Wirtschaft
Wirtschaftsaufschwung abgesagt? Deutsche Unternehmer bleiben pessimistisch

Die deutsche Wirtschaft bleibt nicht nur im Jahr 2025 angeschlagen – man geht derzeit auch davon aus, dass es im kommenden Jahr nicht unbedingt besser wird. Die Wirtschaftsweisen rechnen inzwischen nur noch mit einem Wachstum von gerade einmal 0,9 Prozent. Dass hier dann gleichzeitig die Kritik an der Bundesregierung lauter wird, ist nicht überraschend. Denn viele Experten sehen die Regierung eher als Teil des Problems und nicht als Lösung.
Das Geschäftsklima hat sich verschlechtert
In den Führungsetagen deutscher Unternehmen hat sich die Stimmung im November unerwartet verschlechtert. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex von 88,4 Punkten auf 88,1 Punkte gesunken. Das hat das Münchner Ifo-Institut nach seiner monatlichen Befragung von rund 9000 Manager mitgeteilt. Die Ökonomen sind im Vorfeld mit einem leichten Anstieg auf 88,5 Punkte ausgegangen. Zwar haben viele Unternehmen ihre aktuelle Lage etwas besser bewertet, doch gleichzeitig haben die Sorgen über die kommenden Monate erneut zugenommen. „Die deutsche Wirtschaft zweifelt an einer baldigen Erholung“, so der Ifo-Präsident Clemens Fuest. Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Entwicklung ebenfalls schwach geblieben. „Insbesondere die Erwartungen bekamen einen deutlichen Dämpfer“, betonte Fuest. Auch Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe fand klare Worte: „Die deutsche Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.“ Viele Betriebe haben noch immer Probleme im Bereich der Planungssicherheit und der anhaltende Kostendruck belastet die Produktionsabläufe wie etwa Investitionen. Ökonomen sparen nicht mit Kritik an der Regierung Der LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch sprach angesichts der aktuellen Datenlage von einer weiteren Enttäuschung. Für ihn sei die leichte Verbesserung der Lageeinschätzung nahezu ohne Bedeutung: „Der Anstieg war minimal und das erreichte Niveau bleibt unterirdisch“, sagte er. Vom politisch angekündigten „Herbst der Reformen“ sei so gut wie nichts geblieben. „Leider ist die Politik Teil des Problems. Es wäre besser, wenn sie Teil der Lösung werden würde“, so der Analyst. Ähnlich kritisch äußerte sich Alexander Krüger, der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Er warnte vor den Folgen eines unzureichenden fiskalischen Impulses: „Man möchte sich gar nicht ausmalen, was geschieht, wenn der Schub durch das Fiskalpaket weitgehend ausbleibt.“ Aus seiner Sicht sei es umso wichtiger, dass die Bundesregierung gegen die strukturellen Standortnachteile vorgeht. „Auf den ausgebliebenen Herbst der Reformen darf nicht ein Winter mit Tiefschlaf folgen.“ Viele Experten fordern bereits Maßnahmen, die von geringerer Bürokratie über steuerliche Anreize bis hin zu stabilen Energiekosten reichen. Doch noch hakt es bei der Umsetzung. Tatsächlich hat die Politik in den letzten Jahren mehrmals unter Beweis gestellt, dass auf das falsche Pferd gesetzt wurde. Ein gutes Beispiel mag der deutsche Glücksspielstaatsvertrag sein. Anfangs war man überzeugt, das bundesweit regulierte Glücksspiel würde sich vorteilhaft für Spieler auswirken, mit der Zeit hat man erkannt, dass die Zahl der Deutschen, die nach Casinos suchen, in denen OASIS nicht aktiv ist, wächst. Denn der deutsche Glücksspielstaatsvertrag beinhaltet abseits von OASIS auch ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro (plattformübergreifend) sowie auch ein Verbot von Live Casino Spielen.
Unterschiedliche Entwicklung in den Branchen: Einzelhandel ist schwach, Tourismus zieht an
Im Dienstleistungssektor hat sich das Klima etwas gebessert, doch die Erholung verläuft nicht überall gleich. Vor allem im Bereich Transport und Logistik ist es laut Ifo zu einem spürbaren Rückschlag gekommen. Gleichzeitig hat der Tourismus erkennbar zugelegt und aufgezeigt, dass die Reiselust vieler Menschen klar gestiegen ist. Im Handel hingegen hat sich der Abwärtstrend fortgesetzt. Das Ifo-Institut hat von einem enttäuschenden Start in das Weihnachtsgeschäft berichtet: „Insbesondere der Einzelhandel zeigte sich zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts enttäuscht.“ Auch im Baugewerbe hat sich die Stimmung weiter verschlechtert. Die schwache Nachfrage sei dort „ein bestimmender Engpass“, was angesichts hoher Zinsen, teurer Materialien und anhaltender Unsicherheit auch nicht überraschend ist.
Leichte Bewegung, aber keine Trendwende
Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Frühjahr und einer weitgehenden Stagnation im Sommer ist die Bundesbank der Meinung, dass die deutsche Wirtschaft im Schlussquartal 2025 wieder leicht wachsen könnte. Die Hoffnung liegt vor allem auf die staatlichen Mehrausgaben für Infrastrukturprojekte und Verteidigung, die im Jahr 2026 dann zusätzliche Impulse setzen sollen. Ein kräftiger Aufschwung ist aber noch lange nicht in Sicht. Belastend wirken vor allem die neuen US Zölle, die wichtige Branchen wie Automobilbau und Maschinenbau treffen, sowie auch die zunehmenden Wettbewerbsnachteile im globalen Umfeld. Die exportorientierte Industrie kämpft mit einer schwächeren Nachfrage in vielen internationalen Märkten. Für viele Ökonomen bleibt das Gesamtbild also unverändert: Die deutsche Wirtschaft steckt fest und eine nachhaltige Erholung ist erst möglich, wenn strukturelle Reformen, Investitionen und eine verlässliche Standortpolitik zusammenkommen. Bis dahin wird es für die Unternehmen und Beschäftigten ein Jahr der Unsicherheiten bleiben.
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– Wirtschaft – Aufstieg der Binnenmärkte: Was das Wachstum in Schwellenländern bedeutet

Schwellenländer wenden sich zunehmend der Emission heimischer Anleihen zu, was einen strukturellen Wandel darstellt, der die Abhängigkeit von externen Krediten in Hartwährungen verringert.

Aufstieg der Binnenmärkte: Was das Wachstum in Schwellenländern bedeutet
 

Sport
Wie digitale Plattformen im Sportmarkt neue Strategien entwickeln – und was Investoren daraus lernen können

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Kaum eine Branche verändert sich derzeit so rasant wie der Sportmarkt. Die digitale Transformation hat längst nicht nur die Übertragung von Spielen erfasst, sondern ganze Geschäftsmodelle neu definiert. Laut einer Analyse von Fortune Business Insights wächst der globale Markt für Sporttechnologie derzeit um durchschnittlich 20,8 Prozent pro Jahr. Digitale Plattformen, datenbasierte Entscheidungen und interaktive Fan-Erlebnisse verschieben die Machtverhältnisse. Für Investoren eröffnet sich damit ein Markt, der Chancen und Risiken zugleich bereithält.

Vom reinen Übertragungsmodell zur Fan-Erlebnisplattform

Lange Zeit bestimmten lineare Fernsehsender den Rhythmus des Sportkonsums. Doch das digitale Zeitalter hat diese Struktur aufgebrochen. Streamingdienste und interaktive Plattformen verändern, wie Fans Spiele erleben und wie Ligen ihre Reichweite gestalten. Nach aktuellen Daten von Ampere Analysis investieren Streaminganbieter im Jahr 2025 weltweit rund 12,5 Milliarden US-Dollar in Sportrechte – etwa ein Fünftel der gesamten Medienrechte-Ausgaben. Diese Verschiebung zeigt: Die Wertschöpfung liegt zunehmend bei den Plattformen, nicht mehr bei klassischen Sendern. Klassische Veranstalter spüren diesen Druck deutlich. Plattformen bieten längst mehr als reine Übertragungen. Sie schaffen Erlebnisräume – von Live-Statistiken über Community-Funktionen bis zu integrierten Fan-Shops. So wird der Sport zur dauerhaften Beziehung, nicht zum Event. Nutzer interagieren, kommentieren, handeln digitale Güter oder spenden direkt an Lieblingsvereine. Für Investoren ist das eine strategische Chance: Wer in Ökosysteme mit wiederkehrenden Erlösen investiert, profitiert von planbaren Wachstumsströmen. Gleichzeitig wächst die Verantwortung im Umgang mit Nutzerdaten. Plattformbetreiber müssen Datenschutz und Transparenz gewährleisten, damit beispielsweise keine OASIS Sperrdatei unbeabsichtigte Barrieren für Innovationen schafft.

