Trumps 20-Punkte-Plan
Flotilla-Stürmung: Spanien bestellt israelischen Botschafter ein

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Die Internationalisierung der Palästinafrage mit der erfolgten Anerkennung Palästinas bei der UN-Generalvollversammlung, der Vorstellung des 20-Punkte-Plan Donald Trumps, hat eine gewisse Konstellation ergeben, die durch die widerrechtliche Kaperung und Kidnapping der Gaza-Hilfsflotte durch Israel an erneuerter Fahrt gewinnt.

Israels Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte hat internationale Kritik ausgelöst. Nicht nur die türkische Regierung wertet Israels Militäreinsatz als Verstoß gegen das Völkerrecht.

Während Kolumbien gar die Ausweisung der gesamten diplomatischen Delegation Israels anordnete, verurteilte der malaysische Premierminister Anwar Ibrahim den Militäreinsatz scharf, gefolgt von Spanien, die den israelischen Geschäftsträger einberief, wie Außenminister José Manuel Albares bekannt gab.

Nicht nur betroffene Regierungen sind sich darüber einig, dass Israel eine weitere rote Linie überschritten hat. Auch die Bevölkerung der jeweiligen Staaten steigen auf die Barrikaden und üben weiteren Druck auf ihre Regierungen auf. Das hat Wirkung, wie man es an der Schnappatmung der Fahnenträger Israels erkennen kann.

Diese neuerliche Grenzüberschreitung zusammengefasst mit dem 20-Punkte-Plan eines US-Präsidenten, hat eine völlig neue, bislang nie dagewesene Druckkonstellation auf Israel entfacht. Wenn man nun einen weiteren Schritt geht und den Mut aufbringt, die völkerrechtlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Anwendung zu bringen, würden wohl viele Fahnenträger aus der Haut fahren.

Denn, wenn man diese heiße Phase jetzt vorantreibt, werden Benjamin Netanjahu, seine Kabinettsmitglieder und Konsorten nicht mehr so tun können, als sei Palästina etwas optionales, das lediglich unter israelischem Vorbehalt stehe. Trump mag mit dem 20-Punkte-Plan zwar Netanjahu zugearbeitet haben, es eröffnet aber der Internationalisierung der Palästinafrage neue Angriffspunkte gegen die „Staatsräson“ manch eines westlichen Verbündeten.

Nun zu den konkreten Punkten in Zusammenhang mit der Global Sumud Flotilla und Israel:

Die Flottille befand sich auf hoher See und nicht in Israels 12-Meilen-Gewässern. Die 12-Meilen-Zone ist das seeseitige Territorium eines Küstenstaates. Israel hat deshalb keine völkerrechtliche Grundlage für eine Kaperung und Kidnapping von Besatzungsmitgliedern der Global Sumud Flotilla vor der Küste des Gazastreifens.

Andererseits besteht die israelische Seeblockade seit 17 Jahren und es ist ein wesentlicher Bestandteil der langfristigen Besatzung, die im Gutachten des Internationalen Gerichtshofs für illegal erklärt wurde.

Das heißt, Israel kann sich nicht darauf berufen, im Sinne der Gefahrenabwehr, während eines Krieges gehandelt zu haben. Es handelt sich daher nicht um eine kurzfristige Maßnahme in Zeiten bewaffneter Konflikte, wie sie im San Remo-Handbuch festgelegt ist – das San Remo Handbuch dient diversen Militärhandbüchern, der Politik sowie der internationalen Justiz als Grundlage und gehört zur Standardlektüre im Bereich des humanitären Völkerrechts, insbesondere des Seekriegsrechts.

In jedem Fall besagen die San Remo-Regeln ausdrücklich, dass auch humanitäre Hilfsgüter nicht blockiert werden dürfen.

Zum anderen hat die UN-Untersuchungskommission bereits festgestellt, dass Israel einen Völkermord begeht. Das bedeutet, dass die Blockade eindeutig Teil der Maschinerie eines solchen Völkermords ist.

Aus diesen Gründen ist der Angriff auf die Flottille eindeutig und in vielerlei Hinsicht illegal, egal wie sich Israel das je nach Gutdünken zurechtlegt. Und jetzt kommt der Knackpunkt, an der Israel erneut international isoliert dasteht:

Auf Hoher See gilt für jedes Schiff, und seien es nur eine Nussschale, das Recht seines Flaggenstaates. Das Schiff ist „schwimmendes Hoheitsgebiet” des Flaggenstaates.

Anders ausgedrückt: Schiffe unter eigener Flagge genießen diplomatischen und konsularischen Schutz durch ihren Flaggenstaat und können auf dessen Hilfe in Krisenfällen zählen. Ein Angriff eines staatlichen Kriegsschiffes auf ein Schiff auf Hoher See ist ein Angriff auf den Flaggenstaat des angegriffenen Schiffes selbst.

Der illegale Zugriff auf Schiffe oder die Entführung von Besatzungsmitgliedern auf hoher See, müsste von jedem Flaggenstaat als Verbrechen innerhalb seiner nationalen Gerichtsbarkeit verfolgt werden – und zwar nicht nur im Rahmen des Seerechts, sondern des Völkerrechts und in diesem Zusammenhang, dem Universalitätsprinzip, auch bekannt als Weltrechtsprinzip.

Daher sind die nationalen Gesetze verpflichtet, die Entführung von Personen von unter eigener Flagge fahrenden Schiffen auf hoher See zu untersuchen und dagegen juristische Schritte einzuleiten – gegen Israel. Auch die deutsche Justiz und die der 43 weiteren Staaten sind dazu angehalten, Ermittlungs- und Strafverfolgungsmaßnahmen einzuleiten.

Verstehen Sie jetzt, weshalb die Fahnenträger Israels dermaßen toben und die Besatzungsmitglieder als Hamas-Verehrer, gar Terroristen bezeichnen?

 
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
ZUM THEMA

– Gastkommentar – „Israel – und der Wahnsinn einer hasserfüllten Sekte“

Thomas: „Nicht erst Merz, sondern auch Scholz, Merkel und Kohl wussten und wissen selbstverständlich schon immer von dem Desinteresse Israels an Verhandlungen.“

„Israel – und der Wahnsinn einer hasserfüllten Sekte“

Gastkommentar
Gott und die Menschenwürde im Grundgesetz

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Als 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet wurde, stand Deutschland an einem historischen Wendepunkt.

Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus musste eine neue Ordnung geschaffen werden, die sowohl Lehren aus der Vergangenheit zog als auch Zukunft versprach. Zwei Begriffe ragen aus diesem Dokument heraus: Gott und die Menschenwürde.

„In Verantwortung vor Gott und den Menschen“

Die Präambel des Grundgesetzes ruft Gott an – nicht als theologischen Dogmatismus, sondern als eine Quelle von Verantwortung.

Dieser Gottesbezug sollte zeigen: Staatliche Macht ist nicht absolut. Sie steht unter einem höheren Anspruch, sei es religiös verstanden oder als Symbol für das Gewissen und die Grenzen menschlicher Verfügungsgewalt.

Artikel 1: Die Würde des Menschen

Gleich im ersten Artikel wird festgeschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Damit wurde ein fundamentaler Gegensatz zum totalitären Denken der NS-Diktatur gezogen. Der Mensch darf niemals wieder zum Objekt degradiert werden – weder von der Politik noch von der Gesellschaft.

