Rationalisierung der Staatsausgaben durch das Department of Government Efficiency (DOGE), das er bis zu seinem Rücktritt letzte Woche mit leitete, unterminiere. Die Fehde artete am Donnerstag in persönliche Angriffe aus, als Trump drohte, Milliarden an staatlichen Subventionen und Verträgen für Musks Unternehmen, darunter Tesla und SpaceX, zu streichen. Daraufhin behauptete Musk auf X: „Ohne mich hätte Trump die Wahl verloren“, und beschuldigte den Präsidenten der Undankbarkeit für seine umfangreiche Wahlkampfunterstützung. Musk heizte die Spannungen weiter an, indem er ohne Beweise behauptete, Trumps Regierung halte Dokumente über Jeffrey Epstein wegen der Beteiligung des Präsidenten zurück.
Über 80 % der Befragten befürworten Idee
Am Donnerstag veröffentlichte Musk eine Umfrage auf X, in der er seine 220 Millionen Anhänger fragte: „Ist es an der Zeit, eine neue politische Partei in Amerika zu gründen, die tatsächlich die 80 % in der Mitte vertritt?“ Über 80 % der Befragten befürworteten die Idee, woraufhin Musk den Vorschlag eines Followers unterstützte, die Partei „America Party“ zu nennen. Er schrieb: „Das Volk hat gesprochen. Amerika braucht eine neue politische Partei, die die 80% in der Mitte vertritt! Und genau 80 % der Menschen stimmen zu Das ist Schicksal“. Der Name der geplanten Partei erinnert an Musks America PAC, das 2024 239 Millionen Dollar in republikanische Kampagnen gesteckt hat. America PAC wurde von Elon Musk und einer Reihe prominenter Tech-Geschäftsleute zur Unterstützung von Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf 2024 gegründet wurde und später zur Unterstützung anderer konservativer Kandidaten und Anliegen genutzt wurde. Die Gründung einer neuen politischen Partei ist jedoch mit erheblichen Hürden verbunden, da die Parteien der Demokraten und Republikaner den Zugang zu den Wahlurnen in allen 50 Bundesstaaten dominieren, so dass jede neue Partei die komplexen Vorschriften der einzelnen Bundesstaaten beachten muss, um im Wettbewerb bestehen zu können.
Trump will Tesla verkaufen
Trump äußerte am Donnerstag im Oval Office seine Enttäuschung über Musk und behauptete, der Milliardär habe sich dem Gesetz nur widersetzt, nachdem er die Subventionen für Elektrofahrzeuge verloren hatte. „Ich habe ihn gebeten zu gehen“, postete Trump auf Truth Social, eine Behauptung, die Musk als „eine so offensichtliche Lüge“ bezeichnete. Der Präsident kündigte auch Pläne an, den Tesla zu verkaufen, den er Anfang des Jahres gekauft hatte und der auf dem Rasen des Weißen Hauses als Symbol der einst engen Allianz ausgestellt war.
Spaltung erschüttert Republikaner
Die Spaltung hat die Republikanische Partei erschüttert, wobei Musks Äußerungen die Unterstützung von Finanzkonservativen wie den Senatoren Rand Paul und Thomas Massie erhielten, die ebenfalls gegen die Auswirkungen des Gesetzes auf das Defizit sind. Politische Analysten warnen, dass Musks Finanzkraft und sein massiver Online-Einfluss die Vorwahlen der GOP stören könnten, wenn er seine Drohung wahr macht, Kampagnen gegen Republikaner zu finanzieren, die das Gesetz unterstützen. Musks Wechsel zu einer potenziellen neuen Partei markiert eine deutliche Abkehr von seiner Rolle als wichtiger Verbündeter Trumps. Nachdem er Trump nach einem Attentatsversuch im Juli 2024 unterstützt hatte, wurde Musk ein fester Bestandteil von Mar-a-Lago, schlief sogar im Lincoln-Schlafzimmer und nahm an Kabinettssitzungen teil. Seine Amtszeit bei der DOGE war jedoch umstritten, da Kritiker seine Sparmaßnahmen als planlos und schädlich für die Bundesbehörden bezeichneten. Trotz der behaupteten Einsparungen in Höhe von 175 Milliarden Dollar hat Musk sein Ziel von 2 Billionen Dollar nicht erreicht, und seine Maßnahmen lösten Proteste und einen Rückgang des Aktienkurses von Tesla aus. Während die Fehde weitergeht, stellen sich Fragen über die Zukunft von Musks politischem Einfluss und ob die „America Party“ zustande kommen wird. Vorerst bedeutet der Bruch des Milliardärs mit Trump ein neues Kapitel in seinem umstrittenen Streifzug durch die amerikanische Politik, mit möglichen Folgen sowohl für sein Geschäftsimperium als auch für die Zukunft der GOP.
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Geschichtswissenschaft
Wie die Türken und der Islam das Papier nach Europa brachten

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Von Çağıl Çayır

Papier ist heute selbstverständlich. Doch seine Geschichte ist spektakulär: Es reiste Tausende Kilometer, durchquerte Reiche, Religionen und Sprachen – bis es Europa erreichte.