Monetarisierung jenseits des Pay-TV

In der digitalen Sportszene verschiebt sich der Fokus von der reinen Übertragung hin zu vielfältigen Erlösmodellen. Plattformen kombinieren Werbung, Abonnements, Merchandise, Gaming und Content-Partnerschaften zu integrierten Geschäftsmodellen. Aus passiven Zuschauern werden aktive Teilnehmer, die durch Interaktionen, Käufe oder Community-Aktivitäten Mehrwert schaffen. Diese Entwicklung verändert auch die Denkweise von Investoren. Nicht mehr die Reichweite allein entscheidet, sondern das Ausmaß der Nutzerbindung und die Fähigkeit, aus Engagement verlässliche Umsätze zu generieren. Plattformen, die Inhalte, Communities und Transaktionen geschickt verknüpfen, können so stabile Einnahmequellen aufbauen. Entscheidend ist, wie tief Datenanalyse, Nutzerverständnis und technologische Innovation miteinander verschmelzen. Unternehmen, die ihre Plattformarchitektur flexibel gestalten, erschließen neue Zielgruppen – von E-Sport-Communities über Nischensportarten bis zu Formaten für weibliche Zielgruppen. Für Investoren liegt darin ein enormes Potenzial, sofern sie langfristig denken und nicht nur kurzfristige Renditen suchen.

Was Investoren konkret tun sollten

Investoren, die sich im digitalen Sportmarkt engagieren möchten, brauchen heute mehr als nur Kapital. Sie benötigen ein tiefes Verständnis für Plattformlogiken und deren Wachstumsmechanismen. Erfolgreiche Strategien beginnen mit der Auswahl der richtigen Modelle: Plattformen, die über reine Content-Verwertung hinausgehen und Fans aktiv einbinden, bieten langfristig stabilere Erträge. Besonders wertvoll sind Ansätze, die Community-Funktionen, Daten-Monetarisierung und Transaktionen intelligent verbinden. Skalierbarkeit bleibt dabei ein zentrales Kriterium. Eine Plattform, die mehrere Sportarten abdeckt, internationale Märkte anspricht und verschiedene digitale Dienste integriert, ist weniger anfällig für Marktschwankungen. Ebenso wichtig ist der technologische Unterbau: Nur wer über belastbare Dateninfrastrukturen verfügt, kann Nutzer langfristig binden und Inhalte personalisiert anbieten. Investoren sollten deshalb auch prüfen, ob Plattformen ihre Systeme modular aufbauen – das erleichtert spätere Expansionen und Anpassungen an neue Märkte.

Strategisches Vorgehen und Partnerschaften

Neben dem operativen Potenzial zählen strategische Perspektiven. Partnerschaften mit etablierten Tech- oder Medienhäusern können Skalierung beschleunigen und neue Vertriebswege öffnen. Für viele Unternehmen ist auch ein Börsengang oder ein Teilverkauf an größere Akteure realistisch, sobald sie ihre Nutzerbasis und Monetarisierungsmodelle stabilisiert haben. Eine Studie von Capstone Partners aus dem Jahr 2025 zeigt, dass das Interesse an Übernahmen im Sporttechnologie-Sektor weiter zunimmt – vor allem in Bereichen wie Fan-Engagement, Datenanalyse und Trainingsplattformen.
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– Rennsport – Kenan Sofuoglu hofft auf ersten türkischen Formel-1-Weltmeister

Der Sechsjährige hat nicht nur an Kart-Rennen teilgenommen, sondern in der offiziellen Junioren-Meisterschaft in Portugal sogar einen Streckenrekord aufgestellt

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Assad-Diktatur
„Damascus Dossier“: Assads Tötungemaschinerie

Hamburg – Zehntausende bislang streng geheime Fotos und Dokumente liefern neue Erkenntnisse zu den Verbrechen der Assad-Diktatur am eigenen Volk. Sie zeigen schwerste Menschenrechtsverletzungen des Regimes bis kurz vor seinem Sturz im Dezember 2024 und werfen damit ein neues Licht auf das Ausmaß und die Systematik dieser Gräueltaten. Zentraler Teil des Datensatzes ist eine in dieser Größe einzigartige Fotosammlung. Die mehr als 70.000 Bildern wurden von der syrischen Militärpolizei in den Jahren 2015 bis 2024 aufgenommen. Sie zeigen unter anderem zehntausende Aufnahmen von toten Häftlingen. Der syrischen Öffentlichkeit ist die Existenz dieser Aufnahmen bislang nicht bekannt. Die Unterlagen wurden dem NDR zugespielt, der sie mit WDR, Süddeutscher Zeitung, dem Internationalen Consortium Investigativer Journalisten (ICIJ) und mit zahlreichen internationalen Medienpartnern geteilt hat. Die gemeinsame Recherche wird ab sofort weltweit unter dem Titel „Damascus Dossier“ veröffentlicht. NDR Reporter konnten mit dem Offizier sprechen, der die Fotos in den letzten Tagen des Assad-Regimes aus einer Militäreinrichtung geschmuggelt hat. Er war bis Ende 2024 Chef der sogenannten Beweissicherungsabteilung der Militärpolizei in Damaskus. Im Interview mit dem NDR sagt er zu seiner Motivation, es seien sehr viele Menschenleben ausgelöscht worden und „die Familien müssen wissen, wo ihre Angehörigen sind“. Bei sich selbst sieht der Soldat keine Mitschuld. Er und seine Einheit seien nur für die Dokumentation der Toten zuständig gewesen. Neben den Fotos enthält der Datensatz auch zehntausende Unterlagen syrischer Geheimdienste. Darunter sind unter anderem abgehörte Telefonate, Listen von Militärangehörigen und Totenscheine von Gefangenen. Die Daten legen offen, wie die frühere syrische Regierung mit Hilfe ihrer Geheimdienste die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung organisierte. Sie belegen im Detail, wie bis zum Sturz von Baschar Al-Assad im Dezember 2024 Menschen systematisch bespitzelt, wegsperrt und zu Tode gefoltert wurden. Der überwiegende Teil der Leichname auf den Fotos zeigt Zeichen von Unterernährung, viele der Leichen sind bis auf die Knochen abgemagert. Außerdem sind Spuren massiver Gewalteinwirkung sichtbar, die Experten als Folgen systematischer Folter interpretieren.
Ärzte aus syrischem Militärkrankenhaus praktizieren heute in Deutschland
Die Recherchen zeigen zudem, dass Militärkrankenhäuser in Assads Repressionsapparat eine bedeutende Rolle spielten. So zeigt das „Damascus Dossier“, dass Ärzte aus dem Militärkrankenhaus Harasta in Damaskus Todeszertifikate verstorbener Häftlinge abzeichneten und dabei ungeachtet der tatsächlichen Todesursache standardmäßig „Herzstillstand“ vermerkten, mitunter offenbar, ohne die Leichen überhaupt gesehen zu haben. Überlebende Häftlinge, die ins Harasta-Krankenhaus eingeliefert wurden, berichten von einer dort eigens eingerichteten Folteretage. Auch ehemalige Ärzte des Harasta-Krankenhauses haben gegenüber NDR, WDR und SZ die Folter im Krankenhaus bestätigt. Die Recherchen haben ergeben, dass einige früher dort beschäftigten Ärzte heute in Deutschland praktizieren. Im Gespräch mit NDR, WDR und SZ wiesen sie alle Schuld von sich. Das Harasta-Krankenhaus fungierte zudem als Ort der Dokumentation und Station für den Abtransport toter Gefangener. Die Recherchen zeigen, dass viele der Leichen-Fotos der Militärpolizei im Keller des Krankenhauses aufgenommen wurden. Die Fotos der getöteten Syrer sind auch für deutsche Behörden von Bedeutung. Denn syrische Täter können auch in Deutschland auf Grundlage des sogenannten Weltrechtsprinzips für Taten in Syrien angeklagt werden. Im Zuge der Recherchen erhielten NDR, WDR und SZ die Information, dass die Bilder auch dem Generalbundesanwalt vorliegen, der diese prüft und auswerten will. Sie sind Teil eines Strukturermittlungsverfahrens zu Syrien, in dem ähnliche Bilder schon eine Rolle gespielt haben. „Fotos, die uns zu Syrien vorliegen, ergänzen die Zeugenaussagen einzelner Personen. Sie machen besonders anschaulich für jeden sichtbar und damit auch objektivierbar, was einzelne Personen erlitten haben“, sagt Generalbundesanwalt Jens Rommel gegenüber NDR, WDR und SZ. Den Recherchen zufolge führt die Bundesanwaltschaft derzeit eine mittlere zweistellige Anzahl an Ermittlungsverfahren und hat insgesamt im Rahmen des Strukturermittlungsverfahrens bereits weit über 2000 Zeugen vernommen. Anfragen des Rechercheteams zu den Vorwürfen ließen sowohl die jetzige syrische Regierung als auch der ehemalige Präsident Baschar Al Assad unbeantwortet. Auch ein Jahr nach dem Sturz der Diktatur in Syrien gelten schätzungsweise 160.000 Syrerinnen und Syrer als vermisst. Aus den zahlreichen Dokumenten des „Damascus Dossier”-Datensatzes hat der NDR gemeinsam mit dem ICIJ Listen erstellt, die Informationen über das Schicksal von mehr als 1.500 Menschen enthalten, die in Gefangenschaft genommen wurden oder in Haft verstorben sind. Der NDR hat die Listen mit drei syrischen Nichtregierungsorganisationen (Syrian Network for Human Rights, Syrian Center for Legal Studies and Research, Ta´afi) und mit der UN-Organisation Independent Institution on Missing Persons in the Syrian Arab Republic (IIMP) geteilt. Alle vier Institutionen helfen Familienangehörigen von in Syrien Verschwundenen bei der Suche nach ihren Verwandten.
„Damascus Dossiers“ – Gemeinsame Recherche über 25 Länder
Am Rechercheprojekt „Damascus Dossiers“ waren neben NDR/WDR und Süddeutscher Zeitung Journalisten aus 25 Ländern beteiligt, unter anderem von ARIJ (Jordanien), CBC (Kanada), DARAJ (Libanon), El País (Spanien), L´Espresso (Italien), ORF (Österreich), SVT (Schweden), Times of London (Großbritannien), Toronto Star (Kanada), VG (Norwegen), Washington Post (USA), Yle (Finnland). Alle Rechercheergebnisse werden ab sofort international veröffentlicht. Mehr zum „Damascus Dossier“ auf tagesschau.de, in der ARD Mediathek im Film „Das Damascus Dossier“, bei Panorama im Ersten am 4.12. um 21.45 Uhr, und bei 11KM: der tagesschau-Podcast in der ARD-Audiothek.

