Von Çağıl Çayır
In einer Zeit, in der religiöse Dogmen oft als Feinde der Wissenschaft dargestellt werden, wirkt der andalusisch-muslimische Philosoph Ibn Rushd wie eine leuchtende Ausnahmefigur. Im 12. Jahrhundert vertrat er eine Überzeugung, die für viele bis heute radikal erscheint: Der Islam widerspricht der Wissenschaft nicht – im Gegenteil, er verlangt sie.
Ein islamischer Aristoteliker
Ibn Rushd, der im Westen unter dem Namen Averroes bekannt ist, wurde 1126 in Córdoba geboren, damals ein Zentrum islamischer Kultur in Andalusien. Er war nicht nur ein Philosoph, sondern auch Jurist, Arzt und Astronom. Seine bekannteste Leistung: die umfassende Kommentierung der Werke Aristoteles’ – und die Behauptung, dass Vernunft und Glaube im Einklang stehen.
Während in Europa die Scholastik noch versuchte, antike Philosophie mit dem Christentum zu versöhnen, tat Ibn Rushd dies bereits auf hohem Niveau innerhalb des Islam. Für ihn war die Suche nach Wissen eine religiöse Pflicht – weil der Koran selbst den Menschen auffordert, über die Welt nachzudenken.
Faṣl al-Maqāl – die Entscheidung für die Philosophie
In seinem Hauptwerk Fasl al-Maqal fima bayn al-hikma wa-sh-sharia mina al-ittisal (etwa: „Die entscheidende Abhandlung über das Verhältnis von Philosophie und islamischem Gesetz“) erklärt Ibn Rushd, dass das Studium der Philosophie im Islam nicht nur erlaubt, sondern religiöse Pflicht sei. Der Koran selbst fordere die Menschen dazu auf, über die Schöpfung nachzudenken, die Natur zu studieren und Erkenntnis zu suchen.
Der Koran als Quelle der Vernunft
In seinem Werk „Der Widerspruch des Widerspruchs“ (Tahāfut al-Tahāfut) trat Ibn Rushd gegen den berühmten Theologen al-Ghazali an, der die Philosophie als gefährlich für den Glauben angesehen hatte. Ibn Rushd hielt dagegen: Wahre Philosophie widerspricht der Religion nicht – sie führt zu ihr. Wer die Welt mit dem Verstand erfasst, versteht laut Ibn Rushd auch den göttlichen Plan besser. Wissenschaft sei kein weltliches Unterfangen, sondern ein Weg zu Gott.
Er unterschied zwischen drei Arten von Menschen: den einfachen Gläubigen, die dem religiösen Wort folgen; den Theologen, die es auslegen; und den Philosophen, die es durch Vernunft erkennen. Für Letztere seien wissenschaftliche Methoden und Logik das geeignete Mittel, um Gott zu erkennen.
Verfolgung und Exil
Doch nicht alle waren bereit, diese Idee zu akzeptieren. Trotz seiner Berühmtheit und seiner Ämter – unter anderem als Hofarzt und Richter – wurde Ibn Rushd gegen Ende seines Lebens Opfer politischer Intrigen. Unter dem Einfluss konservativer Kräfte verbot der Almohaden-Kalif Yaqub al-Mansur seine Bücher, ließ sie verbrennen und schickte ihn ins Exil.
In Marrakesch, von der politischen Bühne entfernt, starb Ibn Rushd im Jahr 1198. Erst posthum wurde er rehabilitiert – jedoch weniger im muslimischen Raum als im christlichen Europa. Dort wirkten seine Schriften über Jahrhunderte fort. Thomas von Aquin, Albertus Magnus und viele Denker der Scholastik setzten sich mit seinen Ideen auseinander. In Paris und Bologna wurde er zu einem „Lehrer der Lehrer“.
Ein Vorbild für heute?
In einer Zeit, in der Religion und Wissenschaft oft gegeneinander ausgespielt werden, wirkt Ibn Rushds Botschaft wie ein dringend benötigter Appell zur Versöhnung. Er erinnerte daran, dass Glaube keine Denkverbote verlangt – im Gegenteil: Wahrer Glaube braucht den Mut zur Vernunft.