Die Hauptakteure dieser Reise? Nicht allein China oder Europa, sondern vor allem die türkischen Völker Zentralasiens und der islamische Kulturraum. Ohne sie hätte Europa vielleicht nie jene Schriftkultur entwickelt, die Renaissance und Aufklärung möglich machte.

China erfindet – die Steppe bringt in Bewegung

Die Erfindung des Papiers geht auf den chinesischen Beamten Cai Lun (um 105 n. Chr.) zurück. Bereits in der späten Han-Dynastie entwickelte sich Papier zum Medium für Verwaltung und Bildung. Erst in den folgenden Jahrhunderten, besonders zur Zeit der Tang-Dynastie, verbreitete sich seine Nutzung in weiten Teilen Ostasiens – blieb aber lange ein chinesisches Monopol. Erst mit dem Aufstieg der Göktürken begann die Bewegung westwärts.

Die Göktürken verfügten über eine eigene Hochkultur mit einer Runenschrift, dokumentiert in den berühmten Orchon- und Jenissei-Inschriften. Diese wurde ursprünglich in Stein gemeißelt, aber das Schreiben war nicht auf Monumente beschränkt. Es wurde auch auf Holz, Metall und Knochen geschrieben – ein Beweis für die Flexibilität und Alltagstauglichkeit der türkischen Schriftkultur.

Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis ist das Irk Bitig (Buch der Weissagungen) aus dem 9. Jahrhundert. Es ist das älteste vollständig erhaltene türkische Schriftwerk auf Papier, verfasst in alttürkischer Runenschrift. Es verbindet die Nomadenkultur der Steppe mit chinesischer Papiertechnologie und zeigt: Türkische Völker nutzten Papier lange vor Europa.

Die Uiguren – Pioniere der Papierkultur

Nach den Göktürken übernahmen die Uiguren die kulturelle Führung in Zentralasien. Im 8. Jahrhundert gründeten sie ein Reich mit eigenen Schriftformen und übernahmen die chinesische Papierherstellung. In Kocho, Turfan und entlang der Seidenstraße florierten Schreibzentren.

Die Uiguren nutzten Papier für religiöse, literarische und astrologische Texte – sowohl in Runenschrift als auch in einer eigenen kursiven Schrift. Besonders bedeutend sind die uigurisch-manichäischen Papierschriften, die in Zentralasien entdeckt und durch Forscher wie Albert von Le Coq nach Deutschland gebracht wurden.

Heute befinden sich viele dieser Texte in deutschen Archiven, insbesondere in der Staatsbibliothek zu Berlin und im Museum für Asiatische Kunst. Sie zeigen: Eine eigenständige türkische Buchkultur existierte, bevor Europa überhaupt Papier kannte.

Samarkand: Das Scharnier der Weltgeschichte

Ein Wendepunkt war die Schlacht am Talas (751 n. Chr.). Chinesische Truppen unterlagen einer islamischen Allianz mit türkischen Kräften. Chinesische Papiermacher gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Samarkand gebracht. Dort entstand eine der ersten Papiermühlen außerhalb Chinas.

Samarkand, ein türkisch geprägter Knotenpunkt der Seidenstraße, wurde zum Zentrum für die Weiterverbreitung des Papiers. Die dortigen Eliten – viele von ihnen türkischer Herkunft – trugen das Wissen weiter nach Buchara, Nishapur, Bagdad und darüber hinaus.

Die Ausbreitung des Papiers von China in die Welt; die angegebenen Jahreszahlen markieren jeweils die früheste bekannte Papierherstellung oder -verwendung in der jeweiligen Region (aus: Şinasi Tekin, Eski Türklerde yazı, kâğıt, kitap ve kâğıt damgaları, hrsg. von R. Tûba Çavdar, Istanbul: Eren Yayıncılık, 1993).
Der Islam als Verstärker der Schriftkultur

Der Islam verlieh der Papierverbreitung einen geistigen Antrieb. Im Koran beginnt die erste Offenbarung mit dem Wort „Iqra“ (Lies!). Das Streben nach Wissen wurde zur Pflicht für Männer wie Frauen. Hadithe fordern: „Sucht Wissen, selbst wenn es bis nach China führt.“

Papier war das ideale Medium für diese Offenheit: Es war leichter, günstiger und zugänglicher als Pergament. In den islamisch geprägten Reichen entstanden Papiermühlen, Bibliotheken, Medresen und wissenschaftliche Akademien. Türkische Dynastien wie die Samaniden, Ghaznawiden und Seldschuken förderten die Papierkultur aktiv.

Der Weg nach Europa

Über das westliche Mittelmeer gelangte das Papier schließlich nach Al-Andalus (Spanien) und Sizilien – Regionen, die Teil des islamischen Kulturraums waren. In Toledo, Palermo und später Fabriano wurde die Papierherstellung etabliert.

Was dort ankam, war kein chinesisches Original, sondern eine weiterentwickelte Technologie – übermittelt durch die türkisch-islamische Wissenswelt. Auch das Osmanische Reich trug zur Verbreitung von Papier in Südeuropa, dem Balkan und Nordafrika bei.