Israel-Reise
Humanitäre Organisationen fordern Merz: Schutz für Palästinenser

Berlin – Vor dem Antrittsbesuch von Friedrich Merz in Israel appellieren neun humanitäre Organisationen an den Bundeskanzler, sich dort mit Nachdruck für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen, in Ostjerusalem sowie im Westjordanland einzusetzen. In einem heute übermittelten Brief betonen die Organisationen, dass die humanitäre Lage im Gazastreifen auch knapp zwei Monate nach der Waffenstillstandsvereinbarung katastrophal bleibt:
„Weiterhin sterben Frauen, Männer und Kinder, weil es ihnen an Essen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung fehlt. Trotz der vereinbarten Waffenruhe kommt es weiterhin zu Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Zwischen dem 11. Oktober und dem 24. November wurden mehr als 339 Menschen, darunter 70 Kinder, durch Angriffe des israelischen Militärs getötet.“
Die unterzeichnenden Organisationen kritisieren ferner, dass der Zugang für humanitäre Hilfe weiter stark beschränkt bleibt: Obwohl die Vereinbarung über die Waffenruhe ausdrücklich bekräftigt, dass nach dem humanitären Völkerrecht Hilfe umfänglich, unverzüglich und uneingeschränkt in den Gazastreifen gelangen muss, beschränken israelische Behörden weiter die Einfuhr lebenswichtiger Hilfsgüter, darunter Nahrungsmittel. Die Verfasser*innen des Briefes prangern auch die eskalierende Gewalt im Westjordanland und Ostjerusalem durch israelische Militäreinsätze und militante Siedler*innen an. Zivilist*innen – darunter Kinder – werden verletzt und getötet. Durch die Militäroperationen bleibt außerdem zahlreichen Kindern der Zugang zu grundlegender Versorgung sowie zu Bildungs- und Gesundheitsdiensten verwehrt. Die Unterzeichnenden appellieren an Friedrich Merz, von der israelischen Regierung mit Nachdruck unter anderem Folgendes einzufordern:
  • ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu ermöglichen
  • die Arbeit unabhängiger humanitärer Organisationen zu schützen
  • einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand verlässlich und endgültig einzuhalten
  • die palästinensische Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten zu schützen und die israelischen Militäreinsätze unverzüglich einzustellen
An die Bundesregierung gerichtet, fordern sie:
  • Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht aufs Schärfste zu verurteilen, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen und internationales Recht ausnahmslos durchzusetzen
  • die Perspektiven und die Zusammenarbeit mit der palästinensischen Zivilbevölkerung als zentrale Voraussetzung für Friedensverhandlungen zu verankern
Die unterzeichnenden Organisationen sind: Aktion gegen den Hunger Ärzte der Welt CARE Deutschland e.V. Caritas international Handicap International e.V. medico international Oxfam Deutschland e.V. Save the Children Deutschland e.V. Welthungerhilfe
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– IDF-Krise – Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Die israelischen Streitkräfte (IDF) stehen vor einer Situation, die Militäranalysten als die schwerste Personalkrise seit Jahrzehnten bezeichnen.

Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Antalya
Skandal in der Türkei: Ukrainische Waisenkinder vergewaltigt

