Religionswissenschaft
Die universelle Sprache des islamischen Gebets

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Das islamische Gebet (arab. Salāt, pers./türk. namaz) gehört zu den ältesten und tiefsten Formen spiritueller Praxis. Seine Wurzeln reichen weit über die Entstehung des Islam hinaus – vermutlich bis zu den ersten Menschen, die den Himmel betrachteten, die Hände öffneten und in Staunen, Dank oder Bitte ihre Stirn zur Erde neigten. Fünfmal täglich wiederholt der gläubige Muslim eine Abfolge aus Waschung, Verbeugung, Niederwerfung und Meditation – eine körperlich-geistige Übung, die nicht nur religiöse, sondern auch anthropologische und gesundheitliche Dimensionen besitzt.
Ursprung und Struktur des islamischen Gebets
Nach islamischer Überlieferung erhielt der Prophet Muhammad das Gebot des Gebets während seiner Himmelsreise (Miʿrāǧ). Doch die äußere Form – Waschung, Richtung, Haltung – knüpft an ältere semitische und zentralasiatische Riten an. Schon Abraham, Moses und Jesus werden im Koran als Betende beschrieben, die sich vor Gott niederwarfen. Die Niederwerfung (sudschūd) symbolisiert die völlige Hingabe und Demut des Menschen vor dem Schöpfer – ein Augenblick, in dem Körper und Seele eins werden.
Bewegung als Gebet – Der Körper im Rhythmus
Die islamische Gebetsbewegung ist nicht nur symbolisch, sondern auch physiologisch durchdacht. Aufstehen, Verbeugen, Knien, Niederfallen, Sitzen – dieser natürliche Bewegungszyklus regt den Kreislauf an, verbessert die Durchblutung des Gehirns und bringt den Körper in rhythmische Balance. Dabei werden Muskeln, Sehnen und Gelenke gleichmäßig aktiviert und sanft gedehnt. Die Wirbelsäule bleibt elastisch, die Haltung aufrecht, die Gelenke beweglich – besonders Knie, Hüfte und Sprunggelenke profitieren von der stetigen Abfolge der Gebetshaltungen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass regelmäßiges Gebet Puls, Blutdruck und Atmung harmonisiert – ähnlich wie bei Yoga oder Qi-Gong. Das Gebet wird so zu einer bewegten Meditation, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringt.
Die spirituelle Logik der Waschung
Vor jedem Gebet steht die Waschung (Wuduʾ) – ein Ritual, das Körper und Geist auf das Heilige vorbereitet. Der Gläubige wäscht Hände, Gesicht, Mund, Nase, Arme, Kopf und Füße. Diese Handlung reinigt nicht nur äußerlich, sondern erfrischt den gesamten Organismus. Das kalte Wasser regt die Durchblutung an, belebt die Haut, stimuliert die Nerven und stärkt das Immunsystem. Viele Gläubige empfinden nach der Waschung ein Gefühl von innerer Klarheit und geistiger Wachheit – eine physiologische und zugleich seelische Erneuerung. Auch in anderen Religionen spielt Wasser eine zentrale Rolle: Im Judentum erinnert das Händewaschen (Netilat Yadayim) an Reinheit und Bewusstheit; die Mikwe, das rituelle Bad, galt als Symbol der Wiedergeburt. Im Christentum wurde das Wasser zur sakralen Quelle des Neuanfangs – in der Taufe steht es für Reinigung von Sünde und Wiedergeburt in geistigem Leben. Das Weihwasser, das Gläubige beim Betreten einer Kirche berühren, erfüllt eine ähnliche Funktion: Es soll den Menschen innerlich reinigen, schützen und in die Gegenwart Gottes führen. Auch im Buddhismus und Shintoismus reinigen Gläubige Hände und Mund vor dem Betreten des Tempels (temizu) – Ausdruck von Respekt und Achtsamkeit. So bleibt Wasser in allen Kulturen das Tor zum Heiligen – Zeichen der Reinigung, des Neubeginns und der Lebenskraft.
Verbeugung im Tengrismus und Buddhismus
Lange vor dem Islam war in Zentralasien der Tengrismus verbreitet – der schamanische Glaube an Tengri, den Himmelsgott. Auch dort spielte die Verbeugung eine zentrale Rolle. Schamanen und Gläubige richteten ihren Blick zum Himmel, hoben die Hände und neigten sich dreimal – Ausdruck von Ehrfurcht und kosmischer Verbundenheit. Im Buddhismus hat die Niederwerfung (Namaskara oder Prostration) ebenfalls eine tiefe symbolische Bedeutung. Der Mensch beugt sich, um die Lehre, den Lehrer und die Gemeinschaft zu ehren – und zugleich das eigene Ego loszulassen. In Tibet werden 108 Niederwerfungen ausgeführt – jede steht für die Reinigung einer menschlichen Schwäche. Die Verbeugung ist in all diesen Systemen eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Körper. Sie erinnert den Menschen daran, dass wahre Stärke in der Demut liegt.
Verbeugung im Judentum und Christentum
Auch im Judentum und Christentum hat die Verbeugung ihren festen Platz – als Geste der Ehrfurcht und Demut vor dem Heiligen. Im Judentum neigt sich der Gläubige beim Amida-Gebet leicht, besonders beim Sprechen des göttlichen Namens oder bei Formeln wie „Baruch Atah Adonai“ („Gelobt seist du, Herr“), um die Gegenwart Gottes zu ehren. Neben der Verbeugung kennt das Judentum auch das „Schokeln“ (Shuckeln) – das sanfte Vor- und Zurückwiegen des Körpers während des Gebets. Diese Bewegung symbolisiert innere Erregung, Lebendigkeit und Hingabe – ein rhythmisches Mitgehen mit der göttlichen Schwingung. Im Christentum beugt man sich beim Kreuzzeichen, beim Eintritt in die Kirche, beim Evangelium oder vor dem Altar – nicht als Unterwerfung, sondern als stilles Zeichen des Respekts und der Andacht. In der katholischen und orthodoxen Tradition treten zudem Kniebeuge und Verneigung auf, vor allem beim Empfang der Eucharistie oder bei der Anrufung Christi. Doch anders als im Islam, Tengrismus oder Buddhismus, wo die Verbeugung Teil des rituellen Gebetsrhythmus ist, erscheint sie im Judentum und Christentum meist gezielt und feierlich – ein Moment bewusster Ehrfurcht zwischen Mensch und Ewigkeit.
Gesundheit und Meditation – Die Einheit von Körper und Geist
Das islamische Gebet ist auch eine Meditation in Bewegung. Jede Haltung folgt einem bewussten Atemrhythmus: Der Puls verlangsamt sich, Stresshormone sinken, das Nervensystem beruhigt sich. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass das Gebet ähnliche Effekte wie Achtsamkeitsübungen hat – es aktiviert den präfrontalen Cortex, fördert Empathie und stärkt die emotionale Balance. Physiologisch gesehen verbessert das Gebet die Durchblutung und fördert die Sauerstoffversorgung des gesamten Körpers. Die rhythmischen Bewegungen wirken wie eine natürliche Massage für Herz, Muskeln und Gelenke. So verbindet das islamische Gebet Spiritualität mit nachhaltiger Gesundheitswirkung – ganz ohne Trennung von Körper und Seele.
Die universelle Sprache des islamischen Gebets
Ob im Tengrismus, im Buddhismus, im Judentum, im Christentum oder im Islam – die Geste der Verbeugung, die Waschung und das rhythmische Gebet folgen einem gemeinsamen Prinzip: Reinigung, Sammlung, Verbindung. Sie alle lehren, dass der Mensch im Einklang mit seinem Körper den Himmel berührt. Das islamische Gebet ist deshalb nicht nur ein religiöses Gebot, sondern eine uralte, ganzheitliche Form der Meditation – eine Erinnerung an die Einheit von Glauben, Körper und Kosmos.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Gaza-Plan
Thomas: „Plan pfercht Palästinenser ein wie Vieh“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Nicht nur Donald Trump, sondern vornehmlich auch westeuropäische Regierungen wollen uns verkaufen, dass der Frieden wegen des jetzt positiv verhandelten Plans unmittelbar bevorsteht. Aber wir sollten uns nichts vormachen und die Sache klaren Verstandes betrachten; unverstellten Blickes auf die Realität schauen und begreifen, dass nichts weniger bevorsteht als die Vernichtung Palästinas mit wesentlich subtileren Mitteln. Benjamin Netanyahu hat seine Klientel vor Tagen bereits mit mit der Ankündigung beruhigt, dass Israel natürlich niemals seine Truppen zurückziehen oder den Kontroll- bzw. Herrschaftsanspruch über den Gaza-Streifen und das Westjordanland jemals aufgeben wird. Die vorgeschobene Idee des Plans war bereits eine groteske Farce, bevor sie jemals hätte umgesetzt werden können. Der israelische Joker dafür heißt natürlich auch weiterhin „Hamas!“. Solange Israel einer palästinensischen Leiche im Gaza-Streifen auch nur heimlich ein Buttermesserchen zustecken, auf sie zeigen und „Hamas!“ kreischen kann, wird es seine Exekutionen, genannt „Militäroperationen“ weiterführen. Wir erinnern uns an zahllose Erklärungen, die selbst der israelische Präsident in aller Öffentlichkeit unwidersprochen und straflos machen konnte, nach welchen es keine unschuldige Bevölkerung in Gaza gäbe. Die Menschen dort sind für Israel halt alle „Hamas!“, ob ein drei Tage altes Baby oder ein gehbehinderter Neunzigjähriger, egal, sie sind alle „Hamas!“. Das behaupte nicht ich, das sagt der israelische Präsident. Sie sind eben alle nur „Tiermenschen“. Das sage nicht ich, das sagte der israelische Verteidigungsminister. Wörtlich. Und selbst für den extrem unwahrscheinlichen Fall, dass es künftig Monate mit weniger als Hunderten von Hinrichtungsopfern geben könnte, schreitet die Vernichtung Palästinas zügig voran. Denn ihnen ist jede Selbst- und sogar Mitbestimmung genommen; sie werden auf unbestimmte Zeit zur Manövriermasse ohne eigenen Willen gemacht, die von externen, landes- und sachfremden Entscheidern oktroyiert werden wird. Dieser Plan pfercht Palästinenser ein wie Vieh; die Zusicherung, sie könnten Gaza demnächst nach freiem Willen verlassen und auch wieder betreten, ist blanke Zynik. Sie bedeutet, dass man gerade so viele von ihnen wegekeln und vertreiben will, das gerade genug für die künftige Sklavenarbeit an den Megabaustellen ausländischer Hotelanlagen für Trumps „Riviera“ dableiben. Sie werden billig sein. Nach all den Hungermonaten arbeiten sie für ein wenig Brot, Wasser und hier und da ein Aspirin. Damit die Nachzucht von gut indoktrinierten und vollständig von Kindesbeinen an kontrollierten Sklaven klappt, dürfen neben Männern auch Frauen bleiben. So funktioniert der klassische Kolonialismus. Zunächst wird die indigene Bevölkerung gnadenlos zusammengeschossen, während man ihre eigene Kultur vernichtet, ihre Identität, ihre historischen Bauwerke einreißt, dann wird der Rest entrechtet und versklavt. Es mag und wird sicher vorübergehend ein wenig Ruhe einkehren. Man wird weniger Menschen in Gaza erschießen und vielleicht einige Gebäude oder Zelte hier und da gezielt mit Raketen vernichten. Das sieht der Plan so vor. Der Passus darin, dass die israelische Armee eigentlich irgendwann einmal abziehen soll, ist absichtsvoll extrem vage und dünn ausformuliert. Er dient winzig und allein nur dazu, die Weltöffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen, dass wir tatsächlich über eine gewisse „Softannektierung“ reden. Die vorliegende Formulierung soll für westliche „Israelfreunde“ nur ein Textbaustein für Manipulation und Indoktrination des Inhalts sein, Israel habe angeblich ja eingelenkt und nun müsse man es wohlwollend auf seiner Suche nach Frieden unterstützen. Am besten mit Waffen. Denn immer, wenn sich die Lage für Israel vorübergehend suboptimal darstellt, wird es natürlich plötzlich „Hamas-Kämpfer“ vorfinden. Das ist ein beliebtes Muster, das u.a. in Jenin bereits hervorragende Dienste geleistet hatte. Man wird in Europa ganz schnell alle „Besorgnisse“ und „Beunruhigung“ rhetorisch zugunsten neuer Geschäfte fallen- und anhaltende Israelkritik umso härter verfolgen lassen. Während Palästina stirbt, werden Regierungen und vor allem Börsen und Konzerne über das „neue Gaza“ jubeln. Aber wenn wir darüber einmal genauer nachdenken, wird es uns schwerfallen, an anhaltenden Frieden glauben zu können, denn ohne jeden Zweifel entsteht daraus für nachfolgende Generationen neuer Hass, neue Vernichtung, neue Verfolgung.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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Geschichtswissenschaft
Vom Balbal zum Friedensdenkmal – Wie die Türken ihre Feinde ehrten