Gott und Würde – zwei getrennte, aber verwandte Ebenen

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes verbanden den Gottesbezug nicht zwingend mit einer bestimmten Konfession. Für gläubige Menschen verweist er auf den Schöpfer, in dessen Ebenbild der Mensch geschaffen ist.

Für säkulare Leser kann er als Hinweis verstanden werden, dass Menschenwürde nicht von staatlichen Mehrheiten oder Machtinteressen abhängig ist, sondern einen überpositiven, unverfügbaren Rang besitzt.

Menschenwürde als säkularer „heiliges Gut“

So gesehen übernimmt die Menschenwürde im Grundgesetz eine Funktion, die traditionell Religionen erfüllten: Sie ist das unantastbare Fundament, auf dem alle anderen Rechte und Freiheiten ruhen.

Auch wer nicht an Gott glaubt, muss akzeptieren, dass die Würde des Menschen außerhalb staatlicher Willkür steht – fast wie ein „säkulares Heiliges“.

Ein offener Konsens

Die doppelte Verankerung – Verantwortung vor Gott und Schutz der Menschenwürde – ermöglicht es, dass Gläubige wie Nichtgläubige denselben Verfassungstext bejahen können.

Für die einen ist Gott der Ursprung dieser Würde, für die anderen ist die Würde selbst das höchste Prinzip. In dieser Spannung liegt eine Stärke: Sie verbindet Menschen über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg.

Das Grundgesetz stellt klar: Keine Macht auf Erden darf die Würde des Menschen verletzen. Ob man den Gottesbezug als Glaubensbekenntnis liest oder als Symbol für eine höhere Verantwortung – er verweist darauf, dass Freiheit und Würde nicht aus der Hand des Staates stammen, sondern vorstaatlich, unverfügbar und universal sind.

Schlussgedanke

Dabei darf nicht übersehen werden: Der Begriff der Menschenwürde ist selbst ein Kind langer theologischer und philosophischer Traditionen.

Er wurzelt im biblischen Gedanken der Gottebenbildlichkeit ebenso wie in der antiken Philosophie und bei Kant. Doch in letzter Tiefe verweist er auf eine höhere Ordnung: auf die Vorstellung der Lex Aeterna, des ewigen Gesetzes, das – nach Augustinus und Thomas von Aquin – in Gottes Vernunft gründet und alles Geschaffene trägt.

So verstanden ist die Menschenwürde nicht bloß eine menschliche Erfindung, sondern Ausdruck einer transzendenten Ordnung. Selbst wer den Gottesbezug säkular interpretiert, bewegt sich damit noch in einem Denkhorizont, der letztlich aus der Idee hervorgeht, dass überstaatlich, überpositiv und unverfügbar ein ewiges Recht besteht. Ohne Gott und ohne die Lex Aeterna bleibt die Menschenwürde unverständlich, ja bodenlos.

Denn ohne diesen Boden (Gott / ewiges Gesetz) „schwebt“ die Würde im Raum, bleibt begründungslos oder muss allein durch Vernunft oder politische Vereinbarung getragen werden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
AUCH INTERESSANT

– Anwerbeabkommen- WDR-Schwerpunkt zu 60 Jahren deutsch-türkischer Einwanderungsgeschichte

Heute leben knapp drei Millionen Menschen mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte aus der Türkei in Deutschland, davon rund 950.000 in NRW. Was bewegt sie? Mit der Schwerpunktwoche ‚60 Jahre Hallo Almanya‘ zeigt der WDR, wie das im Herbst 1961 zwischen der Türkei und Deutschland geschlossene Vereinbarung immer noch Leben und Alltag der Türkei-stämmigen Deutschen prägt.

WDR-Schwerpunkt zu 60 Jahren deutsch-türkischer Einwanderungsgeschichte

Islamische Architektur
Vom Himmelszelt zur Moscheekuppel

0

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Die Kuppel der Moschee ist weit mehr als ein architektonisches Detail. Sie ist das sichtbare Abbild des Himmels selbst – Symbol für Vollkommenheit, Einheit und göttliche Gegenwart. Wer unter ihr steht und den Blick hebt, sieht nicht nur Stein und Ornament, sondern das Echo einer uralten Beziehung zwischen Mensch und Himmel.

Der Himmel als göttlicher Ursprung

Diese Vorstellung führt weit zurück – in die spirituelle Welt der Nomaden, insbesondere in den Tengrismus, die alte Himmelsreligion der Turk- und Mongolenvölker.

Der Himmel – Tengri – war dort nicht nur Naturraum, sondern göttliches Prinzip: Ursprung des Lebens, des Schicksals und der Ordnung. Kök Tengri, der „Blaue Himmel“, galt als höchster, allsehender Gott, der über Mensch und Natur wachte.

Kuppeldach einer mongolischen Jurte mit Ornamenten und Ewigkeits-Symbolen sowie einem blauen Stofftuch als Zeichen für die Verbundenheit zum Himmel verziert. (Foto: Çağıl Çayır, Mongolei, Februar 2023.)
Vom Himmelszelt zur Moscheekuppel

In der islamischen Architektur lebt diese uralte Himmelsverehrung fort – in neuer Form, aber mit derselben symbolischen Kraft.

Die Kuppel erinnert an das Himmelszelt der Nomaden, an die runde Öffnung des Zeltes (tünglük), durch die das Licht in das Innere fiel. Sie verbindet Erde und Himmel, das Irdische mit dem Göttlichen.

Der Raum unter der Kuppel ist ein Ort der Transzendenz: Hier erhebt sich das Gebet, hier erklingt das Wort Gottes, hier fällt das Licht wie eine Offenbarung von oben herab. Besonders in der seldschukischen und osmanischen Architektur verschmilzt diese Symbolik: Die blauen und goldenen Ornamente, die Sterne und Kreise, erinnern an den endlosen Himmel, aus dem alles stammt.

Kuppel mit Kalligraphie des Thronverses und zahlreichen Elementen mit weiteren Namen Allahs (Foto: Wikimedia)
Das Gedächtnis des Himmels

So wird die Moschee zu einem Gedächtnis des Himmels – zu einer Erinnerung an jene Zeit, in der der Mensch den Himmel nicht nur betrachtete, sondern ihn ehrte und anrief.

In der Kuppel begegnet uns der Ursprung des Glaubens an den Himmel: die uralte Sehnsucht, das Irdische mit dem Ewigen zu verbinden.

Wie der Himmel sich über alle Menschen spannt, so wölbt sich die Kuppel über den Betenden – als stilles Zeichen, dass Gott eins ist und überall derselbe.


Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
AUCH INTERESSANT

– Tag der Einheit – Deutsche und türkische Zusammenarbeit: Ein verborgener Motor der deutschen Einheit

Çayır: „Wenn heute an die deutsche Einheit erinnert wird, stehen meist die Montagsdemonstrationen, die Politik Gorbatschows oder die historische Rolle Helmut Kohls im Vordergrund.“

Deutsche und türkische Zusammenarbeit: Ein verborgener Motor der deutschen Einheit

Geschichte
Die vergessenen deutschen Märtyrer von Gallipoli 1915

Von Çağıl Çayır Als im Frühjahr 1915 die Alliierten – vor allem britische, französische, australische und neuseeländische Truppen – an der Dardanellenfront landeten, ahnten nur wenige, dass sich hier eines der härtesten Kapitel des Ersten Weltkriegs abspielen würde. Die Schlacht um Gallipoli, die in der Türkei bis heute als Çanakkale Zaferi (Sieg von Çanakkale) erinnert wird, wurde zu einem Symbol für Mut, Opferbereitschaft und internationale Waffenbrüderschaft. Doch ein Kapitel dieser Geschichte ist in Deutschland nahezu in Vergessenheit geraten: der Einsatz deutscher Offiziere und Soldaten, die Seite an Seite mit den Osmanen kämpften und fielen – die „vergessenen deutschen Märtyrer“.
Deutsche Berater und Kämpfer an der Seite der Osmanen
Seit Beginn des Ersten Weltkriegs standen das Deutsche Reich und das Osmanische Reich in enger militärischer Allianz. Schon vor 1914 hatten deutsche Offiziere wie Colmar von der Goltz das osmanische Heer modernisiert. Mit Kriegseintritt 1914 kamen zahlreiche deutsche Offiziere, Ingenieure und Spezialisten in die Türkei, um die Dardanellen zu befestigen und das Heer in modernen Taktiken zu schulen. Eine Schlüsselrolle spielte General Otto Liman von Sanders, der als Befehlshaber der 5. osmanischen Armee die Verteidigung der Gallipoli-Halbinsel organisierte. Unter ihm dienten deutsche Offiziere in Stäben, in der Artillerie und im Pionierwesen. Sie standen nicht nur beratend zur Seite, sondern befanden sich auch mitten im Kampfgeschehen.
Opfer im Schatten der Geschichte
Während die Namen von Mustafa Kemal Atatürk oder Liman von Sanders in den Geschichtsbüchern stehen, sind die Opfer unter den einfachen deutschen Offizieren und Soldaten kaum bekannt. Einige starben beim Minenlegen in den Dardanellen, andere fielen in den Gräben oder wurden von alliiertem Feuer getroffen. Ihre Gräber lagen verstreut auf der Halbinsel, manche wurden später nach Istanbul überführt. Auf dem Gelände der heutigen deutschen Botschaft in Istanbul befindet sich ein Ehrenfriedhof, auf dem an diese Männer erinnert wird.
Märtyrer einer vergessenen Front
In der türkischen Erinnerung gelten sie als Märtyrer – Kämpfer, die ihr Leben für eine gemeinsame Sache opferten. Doch in Deutschland wurde ihre Geschichte bald vom Schatten der Westfront, von Verdun und der Somme, überdeckt. Die Opfer an den Dardanellen passten nicht in die große nationale Erzählung, die sich um die Helden der Heimatfront und die Massenopfer an der Westfront drehte. So gerieten die deutschen Toten von Gallipoli in Vergessenheit.
Gedenken und historische Verantwortung
Heute, mehr als hundert Jahre später, wächst das Bewusstsein für diese deutsch-türkische Waffenbrüderschaft. Projekte wie die Gedenkseite „gallipoli1915.de“ erinnern an jene Männer, die in der Fremde kämpften und starben. Sie waren Teil eines Weltkriegs, der Millionen Leben forderte, doch ihre Geschichte zeigt auch: Völker, die sich sonst fremd waren, standen hier in Treue und Solidarität nebeneinander. Die vergessenen deutschen Märtyrer von Gallipoli verdienen es, in die europäische und türkische Erinnerungskultur zurückgeholt zu werden – nicht als Verherrlichung des Krieges, sondern als Mahnung, dass selbst in den dunkelsten Stunden Geschichte von gegenseitiger Loyalität und Opferbereitschaft geprägt sein kann.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
AUCH INTERESSANT

– Tag der Einheit – Deutsche und türkische Zusammenarbeit: Ein verborgener Motor der deutschen Einheit

Çayır: „Wenn heute an die deutsche Einheit erinnert wird, stehen meist die Montagsdemonstrationen, die Politik Gorbatschows oder die historische Rolle Helmut Kohls im Vordergrund.“

Deutsche und türkische Zusammenarbeit: Ein verborgener Motor der deutschen Einheit

Tag der Einheit
Deutsche und türkische Zusammenarbeit: Ein verborgener Motor der deutschen Einheit

Von Çağıl Çayır

Wenn heute an die deutsche Einheit erinnert wird, stehen meist die Montagsdemonstrationen, die Politik Gorbatschows oder die historische Rolle Helmut Kohls im Vordergrund. Weniger sichtbar, aber keineswegs unbedeutend, war die Rolle der jahrzehntelangen deutsch-türkischen Zusammenarbeit – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Vom Waffenbruder zur Arbeitsmigration

Schon im Ersten Weltkrieg kämpften deutsche und türkische Soldaten Seite an Seite in Gallipoli, im Kaukasus und in Palästina. Die sogenannte „deutsch-türkische Waffenbrüderschaft“ war zwar in erster Linie ein militärisches Bündnis, sie begründete jedoch auch ein Bewusstsein für Gemeinsamkeiten: zwei Völker im Ringen gegen Übermacht und Teilung.

Nach 1945 knüpften beide Länder erneut enge Verbindungen. Die Bundesrepublik war angewiesen auf Arbeitskräfte, um den wirtschaftlichen Aufschwung zu bewältigen. Mit dem Anwerbeabkommen von 1961 kamen hunderttausende türkische „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Sie bauten Fabriken, Straßen, Städte mit auf – und schufen zugleich Brücken zwischen Ost und West.

Tatkraft am Fließband, im Kohlebergbau und beim Bahnbau

Die deutsch-türkische Zusammenarbeit zeigte sich nicht nur auf politischer Bühne oder in militärischen Bündnissen, sondern vor allem im Alltag der Arbeit. In den 1960er- und 70er-Jahren standen türkische und deutsche Arbeiter Schulter an Schulter am Fließband der Automobilindustrie, etwa bei Ford in Köln oder bei Daimler in Stuttgart. Sie produzierten jene Autos, die zum Symbol des westdeutschen Wohlstands wurden.

Auch im Bergbau des Ruhrgebiets packten türkische Kumpel mit an. Unter Tage schufteten sie in den Kohlegruben, sicherten die Energieversorgung des Landes und hielten so den industriellen Motor der Bundesrepublik am Laufen – oft unter härtesten Bedingungen.

Beim Bahnbau, im Straßenbau und in der Schwerindustrie waren türkische Fachkräfte ebenfalls unverzichtbar. Sie halfen dabei, das westdeutsche Verkehrsnetz auszubauen, das später auch für die wirtschaftliche Integration der neuen Bundesländer nach 1990 entscheidend war.

Diese konkrete Tatkraft, dieses gemeinsame Schaffen, verband Deutsche und Türken in einer unsichtbaren, aber wirkmächtigen Solidarität. Sie war ein praktisches Fundament, auf dem die deutsche Einheit nach dem Mauerfall aufbauen konnte.

Die türkische Arbeitskraft und die Systemkonkurrenz

Während die DDR durch Arbeitskräftemangel und Abwanderung geschwächt war, konnte die Bundesrepublik dank der türkischen Einwanderer ihre Wirtschaftskraft stabilisieren und weiter ausbauen. Ohne diese zusätzliche Arbeitskraft wäre das westdeutsche Wirtschaftswunder kaum in dieser Form möglich gewesen.

Die geopolitische Wirkung war enorm: Ein wirtschaftlich starkes Westdeutschland stand als Magnet und Vorbild neben einem wirtschaftlich stagnierenden Osten. Indirekt trugen die türkischen Arbeiter somit dazu bei, den Systemvergleich klar zugunsten des Westens zu entscheiden – und den Druck auf die DDR zu erhöhen.