Istanbul – Ein humanitäres Projekt, das über 500 ukrainische Kriegswaisen in die Türkei brachte, ist zu einem der schwersten Kindesmissbrauchsskandale des Landes geworden: Zwei minderjährige Mädchen wurden nach Medienberichten von Hotelangestellten wiederholt vergewaltigt und schwanger – zur Vertuschung wurden sie eilig in die Ukraine zurückgeschickt. Die Opfer, die nur als N. (15) und I. (16) identifiziert wurden, gehörten zu den 510 Kindern, die im März 2022 aus Waisenhäusern in der Oblast Dnipropetrowsk evakuiert und im Rahmen des „Warless Childhood Project“ fast drei Jahre lang in zwei Hotels im Bezirk Beldibi in Antalya untergebracht wurden. Das Programm wurde öffentlich als Vorbild für die türkisch-ukrainische Solidarität gefeiert. Laut Dokumenten und Zeugenaussagen, die türkischen Medien vorliegen, wurden die Vergewaltigungen von zwei Küchenmitarbeitern begangen: M. (23), einem Koch, der N. schwängerte, und S. (21), der I. schwängerte. Die ukrainischen Betreuer, die zum Schutz der Kinder abgestellt waren, sollen von den Übergriffen gewusst, nächtliche Besuche in den Zimmern der Mädchen ermöglicht und die Minderjährigen später dazu gezwungen haben, Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie behaupteten, die sexuellen Beziehungen seien „einvernehmlich“ gewesen und sie seien in ihre erwachsenen Vergewaltiger „verliebt“ gewesen. Als die Schwangerschaften nicht mehr zu verbergen waren, wurden beide Mädchen aus der Türkei entfernt und in die Ukraine zurückgebracht, wo sie ohne angemessene medizinische oder soziale Unterstützung durch die Stiftung, die sie dorthin gebracht hatte, ihre Kinder zur Welt brachten. Drei Monate nach der Entbindung unternahm das Opfer I. einen Selbstmordversuch. Eine gemeinsame Inspektion im März 2024 – durchgeführt vom ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinets, dem türkischen Ombudsmann und einem Vertreter der UNICEF – deckte eine lange Liste weiterer Misshandlungen und Vernachlässigungen auf:
  • Den Kindern wurde regelmäßig sauberes Trinkwasser vorenthalten (das Leitungswasser im Hotel roch übel, Wasser in Flaschen wurde rationiert).
  • Waisenkinder wurden gezwungen, bei Spendenveranstaltungen Lieder zu singen, zu tanzen und Gedichte vorzutragen; diejenigen, die sich weigerten, wurden mit Entzug von Essen oder Kleidung bestraft.
  • 120 Kinder mit schweren psychoneurologischen Behinderungen erhielten keine spezielle Betreuung, Therapie oder Ernährung.
  • Die medizinische Behandlung bestand aus telefonischen Konsultationen mit Ärzten in der Ukraine; persönliche Untersuchungen fanden nicht statt.
  • Die Kinder schliefen auf schmutzigen Decken; die Bettwäsche wurde nur alle paar Wochen gewechselt.
  • Ein Kind wurde stundenlang vermisst und schließlich nach einer Suche mit dem Hubschrauber an einem Strand gefunden.
Der offizielle Bericht der 11-köpfigen Delegation beschrieb eine „Kette von Vernachlässigung und Ausbeutung“. Trotz der Schwere der Ergebnisse schlossen beide Länder die Fälle schnell ab. Die Ukraine beendete ihre strafrechtlichen Ermittlungen im Juni 2025 unter Berufung auf die von den Minderjährigen unter Zwang unterzeichneten „Einverständniserklärungen“. In der Türkei stellte die Staatsanwaltschaft Antalya das Verfahren ein, nachdem die Opfer – immer noch minderjährig und unter Druck stehend – wiederholt behaupteten, die Vergewaltigungen seien „im gegenseitigen Einvernehmen“ erfolgt. Berufungen wurden abgelehnt. Ruslan Shostak, der ukrainische Geschäftsmann, dessen Stiftung die Evakuierung organisiert und Millionen an Spenden erhalten hatte, wurde nicht angeklagt. Die türkischen Behörden betonten, dass die Hotels privat geführt wurden und die Hauptverantwortung bei den ukrainischen Betreuern lag. Kritiker, darunter Kinderrechtsaktivisten, argumentieren, dass die Türkei als Gastland gemäß der UN-Kinderrechtskonvention eine nicht delegierbare Pflicht hatte, die Minderjährigen auf ihrem Staatsgebiet zu schützen. Als die letzten Waisenkinder im Dezember 2024 in die Ukraine zurückkehrten, sprachen viele warmherzig über ihre Zeit in der Türkei und drückten ihre Dankbarkeit für die Unterkunft aus, die sie von der Front fernhielt. Für mindestens zwei von ihnen war der Preis für diese Sicherheit jedoch Vergewaltigung, erzwungene Schwangerschaft und eine Vertuschung, die ihnen Gerechtigkeit vorenthielt.

IDF-Krise
Israel: Schwerste Personalkrise seit über 40 Jahren

Jerusalem – Die israelischen Streitkräfte (IDF) stehen vor einer Situation, die Militäranalysten als die schwerste Personalkrise seit Jahrzehnten bezeichnen. Der akute Mangel an Offizieren und Unteroffizieren gefährdet die Einsatzbereitschaft und die langfristige Nachhaltigkeit. Interne Umfragen zeigen einen dramatischen Rückgang der Verbleibquote, der durch den langwierigen Krieg im Gazastreifen, Burnout und bessere zivile Beschäftigungsmöglichkeiten noch verschärft wird und den schwersten Personalmangel seit den 1980er Jahren darstellt. Neue Daten, die der IDF-Führung und politischen Persönlichkeiten vorgelegt wurden, zeichnen ein düsteres Bild: Dem Militär fehlen in verschiedenen Einheiten etwa 1.300 Offiziere im Rang eines Leutnants und Hauptmanns sowie 300 Majore. Das Interesse der Offiziere an einer Weiterbeschäftigung ist von 83 % im Jahr 2018 auf nur noch 63 % im Jahr 2025 gesunken, während es bei den Unteroffizieren im gleichen Zeitraum von 58 % auf 37 % gefallen ist, berichtet Times of Israel. Rund 600 Berufssoldaten streben eine vorzeitige Pensionierung an, was die IDF dazu zwingt, weniger erfahrene Unteroffiziere zu befördern, um kritische Lücken zu füllen. Der Reserve-General und Militäranalyst Itzhak Brik sprach am Sonntag eine deutliche Warnung aus und bezeichnete die Situation als „die schlimmste Personalkrise in der Geschichte“, zitiert TRT World Brik. „Die katastrophale Lage innerhalb der Armee könnte dazu führen, dass die Armee ihre Funktionsfähigkeit vollständig verliert“, sagte Brik und verwies auf Tausende von Offizieren und Unteroffizieren, die sich geweigert haben, ihren Einberufungsbefehl anzutreten oder ihren Vertrag zu verlängern. Er betonte, dass der starke Personalrückgang bereits jetzt die Wartung der Ausrüstung und den Betrieb der Kampfsysteme beeinträchtige, da „unvorbereitetes Personal in sensiblen Funktionen nicht in der Lage ist, die Herausforderungen des aktuellen Schlachtfeldes zu bewältigen“.
„Vollständigen Lähmung“
Brik warnte, dass sich die Krise ohne dringende Reformen zu einer „vollständigen Lähmung“ der IDF entwickeln könnte. Die Ursachen lassen sich auf den zweijährigen Konflikt im Gazastreifen zurückführen, der einen hohen Tribut gefordert hat: 923 Soldaten wurden getötet, 6.399 verwundet und schätzungsweise 20.000 Soldaten leiden unter posttraumatischer Belastungsstörung.
Kriegsbedingte Erschöpfung
Anreize im zivilen Sektor – höhere Gehälter, weniger Stress und flexible Arbeitszeiten – haben viele davon gelockt, was durch kriegsbedingte Erschöpfung, sich verschlechternde Dienstbedingungen und die Wahrnehmung einer politischen Delegitimierung des Militärs noch verstärkt wurde, berichtet Times of Israel weiter. Die Scheidungsrate unter Soldaten ist um 20 % gestiegen, was die familiären Verpflichtungen bei längerem Dienst zusätzlich belastet. Brigadegeneral Amir Vadmani, Stabschef der Personalabteilung der IDF, räumte die Herausforderungen kürzlich in einer Pressekonferenz ein. „Es gibt Lücken. Um einige dieser Lücken zu schließen, fördern wir junge Menschen mit weniger Erfahrung, um die Reihen aufzufüllen“, sagte er. „Wir haben einen Rückgang der Auswahlquote. Bis 2028 müssen wir 400 Oberstleutnants aus den derzeit 500 verfügbaren Kandidaten ernennen, und diese Zahl wird weiter sinken.“ Vadmani führte diese Trends auf eine zunehmende Burnout-Rate auf allen Ebenen zurück, die sich aus laufenden internen Umfragen ergibt.
Einsatzplan für 2026
Als Reaktion darauf hat die IDF einen Einsatzplan für 2026 verabschiedet, der den Reservedienst erheblich reduziert, um die Belastung für Teilzeitsoldaten zu verringern. Nach dem neuen „Kampffeldplan“, der vom Stabschef, Generalleutnant Eyal Zamir, genehmigt wurde, werden Reservisten insgesamt etwa 60 Tage Dienst leisten – gegenüber durchschnittlich 136 Tagen für Kampfsoldaten und 168 Tagen für Kommandeure im ersten Kriegsjahr. Vor dem Krieg war der Reservedienst auf maximal 25 Tage alle drei Jahre plus jährliche Ausbildung begrenzt. Der Plan verlagert den Schwerpunkt auf etwa sechs Wochen operative Tätigkeit, während der Rest für mehrwöchige Ausbildungsübungen zur Stärkung der Einsatzbereitschaft der Einheiten vorgesehen ist. Experten bezweifeln jedoch, dass diese Maßnahmen ausreichen werden.
280.000 Einberufungsbefehle
Die Regierung hat 280.000 Einberufungsbefehle für Reservisten für das kommende Jahr genehmigt, was möglicherweise 60 bis 70 Tage pro Reservist erfordert. Schätzungen zufolge könnten jedoch bis zu 30 % nicht erscheinen, was die Einsatzfähigkeit weiter beeinträchtigen würde. Der Gesamtmangel wird auf 10.000 bis 12.000 Soldaten geschätzt, verteilt auf aktive und Reservekräfte. Während der Krieg in Gaza ausklingt, sieht sich die Führung der IDF zunehmendem Druck ausgesetzt, das Personalmanagement zu überarbeiten, einschließlich der Modernisierung veralteter Systeme und der Beseitigung fragmentierter Datenbanken, die zu einer „Informationsblindheit” beigetragen haben. Kritiker, darunter Brik, verurteilen den starken Personalabbau und die Verkürzung der Wehrpflicht – drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen – als Entscheidungen, die die Streitkräfte ausgehöhlt haben.
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– Münster – Deutschland: Leugnung des Existenzrechts Israels keine Straftat