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Wenn die Geschichte eines Volkes an seinem Umgang mit dem Feind gemessen wird, dann verdienen die Türken einen besonderen Platz.

Denn während viele Reiche ihre Gegner demütigten oder auslöschten, haben die Türken – von den alten Steppenherrschern bis zur modernen Republik – eine Haltung der Würde und Menschlichkeit bewahrt, die sich in Stein, in Schrift und in Erinnerung niederschlug.

Die Balbal-Steine der Steppe

Lange bevor der Islam die Steppen Zentralasiens erreichte, errichteten die frühen Türken kleine Steinfiguren, sogenannte Balbals.

Jede dieser Figuren stand für einen besiegten Feind – doch nicht aus Hass, sondern als Begleiter ins Jenseits. Nach altem Glauben sollte der erschlagene Gegner dem Sieger im nächsten Leben dienen.

So verwandelte sich der Feind in einen Teil der kosmischen Ordnung, nicht in einen verachteten Fremden.

Vom Schwert zur Ehre

Mit dem Islam wandelte sich die Symbolik, doch der Geist blieb. Der Koran lehrt: „Die gute Tat und die schlechte sind nicht gleich. Wehre das Böse mit dem Besseren; siehe, dann wird dein Feind dir wie ein treuer Freund.“ (Sure 41:34)

Dieser Vers fand im türkischen Rittertum – von den Seldschuken bis zu den Osmanen – seine lebendige Entsprechung.

Nach der Schlacht von Varna (1444) ließ Sultan Murad II. den Leichnam des gefallenen polnischen Königs mit Respekt bestatten. Die Ritterlichkeit der Türken bewegte die fränkischen Kreuzritter sogar selbst zu anonymen Türkenlobpassagen in ihren Kreuzzugschroniken. [s. „Gute Ritter, böse Heiden. Das Türkenbild auf den Kreuzzügen (1095-1291)“ von Niels Brandt, Vandehoeck & Ruprecht: Köln 2016.]

Nach der Eroberung Konstantinopels (1453) schützte Sultan Mehmed II. die christlichen Kirchen und ehrte den letzten byzantinischen Kaiser Konstantin XI. als tapferen Gegner. Selbst auf dem Schlachtfeld blieb der Gedanke an Ehre und Menschlichkeit lebendig.