Die Gelehrten Şemseddin Ahmet Karabaği, Lokman, der Schreiber Ilyas Katib und die Maler Nakkaş Osman und Ali beraten über die Erstellung des „Şāh-nāme-i Selim han“. Illustriert von Nakkaş Osman, TSMK A. 3595, fo. 9r, 16. Jahrhundert.
Eine Brücke, die Europa prägte

Die Geschichte des Papiers ist keine geradlinige Ost-West-Erzählung, sondern ein Netz kultureller Vermittlungen. Die türkischen Völker waren keine Empfänger, sondern aktive Gestalter der Schriftkultur – experimentierfreudig, beweglich, weltoffen.

Und der Islam bot die geistige Infrastruktur: Eine Religion, die Lesen, Schreiben und Forschen zur Pflicht machte, schuf den idealen Nährboden für die Papierrevolution. Ohne diese Brücke – vom Altai bis zum Mittelmeer – wäre Europa vielleicht stumm geblieben.

Papier kam aus China – aber seine Stimme kam durch die Steppe.


Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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– Geschichtswissenschaft – Geschichte: War Germanen-Gott Odin ein Türke?

Im Jahr 2020 entdeckte ein Sondengänger in Vindelev, einem Dorf in Mitteljütland in Dänemark, einen spektakulären Goldschatz aus der Mitte des 5. Jahrhunderts

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Polen-Wahl
„Polen zuerst?“ – Der Wahlsieg Karol Nawrockis und Europas neue Ungewissheit

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik Von allen möglichen politischen Überraschungen in Europa hatte wohl kaum jemand mit diesem Mann gerechnet: Karol Nawrocki, Historiker, Museumsdirektor, ehemaliger Personenschützer – und nun: Präsident der Republik Polen. Mit nur hauchdünnen 50,89 Prozent hat er sich gegen den liberalen Herausforderer Rafał Trzaskowski durchgesetzt. Doch das Ergebnis ist mehr als eine statistische Randnotiz: Es steht für einen tektonischen Riss, der durch das politische und gesellschaftliche Fundament Polens verläuft – und mit Nachbeben für ganz Europa zu rechnen ist.
Der Unbekannte mit harter Linie
Nawrockis Aufstieg ist bemerkenswert. Er kommt aus dem kulturellen Maschinenraum der nationalkonservativen PiS, gilt als ideologisch geschliffen, aber politisch unerprobt. Als Historiker hat er sich mit Nationalstolz, organisiertem Verbrechen und Sport beschäftigt – und im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig schon einmal demonstriert, wie man Geschichtspolitik als nationales Selbstbehauptungsprojekt inszeniert. Ein Mann wie Nawrocki kandidiert nicht, um Europa zu reformieren – sondern um Polen in Europa zu behaupten. Er will die liberale Integration stoppen und ein konservatives Gegengewicht aufbauen. Nicht Brüssel, nicht Berlin, sondern Warschau und Washington – das ist seine strategische Achse. Donald Trump wird in Nawrocki einen entschiedenen Verbündeten finden.
Der Preis des Sieges
Dieser Wahlsieg ist kein politisches Mandat, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Spaltung. Alt gegen jung, Land gegen Stadt, nationale Identität gegen europäische Öffnung. In Polen leben heute zwei Realitäten nebeneinander – und sie erkennen einander kaum noch als legitim an. Während die Regierung unter Donald Tusk bereits als „lahme Ente“ verspottet wird, weil ihr ein feindlicher Präsident das Leben schwer machen dürfte, jubelt das Lager der Nationalkonservativen. Nawrocki wird nun das Recht haben, Gesetze zu blockieren, die Streitkräfte zu führen – und, wichtiger noch, den Kurs Polens in der EU entscheidend mitzuprägen.
Europas geopolitischer Dilemma
Für Europa ist das ein Alarmsignal. Gerade jetzt, in Zeiten von Krieg, Unsicherheit und globalem Umbruch, bräuchte die EU ein starkes, geeintes Polen. Stattdessen kehrt das Misstrauen zurück. Die Hoffnung, dass Polen gemeinsam mit Frankreich und Deutschland das „Weimarer Dreieck“ zu neuer Handlungsfähigkeit führen könnte, scheint verflogen. Die EU-Ratspräsidentschaft Polens im ersten Halbjahr 2025 hätte ein Momentum sein können. Nun droht sie zu einer Bühne des Konflikts zu werden. Denn Nawrocki will nicht mehr Europa – er will ein anderes Europa.
Der neue Ton
Der Wahlsieg Karol Nawrockis ist nicht nur eine innenpolitische Wende. Er ist ein kultureller Wendepunkt. Die Zeiten des leisen Aushandelns, des europäischen Kompromisses könnten vorbei sein. An ihre Stelle tritt eine lautere, härtere Sprache. Eine Politik, die nicht integrieren, sondern dominieren will. Europa täte gut daran, diesen Moment ernst zu nehmen. Nawrocki ist kein politischer Zufall. Er ist Ausdruck eines Europas, das sich auseinanderlebt – und eines Polens, das nicht mehr nur Teil der Gemeinschaft sein will, sondern ihr Kritiker, vielleicht sogar ihr Gegenspieler. Die Frage, die bleibt, lautet nicht: Wer ist Karol Nawrocki? Sondern: Was wird Europa sein, wenn er seine Vision umsetzt?
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland

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– Gastbeitrag – Çelik: „Für die Türkei ist eine vollständige Abkehr von der NATO unrealistisch“

Zwischen Bündnistreue und strategischer Autonomie: Die Türkei, die NATO und die islamisch-nationalistische Positionierung

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Kriegsverbrechen
Gaza-Kriegsverbrechen: Kanada leitet Untersuchung ein

Toronto – Kanada hat eine strafrechtliche Untersuchung mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gaza-Konflikt eingeleitet. Sie richtet sich gegen israelisch-kanadische Soldaten, die laut Toronto Star und anderen Quellen Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben sollen. Die Untersuchung, die Anfang 2024 in aller Stille eingeleitet wurde, ist ein bedeutender Schritt Kanadas, um den Vorwürfen von Gräueltaten in der vom Krieg zerrissenen Region nachzugehen. Die Entscheidung Kanadas, eine Untersuchung einzuleiten, kommt in einer Zeit, in der das Verhalten Israels immer stärker unter die Lupe genommen wird. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat im November 2024 Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant wegen angeblicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgestellt. Zwei Wochen zuvor hatte Kanada zusammen mit dem Vereinigten Königreich und Frankreich Sanktionen gegen Israel angedroht, die „inakzeptable Eskalation“ im Gazastreifen verurteilt und einen sofortigen Stopp der Militäroperationen sowie Einschränkungen der humanitären Hilfe gefordert. Diese Untersuchung belastet die Beziehungen zwischen Kanada und Israel weiter Im Gegensatz zu Kanadas viel beachteter Untersuchung von Kriegsverbrechen in der Ukraine, die auch die Öffentlichkeit einbezog, wurde diese Untersuchung jedoch diskret durchgeführt und konzentrierte sich auf „Verbrechen im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israel und Hamas“.
Mehr als 50.000 palästinensische Todesopfer
Die Militäroffensive Israels hat nach Angaben palästinensischer Gesundheitsbehörden mehr als 50.000 palästinensische Todesopfer gefordert und wurde wegen ihrer Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung international weithin verurteilt, unter anderem wegen des Vorwurfs des Völkermords und des systematischen Aushungerns. Der Schritt Kanadas spiegelt einen breiteren Wandel unter den westlichen Ländern wider, die Israels Vorgehen im Gazastreifen immer deutlicher kritisieren. Länder wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben Israels Blockade des Gazastreifens, die seit März 2024 die Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten einschränkt, als „untragbar“ bezeichnet. Dieser wachsende Dissens verdeutlicht einen Bruch in der traditionellen westlichen Unterstützung für Israel, wobei der öffentliche und politische Druck wächst, sich mit der humanitären Katastrophe in Gaza zu befassen, wo die Vereinten Nationen vor einer Hungersnot und einem zusammenbrechenden Hilfssystem gewarnt haben.
Freedom Flotilla Coalition
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat sich einer hochkarätigen humanitären Mission angeschlossen, um die israelische Seeblockade des Gazastreifens in Frage zu stellen und steht damit im internationalen Rampenlicht. Am 1. Juni 2025 stach Thunberg zusammen mit 11 weiteren Aktivisten, darunter der „Game of Thrones“-Darsteller Liam Cunningham und die französisch-palästinensische Europaabgeordnete Rima Hassan, an Bord der Madleen, einem Schiff der Freedom Flotilla Coalition (FFC), von Catania, Sizilien, in See. Ziel der Gruppe ist es, symbolische humanitäre Hilfe zu leisten und die Weltöffentlichkeit auf die Notlage des Gazastreifens aufmerksam zu machen. Auf einer Pressekonferenz vor der Abfahrt erklärte Thunberg sichtlich bewegt:
„Wir tun dies, weil wir es immer wieder versuchen müssen, egal wie schlecht die Chancen stehen, denn in dem Moment, in dem wir aufhören, es zu versuchen, verlieren wir unsere Menschlichkeit“. Sie beschrieb die Mission als gewaltfreien Protest gegen Israels „illegale Belagerung und eskalierende Kriegsverbrechen“.
Die Reise der Madleen folgt auf einen gescheiterten Versuch Anfang Mai, als ein anderes FFC-Schiff, die Conscience, angeblich von Drohnen vor der Küste Maltas angegriffen wurde, was erhebliche Schäden verursachte und den Abbruch der Mission erzwang. Thunberg verurteilte den Angriff. Die Aktivisten gehen davon aus, dass die derzeitige Reise sieben Tage dauern wird, vorausgesetzt, sie werden nicht von israelischen Streitkräften abgefangen, die in der Vergangenheit solche Flottillen geentert und gestoppt haben.
ZUM THEMA

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Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hat am Mittwoch einen diplomatischen Feuersturm ausgelöst, als er Israel während einer hitzigen Parlamentssitzung als „völkermordenden Staat“ bezeichnete.

