Geschichtswissenschaft
Wie die Türken und der Islam das Papier nach Europa brachten

Papier ist heute selbstverständlich. Doch seine Geschichte ist spektakulär: Es reiste Tausende Kilometer, durchquerte Reiche, Religionen und Sprachen – bis es Europa erreichte.

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Von Çağıl Çayır

Papier ist heute selbstverständlich. Doch seine Geschichte ist spektakulär: Es reiste Tausende Kilometer, durchquerte Reiche, Religionen und Sprachen – bis es Europa erreichte.

Die Hauptakteure dieser Reise? Nicht allein China oder Europa, sondern vor allem die türkischen Völker Zentralasiens und der islamische Kulturraum. Ohne sie hätte Europa vielleicht nie jene Schriftkultur entwickelt, die Renaissance und Aufklärung möglich machte.

China erfindet – die Steppe bringt in Bewegung

Die Erfindung des Papiers geht auf den chinesischen Beamten Cai Lun (um 105 n. Chr.) zurück. Bereits in der späten Han-Dynastie entwickelte sich Papier zum Medium für Verwaltung und Bildung. Erst in den folgenden Jahrhunderten, besonders zur Zeit der Tang-Dynastie, verbreitete sich seine Nutzung in weiten Teilen Ostasiens – blieb aber lange ein chinesisches Monopol. Erst mit dem Aufstieg der Göktürken begann die Bewegung westwärts.

Die Göktürken verfügten über eine eigene Hochkultur mit einer Runenschrift, dokumentiert in den berühmten Orchon- und Jenissei-Inschriften. Diese wurde ursprünglich in Stein gemeißelt, aber das Schreiben war nicht auf Monumente beschränkt. Es wurde auch auf Holz, Metall und Knochen geschrieben – ein Beweis für die Flexibilität und Alltagstauglichkeit der türkischen Schriftkultur.

Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis ist das Irk Bitig (Buch der Weissagungen) aus dem 9. Jahrhundert. Es ist das älteste vollständig erhaltene türkische Schriftwerk auf Papier, verfasst in alttürkischer Runenschrift. Es verbindet die Nomadenkultur der Steppe mit chinesischer Papiertechnologie und zeigt: Türkische Völker nutzten Papier lange vor Europa.

Die Uiguren – Pioniere der Papierkultur

Nach den Göktürken übernahmen die Uiguren die kulturelle Führung in Zentralasien. Im 8. Jahrhundert gründeten sie ein Reich mit eigenen Schriftformen und übernahmen die chinesische Papierherstellung. In Kocho, Turfan und entlang der Seidenstraße florierten Schreibzentren.

Die Uiguren nutzten Papier für religiöse, literarische und astrologische Texte – sowohl in Runenschrift als auch in einer eigenen kursiven Schrift. Besonders bedeutend sind die uigurisch-manichäischen Papierschriften, die in Zentralasien entdeckt und durch Forscher wie Albert von Le Coq nach Deutschland gebracht wurden.

Heute befinden sich viele dieser Texte in deutschen Archiven, insbesondere in der Staatsbibliothek zu Berlin und im Museum für Asiatische Kunst. Sie zeigen: Eine eigenständige türkische Buchkultur existierte, bevor Europa überhaupt Papier kannte.

Samarkand: Das Scharnier der Weltgeschichte

Ein Wendepunkt war die Schlacht am Talas (751 n. Chr.). Chinesische Truppen unterlagen einer islamischen Allianz mit türkischen Kräften. Chinesische Papiermacher gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Samarkand gebracht. Dort entstand eine der ersten Papiermühlen außerhalb Chinas.

Samarkand, ein türkisch geprägter Knotenpunkt der Seidenstraße, wurde zum Zentrum für die Weiterverbreitung des Papiers. Die dortigen Eliten – viele von ihnen türkischer Herkunft – trugen das Wissen weiter nach Buchara, Nishapur, Bagdad und darüber hinaus.

Die Ausbreitung des Papiers von China in die Welt; die angegebenen Jahreszahlen markieren jeweils die früheste bekannte Papierherstellung oder -verwendung in der jeweiligen Region (aus: Şinasi Tekin, Eski Türklerde yazı, kâğıt, kitap ve kâğıt damgaları, hrsg. von R. Tûba Çavdar, Istanbul: Eren Yayıncılık, 1993).
Der Islam als Verstärker der Schriftkultur

Der Islam verlieh der Papierverbreitung einen geistigen Antrieb. Im Koran beginnt die erste Offenbarung mit dem Wort „Iqra“ (Lies!). Das Streben nach Wissen wurde zur Pflicht für Männer wie Frauen. Hadithe fordern: „Sucht Wissen, selbst wenn es bis nach China führt.“

Papier war das ideale Medium für diese Offenheit: Es war leichter, günstiger und zugänglicher als Pergament. In den islamisch geprägten Reichen entstanden Papiermühlen, Bibliotheken, Medresen und wissenschaftliche Akademien. Türkische Dynastien wie die Samaniden, Ghaznawiden und Seldschuken förderten die Papierkultur aktiv.

Der Weg nach Europa

Über das westliche Mittelmeer gelangte das Papier schließlich nach Al-Andalus (Spanien) und Sizilien – Regionen, die Teil des islamischen Kulturraums waren. In Toledo, Palermo und später Fabriano wurde die Papierherstellung etabliert.

Was dort ankam, war kein chinesisches Original, sondern eine weiterentwickelte Technologie – übermittelt durch die türkisch-islamische Wissenswelt. Auch das Osmanische Reich trug zur Verbreitung von Papier in Südeuropa, dem Balkan und Nordafrika bei.

Die Gelehrten Şemseddin Ahmet Karabaği, Lokman, der Schreiber Ilyas Katib und die Maler Nakkaş Osman und Ali beraten über die Erstellung des „Şāh-nāme-i Selim han“. Illustriert von Nakkaş Osman, TSMK A. 3595, fo. 9r, 16. Jahrhundert.
Eine Brücke, die Europa prägte

Die Geschichte des Papiers ist keine geradlinige Ost-West-Erzählung, sondern ein Netz kultureller Vermittlungen. Die türkischen Völker waren keine Empfänger, sondern aktive Gestalter der Schriftkultur – experimentierfreudig, beweglich, weltoffen.

Und der Islam bot die geistige Infrastruktur: Eine Religion, die Lesen, Schreiben und Forschen zur Pflicht machte, schuf den idealen Nährboden für die Papierrevolution. Ohne diese Brücke – vom Altai bis zum Mittelmeer – wäre Europa vielleicht stumm geblieben.

Papier kam aus China – aber seine Stimme kam durch die Steppe.


Zum Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.


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