Gallipoli – Die Geburt eines neuen Humanismus

Fünf Jahrhunderte später, im Ersten Weltkrieg, trafen sich wieder Türken und Europäer auf den Schlachtfeldern von Gallipoli (Çanakkale). Doch aus dem Blutvergießen wuchs ein neues Bewusstsein: das der gemeinsamen Menschlichkeit.

Mustafa Kemal Atatürk, der Kommandant von Gallipoli und spätere Gründer der Republik Türkei, schrieb an die Mütter der gefallenen feindlichen Soldaten:

„Ihr Helden, die ihr euer Blut auf diesem Boden vergossen habt – ruht in Frieden. Ihr seid in diesem Land nicht mehr unsere Feinde, sondern unsere Söhne geworden.“

Diese Worte stehen heute in Stein gemeißelt – an den Küsten, an denen einst die Kanonen donnerten. Nie zuvor hatte ein Sieger so gesprochen.

Atatürks Worte als Inschrift ın der ANZAC-Bucht in Çanakkale, Türkei (Foto: Wikimedia)
Ein Beispiel für die Welt

Während in vielen Kulturen der Feind als Symbol der Schande galt, erhoben die Türken ihn – vom Balbal bis zum Friedensdenkmal – zu einem Teil der Erinnerung. Sie sahen im Gegner nicht das absolut Böse, sondern den Spiegel der eigenen Tapferkeit.

Und so entstand über Jahrhunderte hinweg eine Kultur des Respekts, die vom Schamanismus über den Islam bis in die Moderne reicht.

Vom Steinkrieger der Steppe bis zur weißen Marmorwand von Gallipoli:

Die Geschichte der Türken lehrt, dass wahre Größe nicht im Sieg liegt, sondern im Respekt vor dem Besiegten.

 

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Gaza-Konflikt
Der 7. Oktober: Es begann bereits 1948

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Die Stadt Frankfurt hatte mal wieder eine geplante Pro-Palästina-Demonstration verboten. Das Verwaltungsgericht Frankfurt entschied nun: Die Kundgebung am 7. Oktober ist legal und das ist gut so!

Niemand hat einen Tag gepachtet, um auf Leid oder Terror hinzuweisen. Das sah auch das Gericht so. Allein das Datum der Versammlung könne ein Verbot nicht rechtfertigen, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts.

Da helfen auch die Hasstiraden nicht, die gerade vom Zaun gebrochen werden, um die Pro-Palästina-Demonstration amoralisch darzustellen.

Am zweiten Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober, starben durch den Terror nicht nur Menschen auf der Seite Israels. Es starben ab diesem selben Tag auch Palästinenser im Gazastreifen.

Allein das Datum der Versammlung könne ein Verbot nicht rechtfertigen, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts. Das Verwaltungsgericht rügte auch die Stadt, weil diese wesentliche Verfahrensrechte der Veranstalter verletze.

Es ist sprichwörtlich derselbe 7. Oktober, ab dem die atomare Macht Israel unter der Netanjahu-Regierung keinen Hehl daraus machte, wie sie die Menschen in Gaza ausmerzen will.

Besetzung, Besiedlung und Förderung der Auswanderung. Nur so können wir das Gaza-Problem lösen. Indem wir das gesamte Land besetzen. Indem wir das gesamte Land besiedeln. Und natürlich, indem wir die freiwillige Auswanderung möglichst vieler [palästinensischer] Menschen in andere Länder fördern. Itamar Ben-Gvir, Minister für nationale Sicherheit Israels, 06. Juni 2024 Keine Razzien oder Ein- und Aus-Operationen mehr – jetzt erobern wir, säubern und bleiben. Bis die Hamas vernichtet ist. Nebenbei wird auch der Rest des Gazastreifens ausgelöscht, einfach weil sich dort alles zu einer einzigen großen Terrorstadt entwickelt hat. Bezalel Yoel Smotrich, Finanzminister (Nationalreligiöse Partei – Religiöser Zionismus), 19. Mai 2025 Kein Strom, kein Essen, kein Wasser, kein Gas. Alles ist geschlossen. Wir kämpfen gegen Tiere und handeln entsprechend. Yoav Gallant, ehem. Israelischer Verteidigungsminister (Likud), 10. November 2023

Und wieso? Weil ein Netanjahu die Chance nutzt, in die israelischen Analen einzugehen und dabei auf seine religiös-fanatischen Kabinettsmitglieder setzt, die ihm dies ermöglichen. Netanjahus bezahlte Trollarmee im Ausland, seine politischen Günstlinge in Europa sowie die Staatsräson vereinzelter europäischer Wertedemokratien, ziehen hierbei bis zum bitteren Ende mit.

Die UN-Charta, das Völkerrecht und Seerecht, stehen dem entgegen. Das Grundgesetz Deutschlands steht über den politischen Bekenntnissen einer Staatsräson und die Demonstrationsfreiheit kann nicht aufgrund eines gepachteten Gedenktags ausgehebelt werden.

Eine atomare Macht mit demokratischem Antlitz, steht nicht über dem Völkerrecht oder Seerecht sowie die Hamas nicht das Völkerrecht verletzten kann, in dem es Terror verübt. Das eine rechtfertigt das andere nicht und umgekehrt.

Es kann und darf also nicht sein, dass die Hamas einen sogenannten Befreiungsschlag bzw. eine Strafexpedition durchführt und dabei willkürlich Menschen tötet. Es versteht sich von selbst, dass das auch für die Netanjahu-Regierung gilt.

Das Freipressen der getöteten oder noch überlebenden Geiseln in der Hand der Hamas, mit dem Ausradieren einer ganzen Landschaft und dabei willkürlich Menschen zu töten, ist genauso Terror, u. z. folgerichtig von einem Terrorstaat.

Nun spricht man von „Abschaum“, von „degenerierten Hamas-Verstehern“, die ausgerechnet am Gedenktag auf die Lage der Palästinenser in Gaza hinweisen wollen.

Der Widerspruch besteht darin, dass man vollkommen zurecht das „Leid“, ich nenne es den sich vollziehenden Völkermord, ansprechen will, gleichzeitig jeden Protest am Verhalten der rechtsradikalen Regierung zur Durchsetzung ihrer hegemonischen und territorialen Fantasien kritisiert, dabei diese Menschen in abschätziger Weise als „Abschaum“ bezeichnet.

Es scheint fast so, als würde man das Schwenken der palästinensischen Flaggen herbeisehnen, um einen Vorwand zu besitzen, diese sofort zu diskreditieren. Wofür? Ist man ein Wertedemokrat, gar ein Völkermord-Unterstützer, ein Rassist?

Übrigens, nur um den Gedenktag besinnlicher zu gestalten. Alles begann 1948, alle hatten ihre Chancen. Jedoch von Beginn an gab es den, mehr oder minder großen Terror der meisten israelischen Regierungen, der letztendlich zur Gründung der radikalen Hamas führte. Zuvoe gab es bereits andere Gruppen, wie etwa die PLO.

39 Jahre nach Gründung des Staates Israel, 39 Jahre der Demütigung, des Leids und des Terrors im Gazastreifen, wie auch im Westjordanland, kann man den 7. Oktober nicht auf ein einseitiges Leid reduzieren, mit der Staatsräson zurechtstutzen.

In Erinnerung an das viele Leid auf der israelischen wie palästinensischen Seite, sollte man seinen Wertekompass auch an universellen Normen, Werten und Gesetzen neu justieren. Selektive Empathie führt zur Erosion aller humanen Normen.