Kulturelle Verbindungen als Einheitstreiber

Darüber hinaus hatten türkische Migranten in Westdeutschland auch eine kulturelle und politische Wirkung. Sie machten Deutschland internationaler, urbaner, weltoffener. Ihre Präsenz verstärkte den Kontrast zwischen dem autoritär-verschlossenen Osten und dem pluralistisch-offenen Westen.

Die türkische Diaspora, mit Verbindungen nach Ankara und Istanbul, spielte zudem eine Rolle in der NATO-Strategie: Die Bundesrepublik und die Türkei waren beide Frontstaaten im Kalten Krieg, beide Stützpunkte der westlichen Allianz. Diese enge strategische Verzahnung festigte die Westbindung der BRD und isolierte die DDR zusätzlich.

Ohne die Türkei – keine Einheit?

Natürlich war es nicht allein die deutsch-türkische Zusammenarbeit, die zur Einheit führte. Aber sie war ein wesentlicher Faktor im großen Geflecht. Ohne die Arbeitskraft der Türken hätte der Westen weniger Strahlkraft gehabt; ohne das militärische Bündnis in der NATO wäre die Front im Kalten Krieg brüchiger gewesen.

Die deutsche Einheit ist daher nicht nur ein Werk von Deutschen, Amerikanern oder Sowjets – sie trägt auch das stille, aber entscheidende Erbe der deutsch-türkischen Partnerschaft.

 
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
AUCH INTERESSANT

– Anwerbeabkommen- WDR-Schwerpunkt zu 60 Jahren deutsch-türkischer Einwanderungsgeschichte

Heute leben knapp drei Millionen Menschen mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte aus der Türkei in Deutschland, davon rund 950.000 in NRW. Was bewegt sie? Mit der Schwerpunktwoche ‚60 Jahre Hallo Almanya‘ zeigt der WDR, wie das im Herbst 1961 zwischen der Türkei und Deutschland geschlossene Vereinbarung immer noch Leben und Alltag der Türkei-stämmigen Deutschen prägt.

WDR-Schwerpunkt zu 60 Jahren deutsch-türkischer Einwanderungsgeschichte

Gaza-Krieg
Thomas: „Arabische Staaten haben Palästina verraten“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Gaza und Palästina sind verloren, der Gewinner heißt Netanyahu. Zugegebenermaßen berührt mich der israelische Überfall auf die Sumud-Flottilla und vor allem das gähnende Achselzucken der Welt dazu doch stärker, als mich mein Pessimismus zuvor erwarten ließ. Alle sind und werden auf einmal still, die so theatralisch aufgefahrenen Fregatten sind auf einmal … weg. Der Übergriff ist eigentlich nur noch ein weiterer Schnörkel am Gesamtbild, das schwärzer nicht sein könnte. Wer Details sucht, frequentiert den beigefügten Link; da rafft sich der wunderbare David Hearst doch noch einmal dazu auf, die ganze Liste niederschmetternder Einzelheiten aufzuarbeiten, der wir uns jetzt gegenübersehen. Hearst ist ein ausgezeichneter Journalist. Er hat sich im Griff und arbeitet professionell; auch wenn er seine Emotion nur schwer zurückhalten kann, breitet er sorgsam Fakten und eine Analyse dazu aus, wofür ich ihn bewundere. Ich könnte das nicht. Hätte es funktionieren können? All die weltweite Auflehnung von Millionen, die riesigen Demonstrationen, die zahllosen Boykotts und Embargos gegen Israel … hätten sie Erfolg haben können? Vielleicht. Wenn die Palästinenser, und somit Palästina, nicht von den arabischen Staaten so schäbig verraten und buchstäblich verkauft worden wären, wäre Israel ins Hintertreffen geraten und zur dramatischen Kursänderung gezwungen gewesen. Aber jetzt müssen wir den Kampf verloren geben, ohne ihn zu beenden. Bisher heißt der Sieger Netanyahu, der alles riskiert, und noch viel mehr gewonnen hat. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass die globale Intervention „der Straße“ sich nicht wie Morgennebel auflösen sollte, könnte das Ziel theoretisch noch immer erreicht werden. Aber der Gegner ist größer geworden: Alle Organisationen, Unternehmen, Staatenbünde und Institutionen, die in den letzten Wochen wankten und sich der Israelkritik mit Maßnahmen näherten, werden jetzt in rascher Abfolge umfallen. Sie werden patzig antworten: „Jetzt gibt es einen Friedensplan, die Bombardierungen hören ja auf, also gebt Ruhe.“ – und sie werden zu ihren Geschäften mit Israel zurückkehren. Und noch während das Schlachten und Hungern in Gaha weitergeht, hat Deutschland bereits wieder neue Rüstungsexportgenehmigungen für Israel in Höhe von 2,4 Millionen Euro erteilt. Alle dieser „Israelfreunde“ wissen, dass die Zehn-, oder besser Hunderttausenden Toten von Gaza sehr schnell vergessen und unter dieser Farce namens „Friedensplan“ begraben sein werden. Man wird ihre Skelette, wenn die Fundamente für die großen Hotels an der neuen „Riviera“ ausgehoben werden, schamhaft, still und leise im Schutz der Dunkelheit und des globalen Desinteresses in Müllsäcken entsorgen. „Gehen Sie bitte weiter. Es gibt hier nichts zu sehen.“ Hearst schreibt, und Menschen muss das eigentlich zu Tränen des Zorns, der Trauer und Verzweiflung rühren: „Nie zuvor waren die Palästinenser, wo auch immer sie leben, einsamer.“ Nein. Ein solches Ende habe ich, obschon immer vorsichtig und pessimistisch gewesen, tatsächlich nicht kommen sehen…..  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

AUCH INTERESSANT

– Gastkommentar – „Israel – und der Wahnsinn einer hasserfüllten Sekte“

Thomas: „Nicht erst Merz, sondern auch Scholz, Merkel und Kohl wussten und wissen selbstverständlich schon immer von dem Desinteresse Israels an Verhandlungen.“

„Israel – und der Wahnsinn einer hasserfüllten Sekte“

Gastkommentar
Tengri – Der Gott, der das „türkische Volk rettete“

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Wenn von den Ursprüngen der türkischen Kultur die Rede ist, führt kein Weg an den alten Inschriften im Orchon-Tal der Mongolei vorbei. Dort, im 8. Jahrhundert in Stein gemeißelt, sprechen die Herrscher Bilge Kağan und Kül Tigin von der Macht eines Gottes, der über Himmel und Erde herrscht: Tengri.
Ein Gott des Himmels und der Geschichte
Tengri, das alttürkische Wort für „Himmel“, ist weit mehr als nur eine Naturerscheinung. Für die alten Türken war er das höchste Wesen, das Schicksal und Ordnung bestimmte. Er verlieh Königen ihre Legitimität und griff in entscheidenden Momenten in die Geschichte ein. In den Inschriften heißt es: „Damit das türkische Volk nicht zugrunde gehe, hat der Tengri den Staat erhoben.“ Dieses Bekenntnis zeigt: Das Überleben der Türken wurde nicht als Zufall verstanden, sondern als Ergebnis göttlichen Eingreifens.
Rettung in der Not
Die Texte berichten von Zeiten der Unterwerfung, als das türkische Volk fast ausgelöscht war. Doch Tengri „gab Kraft“ und „hob den Kağan empor“. Damit ist er nicht nur ein kosmisches Prinzip, sondern ein Gott, der das Volk konkret rettet – ähnlich wie der Gott Israels im Alten Testament.
Religion und Identität
Tengri-Glaube war eng mit politischer Ordnung verbunden. Solange die Herrscher im Einklang mit Tengri handelten, blühte das Volk. Wurde das Gesetz verletzt, drohten Niederlagen und Untergang. So verband sich Religion mit Staatsräson, Geschichte mit Kosmologie.
Ein Erbe bis heute
Auch wenn die Türken später zum Islam fanden, blieb Tengri ein Teil ihrer Erinnerungskultur. Der „ewige Himmel“ wurde zum Sinnbild der Freiheit, der Unabhängigkeit und des göttlichen Schutzes – und prägt bis heute das Selbstverständnis vieler Turkvölker.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
AUCH INTERESSANT

– Geschichtswissenschaft – Geschichte: War Germanen-Gott Odin ein Türke?