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Geschichte
Atatürk und die Moscheepredigt – Als der Staatsgründer selbst die Kanzel betrat

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır In Balıkesir hielt Mustafa Kemal Atatürk eine Moscheepredigt – auf Türkisch, als Zeichen für einen verständlichen und aufgeklärten Glauben. Eine historische Verteidigung des Islam mit Vernunft, Würde und Wissenschaft. Am 7. Februar 1923 ereignete sich in der westtürkischen Stadt Balıkesir ein symbolträchtiger Moment der Geschichte: Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Republik Türkei, hielt in der Zağnos-Paşa-Moschee persönlich eine Moscheepredigt. Diese sogenannte „Balıkesir-Hutbesi“ war mehr als eine Geste – sie war eine programmatische Ansage an ein neues Verhältnis zwischen Religion, Sprache, Staat und Wissen. Bis heute ist Atatürk der einzige Präsident der Türkei, der sich zu diesem Schritt entschloss.

Glaube mit Verstand – nicht gegen ihn

In seiner Predigt machte Atatürk deutlich: Der Islam widerspricht nicht der Vernunft – im Gegenteil, er fordert sie. Der Glaube sei keine Form der Unwissenheit, sondern verlange nach Erkenntnis, Bildung und moralischer Verantwortung. „Der Islam ist eine Religion, die dem Verstand, der Logik und der Realität entspricht.“ (aus der Balıkesir-Hutbe, 1923) Atatürk trennte Religion und Wissenschaft nicht, wie es viele westliche Modernisierungsbewegungen taten – vielmehr sah er sie als voneinander abhängig: Kein Glaube ohne Wissen, kein Wissen ohne Weisheit.

Der Islam als Träger von Wissenschaft und Zivilisation

Anders als viele seiner westlichen Zeitgenossen, die den Islam als rückständig oder „barbarisch“ betrachteten, erkannte Atatürk im Islam eine Quelle für Wissenschaft, Zivilisation und ethische Orientierung. Er stellte klar:
Der Islam befiehlt Wissen, fordert Aufrichtigkeit und ermutigt zur Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten.
Durch diese Perspektive rettete und schützte Atatürk den Islam nicht nur vor ideologischer Instrumentalisierung, sondern verteidigte ihn auch gegenüber jenen modernen Zivilisationen, die Religion ins Abseits der Geschichte gedrängt hatten. Wo Europa im Zuge der Moderne das Christentum und Judentum zunehmend säkularisierte, trug Atatürk den Islam aktiv in die Moderne – als spirituelle Stütze auf dem Weg zur Wahrheit, zur Aufrichtigkeit und zum Frieden.

Die Türkisierung des religiösen Raumes

In diesem Geist initiierte Atatürk weitreichende Reformen: Die Freitagspredigten (Hutben) wurden auf Türkisch eingeführt, der Koran übersetzt, der Gebetsruf (Ezan) eine Zeit lang türkisch gesprochen. Es ging ihm nicht darum, den Glauben zu unterdrücken, sondern ihn aus der Unverständlichkeit zu befreien und zu veredeln.

Ein Erbe für die Zukunft

Atatürks Vision war keine Trennung von Religion und Staat im Sinne der Feindschaft – sondern eine Reinigung des Glaubens von Machtmissbrauch und Aberglauben. Seine Freitagspredigt in Balıkesir steht sinnbildlich für einen modernen, würdevollen und gebildeten Islam, der nicht vor der Moderne zurückweicht, sondern mit ihr in einen ehrlichen, menschlichen Dialog tritt. Atatürks Freitagspredigt in Balıkesir (7. Februar 1923) – Deutsche ÜbersetzungO Volk! Allah ist Einer, und Sein Ruhm ist groß. Allahs Frieden, Liebe und Güte seien mit euch! Unser geehrter Prophet – der Gesandte unseres Herrn – wurde von dem erhabenen Schöpfer damit beauftragt, den Menschen die religiösen Wahrheiten zu verkünden und ihnen als Gesandter den rechten Weg zu weisen. Die Grundlage dieser Botschaft ist das, was wir alle kennen: die eindeutigen und klaren Bestimmungen im edlen Koran. Unsere Religion, die den Menschen geistige Erfüllung schenkt, ist die letzte Religion – sie ist vollkommen. Denn sie entspricht vollständig dem Verstand, der Logik und den Tatsachen. Wäre dies nicht der Fall – wenn sie also der Vernunft, der Logik und der Realität widerspräche – dann müsste es einen Widerspruch zwischen ihr und den übrigen göttlichen Naturgesetzen geben. Doch der Urheber aller Naturgesetze ist niemand anderes als Allah selbst. Meine Freunde! Der erhabene Prophet besaß in seiner Lebensführung zwei Orte, zwei Häuser: Das eine war sein eigenes Haus – das andere war das Haus Allahs. Die Angelegenheiten des Volkes pflegte er im Hause Allahs zu regeln. Indem wir heute dem segensreichen Weg des Propheten folgen, befinden wir uns in diesem heiligen Ort, im Angesicht Gottes, um über die Gegenwart und die Zukunft unseres Volkes zu sprechen. Dass mir diese Ehre zuteilwurde, verdanke ich den gläubigen und heldenhaften Menschen Balıkesirs. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Und ich hoffe, dass mir durch diesen Anlass auch großer Lohn bei Allah zuteilwerden möge. Meine Herren! Moscheen sind nicht gebaut worden, damit wir darin ohne Blick füreinander niederknien und aufstehen. Moscheen sind Orte, an denen wir nicht nur beten und zuhören, sondern gemeinsam nachdenken, was für Religion und Welt zu tun ist – Orte, an denen wir unsere Meinungen austauschen und unsere Gedanken miteinander teilen. Wenn es um die Belange des Volkes geht, muss jeder Einzelne seinen Geist aktiv einsetzen. Lasst uns also hier – für unsere Religion, für unser diesseitiges Leben, für unsere Zukunft und vor allem für unsere Souveränität – offenlegen, was wir denken. Ich möchte hier nicht nur meine eigene Meinung darlegen – ich möchte auch eure Gedanken hören. Nationale Ziele, nationaler Wille entstehen nicht durch die Überlegungen eines Einzelnen, sondern durch die Vereinigung der Wünsche und Ideale aller Menschen des Volkes. Deshalb bitte ich euch: Was ihr von mir wissen oder erfahren wollt – fragt frei und offen.Korrektur: Atatürk hielt diese Rede nicht an einem Freitag, sondern an einem Mittwoch, nachdem die Gemeinschaft eine Gebetszeremonie (Mevlid-i Şerif) für Atatürk und die Märtyrer (Şehitler) des türkischen Unabhängigkeitskriegs durchgeführt hatte. Später führte Atatürk offiziell die Freitagspredigt auf Türkisch ein. İn Deutschland veröffentlicht die Ditib auch deutschsprachige Freitagspredigten. Davor waren die Freitagspredigten in der Türkei auf Arabisch
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.