Die bloße Leugnung oder Infragestellung des Existenzrechts des Staates Israel ist in Deutschland keine Straftat und darf auf Demonstrationen nicht pauschal verboten werden.

Deutschland: Leugnung des Existenzrechts Israels keine Straftat

Kommentar
Wenn Kritik zum Tabu wird: Warum wir Sophie von der Tann verteidigen müssen

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik Es wird zunehmend unheimlich still an den Orten, an denen eigentlich die lautesten Debatten geführt werden müssten. Die Stille entsteht nicht, weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil viele Menschen Angst haben, überhaupt noch Worte in den Mund zu nehmen. Genau deshalb verdient Sophie von der Tann Rückendeckung. Eine Korrespondentin, die sich traut, historische Zusammenhänge zu erklären, wird zur Zielscheibe jener, die jede Form von Kontext bereits als Relativierung brandmarken. Doch wer den Auftrag ernst nimmt, Journalismus zu betreiben, muss das Gesamtbild ausleuchten dürfen – auch, wenn es unbequem ist. Während über eine Formulierung gestritten wird, lenkt kaum noch jemand den Blick auf das, was gleichzeitig geschieht: Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant erlassen – schwerste Vorwürfe, darunter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die internationale Justiz hat keinen symbolischen Akt vollzogen, sondern juristisch bindende Schritte gesetzt. Und dennoch finden wir uns in einer öffentlichen Debatte wieder, in der jede Kritik an israelischer Regierungspolitik reflexhaft als antisemitisch gedeutet wird. Als wäre die bloße Benennung rechtswidriger Gewalt ein Angriff auf ein ganzes Volk. Als hätte die Menschheit nie gelernt, zwischen Menschen und Regierungen zu unterscheiden, zwischen Judentum und politischem Zionismus, zwischen religiöser Identität und militärischer Doktrin. Wer darauf besteht, diese Unterschiede zu verwischen, nimmt nicht nur die öffentliche Debatte in Geiselhaft, sondern instrumentalisiert den Kampf gegen Antisemitismus für politische Zwecke. Genau das beschädigt am Ende das, was eigentlich geschützt werden soll: das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes. Antisemitismus ist real, gefährlich, tödlich – und gerade deshalb darf er nicht als rhetorisches Werkzeug missbraucht werden, um Kritik an staatlicher Gewalt zu verhindern. Niemandem ist damit gedient, wenn legitime Fragezeichen kriminalisiert werden. Der Verweis auf die deutsche Geschichte lastet schwer, und natürlich prägt er den Umgang mit Israel bis heute. Doch die Vergangenheit darf nicht zur moralischen Blockade werden, die jede nüchterne Analyse verhindert. Eine Demokratie, die erwachsen sein will, muss fähig sein, beides gleichzeitig zu tun: bedingungslos gegen Antisemitismus einzutreten und dennoch Verstöße gegen das Völkerrecht klar zu benennen, egal von wem sie begangen werden. Wenn der IStGH Haftbefehle ausstellt, dann spricht er nicht im Namen irgendeiner politischen Bewegung, sondern im Namen eines globalen Rechtsprinzips, das bewusst geschaffen wurde, damit nie wieder Menschen über ihrer Verantwortlichkeit stehen. Es kann nicht sein, dass die Welt wegschaut, während internationale Institutionen Alarm schlagen. Es kann nicht sein, dass Journalistinnen, die ihren Job machen, eingeschüchtert werden sollen. Und es kann auch nicht sein, dass Menschen, die Missstände benennen, sofort unter Generalverdacht gestellt werden. Kritik an einer Regierung ist kein Angriff auf ein Volk. Kritik an militärischer Politik ist kein Angriff auf eine Religion. Und wer das Gegenteil behauptet, betreibt nicht Aufklärung, sondern Abschreckung. Wir sollten den Mut haben, auszusprechen, was ist: Niemand, wirklich niemand, steht über dem Recht. Wenn Menschenrechtsverbrechen im Raum stehen, müssen sie untersucht werden. Wenn der IStGH handelt, ist es unsere Pflicht, hinzuschauen – nicht zu schweigen. Und wenn Journalistinnen wie Sophie von der Tann versuchen, die Komplexität des Geschehens zu erklären, verdienen sie nicht Misstrauen, sondern Respekt. Gerade für die junge Generation brauchen wir eine politische Kultur, die nicht in Reflexen erstarrt, sondern in der Lage ist, zu unterscheiden, zu differenzieren, zu denken. Eine Kultur, die Kritik nicht fürchtet, sondern sie als demokratische Notwendigkeit begreift. Denn Verantwortlichkeit ist kein Angriff auf Würde – sie ist ihre Voraussetzung.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
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– Gaza – Pressefreiheit: Journalistenvereinigung verurteilt Israel

Die Foreign Press Association (FPA), die internationale Journalisten in Israel und den palästinensischen Gebieten vertritt, hat die israelische Regierung scharf kritisiert

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Kommentar
Papst Leo: Die Türkei ist eine Brücke der Hoffnung