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ZUM THEMA

– 9. April 1948 – „Beim Massaker von Deir Yassin starben 250 Palästinenser“

Am 9. April 1948 überfielen zionistische Milizen das palästinensische Dorf Deir Yassin mit einer bis dahin beispiellosen Brutalität.

„Beim Massaker von Deir Yassin starben 250 Palästinenser“

Eskisehir-Fund
Seltene Erden der Türkei: USA an Förderung interessiert

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik In den letzten Tagen spricht die türkische Öffentlichkeit immer häufiger über ein Thema: Seltene Erden. Nach dem Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in den USA wurde bekannt, dass die Türkei möglicherweise mit den Vereinigten Staaten bei der Förderung dieser wertvollen Rohstoffe in Anatolien zusammenarbeiten will. Der frühere Nato-Botschafter Mehmet Fatih Ceylan.
„Die Türkei will eine beträchtliche Anzahl von Boeing-Flugzeugen kaufen und mit den USA bei der Gewinnung Seltener Erden in Anatolien zusammenarbeiten.“
Der Schatz unseres Bodens darf nicht der Reichtum anderer werden
Das klingt auf den ersten Blick nach einem großen wirtschaftlichen Schritt – Investitionen, Technologie, internationale Zusammenarbeit. Aber man sollte sich fragen: Wenn diese Bodenschätze auf türkischem Boden liegen – warum sollte dann ein anderes Land die Kontrolle und den größten Nutzen daraus ziehen?
Aus Fehlern lernen: Das Beispiel Bor
Die Türkei besitzt fast alle Bor-Reserven der Welt. Doch anstatt daraus ein nationales Industrieprojekt zu machen, wurde der Rohstoff jahrzehntelang billig exportiert, während andere Länder die veredelten Produkte zu hohen Preisen verkauften. Heute stehen wir an einem ähnlichen Punkt – diesmal mit den Seltenen Erden. Im Jahr 2022 meldete die Türkei in der Region Eskişehir eines der größten Vorkommen der Welt. Diese Entdeckung könnte das Land zu einem strategischen Akteur in der globalen Technologie- und Energiepolitik machen. Aber wenn die Türkei erneut nur Rohstoffe liefert, während andere die Technologie und den Gewinn kontrollieren, dann wird sich die Geschichte wiederholen: Das Land bleibt reich an Ressourcen, aber arm an Wertschöpfung.
Kooperation mit den USA – Chance oder strategischer Fehler?
Eine Zusammenarbeit mit den USA mag kurzfristig wirtschaftliche Vorteile bringen. Doch langfristig könnte sie zu einer neuen Form der Abhängigkeit führen. Seltene Erden sind keine gewöhnlichen Rohstoffe – sie sind Schlüsselmaterialien für Hightech, Verteidigung, Raumfahrt und die Energiewende. Wer die Kontrolle über sie hat, kontrolliert einen großen Teil der Zukunftstechnologien. Wenn die Türkei die Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe internationalen Unternehmen überlässt, verliert sie die Möglichkeit, eine eigene industrielle Basis aufzubauen.Deshalb sollte jede Kooperation auf klaren Bedingungen beruhen: Technologietransfer, nationale Aufsicht und gleichberechtigte Partnerschaft. Ohne diese Elemente wäre ein solches Abkommen kein Fortschritt, sondern ein strategischer Rückschritt.
Umweltschutz ist keine Option, sondern Pflicht
Die Förderung Seltener Erden ist eine der umweltschädlichsten Formen des Bergbaus. Sie verschmutzt Böden, Flüsse und Luft – oft mit radioaktiven Abfällen und giftigen Chemikalien. China hat diese Lektion auf schmerzhafte Weise gelernt. Ganze Regionen wurden durch unkontrollierte Förderung unbewohnbar.
Die Türkei darf diesen Fehler nicht wiederholen
Mit moderner Technologie, geschlossenen Kreisläufen, Abwasserreinigung und „Urban Mining“ – also der Rückgewinnung Seltener Erden aus Elektroschrott – ist es möglich, Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Der Fortschritt darf nicht auf Kosten der Natur erkauft werden.
Eigene Ressourcen, eigene Zukunft
Das Ziel muss klar sein: Die Türkei muss ihre eigenen Ressourcen selbst fördern, verarbeiten und nutzen können. Nur so entsteht Unabhängigkeit – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Ein Land, das seine Rohstoffe exportiert, aber die fertigen Produkte importiert, bleibt abhängig, egal wie reich seine Böden sind. Um das zu ändern, braucht es Investitionen in Forschung, Ausbildung und Industrie – und vor allem den politischen Willen, nationale Interessen über kurzfristige Gewinne zu stellen.
Eine Frage der Zukunft
Die Seltenen Erden sind mehr als nur ein Rohstoff. Sie sind ein Test dafür, ob die Türkei ihre natürliche Stärke in eine strategische Unabhängigkeit verwandeln kann – oder ob sie wieder einmal die Kontrolle über ihren eigenen Reichtum verliert. Es liegt an uns, ob wir unsere Bodenschätze schützen, verarbeiten und für kommende Generationen bewahren – oder ob wir zulassen, dass der Schatz unseres Bodens zum Reichtum anderer wird.
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Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
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Çelik. „Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen.“

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Religion
Die Sprache der Hände und Körper im Gebet