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5G-Netz
Türkei: Turkcell und Huawei erreichen bei Test 50 Gbit/s

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Istanbul – Der weltweit erste Feldtest einer Vollduplex-Funkverbindung mit einer Geschwindigkeit von 50 Gbit/s wurde in Istanbul durchgeführt Turkcell hat in Zusammenarbeit mit Huawei in einem innovativen Test eine Geschwindigkeit von 50 Gbit/s erreicht und damit eine Weltpremiere erzielt. Dies stellt einen bedeutenden Meilenstein in der drahtlosen Kommunikation dar.
10.000 Nutzer gleichzeitig
Diese bahnbrechende Technologie ermöglicht die gleichzeitige Übertragung und den Empfang von Daten auf derselben Frequenz und stellt einen bedeutenden Fortschritt auf dem Weg der Türkei zur Digitalisierung dar. Prof. Dr. Vehbi Çağrı Güngör, Technologievorstand von Turkcell, erklärte:
„Die erreichte Geschwindigkeit ermöglicht es etwa 10.000 Nutzern, gleichzeitig über ein 5G-Netz auf Sprach- und Datendienste zuzugreifen. Dieser Test ist ein greifbarer Beweis für unser Ziel, die digitale Infrastruktur unseres Landes für die Zukunft vorzubereiten.“
Turkcell, das führende Technologieunternehmen und Mobilfunkbetreiber in der Türkei, hat in Zusammenarbeit mit Huawei den weltweit ersten Feldversuch mit der Vollduplex-Funkverbindungslösung erfolgreich abgeschlossen. In diesem bahnbrechenden Test erreichte eine einzelne Verbindung im E-Band-Spektrum (80 GHz) eine Geschwindigkeit von 50 Gbit/s. Diese Technologie der nächsten Generation stellt einen Durchbruch in der drahtlosen Übertragung dar und markiert einen entscheidenden Meilenstein in der Entwicklung der 5G-Infrastruktur.
Vorbereitung auf 5G mit Konnektivitätstechnologie der nächsten Generation
Die steigende Nachfrage nach Videostreaming, Augmented Reality (AR) und Anwendungen mit geringer Latenzzeit erhöht fortlaufend den Bedarf an einer Kommunikationsinfrastruktur mit höherer Kapazität und Geschwindigkeit. Die von Turkcell in Zusammenarbeit mit Huawei entwickelte Vollduplex-Funkverbindungslösung erfüllt genau diese Anforderungen. Diese innovative Technologie, die in 5G-Netzwerkinfrastrukturen zum Einsatz kommen wird, ermöglicht dank ihrer hochisolierten integrierten Antennenstruktur, ihrer fortschrittlichen Spektrumseffizienz und ihrer Algorithmen zur Interferenzvermeidung eine Datenübertragung von bis zu 50 Gbit/s pro Verbindung.
Güngör: „Wir bereiten die digitale Infrastruktur unseres Landes auf die Zukunft vor.“
Prof. Dr. Vehbi Çağrı Güngör, Technologievorstand von Turkcell, betonte, dass dies die weltweit erste Implementierung einer solchen Technologie sei, und erklärte: „Als Turkcell ist es unser Ziel, sowohl den Glasfaserausbau voranzutreiben als auch unser Netzwerk durch Funkverbindungstechnologien der nächsten Generation zu stärken. Mit dieser Vision wollen wir schnelle, nachhaltige und effiziente Konnektivität in weitreichenden Versorgungsgebieten bereitstellen, von ländlichen Gebieten bis hin zu geografisch anspruchsvollen Regionen. Dieser gemeinsam mit Huawei durchgeführte Test ist ein konkreter Ausdruck unserer Vision, die digitale Infrastruktur der Türkei für die Zukunft vorzubereiten. Dank der Vollduplex-Technologie können wir mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 Gbit/s effektiver auf die steigenden Datenanforderungen unserer Nutzer reagieren. Dieser Test, bei dem etwa 10.000 Nutzer gleichzeitig über ein 5G-Netz auf Sprach- und Datendienste zugreifen können, ist sowohl für unsere laufenden 5G-Vorbereitungen als auch für die Erfüllung der digitalen Erwartungen unserer Kunden von entscheidender Bedeutung.“
Zeng: „Die Grundlagen für die 5G-Infrastruktur schaffen“
James Zeng, Präsident der Produktlinie Radio Link von Huawei, erklärte: „Beide Marken sind weiterhin fest entschlossen, die digitale Transformation der Türkei zu unterstützen und einen Beitrag zu den Bemühungen des Landes um eine globale Führungsrolle im digitalen Zeitalter zu leisten. Wir fühlen uns geehrt, gemeinsam mit Turkcell die weltweit erste Vollduplex-Funkverbindungslösung zu realisieren. Die Erreichung von 50 Gbit/s über das E-Band beschleunigt nicht nur die digitale Transformation der Türkei, sondern legt auch den Grundstein für die 5G-Infrastruktur. Gleichzeitig bildet dieser Fortschritt eine solide Grundlage für das Wirtschaftswachstum und die gesellschaftliche Entwicklung.“
Was ist der Vollduplex-Funkverbindungstest?
Diese Technologie ermöglicht es Mikrowellenverbindungen, die in der drahtlosen Kommunikation eingesetzt werden, Daten gleichzeitig auf derselben Frequenz zu senden und zu empfangen. Dadurch werden die Dateneffizienz und die Netzleistung erheblich gesteigert.