Kommentar von Henriette Wild Die Reise des Heiligen Stuhls in die Türkei ging zu Ende. Doch mit jeder Station, mit jeder Geste und mit jeder Rede hat Papst Leo XIV. Spuren hinterlassen. Er verließ das Land nicht nur als Führer der katholischen Kirche, sondern als Bote der Hoffnung, des Miteinanders und des Friedens für alle. Für Christen, Muslime und Menschen jeden Glaubens. In Ankara, Istanbul und Iznik setzte er Zeichen, die weit über die Kirchenmauern hinaus reichen. Zeichen der Einheit, der Versöhnung und der Brüderlichkeit.
Was bedeuten seine Äußerungen?
In seiner Rede beim Besuch in Ankara richtete Papst Leo XIV. warme und ehrliche Worte an die türkische Gesellschaft und an alle, die differenziert leben. Er bezeichnete die Türkei als ein „Land, das untrennbar mit den Ursprüngen des Christentums verbunden ist“ und zugleich als Ort, „an dem alle Kinder Abrahams und die ganze Menschheit zur Brüderlichkeit eingeladen sind“ („… beckons the children of Abraham and all humanity to a fraternity that recognizes and appreciates differences.“). Er erinnerte daran, dass das Land, verbunden mit Asien und Europa, „eine Brücke zwischen Kulturen, Glaubensrichtungen und Kontinenten“ darstellt und forderte, diese Rolle mit Verantwortung zu leben: Vielfalt dürfe nicht Anlass für eine Spaltung sein, sondern Grund zum Miteinander: „Die Türkei ist eine Brücke der Hoffnung: Wo Kontinente sich berühren, können auch Herzen einander finden.“ In Iznik, wo vor 1.700 Jahren das Erste Konzil von Nicäa stattfand, wandte er sich an Christen aus dem Nahen Osten und warnte entschieden vor Gewalt im Namen der Religion: „Wir müssen entschieden zurückweisen, dass Religion als Vorwand für Krieg, Gewalt oder jegliche Form von Fundamentalismus oder Fanatismus missbraucht wird.“ Er rief auf zu „brüderlicher Begegnung, zum Dialog und zur Zusammenarbeit“. Es ist der Weg, die Wunden der Geschichte zu heilen und die Christenheit wieder enger zusammenzuführen. Papst Leo machte klar: Die Zukunft ist nicht vorgezeichnet. Sie ist gestaltbar, durch unser Handeln, durch Respekt und durch gegenseitiges Zuhören.
Papst Leo XIV. (l.) mit dem Oberhaupt der Diyanet, der türkischen Religionsbehörde, Prof. Dr. Safi Arpaguş bei einem Treffen in der Türkei am 29.November 2025
Ökumene, Dialog und Respekt
Ein Kernpunkt dieses Besuchs war die Ökumene. Es ist sein Wunsch, Mauern abzubauen, Missverständnisse zu überwinden und die Gemeinschaft neu zu denken und zu leben.
Ein Reise voller Hoffnung Papst Leo XIV. hinterlässt ein starkes Signal
In Istanbul und Iznik unterzeichnete Papst Leo gemeinsam mit Patriarch Bartholomaios I. eine Erklärung zur Einheit der Christen. Sie riefen alle Gläubigen dazu auf, den langen Weg der Versöhnung weiterzugehen. Nicht mit Kompromissen am Glauben, sondern mit offenen Herzen und dem Willen zur Verständigung. Zitat:
„Wir müssen die Last der Geschichte nicht weitertragen wie einen Stein – wir können sie in einen Grundstein für Einheit verwandeln.“
Als Papst Leo die berühmte Sultan-Ahmed-Moschee (Blaue Moschee) in Istanbul betrat, trug er mit seinen Gesten, respektvolles Betreten der Moschee, Besinnung und Stille sowie das Ablegen der Schuhe, zu einer leisen, aber deutlichen Botschaft des Respekts gegenüber dem Islam und der muslimischen Gemeinschaft bei. Die türkische Presse sah in seinem Besuch ein starkes Signal. Ankara und der Vatikan können gemeinsam als Akteure der globalen Friedensdiplomatie zu einer moralischen Verantwortung beitragen.
Warum dieser Besuch so wichtig war
Papst Leo erinnerte während seines Besuchs eindringlich an die Wurzeln des christlichen Glaubens. Dass er dafür ausgerechnet Iznik wählte, den Ort, an dem vor 1.700 Jahren das Glaubensbekenntnis formuliert wurde, das übrigens bis heute in allen Kirchen gebetet wird, war ein starkes Zeichen dafür, wie sehr ihm die Einheit der Christen am Herzen liegt. Viele der Gläubigen, die dort zusammenkamen, waren sichtlich bewegt. Dieser Moment des gemeinsamen Gebets hatte eine Kraft, die man kaum in Worte fassen kann. Seine Reise war wie eine Brücke zwischen Kulturen und Religionen. Gerade in einer Zeit, in der weltweit so viele Spannungen spürbar sind, setzte Papst Leo eine klare Botschaft: Vielfalt ist keine Belastung, sie ist ein Geschenk. Sie ist eine Möglichkeit, aufeinander zuzugehen, miteinander zu reden, Frieden zu suchen und einander besser zu verstehen. Mit seinen Worten und Gesten stellte er sich entschieden gegen jede Form von Gewalt, die im Namen der Religion ausgeübt wird. Stattdessen warb er leidenschaftlich für Brüderlichkeit und eine gemeinsame Zukunft. Damit sprach Papst Leo nicht nur die Christen an, sondern alle Menschen, die an ein friedliches Miteinander glauben.
„Kein Glaube darf je zur Waffe werden. Religion ist ein Haus des Friedens, nicht ein Vorwand für Gewalt.“
Besonders berührend war, wie sehr er die christlichen Minderheiten im Land ermutigte. Viele von ihnen leben ihren Glauben oft im Stillen, doch in diesen Tagen spürten sie: Wir sind nicht vergessen. Ihr Glaube, ihre Hoffnung und ihre Treue machen sie zu einem wichtigen, lebendigen Teil der großen christlichen Gemeinschaft.
Mit Zuversicht in die Zukunft
Was Papst Leo XIV. uns allen, die wir im Miteinander leben, mit seinem Besuch geschenkt hat, ist weit mehr als ein diplomatisches Ereignis. Er hat uns eingeladen, mit offenen Augen und offenen Herzen aufeinander zuzugehen. Und zwar ohne Angst vor Unterschieden, ohne Vorurteile, sondern mit dem Mut zur Verständigung. In einer Welt, die so oft von Angst, Misstrauen und Konflikten geprägt ist, wirkt sein Zeichen wie ein Leuchtturm. Er dient als Aufruf zur Menschlichkeit, zur Brüderlichkeit und damit auch zum Frieden. Möge diese Reise nicht nur Erinnerung bleiben, sie sollte Inspiration sein. Für jede Gemeinschaft, für jedes Miteinander, für jede Person, die an Hoffnung glaubt. Und möge jeder von uns ein kleines Stück dieser Hoffnung in seinem Alltag weitertragen.
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Psychologie
Die verborgenen Auswirkungen von Glücksspiel-Apps auf die psychische Gesundheit

Glücksspiel-Apps passen in jede Hosentasche. Mit wenigen Fingertipps öffnet sich eine aufregende Welt voller blinkender Walzen, spannender Pokerturniere und scheinbar endloser Gewinnchancen. Allein das Stichwort Online Casino lässt viele Augen leuchten, doch wer etwa auf svsp-verband.ch nach Spielmöglichkeiten sucht, betritt eine autorisierte Umgebung. Was dabei oft übersehen wird, ist die leise Wirkung, die diese bunten Anwendungen auf die Psyche haben. Sie begleiten Nutzer im Bus, im Bett oder in der Schulpause und verändern unmerklich das Denken und Fühlen. Es geht nicht nur um den möglichen Verlust von Geld, sondern auch um Stress, Schlafprobleme und einen unterschwelligen Druck, immer weiterzuspielen. Dieser Artikel wirft einen Blick hinter die glänzenden Symbole der Apps und zeigt, wie eng ihr Design mit menschlichen Gewohnheiten verknüpft ist. Außerdem werden Wege aufgezeigt, wie Familien, Freunde und Spieler selbst gegensteuern können, um mentale Gesundheit zu schützen. Am Ende soll klar werden, dass Prävention weder Verzicht noch Verbote bedeuten muss, sondern vor allem Wissen, Achtsamkeit und offene Gespräche erfordert.

Das Smartphone als ständiger Spielsalon

Was früher die jährliche Kirmes oder der gelegentliche Besuch in der Spielothek war, steckt heute permanent in der Tasche. Ein Vibrationssignal erinnert daran, dass gerade Freispiele warten, und Push-Nachrichten malen glänzende Münzen direkt auf den Sperrbildschirm. Die einfache Zugänglichkeit verschiebt die Grenze zwischen Freizeit und Risiko. Während man auf den Bus wartet, beginnt eine Runde Roulette, und fünf Minuten später ist aus einem Blick aufs Handy eine Stunde geworden. Psychologen sprechen hier von situativer Verfügbarkeit: Je näher das Angebot, desto geringer die Hemmschwelle. Hinzu kommt die Illusion von Kontrolle. Durch Wischen, Tippen und Anpassen der Einsätze glaubt der Spieler, den Ausgang aktiv zu beeinflussen, obwohl der Zufall regiert. Diese Mischung aus Schnelligkeit, ständiger Präsenz und vermeintlicher Steuerbarkeit macht Apps gefährlicher als klassische Casinos. Besonders Menschen mit Stress im Alltag nutzen das Spiel als Flucht, ohne den Übergang zum problematischen Verhalten zu bemerken. Das Smartphone verwandelt sich so unbemerkt vom Werkzeug zum Verführer.