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Wie ein Mensch seine Hände und seinen Körper im Gebet hält, verrät viel über sein Gottesverständnis. Offene oder gefaltete Hände, Verbeugung oder Stille – all das ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer tiefen geistigen Haltung. Zwischen Tengrismus, Islam, Christentum, Judentum und Buddhismus zeigt sich eine Bewegung: vom offenen Empfangen des Himmels hin zur inneren Sammlung der Seele.
Tengrismus: Offene Hände und ehrfürchtige Verbeugung
Im alten Tengrismus, der Himmelsreligion der frühen Türken, verband sich die Haltung des Menschen mit dem Lauf des Himmels. Der Gläubige stand aufrecht unter dem weiten Firmament, öffnete die Handflächen nach oben – und verbeugte sich tief in Richtung des Himmels (Tengri), um seine Ehrfurcht auszudrücken. Diese Verbeugung war kein Akt der Unterwerfung, sondern der Harmonie: Der Mensch neigte sich vor der göttlichen Ordnung, blieb aber Teil derselben kosmischen Bewegung. Die Gebetshandlungen bestanden aus drei Elementen: Blick zum Himmel, offene Hände, und Verbeugung. Damit war der Mensch zugleich in Empfang, Verbindung und Respekt.
Islam: Die Fortsetzung des himmlischen Gebets
Der Islam belebte diese spirituelle Haltung auf erstaunlich ähnliche Weise wieder. Wenn Muslime im Gebet (Salāt) die Hände öffnen, sich verbeugen (rukuʿ) und niederwerfen (sudschūd), wiederholt sich der Rhythmus des Himmelsglaubens – nur in islamischer Sprache. Auch hier stehen die offenen Hände am Beginn des Gebets: Sie empfangen das göttliche Licht. Die Verbeugung drückt Demut aus, die Niederwerfung völlige Hingabe – doch der Mensch bleibt aufrecht in seiner Seele. Das islamische Gebet ist wie eine Choreografie des Kosmos, eine Erinnerung an die Bewegung von Erde, Sonne und Himmel. Wie einst die Türken zu Tengri aufblickten, richtet sich der Muslim nach Mekka – in einer Linie zwischen Erde und Himmel. Hinweis: Auch der Prophet Muhammad wandte sich anfangs zum Himmel. Erst später erhielt er die Gebotsrichtung nach Mekka – als Zeichen dafür, dass der Himmel einen irdischen Anker erhielt. Nämlich die Kaaba, die als das erste Haus der Menschheit angesehen wird.
„Wir sehen ja dein Gesicht sich (suchend) zum Himmel wenden. Nun wollen Wir dir ganz gewiß eine Gebetsrichtung zuweisen, mit der du zufrieden bist. So wende dein Gesicht in Richtung der geschützten Gebetsstätte!.“
(Koran 2:144) „Das erste (Gottes)haus, das für die Menschen gegründet wurde, ist wahrlich dasjenige in Bakka, als ein gesegnetes (Haus) und eine Rechtleitung für die Weltenbewohner.“ (Koran 3:96) So schließt der Islam den Kreis zwischen Himmel und Erde: Der Mensch wendet sich zur Kaaba, doch sein Herz bleibt dem Himmel geöffnet.
Christentum: Vom Öffnen zum Falten
In den ersten Jahrhunderten des Christentums beteten die Gläubigen mit offenen, erhobenen Händen – der sogenannten Orans-Haltung (vom lateinischen orare, „beten“). Diese Geste findet sich in den ältesten christlichen Katakombenmalereien: Figuren mit ausgebreiteten Armen, die Handflächen nach oben gerichtet, den Blick zum Himmel. Sie war Ausdruck des Vertrauens, des Empfangens und der Auferstehung – dieselbe Haltung, die schon im Judentum, im Islam und in den alten Himmelskulturen als Zeichen der Offenheit gegenüber Gott galt. Erst im Mittelalter setzte sich das Falten der Hände durch – zunächst im höfischen Europa, dann in der Liturgie. Die Geste stammte aus dem Lehnswesen: Der Vasall legte seine gefalteten Hände in die seines Herrn als Zeichen der Unterordnung und Treue. Aus dieser weltlichen Praxis wurde eine religiöse Symbolik der Demut und Sammlung. Damit verschob sich das geistige Zentrum des Gebets: Von der kosmischen Offenheit des frühen Christentums hin zur inneren Konzentration des mittelalterlichen Glaubens. Der Himmel, der einst empfangen wurde, zog ins Herz ein. Die offenen Hände des frühen Christen wurden zu gefalteten Händen – ein Weg von der Empfänglichkeit zur Einkehr, vom universellen Empfang zur persönlichen Hingabe.
Buddhismus: Die gefalteten und offenen Hände der Erkenntnis
Im Buddhismus begegnen wir sowohl den gefalteten als auch den offenen Händen – zwei Seiten derselben geistigen Bewegung. Die bekannte Anjali Mudra, das Zusammenlegen der Hände vor der Brust, ist ein Zeichen von Achtsamkeit und innerem Gleichgewicht. Die rechte Hand steht für das Handeln, die linke für das Erkennen – ihr Zusammenführen symbolisiert die Einheit von Tun und Bewusstsein. Diese Haltung ist keine Unterwerfung, sondern eine stille Sammlung: der Mensch verneigt sich nicht vor einem äußeren Gott, sondern vor der Wahrheit in sich selbst. Doch in der buddhistischen Lehre sind die offenen Hände ebenso bedeutend. Die Gesten der Buddhas – die Mudras – zeigen das Geben, Schützen, Lehren und Berühren. Die nach unten geöffnete Hand steht für Mitgefühl und Freigebigkeit (Varada Mudra), die nach vorne erhobene für Furchtlosigkeit und Schutz (Abhaya Mudra), die den Boden berührende für Erleuchtung und Zeugenschaft der Erde (Bhumisparsha Mudra). Die Geste wandelt sich, doch ihr Sinn bleibt derselbe – Verbindung zwischen dem Inneren und dem Ewigen, zwischen dem Atem des Menschen und dem Atem des Kosmos.
Judentum: Zwischen Himmelsöffnung und ehrfürchtiger Verbeugung
Im alten Judentum war das Erheben der Hände eine selbstverständliche Form des Gebets. Schon in den Psalmen heißt es: „Ich erhebe meine Hände zu dir, o Herr, in der Nacht und rufe deinen Namen.“ Die Propheten Israels beteten aufrecht, die Arme erhoben, die Handflächen geöffnet zum Himmel – ein Zeichen des Vertrauens und der Nähe zu Gott. So segneten auch die Priester Israels das Volk mit erhobenen Händen, die Finger gespreizt im heiligen Zeichen des Segens (Birkat Kohanim).
Hinduismus: Die Sprache der Hände
Im Hinduismus sprechen die Hände eine eigene, heilige Sprache. Ob im stillen Namaste, in der erhobenen Geste des Schutzes oder im Geben der Gnade – jede Haltung ist ein Siegel des Glaubens, eine sichtbare Form unsichtbarer Energie. Die sogenannten ‚Devas‘ des Hinduismus (leuchtende göttliche Kräfte; Erscheinungen des einen göttlichen Prinzips – Brahman) selbst werden mit offenen oder segnenden Händen dargestellt: Shiva mit der Abhaya Mudra der Furchtlosigkeit, Vishnu mit der Varada Mudra des Mitgefühls, Buddha und die Yogis mit der Jnana Mudra der Erkenntnis. Diese Haltungen sind keine bloßen Symbole, sondern Kraftformen: Sie leiten die Energie des Gebets, verbinden Herz und Geist, Mensch und Kosmos.  
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Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Griechenland
Größter Glücksspiel-Geldwäscheskandal in Griechenland?

Griechenland gilt seit jeher als Land der Mythen – doch auch im modernen Finanzwesen ranken sich Geschichten um undurchsichtige Netzwerke, dubiose Zahlungen und Millionen, die in den Strudeln des Glücksspiels verschwinden. Der jüngste Verdacht: ein systematischer Geldwäscheskandal über Online-Casinos, Sportwetten-Plattformen und Kryptowährungen, der als einer der größten in der Geschichte des Landes eingestuft werden könnte. Behörden und Experten warnen, dass das mediterrane Urlaubsparadies längst nicht nur Touristen anzieht, sondern auch Finanzströme, deren Herkunft im Dunkeln bleibt.

Der größte Glücksspiel-Skandal in Griechenland

In Griechenland ist vor Kurzem ein umfangreicher Glücksspiel-Geldwäscheskandal aufflammend ans Licht gekommen, der vor allem lizenzierte Wettanbieter involviert. Die Anti-Geldwäsche-Behörde hat rund 200 Personen, darunter hohe Beamte und Ministerialdirektoren, ins Visier genommen. Demnach wurden Gelder unbekannter Herkunft über etwa zehn legaler Sportwettenfirmen gewaschen. Das Verfahren funktionierte so: Personen eröffneten Wettkonten bei diesen Anbietern; Einzahlungen erfolgten nicht über klassische Bankkanäle, sondern über Agenten – etwa Tankstellen, Supermärkte oder Kioske – die Bargeld entgegennahmen. Danach wurde der Betrag als vermeintlicher Gewinn deklariert und auf reguläre Bankkonten überwiesen. Die Beträge, die pro Person eingesetzt wurden, reichten bis zu einer Million Euro. Ein zentrales Instrument bei der Aufdeckung war der Abgleich der Steuererklärungen mit den angegebenen Glücksspielumsätzen – hier traten erhebliche Diskrepanzen auf. Die aktuellen Ermittlungen werfen ein Schlaglicht darauf, wie schwer es ist, legales Glücksspiel sauber zu kontrollieren, wenn lizenzierte Anbieter und offizielle Stellen involviert sind. Griechenland plant bereits Reformen, um Regulierung und Überwachung zu stärken. Ein großes Hoffen wird auf die Independent Authority for Public Revenue (AADE) gesetzt, die diesen Monat neu dabei sind, diesen schockierenden Fall schnell aufzudecken.