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Geschichte
Atatürk: Der Staatsgründer, der Religion und Wissenschaft vereinte

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Mustafa Kemal Atatürk gilt als Begründer der modernen Türkei, als herausragender Feldherr und politischer Reformer. In westlichen wie östlichen Narrativen wird er häufig entweder als rein säkularer Revolutionär oder gar als Gegner der Religion porträtiert. Doch diese Lesart greift zu kurz. Atatürk war nicht nur ein militärischer und politischer Visionär – er war zugleich ein Denker, der Wissenschaft und Religion als zwei Seiten derselben Medaille verstand. Sein Erbe zeigt: Es ging ihm nie darum, den Islam abzuschaffen – sondern ihn zu bewahren, zu reinigen und mit der Moderne zu versöhnen. Bereits früh erkannte Atatürk die zerstörerische Kraft, die entsteht, wenn Religion politisch instrumentalisiert wird oder von unwissenden Autoritäten geleitet wird. Er trat deshalb entschieden für eine Trennung von Religion und Staat ein – nicht gegen die Religion, sondern zu ihrem Schutz. In einer Zeit, in der viele religiöse Anführer das Bildungswesen vernachlässigten oder sogar sabotierten, stellte Atatürk klar: „Der wahrste Mürşid (geistige Führer) im Leben ist die Wissenschaft.“ Dass er dabei das Wort mürşid verwendete – traditionell reserviert für große islamische Gelehrte oder spirituelle Lehrer – war kein Zufall. Er erhob die Wissenschaft zur höchsten Instanz, nicht aus Verachtung der Religion, sondern aus tiefem Respekt für ihren wahren Geist. Ebenso sagte er: „Die wahre Tarîka (der Weg, die Methode), ist die Zivilisation selbst.“ Auch dieser Begriff stammt aus dem islamischen Kontext der Sufi-Orden, in denen der Weg der geistigen Läuterung als „Tarîka“ bezeichnet wird. Mit anderen Worten: Der wahre Weg, die wahre Schule des Islam, ist nicht blinder Gehorsam, sondern der unendliche Pfad des Lernens, der Bildung und der moralischen Vervollkommnung. Atatürks Verständnis berührte damit den innersten Kern des Islam: Schon der Prophet Mohammed begann seine Offenbarung mit dem Befehl „Lies!“ – ein Aufruf zur Erkenntnis. In einer weiteren Sure heißt es: „Sprich: Mein Herr, mehre mein Wissen!“ Und in den Hadithen findet sich die Mahnung: „Die Wissenschaft ist das verlorene Gut des Muslims – wo immer er sie findet, soll er sie nehmen.“ Atatürk sah den Weg der Erlösung im Weg der Wahrheit, der Wissenschaft und der Weisheit. Zudem verstand er die Menschheit als eine Einheit. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Philosoph – vor allem aber ein Vorreiter für eine neue Generation von Muslimen: mit freiem Denken und freiem Gewissen. Und das bedeutet nichts Geringeres als die höchste Verantwortung – für Wahrheit und Frieden, für Wissenschaft und Zivilisation. Doch Atatürk beobachtete, dass viele religiöse Autoritäten diese Lehren verfälschten oder ins Gegenteil verkehrten. Es sei, so sagte er, „der größte Krieg, den man führen kann – der Krieg gegen die Unwissenheit.“
Mustafa Kemal, Scheich Seyyid Abdullah el-Haşimi el-Mekki er-Rifai (Qaddasallahu sirrahu’l-aziz – möge sein geheimes Wissen geheiligt sein), der „arabische Scheich“, und der islamische Richter von Sivas, Hasbi Efendi, zur Zeit des Sivas-Kongresses in Sivas – am 4. September 1919.