Im Jahr 2020 entdeckte ein Sondengänger in Vindelev, einem Dorf in Mitteljütland in Dänemark, einen spektakulären Goldschatz aus der Mitte des 5. Jahrhunderts

Geschichte: War Germanen-Gott Odin ein Türke?

Trumps Friedensplan
Yücel: „Palästina und die westlichen Wertemaßstäbe“

Orwell’sche Dystopie oder die neue Realität? In gerade mal einer Woche haben uns die westlichen Wertemaßstäbe wieder einmal vor Augen geführt, wie es um die Moral bestellt ist, wenn es um Palästina und Palästinenser geht.

Zum Beispiel die Schnappatmung der dauerempörten Mandatsträger der „Staatsräson“ nach der Einlage der Linken-Abgeordneten Cansin Köktürk, die mit der Palästina-Fahne im Bundestag wedelt. Man muss nur die Gesichter, die offenen Münder sehen; geradezu irrational, beängstigend! Als hätten sie den Teufel persönlich gesehen.

Der Fahnenträger dieser Staatsräson, Friedrich Merz, kann sich glücklich schätzen, von Benjamin Netanjahu vor der UN zitiert zu werden. Sein „Drecksarbeit“-Narrativ hat es sogar in die Generalversammlung der UN geschafft.

Oder die Bilder von zwei palästinensischen Geschwistern in Hebron, vier und sechs Jahre alt, die zitternd und weinend geradezu mit den Augen die Umgebung anflehen, sie doch von den Fängen der IDF-Soldaten zu befreien. Weshalb die zwei halbwüchsigen Burschen festgehalten werden, fragen Anwohner und Ladenbesitzer der Umgebung… Sie seien Spione ruft ein Soldat zurück!

Aber der Burner war der Auftritt des US-Präsidenten bei der UN-Generalversammlung. Donald Trump forderte doch nach seiner Rede die Einleitung einer FBI-Untersuchung gegen UN-Mitarbeiter wegen dem Prompter- sowie Rolltreppen-Vorfall.

Wer für die ausgefallene Rolltreppe verantwortlich ist, auf der Melania Trump nur deswegen überlebt hat, weil sie so gut „in shape“ ist, soll von einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden. Die Antwort der UN: der Prompter wurde von einem Mitarbeiter des Weißen Hauses bedient.

Trump hat unterdessen das FBI beauftragt, zu überprüfen, ob es sich bei den zuständigen Technikern um illegale Einwanderer mit Verbindungen zu diesem schrecklichen Sharia-Bürgermeister von London handeln könnte.

Apropos Verschwörungstheorie: Tucker Carlson, eine journalistische Ikone aus dem Fox-News-Stall, dem Hauptmedium von Trump und der MAGA-Bewegung, versucht derzeit mit Hochdruck den Topos 9/11 auf die tagespolitische Agenda zu bringen, speziell mit Blick auf eine mögliche Rolle Israels und des Mossad.

Carlson veröffentlicht dieser Tage eine mehrteilige Dokumentation, in der er vor allem darauf abzielt, zu belegen, dass der offizielle Abschlussbericht zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 lügt, täuscht und unterschlägt. Medienwirksam angekündigt, werden mit Beginn dieser Woche jeweils eine Folge pro Woche veröffentlicht.

Die Spekulationen über den Wahrheitsgehalt zu 9/11 sind nicht so wichtig, vielmehr die mögliche politische Motivation dahinter. Wenn Carlson Zweifel am offiziellen Hergang von 9/11 bekundet und dies halbwegs gut dokumentiert begründen kann, wird ein 9/11-Disput aus der Schmuddelecke der stigmatisierten Verschwörungstheorien in den Mainstream durchbrechen.

Formales Ziel sei es, eine neue offizielle Untersuchungskommission zu 9/11 zu erzwingen. Flankiert wird das Ganze mit Auftritten und Interviews Carlsons in etlichen populären Talkshows, in denen er vermehrt Israels und Netanjahus Einfluss auf die US-Politik problematisiert.

Ein entlarvender Dialog zwischen einem MAGA-Anhänger und einem Zionisten beschäftigt derzeit die sozialen Medien. Selbst rassistische amerikanische Hinterwäldler scheinen langsam einen klareren Durchblick zu bekommen als ihre Brüder im Geiste in Europa. Die Strategie des Brandstifters Trump, sich in der Rolle des Feuerwehrmannes als unentbehrlich zu verkaufen, scheitert gerade krachend.

Denn, Netanjahu scheint Trump in wesentlichen Punkten über den Tisch gezogen zu haben. Wer Netanjahus über Jahrzehnte immer wieder an den Tag gelegte Verhandlungsstrategie kennt, weiß, dass dieser Mann Konzessionen grundsätzlich nur dann macht, wenn er sicher ist, dass er sie unterlaufen kann.

Auf den ersten Blick positive Formulierungen werden grundsätzlich nur dann akzeptiert, wenn sie optional formuliert werden oder einen Vorbehalt beinhalten. So auch hier: es wird in Aussicht gestellt, dass eine „reformierte palästinensische Behörde“ eines schönen Tages die Verwaltung in Gaza übernehmen könnte. Einer solchen Formulierung stimmt ein Netanjahu nur dann zu, wenn er vorher sichergestellt hat, dass dies nie der Fall sein wird.

Zudem ist das, was in den letzten Tagen als 21-Punkte-Plan kommuniziert wurde, in den aktuellen Schlagzeilen auf einen 20-Punkte-Plan zusammengeschrumpft. Was fehlt? In den zahlreichen Quellen, die man überfliegen kann, konnte man ad hoc nichts zum Westjordanland finden.

Bis gestern hieß es noch, es werde das Annexionsverbot für das Westjordanland bekräftigt. Genau dies ist für Netanjahu der heikelste Punkt. Denn davon hängt ganz maßgeblich das Überleben seiner Koalition mit Smotrich und Ben Gvir ab. Dieser Punkt scheint in der Vereinbarung vom Tisch zu sein.

Was zumindest in dieser Vereinbarung ebenfalls vom Tisch zu sein scheint, ist die Vertreibung und Zwangsumsiedlung der Palästinenser. Aber es gibt auch widersprüchliches über die militärische Absicherung: internationale Schutztruppe, IDF oder beides? „Schrittweiser Abzug“ ohne konkreten Zeitplan deutet darauf hin, dass auch hier Netanjahu versucht, alle Fäden in der Hand zu halten.

Aus der islamischen Welt ist Unterstützung für den Plan signalisiert worden – wohl deshalb, weil zumindest das Gemetzel damit beendet werden kann.