Glücksspiel als Einfallstor für schnelle Transfers

Mit dem Aufstieg digitaler Wallets, Echtzeitüberweisungen und flexibler Zahlmethoden hat sich das Spielfeld dramatisch verändert. Während klassische Banktransaktionen Tage dauerten, landen heute Ein- und Auszahlungen in Online-Casinos „sofort auf dem Konto“. Diese Geschwindigkeit schafft Vertrauen bei Spielern – und zugleich Schlupflöcher für organisierte Geldwäscher. Internationale Untersuchungen zeigen, dass gerade schnelle Transfers zwischen Glücksspielplattformen und Privatkonten den Nachweis über die Herkunft von Geldern erschweren. Ein Beispiel: 2024 beliefen sich die zusätzlichen Einlagen in Festkonten in Europa auf über 200 Milliarden Euro. Ein Teil dieser Liquidität könnte aus undurchsichtigen Quellen stammen, bevor sie in sichere Anlageformen überführt wird.

Kryptowährungen als Katalysator

Eine besondere Rolle spielen Kryptowährungen. Weltweit nutzen laut aktuellen Daten bereits 12,4 % der Bevölkerung digitale Vermögenswerte, in Europa liegt die Quote bei rund 9 %. Für Spieler und Anbieter von Online-Casinos auf Kreta oder in Athen bedeutet das: Bargeld wird zunehmend ersetzt durch Bitcoin, Ethereum und Stablecoins. Das Transaktionsvolumen von Stablecoins erreichte allein im ersten Halbjahr 2025 16 Billionen US-Dollar – fast eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen verdeutlichen, warum Ermittler von einer „neuen Dimension“ der Geldwäsche sprechen. Kryptowährungen erlauben es, Gelder grenzüberschreitend zu bewegen, ohne die gleiche Transparenz wie im klassischen Bankensystem.

Der Fall Griechenland: Ein strukturelles Risiko

Griechenland steht aufgrund seiner geografischen Lage und der großen Tourismuswirtschaft besonders im Fokus. Auf Kreta etwa florieren Sportwetten und Online-Gaming-Angebote, die häufig über internationale Server betrieben werden. Kontrollbehörden berichten, dass dabei teilweise dieselben Mechanismen wie im internationalen Drogenhandel greifen: kleine Beträge werden gestückelt, mehrfach durch virtuelle Wallets verschoben und anschließend in reguläre Bankkanäle eingespeist. Besonders kritisch: der Einsatz von „Crypto Casinos“, die diverse Währungen akzeptieren und oft außerhalb der EU-Lizenz arbeiten. Das Finanzministerium in Athen spricht von „Milliardenbeträgen“, die jedes Jahr über diesen Graubereich abgewickelt werden – konkrete Zahlen bleiben aber aufgrund fehlender Transparenz schwer belegbar.

Opfer und Folgen für Gesellschaft und Staat

Die Dimension des Skandals betrifft nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die griechische Gesellschaft. Während Kriminelle profitieren, verliert der Staat wertvolle Steuereinnahmen. Hinzu kommt das Risiko für Verbraucher: Krypto-Diebstähle beliefen sich allein im ersten Halbjahr 2025 bereits auf 2,17 Milliarden US-Dollar. Solche Verluste treffen nicht nur professionelle Investoren, sondern auch private Spieler, die ihre Gewinne auf unsicheren Plattformen lagern. Zudem unterminiert systematische Geldwäsche das Vertrauen in legale Glücksspielanbieter und schwächt die Glaubwürdigkeit der Bankenaufsicht. Kritiker warnen, dass Griechenland Gefahr läuft, international als „Hochrisiko-Standort“ eingestuft zu werden – mit Folgen für Investitionen und das touristische Image.

Regulierung zwischen Anspruch und Realität

Die EU versucht gegenzusteuern: Mit der neuen „MiCA-Verordnung“ (Markets in Crypto-Assets) soll ein einheitlicher Rahmen für den Krypto-Handel entstehen. Doch nationale Behörden stehen vor der Herausforderung, schnelle Transfers und anonyme Wallets effektiv zu überwachen. In Griechenland fordert die Anti-Geldwäsche-Behörde schärfere Meldepflichten für Casinos und Zahlungsdienstleister. Experten schlagen zudem vor, Künstliche Intelligenz einzusetzen, um verdächtige Transaktionen frühzeitig zu erkennen. Dennoch bleibt der Weg steinig: Je stärker die Regulierung in Europa, desto mehr verlagern sich dubiose Aktivitäten in unkontrollierte Märkte außerhalb der EU.

Herausforderung für Griechenland

Der mutmaßlich größte Glücksspiel-Geldwäscheskandal Griechenlands ist nicht nur ein nationales, sondern ein europäisches Problem. Digitale Wallets, Echtzeitüberweisungen und Kryptowährungen beschleunigen zwar die Finanzwelt, öffnen jedoch auch Türen für illegale Geschäfte. Die Zahlen sprechen für sich: Milliarden fließen in einem System, das Geschwindigkeit vor Transparenz stellt. Ob Griechenland den Spagat zwischen Innovation und Kontrolle schafft, wird entscheidend dafür sein, ob aus dem Mythos „größter Skandal“ bald ein juristisch belegter Fall wird – oder ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte unaufgeklärter Finanzströme im Mittelmeerraum.