Psychologische Mechanismen hinter dem Reiz

Glücksspiel-Apps sind kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis genauer Studien über menschliche Motivation. Ein zentrales Prinzip ist die sogenannte variable Belohnung. Ähnlich wie beim Angeln weiß der Spieler nie, wann der nächste große Fang auftaucht. Mal erscheint ein kleiner Gewinn nach drei Drehungen, mal erst nach dreißig. Genau diese Unvorhersehbarkeit führt dazu, dass das Gehirn größere Mengen Dopamin ausschüttet. Der Neurotransmitter erzeugt ein Hochgefühl, das der Körper in Zukunft erneut erleben möchte. Zusätzlich setzen Entwickler auf visuelle und akustische Reize: Konfettiregen, Jubelrufe und bunte Animationen verstärken jeden noch so kleinen Erfolg. Selbst Verluste werden oft mit fast-Gewinn-Geräuschen begleitet, um das Weiterspielen zu motivieren. Schließlich spielt die soziale Komponente eine Rolle. Ranglisten, tägliche Challenges und geteilte Erfolge suggerieren Gemeinschaft und erhöhen den Druck, nicht zurückzubleiben. Auf diese Weise greifen Apps an mehreren psychologischen Hebeln gleichzeitig an und schaffen ein Erlebnis, das nur schwer zu unterbrechen ist, selbst wenn rational längst Warnsignale erkannt wurden, zieht das emotionale System die Hand immer wieder zum Bildschirm.

Besondere Gefahren für Jugendliche

Jugendliche gelten als besonders anfällig für die Verlockungen digitaler Spielewelten. Ihr Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung, insbesondere die Bereiche, die für Impulskontrolle und Folgenabschätzung zuständig sind. Zugleich suchen junge Menschen nach schnellen Erfolgserlebnissen und sozialer Anerkennung. Glücksspiel-Apps bedienen genau diese Bedürfnisse. Viele Anwendungen tarnen sich sogar als harmlose Mini-Games, sodass Eltern die Gefahr nicht sofort erkennen. Kostenlose Chips wirken unverfänglich, doch nach kurzer Zeit setzen In-App-Käufe ein, um das Spieltempo hochzuhalten. Studien zeigen, dass frühe Erfahrungen mit Glücksspielen das Risiko späterer Abhängigkeit deutlich erhöhen. Hinzu kommt, dass Jugendliche ihre Finanzen oft nicht selbst erwirtschaften und die reale Bedeutung von Geldbeträgen unterschätzen. Wenn dann erste Rechnungen anstehen, treten Schuldgefühle auf, die wiederum weiteres Spielen als Fluchtmechanismus fördern können. Lehrkräfte berichten vermehrt von Konzentrationsproblemen, weil Push-Benachrichtigungen selbst im Unterricht anlocken. Ohne klare Regeln und Aufklärung droht eine Spirale, in der Schule, Freundschaften und Selbstwertgefühl leiden. Frühzeitige Gespräche in Familie und Klassenzimmer über Chancen, Grenzen und Tricks der Anbieter schaffen Bewusstsein und stärken die Fähigkeit zum Nein-Sagen.

Strategien für gesunde Spielgewohnheiten

Glücksspiel muss nicht zwangsläufig zur Krise führen, wenn frühzeitig Leitplanken gesetzt werden. Eine einfache, aber wirkungsvolle Maßnahme ist das Festlegen fester Zeitfenster. Wer nur an fest definierten Tagen und für maximal dreißig Minuten spielt, schafft Distanz zwischen Impuls und Handlung. Ebenso wichtig ist ein klares Budget, das vorab bar zurückgelegt oder auf einer separaten Prepaid-Karte gespeichert wird. Sind die Mittel erschöpft, endet die Spielsitzung automatisch. Viele Apps bieten heutzutage Selbstbeschränkungs-Tools an, die Einsatz- und Zeitlimits erzwingen. Solche Funktionen sollten konsequent aktiviert bleiben. Auch das Umfeld kann helfen: Ein kurzer Check-in bei Freunden oder in der Familie nach einer Spielrunde erhöht die Transparenz und reduziert das Risiko heimlicher Ausgaben. Wer merkt, dass Gedanken ständig ums Gewinnen kreisen, sollte professionelle Beratung suchen. Suchtberatungsstellen, Therapeuten und anonyme Online-Chatgruppen bieten schnelle Unterstützung. Abschließend lohnt es sich, alternative Hobbys zu fördern. Sport, Musik oder kreative Projekte liefern ähnliche Dopamin-Schübe, ohne das Konto oder die Nerven zu belasten. Auf diese Weise bleibt das Spiel ein Zeitvertreib – und wird nicht zum heimlichen Mitregisseur des Alltags.
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Ausland
Türkei: Veränderungen für Expats