Und immerhin: die Palästinafrage wird künftig wieder internationalisiert. Ein Zurück zu der über Jahrzehnte währenden untragbaren Konstellation, in der sich eine allmächtige Besatzungsmacht mit ohnmächtigen Besetzten in einem rechtsfreien Separee einrichten und ihre Vorstellung von „Frieden“ diktieren konnte, sind ein für alle Mal vorbei.

Der „große Wurf“, wie Trump vollmundig verkündet hatte, gar ein „ewiger Frieden in Nah-Ost“ ist das natürlich nicht. Aber eine Dynamik, die zumindest der Jahrzehnte währenden Sackgasse ein Ende bereiten könnte, wird damit schon in Gang kommen.

Was es mit der Tony-„Blaire-Administration“ und dem ganzen Konstrukt einer „Sonderwirtschaftszone“ auf sich hat: das scheint vorrangig Trumps „Riviera-Vision“ zu dienen. Immobiliengeschäfte, Investitionskanäle – vorrangig finanziert durch Golfstaaten – unter dem Schlagwort „Wiederaufbau“.

Es scheint so, dass Vereinbarungen, die auf dieser Grundlage getroffen werden, keine lange Halbwertzeit haben werden. Insbesondere wird sich die Lage im Westjordanland mittelfristig deutlich zuspitzen. Auf jeden Fall ist es aber ein Weg, um einen laufenden Genozid wirksam zu beenden. Und das wiegt letztlich schwerer als jede konkrete Kritik.

Man sollte in der gegenwärtigen Phase jede Vereinbarung nur danach bewerten, ob sie dazu führt, dass das Gemetzel beendet, der Geiselaustausch stattfinden und die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet wird. Alles andere ist zunächst einmal Papier und als solches geduldig.

Insofern muss man zwischen der militärischen und der politischen Dimension der Vereinbarung unterscheiden. Trump und Netanjahu können sich mit Blick auf die politische Dimension einigen so viel sie wollen; die Grenzen einer jeglichen Vereinbarung sind stets vom Völkerrecht gesetzt. Jede Regelung, die das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser missachtet und verletzt, ist somit null und nichtig.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass das Völkerrecht für alle bindend ist. Im deutschen Blätterwald wird z.B. anlässlich der Anerkennung Palästinas gerade wieder eine Phantomdebatte ausgetragen.

Es geht um die Frage, wie es denn sein könne, dass ein Gebilde als Staat anerkannt wird, das nicht der Jellinekschen Drei-Elementen-Lehre entspricht.

Dazu ist zu sagen: es gibt in der Staatsrechtslehre keine verbindliche, heilige Formel, nach der sich Staatlichkeit bemessen lässt. Und Jellineks zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierter Ansatz ist in zentralen Belangen überholt. Jellinek setzt die Kriterien Staatsgebiet, Staatsvolk und Exekutivgewalt als Voraussetzung für Staatlichkeit. Für die israelisch-palästinensische Debatte ist dies aus gleich mehreren Gründen untauglich.

Als Jellinek seine Thesen ausführte, war der Eroberungskrieg noch nicht geächtet. Stimson-Doktrin und Gewaltverbot nach UN-Charta waren noch nicht geboren. Was über Jahrhunderte gängige Praxis war – Erweiterung des staatlichen Herrschaftsgebietes durch kriegerische Eroberung – ist im modernen Völkerrecht kategorisch untersagt.

Dieses unbedingte Annexionsverbot hat auch Auswirkungen auf die Frage, wann ein Staat ein Staat ist. War es früher so, dass Staaten und Imperien andere Staaten erobern und sich einverleiben konnten, ist dies heutzutage völkerrechtlich ausgeschlossen. Nach Kriegen ist eine temporäre Besatzung eines Gebietes gestattet, die spätestens mit Friedensschluss beendet werden muss.

Während es zu Jellineks Zeiten also noch üblich war, dass ein Staat Grenzen durch Gewalt verändern und eroberte Gebiete zu seinem eigenen Hoheitsgebiet machen konnte, hat das Annexionsverbot eine Rechtslage geschaffen, in der das Kriterium der Exekutivgewalt für die Frage nach Staatlichkeit obsolet geworden ist.

Wenn ein vollständig besetztes Gebiet aufgrund des Annexionsverbotes seiner Staatlichkeit nicht mehr verlustig gehen kann, hat man die Frage nach Staatlichkeit von der Frage nach der Exekutivgewalt losgelöst. Ein Staat hört nicht auf ein Staat zu sein, weil die Bevölkerung eines Gebietes durch eine Besatzungsmacht an der Wahrnehmung seiner eigenen Exekutivgewalt behindert wird.

Das zum ersten. Besonders skurril wird es allerdings, wenn man zwei weitere Aspekte Jellineks ausgerechnet im israelisch-palästinensischen Kontext bemüht: Ben Gurion hat bei der Staatsproklamation expressis verbis auf die Definition eines Staatsgebietes verzichtet.

Mehr noch: eine solche ist bis heute nicht erfolgt. Mit diesem besonderen dialektischen Trick behauptet Israel ja, deswegen einen Anspruch auf die Gebiete erheben zu können, die es als „Judäa“ und „Samaria“ bezeichnet, also das Westjordanland. Platt ausgedrückt: Da man keine Grenzen festgelegt hat – die des Teilungsplanes wurden NICHT anerkannt – könne auch keine Rede davon sein, dass man Grenzen durch Gewalt verschiebe.

Auf Deutsch: diejenigen, die sich unter Berufung auf Jellinek gegen eine Anerkennung Palästinas aussprechen, sollten sich darüber im Klaren sein, dass Israel selber die Kriterien der Drei-Elementen-Lehre verfehlt.

Und zwar nicht nur mit Blick auf das Staatsgebiet, sondern auch mit Blick auf das Staatsvolk. Zwischen 1882 bis 1948 war die jüdische Bevölkerung Palästinas durch Einwanderungswellen aus Ost- und Mitteleuropa von ca. 5% auf ca. 33% angewachsen, der Großteil dieser Migration fand zwischen den beiden Weltkriegen statt.

Niemand wird ernstlich behaupten wollen, dass diese Masse an Einwanderern aus europäischen Staaten – viele von ihnen erst wenige Jahre oder Jahrzehnte vor Ort – die Anforderungen an den Begriff eines Staatsvolkes erfüllten.

Wer jetzt also versucht, ausgerechnet mit Rekurs auf die Drei-Elementen-Lehre die Staatlichkeit Palästinas zu bestreiten, sollte sich genau überlegen, was dies für die Frage nach der Staatlichkeit Israels bedeutet.

Im gegenwärtigen Stadium geht es jedoch um die Verhinderung eines Genozids, dass Stoppen eines mörderischen einseitigen Krieges, darum zu hinterfragen, wie und in welcher Reihenfolge folgende Aspekte umgesetzt werden können:

  • Geiselaustausch
  • Waffenstillstand
  • Versorgung der Zivilbevölkerung
  • Einrücken einer internationalen Schutztruppe, die von islamischen Staaten gestellt wird
  • Entwaffnung der Hamas
  • Rückzug der Israelis

Kritisch sind hier vor allem die Aspekte, die im Zusammenhang mit dem Einzug einer Schutztruppe und dem Rückzug der IDF stehen. Netanjahu wird vermutlich versuchen, die Menschen in den Süden zu treiben und den Norden selbst zu halten.