Kriegsverbrechen
Gaza: Ärzte ohne Grenzen trauern um weitere Kollegen

Genf – Die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat am Sonntag ihre tiefe Trauer und Empörung über den Tod ihres 15. Mitarbeiters in Gaza seit Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas vor zwei Jahren zum Ausdruck gebracht. Abed El Hameed Qaradaya, ein 43-jähriger Physiotherapie-Manager, erlag schweren Splitterverletzungen, die er letzte Woche bei einem israelischen Luftangriff erlitten hatte. Dies ist der dritte Todesfall für die Organisation innerhalb von weniger als 20 Tagen. „Heute Morgen wurden bei einem Angriff der israelischen Streitkräfte ein Mitarbeiter von Médecins Sans Frontières (MSF), Omar Hayek, getötet und vier weitere Personen schwer verletzt“, erklärte MSF in einer ersten Stellungnahme nach dem Angriff. Der Vorfall ereignete sich am Donnerstag, dem 2. Oktober, in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens, wo Qaradaya und mehrere Kollegen auf einen Bus warteten, der sie zum Feldlazarett von MSF bringen sollte. Nach Angaben von MSF waren alle Mitarbeiter deutlich erkennbar, da sie Westen mit dem Logo der Organisation trugen.
Unser Team hat Abed medizinisch versorgt, doch er erlag am 05. Oktober seinen Schrapnellverletzungen. Der Angriff ereignete sich auf einer Straße, wo das Team auf den Bus wartete, der sie in unser Feldkrankenhaus in Deir al Balah bringen sollte. Sie alle trugen Westen von Ärzte ohne Grenzen, die sie eindeutig als medizinische humanitäre Helfer:innen auswiesen. Der Verlust unserer Kollegen macht uns sprachlos und wütend. Diese Angriffe auf humanitäre Helfer:innen müssen beendet, der Genozid in Gaza gestoppt werden! Wir sind in Gedanken bei den Familien und Freund:innen von Omar und Abed. Mit den beiden sind es nun 15 Kolleg:innen, die seit Kriegsbeginn in Gaza getötet wurden.
Bei dem Angriff kam nicht nur Qaradaya ums Leben, sondern auch sein Kollege Omar Hayek, ein 42-jähriger Beschäftigungstherapeut von MSF. Mindestens vier weitere Personen wurden verletzt. Trotz medizinischer Bemühungen verschlechterte sich Qaradayas Zustand und er starb am 5. Oktober. In einer herzlichen Würdigung beschrieb MSF Qaradaya als „Eckpfeiler“ seiner Physiotherapieabteilung, in der er 18 Jahre lang tätig war und sich sowohl auf Physiotherapie als auch auf Ergotherapie spezialisiert hatte. Seine Kollegen erinnerten sich an ihn als einen „immer optimistischen und zutiefst mitfühlenden Menschen“, der trotz der durch die israelische Blockade verursachten schweren Versorgungsengpässe innovative Lösungen für die Patientenversorgung entwickelte. Er war Vorreiter einer 3D-Druck-Initiative für maßgeschneiderte Prothesen und Kompressionsanzüge für Verbrennungsopfer, die nicht nur die körperlichen Fähigkeiten der Patienten wiederherstellten, sondern ihnen auch ihre Würde und Hoffnung zurückgaben. „Abed arbeitete trotz der immensen Herausforderungen unermüdlich weiter“, heißt es in der Erklärung. „Sein Tod ist ein großer Verlust und hat tragische Auswirkungen auf seine Angehörigen, MSF und das Gesundheitssystem in Gaza.“ Qaradaya hinterlässt eine Frau und zwei kleine Söhne. Die Todesfälle unterstreichen die gravierenden Verluste unter den humanitären Helfern in der Region. Seit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas einen tödlichen Angriff auf Israel startete, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und über 250 Geiseln genommen wurden, hat MSF 15 Mitarbeiter in Gaza verloren – das entspricht einem alle sechs Wochen. Die jüngsten Todesfälle folgen auf die Ermordung des Logistikkoordinators Hussein Alnajjar am 17. September in derselben Gegend, nachdem er und seine Familie auf Evakuierungsbefehl aus Gaza-Stadt geflohen waren. MSF hat wiederholt das, was es als „Muster der völligen Missachtung des Lebens und der Menschenwürde von Zivilisten“ bezeichnet, verurteilt und eine sofortige Waffenruhe gefordert, um das Blutvergießen zu beenden. „Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza“, betonte die Organisation und wies darauf hin, dass Qaradaya und Hayek nach Deir al-Balah umgezogen waren, das als „sicherere Zone“ ausgewiesen war, nur um dort das gleiche Schicksal zu erleiden. Die israelischen Streitkräfte (IDF) bestätigten die Berichte und gaben bekannt, dass sie den Vorfall untersuchen. Ein Militärsprecher erklärte, dass der Luftangriff auf Hamas-Kämpfer in der Region abgezielt habe, man jedoch „Maßnahmen ergriffen habe, um Schäden für die Zivilbevölkerung zu minimieren”. Die IDF betonte, dass sich die Hamas „in die Zivilbevölkerung einbettet und sie als menschliche Schutzschilde missbraucht“, eine wiederkehrende Behauptung bei ihren Operationen im Gazastreifen. Offizielle Stellen berichteten, dass ein palästinensischer Mitarbeiter einer internationalen Organisation getötet und mehrere weitere verletzt worden seien, was mit der Darstellung von MSF übereinstimmt, die Opfer jedoch als unbeabsichtigt darstellt. Dieses Ereignis ereignet sich inmitten eskalierender Spannungen und einer humanitären Krise im Gazastreifen, wo israelische Operationen einen Großteil der Bevölkerung vertrieben und den Hilfsfluss eingeschränkt haben. In den sozialen Medien gab es viele Beileidsbekundungen von Unterstützern aus aller Welt, wobei der offizielle X-Account von MSF Tausende von Reaktionen erhielt. Ein Beitrag hob Qaradayas Vermächtnis hervor: „Abed war einzigartig, qualifiziert in Physiotherapie und Ergotherapie … Ein großer Verlust für unsere Gemeinschaft, er ist unersetzlich.“ Aktivisten und ehemalige Kollegen schlossen sich der Trauer an und kritisierten die zurückhaltende Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Während die Ermittlungen weitergehen, gelobt MSF, seine Mission trotz der Risiken fortzusetzen. „Wir sind empört über den Verlust unserer Kollegen“, schloss die Gruppe. „Ein sofortiger Waffenstillstand und ein Ende des Blutvergießens“ bleiben ihre dringende Forderung.
Über 1.700 getötete Mitarbeiter des Gesundheitswesens
Nach zwei Jahren wurden in Gaza mindestens 1.722 Mitarbeiter des Gesundheitswesens getötet, durchschnittlich mehr als zwei pro Tag. Seit Israel im März 2025 den vorübergehenden Waffenstillstand gebrochen hat, ist diese Zahl auf durchschnittlich drei pro Tag gestiegen. Diese verheerenden Zahlen – sie entsprechen einem Verlust von 70 medizinischen Fachkräften pro Monat – bestätigen die gezielte und systematische Bekämpfung des Gesundheitssystems in Gaza. UN-Experten bezeichnen dies als „Medizid“, und eine unabhängige UN-Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass es sich dabei um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form von Völkermord handelt. Fast jedes einzelne Krankenhaus in Gaza wurde angegriffen. Keines ist mehr voll funktionsfähig. Die überlebenden medizinischen Fachkräfte sind erschöpft, traumatisiert, unterernährt und aus ihren Häusern vertrieben. Sie kämpfen damit, den Zustrom von Patienten und Massenopfern zu bewältigen, während Krankenhäuser weiterhin angegriffen und zur Schließung gezwungen werden. Die anhaltende Blockade durch Israel führt dazu, dass medizinische Hilfsgüter, Lebensmittel und Treibstoff gefährlich knapp werden. Mehr als 300 medizinische Fachkräfte wurden von Israel festgenommen, einige wurden gefoltert und viele weitere verletzt. Fikr Shalltoot, Direktor von MAP (Medical Aid for Palestinians) in Gaza, sagte: „Die Welt hat die Beschäftigten im Gesundheitswesen und die Menschheit in Gaza im Stich gelassen. Wir erleben die absichtliche Vernichtung lebensrettender Dienste und medizinischer Fachkräfte. Hinter diesen Zahlen stehen einzelne Ärzte, Krankenschwestern, Spezialisten und Rettungssanitäter, deren Rolle noch nie so wichtig war wie heute. Es handelt sich um medizinisches Personal, das sich geweigert hat, seine Patienten angesichts massiver Bombardierungen, Hunger und Vertreibung im Stich zu lassen, und das nun getötet wurde, während es versuchte, andere am Leben zu erhalten, oder in ihren Häusern und Unterkünften mit ihren Familien. Wir können diesen Schmerz und diesen Verlust einfach nicht länger ertragen – die Welt muss jetzt handeln, um Israels Völkermord in Gaza zu stoppen.“
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– Demos gegen Israel – Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel

Über 1.000 Rabbiner und jüdische Aktivisten veranstalten Yom-Kippur-Protest in New York und fordern Waffenstillstand in Gaza angesichts wachsender weltweiter Empörung

Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel
 

Demos gegen Israel
Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel

New York – In einer eindrucksvollen Demonstration des Glaubens und der Solidarität an einem der heiligsten Tage des Judentums versammelten sich am Donnerstag mehr als 1.000 Rabbiner und jüdische Friedensaktivisten in Brooklyn, um einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand in Gaza und ein Ende der US-Waffenlieferungen an Israel zu fordern. Die Veranstaltung, die in der Brooklyn Borough Hall stattfand, verwandelte sich während Jom Kippur – dem Versöhnungstag – in eine öffentliche Gedenkfeier, bei der die Teilnehmer Trauergebete, darunter den Yizkor-Gottesdienst, sprachen, um der Opfer des anhaltenden Konflikts zu gedenken. Als die feierliche Gedenkfeier gegen 15:30 Uhr endete, marschierten Dutzende von Demonstranten, von denen viele traditionelle Gebetsschals trugen und Schilder mit der Aufschrift „Rabbis for Ceasefire” (Rabbiner für Waffenstillstand) trugen, in Richtung Brooklyn Bridge. Sie blockierten gewaltfrei den Verkehr zu der berühmten Brücke und machten so auf die humanitäre Krise in Gaza aufmerksam. Fast 60 Personen wurden von Beamten der New Yorker Polizei wegen ungebührlichen Verhaltens festgenommen, aber die Demonstration verlief friedlich, was das Bekenntnis der Aktivisten zum gewaltfreien Widerstand unterstreicht. „Dies ist ein Tag der Buße, ein Tag, an dem wir über unsere kollektive Verantwortung nachdenken müssen“, sagte ein Organisator der Gruppe „Jewish Voice for Peace“, die bei der Koordination der Veranstaltung half, gegenüber Medien. „Wir können keine Buße tun, solange unsere Steuergelder Tod und Zerstörung in Gaza finanzieren.“
Gaza: Über 66.000 Tote
Der Protest findet vor dem Hintergrund der eskalierenden Zerstörung im Gazastreifen statt, wo laut palästinensischen Gesundheitsbehörden seit Oktober 2023 mehr als 66.000 Menschen durch israelische Militäroperationen ums Leben gekommen sind. Eine Analyse von UN Women schätzt, dass mehr als 28.000 der Getöteten Frauen und Mädchen sind. Unabhängige Überprüfungen zeigen, dass etwa 70 % der Todesopfer in Wohngebieten Zivilisten sind, vorwiegend Frauen und Kinder.
Untersuchung auf Unterernährung durch eine Mitarbeiterin der UN-Agentur für Palästinenser, UNRWA, in Gaza-Stadt.
Bombardierungen verschärfen humanitäre Katastrophe
Die verstärkten Bombardierungen in den letzten Wochen haben die humanitäre Katastrophe verschärft. Es gibt Berichte über zusammenbrechende Infrastruktur und eingeschränkten Zugang zu Hilfsgütern.
Weltweite Verurteilungen Israels
Die Aktionen Israels haben zu einer breiten internationalen Verurteilung geführt, unter anderem durch die Vereinten Nationen, die das Land im September des Völkermords in Gaza beschuldigten. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen stellte fest, dass Israel gegen das Völkerrecht verstößt, und forderte die Staaten auf, Waffenlieferungen einzustellen und Sanktionen zu verhängen. Führende Politiker der Europäischen Union, darunter der britische Premierminister Keir Starmer, haben in gemeinsamen Erklärungen eine sofortige Einstellung der Offensive gefordert, während Menschenrechtsgruppen die Pläne zur Teilbesetzung als Verstoß gegen die UN-Charta verurteilen. In Anlehnung an die Demonstration in New York sind in den letzten Tagen weltweit Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Militäraktion Israels zu protestieren. Allein in Europa demonstrierten am Wochenende Hunderttausende in Rom, Barcelona und Madrid, wobei die Gewerkschaften in Italien zu einem Generalstreik aufgerufen hatten, an dem sich über 2 Millionen Menschen beteiligten. Bei ähnlichen Kundgebungen in Spanien, Portugal und Griechenland kam es in einigen Gebieten zu Zusammenstößen mit der Polizei, während sich in London Zehntausende versammelten, was zu über 400 Festnahmen führte. Die Organisatoren begründeten diese Aktionen als Reaktion auf die Abfangung einer Hilfsflotte für Gaza durch Israel, was weitere Empörung und Forderungen nach Rechenschaft auslöste. eunews.it Während der Krieg in sein zweites Jahr geht, verdeutlicht die Protestaktion in Brooklyn die wachsende Spaltung innerhalb der jüdischen Gemeinden weltweit, wobei Aktivisten argumentieren, dass echte Sühne Gerechtigkeit für die Palästinenser erfordert. Israelische Beamte verteidigen ihre Operationen als notwendig für die Sicherheit, aber die zunehmende diplomatische Isolation und die öffentliche Kritik deuten auf eine sich verschärfende Krise an mehreren Fronten hin. Das US-Außenministerium hat sich noch nicht zu den Verhaftungen in New York geäußert, bekräftigte jedoch seine Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung inmitten der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen. Mit dem Ende der Jom-Kippur-Gottesdienste weltweit hoffen die Befürworter, dass die Themen des Tages zum Nachdenken anregen und neue diplomatische Bemühungen zur Beendigung der Gewalt vorantreiben werden.
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Israels Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte hat internationale Kritik ausgelöst. Nicht nur die türkische Regierung wertet Israels Militäreinsatz als Verstoß gegen das Völkerrecht.

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Philosophie
Lex Aeterna – Das ewige Gesetz und die Geschichte der Menschenrechte

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Wenn Philosophen und Theologen von der Lex Aeterna sprechen, meinen sie nicht ein einzelnes von Menschen geschriebenes Gesetzbuch. Gemeint ist vielmehr das „ewige Gesetz“, die Ordnung im Geist Gottes, die allem Seienden zugrunde liegt. In dieser Sicht ist die Schöpfung nicht willkürlich, sondern Ausdruck einer universalen Vernunft. Der Mensch kann diese Ordnung zwar nie ganz durchdringen, doch sie spiegelt sich wider in der Lex Naturalis (Naturgesetz) und den von uns geschaffenen Lex Humana (menschlichen Gesetzen). Diese Idee prägte die Geschichte Europas, aber auch die Entstehung der Menschenrechte weltweit. Schon im Mittelalter beriefen sich Denker wie Thomas von Aquin auf die Lex Aeterna: Gesetze haben nur dann Bestand, wenn sie mit der göttlichen, ewigen Gerechtigkeit im Einklang stehen. Alles andere ist Unrecht.
Von der Theologie zur Menschenrechtsidee
In der frühen Neuzeit wurde diese Lehre zu einem Prüfstein für das koloniale Handeln Europas. Als spanische Eroberer Amerika unterwarfen, erhob sich eine der ersten Debatten über Menschenrechte. Theologen wie Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas beriefen sich auf die Lex Aeterna und argumentierten: Auch die indigenen Völker sind Teil der göttlichen Ordnung. Sie haben unveräußerliche Rechte – auf Freiheit, Würde und Land. Die Forderung war revolutionär: Indianer sollten nicht nur „geschützt“ werden, sondern als gleichwertige Menschen anerkannt sein. Ihre Misshandlung verletze nicht nur moralische Prinzipien, sondern das ewige Gesetz selbst.
Das ewige Gesetz – auch für Natur und Erde
Heute, im Zeitalter der ökologischen Krisen, erhält die Idee der Lex Aeterna neue Aktualität. Wenn es eine ewige Ordnung gibt, so umfasst sie nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Flüsse und Wälder. Natur ist nicht bloß Ressource, sondern Teil der Schöpfung, die nach göttlichem Gesetz Respekt verdient. In vielen indigenen Kulturen war genau dieses Bewusstsein tief verankert – eine Weisheit, die Europa erst wiederentdecken muss.
Ein universales Erbe
Ob wir auf die Debatten um die Rechte der Indianer im 16. Jahrhundert blicken, auf die Erklärung der Menschenrechte von 1948 oder auf heutige Bewegungen für Klimagerechtigkeit: Im Hintergrund steht die gleiche Frage. Welches Gesetz gilt über alle Grenzen hinweg? Die Antwort der Tradition der Lex Aeterna lautet: Das ewige Gesetz, das nicht von Herrschern erlassen wird, sondern in der Ordnung der Welt selbst liegt. Es verpflichtet uns, jeden Menschen und die Natur zu achten – weil wir alle Teil derselben Schöpfung sind.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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