Von Helene Mild Die Türkei war in den letzten Jahren für viele Ausländer ein Sehnsuchtsort – Sonne, Meer, niedrige Lebenshaltungskosten und die strategische Lage zwischen Europa und Asien zogen Tausende an. Doch im Jahr 2025 zeigte sich: Für Expats wurde das Leben im Land komplizierter. Neue gesetzliche Regelungen, administrative Hürden und Einschränkungen in beliebten Regionen verändern die Spielregeln für all jene, die in der Türkei ein neues Zuhause gefunden haben.
Ein Land im Wandel
Noch vor zwanzig Jahren galt die Türkei nicht als klassisches Einwanderungsland. Im Jahr 2005 lebten – nach offiziellen Zahlen von TÜIK – rund 178.964 Ausländer mit einem gültigen Aufenthaltstitel im Land – das zeigen offizielle Angaben aus dieser Zeit. Zwei Jahrzehnte später hat sich die Situation grundlegend verändert: 2022 erreichte die Zahl der Ausländer mit Aufenthaltstitel einen Höchststand von 1.354.094 Personen, ehe sie bis Ende 2023 auf 1.107.032 sank. Viele wird die hohe Anzahl trotzdem verwundern, denn in sozialen Medien wurden immer wieder Stimmen laut dass viele Ausländer das Land verlassen würden, weil man angeblich nur noch “reiche” Einwanderer wolle. Dieser langfristige Anstieg – trotz zwischenzeitlicher Rückgänge – spiegelt die Entwicklung eines Landes wider, das für viele Menschen zu einem attraktiven Lebensort jenseits der Hektik Westeuropas geworden ist. Ob digitale Nomaden in Antalya, Rentner an der Ägäis oder Unternehmer in Istanbul – die Motive sind vielfältig. Die türkische Regierung begrüßte diesen Zuzug lange Zeit, nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen Impulse für Immobilienmarkt und Konsum. Doch in den vergangenen Jahren deuten verschiedene Signale auf eine Kurskorrektur hin. Nach dem Rekordjahr 2022 und der anschließenden Abnahme auf rund 1,1 Millionen Aufenthaltstitel im Jahr 2023 wird von offiziellen Stellen eine „Normalisierung nach der Pandemie“ angeführt. Gleichzeitig kursieren jedoch inoffizielle Gerüchte, es sei eine strengere Regulierung der Zuwanderung – angeblich auch im Zusammenhang mit wohlhabenden Flüchtlingen aus der Ukraine und Russland. Fakt ist aber, dass die vom Innenministerium gesetzlich verankerte Ausländerquote pro Stadteil von maximal 25 Prozent bereits vor 2022 gab, von der bis dahin kein Expat etwas hörte, weil es bei weitem früher nicht so viele Einwanderer aus dem Ausland gab wie 20 Jahre später, als nach der Pandemie auch in bestimmten Stadtteilen durch Flüchtlinge aus der Ukraine das Kontingent auf 20 Prozent gesenkt wurde und so blieb. Diese sich verändernden Zahlen und Stadtteile werden über einen Internetlink auf der Webseite der Migrationsbehörde veröffentlicht und können heruntergeladen werden. Was zu empfehlen ist, bevor man sich für einen Wohnsitz entscheidet. Viele wissen das nicht und es wurden Behauptungen von Betroffenen aufgestellt, dass es seit 2022 keine Aufenthaltserlaubnis mehr gäbe, was so nicht stimmt. Warum das schon vorher so geregelt war – es sollen damit große Ausländer-Getthos verhindert werden.
Bürokratische Realität
Was viele Expats derzeit beschäftigt, ist weniger die politische Rhetorik als die praktische Umsetzung neuer Vorschriften. Nicht erst seit Anfang 2025 müssen alle Personen mit Aufenthaltstitel verpflichtend einen Online-Termin buchen, bevor sie Behörden aufsuchen dürfen. Das betrifft etwa die Registrierung des Wohnsitzes oder die Abgabe von Fingerabdrücken. Es sorgt jedoch in der Praxis für Unmut. Die Termine wären oft Wochen im Voraus ausgebucht, das Online-System sei überlastet, und in manchen Städten berichteten Antragsteller, dass sie mehrfach anreisen mussten, um Unterlagen nachzureichen. „Die Prozesse sind digitalisiert, aber nicht effizienter geworden“, beschreibt es ein deutscher Expat, der seit fünf Jahren in Alanya lebt. Hinzu kämen sprachliche Hürden. Zwar sind viele Formulare inzwischen mehrsprachig verfügbar, doch die Kommunikation mit Behörden bliebe oft schwierig. Übersetzer oder Anwälte verlangten hohe Gebühren – und selbst kleine Fehler im Antrag könnten zur Ablehnung führen. Fakt ist hier aber und da fehlt den meisten die Erfahrung – Behörden sind in jedem Land bezüglich der fremden Sprache für Ausländer nicht anders, auch Deutschland nicht. Oft wird in den Küstenorten mit vielen Ausländern auch Englisch gesprochen, aber auch nicht immer. Wer im Land leben möchte, egal wo auf der Welt, muss sich entweder verständigen können oder eine Begleitung mitnehmen.
Neue Grenzen in der Großstadt
Besonders stark sind die Veränderungen in den Metropolen zu spüren. In Istanbul hat das Innenministerium mehrere Bezirke für neue Anträge von Ausländern gesperrt, sobald der Anteil nichttürkischer Bewohner über 20 Prozent steigt. Betroffen sind vor allem beliebte Wohnviertel wie Fatih, Esenyurt oder Küçükçekmece. Die Regierung begründet die Maßnahme mit dem Ziel, „eine ausgewogene demografische Struktur zu erhalten“. In der Praxis beschweren sich Neuankömmlinge, in andere, teils teurere Stadtteile ausweichen zu müssen. Das betrifft nicht nur Expats aus westlichen Ländern. Auch Zuwanderer aus arabischen Staaten, Russland oder Zentralasien sehen sich mit denselben Einschränkungen konfrontiert.
Zwischen Chancen und Unsicherheit
Trotz aller Herausforderungen bleibt die Türkei für viele Expats attraktiv. Im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern sind die Lebenshaltungskosten immer noch niedriger, die Infrastruktur gut ausgebaut, und das Klima – besonders an der Mittelmeerküste – ein entscheidender Pluspunkt. Doch wer bleiben will, braucht Geduld, Disziplin und eine gewisse Resistenz gegen Unwägbarkeiten. Die Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis erfordert – wie immer – Nachweise über Mietverträge, ausreichende finanzielle Mittel, eine Krankenversicherung und eine registrierte Adresse. Schon kleine Unstimmigkeiten, etwa ein nicht aktueller Mietvertrag, können zur Ablehnung führen. Das war noch nie anders. „Früher war es unkompliziert, den Aufenthaltstitel jedes Jahr zu verlängern“, erzählt eine Schweizerin, die seit 2016 in der Türkei lebt. „Jetzt ist es jedes Mal ein Risiko. Ich weiß nie, ob sie die Unterlagen akzeptieren oder mir neue Regeln nennen.“ Natürlich war es früher einfacher, denn das neue Ausländergesetz von 2014 brachte bereits grundlegende Änderungen mit sich. Davor erhielt zum Beispiel ein Ehegatte eines türkischen Staatsbürgers ohne Probleme eine Verlängerung von fünf Jahren – Einkommensprüfung hieß meistens, es wurde eine Bankkarte in Kopie verlangt. Ob am Konto Geld war oder nicht, war nicht ersichtlich. Die Logik hinter verschärften Gesetzen liegt auch daran, dass damals viele Expats in der Türkei ohne das nötige Geld lebten, manchmal war nicht einmal Geld für die niedrigen Gebühren bei der Antragstellung vorhanden. Die Türkei war und ist auch heute kein Sozialstaat wie Deutschland und alle sozialen Leistungen, die es für Bedürftige trotzdem gibt, sind nicht für Ausländer bestimmt. Diese müssen sich selbst versorgen können oder stehen auf der Straße. Hinzu kommt das Prinzip der Gegenseitigkeit. Das bedeutet, die Türkei lehnt ihre Gesetze für Ausländer an das Land an, aus dem er kommt und war bisher diesbezüglich sehr kullant und ist es im Vergleich zu Deutschland immer noch. Dort kann sich auch kein türkischer Staatsbürger einfach nach Laune niederlassen, ohne bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, ausser er beantragt Asyl. Dennoch zieht die Türkei weiterhin Menschen an, die mehr Lebensqualität oder neue berufliche Freiheiten suchen – oft in Kombination mit Remote-Arbeit.
Wohin entwickelt sich der Trend?
Investoren, Immobilienkäufer oder Personen mit sogenanntem „Golden Visa“ erhalten relativ problemlos eine Aufenthaltserlaubnis. Diejenigen die mieten möchten, besonders Expats mit befristeten Arbeitsverträgen sind betroffen. Der Staat möchte, dass sich der Ausländer selbst versorgen kann. Die türkische Regierung versucht, die Einwanderung von Fachkräften und Investoren gezielt zu fördern, aber den Zustrom von Migranten ohne klare Einkommensbasis zu begrenzen.
Leben zwischen zwei Welten
Viele Expats sehen sich mittlerweile gezwungen, ihr Leben flexibel zu gestalten – halb in der Türkei, halb im Herkunftsland. Sie verlängern ihre Aufenthalte je nach Genehmigung, behalten Wohnungen oder Konten im Ausland und versuchen, sich in einem unsicheren Umfeld möglichst unabhängig zu machen. Trotzdem bleibt der Reiz des Landes groß. Die türkische Gastfreundschaft, die kulturelle Vielfalt und die landschaftliche Schönheit sind Argumente, die selbst komplizierte Bürokratie erträglich erscheinen lassen. „Man muss sich anpassen und Geduld lernen“, sagt ein britischer Rentner aus Bodrum. „Aber das Leben hier ist es wert.“ Die seit Jahrzehnten in der Dalaman Region lebende Türkei Expertin und Autorin zahlreicher Bücher (Ratgeber: Auswandern Türkei) Marina Bütün sagt dazu: “Die Türkei stand im Jahr 2025 an einem Wendepunkt ihrer Einwanderungspolitik. Aus einem Land der weit offenen Türen ist ein Land der strikten Gesetze und Regelungen geworden – was eigentlich gerade Europäer, vor allem Deutsche, im eigenen Herkunftsland sonst so lieben. Die neue Ordnung trifft Expats nicht mit einem Schlag, sondern durch viele kleine Änderungen: Online-Termine, Bezirksbeschränkungen, strengere Nachweise. Die Türkei bleibt ein Land der Möglichkeiten – aber nur für jene, die bereit sind, sich durch ihre komplexe Bürokratie und wechselnden Vorschriften zu kämpfen. Zwischen Sehnsucht und System, zwischen Sonne und Stempel, entscheidet sich, wer bleiben darf – und wer gehen muss.”
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Wer möchte nicht glücklich und ohne Kopfschmerzen in das neue Heim in der Türkei einziehen? Marina Bütün, die seit 2003 in der Türkei an der Westküste in der Provinz Muğla mit ihrem türkischen Mann lebt und dort 2005 eine Immobilien-Firma mit Schwerpunkt Bau von Einfamilienhäusern gründete, hat ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst.

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