Im Süden soll sich dann besagte Schutztruppe um die Menschen kümmern, während Netanjahu unmittelbar dazu übergeht, im Norden Fakten zu schaffen. Kurzum: Netanjahu wird versuchen, jede Vereinbarung so umzusetzen, dass ein von Anfang an bestehendes Herzstück seiner Kriegsziele – die Besatzung eines entvölkerten Nordens – unter dem Deckmantel dieser Vereinbarung umgesetzt werden kann.

Dies muss in einer ersten konkreten Umsetzungsphase eines Abkommens unbedingt verhindert werden. Es bedarf einer robusten internationalen Schutztruppe und eines echten Rückzugs der IDF aus dem Gazastreifen. Das sind die Aspekte, auf die es jetzt vorrangig ankommt, da sie maßgeblich für die weitere politische Entwicklung sein werden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
AUCH INTERESSANT

– Gastkommentar – Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

Çelik. „Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen.“

Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

USA-Besuch
Çelik: „Der Preis der Bedingten Legitimität“

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik Erdoğans USA-Besuch und sein Treffen mit Trump haben deutlich gezeigt, in welchem Rahmen die türkische Außenpolitik gehalten wird. Die kritischste Aussage des Treffens kam von Tom Barrack: „Wir geben Legitimität.“ Dieser Satz bedeutet, dass der Türkei symbolisch erlaubt wird, nicht vollständig aus dem internationalen Spiel ausgeschlossen zu werden. Doch diese Erlaubnis ist keine Anerkennung unabhängiger Entscheidungen – sondern nur das Recht, nach den Regeln anderer weiterhin am Tisch zu sitzen. Mit anderen Worten: Man ist am Tisch, aber nicht derjenige, der die Spielregeln bestimmt. Trumps Äußerung zur Energiepolitik verdeutlicht dieses Bild noch stärker. Das Angebot an Ankara, „Kaufe kein Öl und Gas von Russland, kaufe von mir“, war kein ökonomisches, sondern ein geopolitisches Druckmittel. Die Energieabhängigkeit von Russland war bisher einer der wichtigsten strategischen Trümpfe der Türkei. Wenn diese Verbindung gekappt wird, verwandelt sich die Türkei in eine Energie-Durchgangsstation für die europäischen Verbündeten der USA. Doch was bekommt Ankara im Gegenzug? Konkrete Gewinne? Investitionen? Technologie? Oder nur eine symbolische Zustimmung? Die Signale für neue Abhängigkeiten sind längst sichtbar. Die von BOTAŞ mit internationalen Energiekonzernen abgeschlossenen LNG-Verträge und langfristigen Kontrakte öffnen nicht die Tür zu mehr Diversifizierung, sondern zu einer neuen Form der Abhängigkeit. Mit dem steigenden LNG-Import aus den USA wird auch die Zukunft strategischer Projekte mit Russland – wie das Akkuyu-Atomkraftwerk – infrage gestellt. Wird die wichtigste Energieinvestition der Türkei unter diesem außenpolitischen Druck in eine ungewisse Zukunft gedrängt?
Mega-Deal mit Boeing
Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis des Besuchs zeigte sich in der Luftfahrtbranche. Turkish Airlines hat bei Boeing 75 Dreamliner bestellt (50 fest, 25 als Option) und zudem Verhandlungen über 150 Stück des Typs 737-MAX aufgenommen. Damit entsteht für die nächsten zehn Jahre eine milliardenschwere Abhängigkeit. Die Auslieferungen sollen zwischen 2029 und 2034 erfolgen. Doch wie wird diese langfristige Abhängigkeit bewältigt, wenn morgen eine politische Krise ausbricht? Wird sie nicht zum Druckmittel der USA? All diesen Entwicklungen liegt ein inneres Problem zugrunde: der Verlust an innerer Legitimität. Der nach dem 15. Juli verhängte Ausnahmezustand, die Säuberungen in Medien und Wissenschaft, die Schwächung der Unabhängigkeit der Justiz – all das hat die Demokratie in der Türkei beschädigt. Da die notwendige Legitimität im Inneren nicht mehr ausreichend von der Bevölkerung bezogen werden konnte, wurde die Suche nach externer „Legitimität“ unvermeidlich. Doch der Preis dieser äußeren Legitimität ist hoch. Wir haben es in der Brunson-Krise gesehen: Trump sagte offen, „Ich habe es verlangt, Erdoğan hat ihn freigelassen.“ Wir haben es in der S-400-Frage gesehen: Die Türkei wurde aus dem F-35-Programm ausgeschlossen, Sanktionen standen im Raum. Und nun erleben wir ähnliche Zugeständnisse in Energie- und Wirtschaftsfragen. Hier stellen sich einfache, aber entscheidende Fragen: Wird echte Legitimität durch symbolische Bestätigungen von außen erlangt – oder durch den freien Willen des Volkes und starke Institutionen im Inneren? Welche Zukunft haben strategische Energieprojekte mit Russland wie das Akkuyu-Kraftwerk unter dem Druck der USA? Machen die neuen BOTAŞ-Verträge die Türkei nicht noch abhängiger? Und wenn die Boeing-Bestellungen eines Tages zum Gegenstand politischer Erpressung werden – welche Optionen bleiben dann noch? Das heutige Bild ist eindeutig: Die von den USA gewährte Legitimität ist keine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern eine bedingte Zustimmung. Die Zugeständnisse der Türkei sind groß, der Gegenwert dagegen meist symbolisch. Das betrifft nicht nur die außenpolitische Unabhängigkeit, sondern wirkt sich direkt auf den Wohlstand der Bevölkerung aus. Die entscheidende Frage bleibt: Wird die Türkei ihre Legitimität weiterhin durch äußere Zustimmung sichern – oder auf die eigene Bevölkerung bauen und zu einem wirklich unabhängigen und starken Land werden?
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
AUCH INTERESSANT

– Gastkommentar – Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

Çelik. „Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen.“

Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

Gaza-Friedensplan
Gaza: Frieden oder Besatzung?

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Die USA haben einen Fahrplan für Frieden in der Region vorgelegt. Der 20-Punkte-Plan von Präsident Donald Trump soll den Krieg in Gaza beenden. Im Rahmen dieses Plans wurden verschiedene Maßnahmen und Vereinbarungen definiert, um die Konfliktparteien zu einem dauerhaften Frieden zu bewegen.

Der siebte Punkt bezieht sich auf das am 19. Januar 2025 unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen. Dieses Abkommen bestand, wenn ich mich recht erinnere, aus vier Phasen. In der ersten Phase wurde ein Waffenstillstand erreicht und ein Gefangenenaustausch vorgesehen.

Hamas erfüllte ihre Verpflichtungen, doch Israel verletzte das Abkommen, noch bevor die zweite Phase begonnen hatte. Trotzdem wurden keinerlei Sanktionen verhängt. Dies zeigt, wie einseitig dieser Friedensplan in Wirklichkeit funktioniert: Den Gazaner*innen werden die härtesten Verpflichtungen auferlegt, während es keinerlei Mechanismus gibt, um Israel für Vertragsbrüche, Angriffe oder begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft zu ziehen.

Auch die Haltung der US-Administration zeichnet ein widersprüchliches und undurchsichtiges Bild in Bezug auf die Umsetzung dieses Abkommens.

Die Trump-Administration zeigte zeitweise Mitgefühl für die humanitäre Lage in Gaza; so vermittelte Trumps Team Mitte Januar, in einer Phase in der die Biden-Administration noch im Übergang war, bei einem sechswöchigen Waffenstillstand. Dieser Zwischenstopp ermöglichte beschleunigte humanitäre Lieferungen, die Rückkehr von mehr als 30 israelischen und ausländischen Geiseln zu ihren Familien und palästinensischen Familien zumindest vorübergehend die Rückkehr in ihre Häuser.