Seine Geschichte zeigt aber auch die Gefahren: Intellektuelle, die neue Wege vorschlagen, riskieren Ausgrenzung. Ibn Rushd bezahlte seine Überzeugung mit Verbannung – und doch lebt seine Idee weiter: Dass Islam, Wissenschaft und Vernunft keine Gegensätze sein müssen, sondern drei Stimmen derselben Wahrheit.
Das Buch von Ibn Rushd auf Deutsch:
Ibn Rushd, Maßgebliche Abhandlung – Fasl al-maqal


Im Zentrum der Ausstellung steht die Frage: „Wenn Vollständigkeit unerreichbar bleibt – können wir dennoch eine Struktur im Fragment entdecken?“ Die gezeigten Werke reflektieren diesen Gedanken durch vielfältige künstlerische Ansätze, die sich mit Erinnerung, Identität, Raum, Zeit und Geschichtsschreibung auseinandersetzen – Themen, die sich ständig im Wandel befinden.
Die Ausstellung präsentiert Arbeiten folgender internationaler Künstler: innen:Chunhan Chen, Jialin Wu, Jing Wang, Jing Zhou, Lexiong Ying, Lin (Ruki) Li, Riccardo Matlakas, Mo Cheng, Peiyao (Heather) Tang, Shuqi Zhang, Xiaosu Jing, Yiyang Shi, Yongkang Yu, Yuchu Zhao, Yixuan Yang, Zhaoqi Wang und Ziya Lin.
Ihre Werke – in unterschiedlichen Medien und künstlerischen Sprachen – oszillieren zwischen Dekonstruktion und Rekontextualisierung, zwischen Erinnerungsspuren und imaginären Zukünften.
Die Ausstellung schafft einen Raum, in dem Fragmente nicht als Bruchstücke, sondern als Ausgangspunkte neuer Bedeutungszusammenhänge erlebt werden können. Besucher:innen sind eingeladen, sich durch dieses fein gewobene Netz aus visuellen Lücken und konzeptuellen Andeutungen zu bewegen und darin eine neue Form von Ganzheit zu imaginieren.
Kuratiert wird die Ausstellung unter anderem von zwei international anerkannten Fachpersönlichkeiten:Yuan Zhuang, preisgekrönte Bildhauerin und Wissenschaftlerin, bekannt für ihre monumentale Skulptur zur China Open 2024, die dauerhaft im Olympiapark in Peking zu sehen ist; sowieJiaxing (Sean) Guo, multidisziplinärer Künstler und Designer aus Los Angeles, Mitbegründer von Mackerel Design, dessen Arbeit sich an den Schnittstellen von Technologie, Mode und Kunst positioniert.



Atatürks Verständnis berührte damit den innersten Kern des Islam: Schon der Prophet Mohammed begann seine Offenbarung mit dem Befehl „Lies!“ – ein Aufruf zur Erkenntnis. In einer weiteren Sure heißt es: „Sprich: Mein Herr, mehre mein Wissen!“ Und in den Hadithen findet sich die Mahnung: „Die Wissenschaft ist das verlorene Gut des Muslims – wo immer er sie findet, soll er sie nehmen.“
Atatürk sah den Weg der Erlösung im Weg der Wahrheit, der Wissenschaft und der Weisheit. Zudem verstand er die Menschheit als eine Einheit. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Philosoph – vor allem aber ein Vorreiter für eine neue Generation von Muslimen: mit freiem Denken und freiem Gewissen. Und das bedeutet nichts Geringeres als die höchste Verantwortung – für Wahrheit und Frieden, für Wissenschaft und Zivilisation.
Doch Atatürk beobachtete, dass viele religiöse Autoritäten diese Lehren verfälschten oder ins Gegenteil verkehrten. Es sei, so sagte er, „der größte Krieg, den man führen kann – der Krieg gegen die Unwissenheit.“