In diesem Geiste ließ Atatürk das Direktorat für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) einrichten, um die Religion unabhängig vom politischen Missbrauch zu organisieren. Gleichzeitig gründete er neue wissenschaftliche Institutionen, um die besten islamischen Gelehrten auszubilden – mit einer modernen Ausbildung auf Grundlage von Vernunft, Ethik und historischer Kritik. Er ließ den Koran ins Türkische übersetzen, förderte die freie Meinungsäußerung und brachte Millionen Menschen – Männern wie Frauen – Lesen und Schreiben bei. Dabei begründete er die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht nur laizistisch, sondern ausdrücklich auch islamisch: Der Islam selbst fordere Erkenntnis und Verantwortlichkeit für alle Gläubigen – unabhängig vom Geschlecht. Deshalb trat Atatürk auch für die höhere Bildung von Frauen ein, schuf Zugang zu Schulen und Universitäten, und förderte ihre Beteiligung am öffentlichen Leben. Für ihn waren Bildung, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe nicht nur Rechte, sondern religiöse Pflichten – und ein Gebot der Gerechtigkeit. Seine Reformen zielten nicht auf eine Abkehr vom Glauben, sondern auf eine Rückkehr zu seiner Quelle: der Vernunft, der Ethik und der Suche nach Wahrheit. Atatürks vielzitierter Grundsatz „Frieden in der Heimat – Frieden in der Welt“ ist keine bloße diplomatische Formel. Es ist Ausdruck eines tiefen, islamisch geprägten Weltverständnisses: Die Achtung des Mitmenschen, der Respekt gegenüber Andersdenkenden und der Einsatz für Gerechtigkeit sind nicht nur staatsbürgerliche, sondern auch religiöse Pflichten. In einer Epoche, in der sowohl islamische Fundamentalisten als auch westliche Orientalisten Religion und Wissenschaft als Gegensätze betrachten, bleibt Atatürks Weg aktueller denn je. Er zeigt: Es gibt einen dritten Weg – jenseits von Fanatismus und Nihilismus – einen Weg der Aufklärung, der tief in der islamischen Tradition wurzelt und zugleich offen für universelle Werte ist. Atatürk hat Religion und Wissenschaft nicht getrennt – er hat sie versöhnt. Und damit einen Beitrag geleistet, der über die Türkei hinaus von weltgeschichtlicher Bedeutung ist. 📘 Infobox: Atatürks religiöse Bildung & Rolle im Islam
  • Frühe Erziehung: Besuch einer traditionellen Sıbyan-Mektebi (Koranschule) in Saloniki.
  • Inhalte: Koranrezitation, arabisches Alphabet, Grundlagen islamischer Lehre.
  • Familiärer Einfluss: Seine Mutter Zübeyde Hanım war tief religiös und prägte seine spirituelle Entwicklung.
  • Weitere Bildung: Ausbildung an modernen zivilen und militärischen Schulen mit starkem Einfluss der Aufklärung.
  • Religiöse Haltung: Kannte den Koran, Hadithe und islamische Gelehrten. Kritisch gegenüber Dogmatismus und politischer Instrumentalisierung der Religion.
  • Islamische Titel: Zeitweise als „Schwert des Islams“ bezeichnet – wegen seines Kampfes zur Verteidigung muslimischen Territoriums.
  • Anerkennung: Manche sahen in ihm einen islamischen Meister der Moderne, der Glaube, Ethik und Wissenschaft versöhnte.
  • Laizismus & Kalifat: 1924 schaffte er das Kalifat ab, um Religion von der Politik zu trennen. Ziel war nicht die Abschaffung des Glaubens, sondern dessen Befreiung von politischem Missbrauch – im Sinne eines aufgeklärten, ethisch verstandenen Islams.
  • Ehrentitel: Am 24. November 1928 wurde ihm offiziell der Titel „Başöğretmen“ („Oberlehrer“) verliehen – als Symbol seines lebenslangen Engagements für Bildung, Aufklärung und Erneuerung.
  • Ziel: Verbindung von Glaube, Vernunft und Bildung – für eine gerechte, zivilisierte Gesellschaft.
 
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Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.

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„Ein angebliches Zitat von Atatürk geistert seit Jahren im Internet unter Atatürk-Gegnern, Rechtsextremen wie auch Islamkritikern. Das Zitat, das auch in deutschen Medien immer wieder aufgegriffen und dabei verändert wurde, stammt jedoch vom französischen Journalisten, Historiker und Politiker Jacques Benoist-Méchin.“ Ein Kommentar.

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