Später blieb die Trump-Administration jedoch gegenüber einem erneuten israelischen Vorgehen gleichgültig oder schien es gar zu unterstützen; das offenbart Interessenkonflikte und Widersprüche in der US-Politik.

Die Passagen des Textes über Hilfeleistungen und Verwaltung sind ebenfalls bemerkenswert. Es heißt, die Hilfen würden über die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz und internationale Organisationen verteilt werden. Hamas oder die Verwaltung Gazas würden nicht in diesen Prozess einbezogen. Vor dem Hintergrund, dass bereits UN-Mitarbeiter vor Ort von Israel getötet wurden, wirft dies ernste Fragen zur sicheren Verteilung dieser Hilfeleistungen auf.

Außerdem sieht das Abkommen vor, dass die täglichen Dienste in Gaza von einer „Übergangsregierung aus palästinensischen Technokraten“ verwaltet werden sollen. Wer diese Technokraten auswählen soll, bleibt unklar: das palästinensische Volk oder äußere Mächte?

Tatsächlich soll die Übergangsregierung von einer internationalen Institution überwacht werden, die von den Vereinigten Staaten eingerichtet wird, und es werde nur mit arabischen und europäischen Partnern konsultiert.

Es entsteht also eine sogenannte palästinensische Regierung — doch die eigentliche Entscheidungsgewalt läge bei einer von den USA geschaffenen Struktur. Ob diese Struktur dauerhaft sein soll oder unter welchen Bedingungen sie endet, wird nicht angegeben.

Noch auffälliger ist die Behauptung, dass an die Spitze dieser Verwaltungsform von den USA Trump eingesetzt werden solle und aus Großbritannien ein Stellvertreter von Tony Blair komme. Damit würde Gaza faktisch zu einem amerikanischen Mandatsgebiet.

Das erinnert an das mit dem Osmanischen Reich geschlossene Mondros-Waffenstillstandsabkommen und die anschließende Verwaltung Istanbuls durch ausländische Kommissionen; heute scheine ein ähnliches Mandatsmodell auf Palästina angewandt zu werden.

In den Passagen zur politischen Struktur Gazas wird Hamas vollständig ausgeschlossen und die Zerstörung ihrer militärischen Infrastruktur gefordert. Neue Führungspersonen sollen aus von Amerika ausgewählten Technokraten bestehen und sich zu friedlichem Zusammenleben mit den Nachbarn verpflichten. Der Text macht die Gazaner*innen dafür verantwortlich, in der Vergangenheit nicht in Frieden gelebt zu haben, während Israels Angriffe und Besatzung gar nicht thematisiert werden.

Die Widersprüche zwischen Praxis und Rhetorik auf US-Seite sind ebenfalls auffällig. Trump prangerte zeitweise offen die humanitäre Katastrophe in Gaza an; so wies er etwa die Behauptung des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu, der Hunger in Gaza sei „Hamas-Propaganda“, scharf zurück.

Zugleich näherte sich Trump später offenbar nachsichtig Netanyahus aggressiver Linie an; zeitweise verhinderte er nicht die Schritte Israels zur Wiederaufnahme der Kriegshandlungen oder unterstützte sie indirekt.

Einerseits vermittelte Trump Waffenstillstände und die Freilassung von Geiseln, andererseits erklärte er in harten Worten, dass die Rückkehr der Geiseln nur durch die vollständige Zerschlagung der Hamas möglich sei. Diese Widersprüche zeigen, wie inkonsequent die US-Politik ist.

Einer der kritischsten Punkte betrifft die „Beseitigung von Radikalisierung“. Mit Radikalisierung ist hier jedoch muslimische Identität und der Islam gemeint. Der Text sieht vor, die Denkweisen der Gazaner*innen zu verändern und durch interreligiösen Dialog „neue Erzählungen“ zu schaffen.

Dieser Ansatz erinnert an Projekte, die in der Vergangenheit von Gruppen wie FETÖ mit dem Etikett „interreligiöser Dialog“ vorangetrieben wurden. Die muslimische Identität wird damit direkt ins Visier genommen und gesellschaftliche Transformation soll durch externe Einmischung geformt werden. Über Juden oder Zionisten wird von Radikalisierung kaum gesprochen; als problematisch und veränderungsbedürftig erscheinen ausschließlich die muslimischen Glaubens- und Kulturformen.

Weiterhin spricht das Abkommen von „regionalen Partnern als Sicherheitsgaranten“, damit Hamas und andere Gruppen in Gaza ihre Verpflichtungen erfüllen. Für Israels Verstöße sind hingegen keinerlei Sanktionen vorgesehen. Während also einseitige Pflichten den Gazaner*innen auferlegt werden, bleibt Israel trotz aller Verstöße geschützt.

Die Rolle der USA vor Ort zeigt ebenfalls, dass die Vereinigten Staaten keine langfristige Verantwortung für Gazas Zukunft übernehmen: Strategische Projekte in der Region werden durch anhaltende Zerstörung und Besatzung behindert. Gaza ist für Trump sowohl humanitär als auch diplomatisch wichtig, zugleich aber ein Hindernis für seine größeren Ziele im Nahen Osten.

Die Lage in Gaza ist heute katastrophal. Rund zwei Millionen Menschen sind in einer zerstörten Stadt auf nur drei zusammengepresste Gebiete beschränkt. Es wird offen damit gedroht, Gaza völlig zu verwüsten, falls Hamas das Abkommen nicht akzeptiere.

Trumps Äußerungen wie „Ich erwarte in drei bis vier Tagen eine Antwort, sonst machen wir Gaza zur Hölle“ legen nahe, dass dieses Abkommen eher auf der Drohung mit Gewalt als auf wirklichem Frieden basiert.

Einige der öffentlichen Aussagen und Maßnahmen Trumps scheinen die harten militärischen Optionen Israels indirekt zu billigen, was die israelische Taktik bestärken könnte. Manche Militärführer und Geiselangehörige befürchten, dass eine vollständige militärische Besetzung Gazas die Sicherheit der verbleibenden Geiseln gefährden würde.

Gegen Ende des Dokuments heißt es, mit fortschreitendem Wiederaufbau und Reformen durch die palästinensische Verwaltung könnten „vielleicht“ die Bedingungen für die Gründung eines palästinensischen Staates entstehen. Das Wort „vielleicht“ ist hier keine verbindliche Zusage, sondern eine vage Möglichkeit — kein konkretes Ziel. Die Errichtung eines palästinensischen Staates wird nicht zugesagt, sondern lediglich als Eventualität offen gelassen.

Dieses Friedensabkommen ist ungerecht, unausgewogen, einseitig, vage formuliert und von Drohungen durchzogen. Die von Israel begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden nicht thematisiert, während alle Lasten den Gazaner*innen aufgebürdet werden.

Die muslimische Identität wird unter dem Vorwand der Radikalisierungsbekämpfung angegriffen, Gaza wird faktisch zum US-Mandatsgebiet — eine Parallele zum Mandatsmodell, das einst dem Osmanischen Reich mit dem Mondros-Abkommen aufgezwungen wurde. Ein solcher Plan bringt statt Frieden eher neue Konflikte, Misstrauen und Ungerechtigkeit hervor.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
AUCH INTERESSANT

– Gastkommentar – Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

Çelik. „Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen.“

Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“