Iran-Krise
Das Iran-Muster: Zwischen Symbolpolitik und kontrollierter Zerrüttung

Çelik: "Was sich derzeit im Iran abspielt, ist kein spontaner Ausbruch der Geschichte, sondern Teil eines wiederkehrenden geopolitischen Musters, das die USA seit Jahren verfolgen."

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Was sich derzeit im Iran abspielt, ist kein spontaner Ausbruch der Geschichte, sondern Teil eines wiederkehrenden geopolitischen Musters, das die USA seit Jahren verfolgen. Der Auslöser mag innenpolitisch sein, doch die Richtung ist strategisch vorgezeichnet.

Proteste als Instrument der Macht

Proteste werden nicht erschaffen, aber sie werden kanalisiert, beschleunigt und – wenn möglich – instrumentalisiert. Genau an diesem Punkt brechen viele Analysen bewusst ab, weil sie sonst unbequem würden.

Donald Trump will keinen langen Krieg und keinen echten Regimewechsel mit unkontrollierbaren Folgen, sondern einen schnellen „Sieg“, der nach Stärke aussieht. Symbolik statt Substanz.

Deshalb sind Tweets, Drohungen und begrenzte Militärschläge Teil desselben Spiels: Sie sollen Druck erzeugen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Dieses Kalkül verkennt jedoch die Realität des Iran. Das Regime ist brutal, aber geschlossen.

Die Revolutionsgarde ist kein loser Machtapparat wie in Venezuela, sondern tief in Staat, Wirtschaft und Sicherheitsstrukturen verankert. Wer glaubt, Teheran lasse sich mit einem „Maduro-Moment“ aushebeln, projiziert lateinamerikanische Erfahrungen auf eine völlig andere Gesellschaft.

Venezuela als Warnung: Es geht ums Öl

Venezuela bleibt dennoch relevant

– nicht als Blaupause, sondern als Warnung. Dort wurde offen sichtbar, worum es Washington letztlich geht: Öl. Nicht Demokratie, nicht Menschenrechte, sondern Kontrolle über Ressourcen. Dass Trump selbst erklärte, das Hauptziel sei das Öl, war kein Versprecher, sondern ein Moment der Ehrlichkeit.

Dieselbe Logik gilt für den Iran. Die Behauptung, es gehe um Solidarität mit Demonstrierenden, zerfällt spätestens dann, wenn man sieht, wie schnell vermeintliche Verbündete fallengelassen werden.

Die Kurden in Syrien sind das bekannteste Beispiel. Dass kurdische Gruppen im Iran heute offen auf einen Regimewechsel setzen, internationale Unterstützung begrüßen und zugleich bewaffnete Grenzbewegungen stattfinden, ist kein Beweis für eine einheitliche Freiheitsbewegung, sondern für jene Fragmentierung, auf die externe Akteure setzen.

Hier liegt der gefährlichste Punkt: ethnische und regionale Bruchlinien. Perser, Kurden, Araber, Belutschen, Türken – sie alle existieren real, mit realen Diskriminierungserfahrungen. Wer diese Spannungen jedoch gezielt anheizt, betreibt keine Befreiungspolitik, sondern Destabilisierung.

Washingtons riskante Optionen

Der Iran soll nicht reformiert, sondern von innen geschwächt werden. Dass selbst die Möglichkeit einer Tötung Khameneis diskutiert wird – mit dem Risiko, eine religiöse Büchse der Pandora zu öffnen und schiitische Gemeinschaften weltweit zu radikalisieren –, zeigt, wie hoch der Einsatz ist. Dennoch wird dieses Szenario in Washington mitgedacht: nicht weil es klug wäre, sondern weil Optionen demonstriert werden müssen.

Die sechs diskutierten Wege Trumps zeigen vor allem eines: Orientierungslosigkeit hinter der Fassade der Entschlossenheit. Zwischen symbolischen Schlägen, begrenzten Angriffen, Eskalation, Führungsenthauptung und dem Schreckgespenst eines neuen Irak schwankt keine Strategie, sondern ein Machtinstinkt.

Selbst US-Analysten räumen ein, dass die Opposition im Iran führungslos ist, dass Luftangriffe das Regime eher stabilisieren könnten und dass am Ende womöglich doch ein Deal mit genau jenen Kräften geschlossen wird, die man öffentlich verteufelt. Proteste werden dabei zum Druckmittel, nicht zum Ziel.

Europas Passivität

Während all dies geschieht, verharrt Europa in einer fast kindlichen Passivität. Trump setzt die EU offen unter Druck, zwingt sie zum Kauf von US-Energie, droht mit Strafzöllen – man denke an den Fall Grönland – und behandelt sie geopolitisch wie einen Juniorpartner.

Selbst im Ukraine-Russland-Konflikt zeigt sich: Sobald ein Thema nicht mehr in seine Agenda passt, verliert er das Interesse, und Europa bleibt ratlos zurück. Was hindert Berlin, Paris oder Rom daran, klar „Stopp“ zu sagen? Es ist nicht fehlende Macht, sondern fehlender politischer Wille und strategische Eigenständigkeit.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht nur im Iran, sondern in der Illusion, komplexe Gesellschaften ließen sich durch äußeren Druck, innere Spaltung und symbolische Gewalt „neu ordnen“. Ohne massive, langfristige externe Hilfe wird keine Opposition die Macht übernehmen – und selbst dann drohen Chaos und Bürgerkrieg. Dennoch wird dieses Spiel fortgesetzt, weil Öl, Dominanz und kurzfristige Erfolge schwerer wiegen als Stabilität.

Wenn wir ehrlich sind, zeigt der Iran nicht den Beginn einer neuen Ordnung, sondern die Fortschreibung einer alten. Proteste werden geopolitisch aufgeladen, Minderheiten zu Spielfiguren gemacht, Regime verteufelt und Deals im Hintergrund vorbereitet. Wer glaubt, dies führe zu Freiheit, übersieht die Trümmer, die dieses Modell überall hinterlassen hat.

Die Richtung, in die wir steuern, ist keine der Emanzipation, sondern der kontrollierten Zerrüttung – und der Iran ist nur das nächste Kapitel.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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