Berlin – Es war ein gewöhnlicher Frühlingsabend im Berliner Märkischen Viertel. Der 24-jährige Ufuk Şahin und sein Freund Murat P. tranken Tee, gingen spazieren — und begegneten dabei Andreas S. und seiner Verlobten. Andreas S. rief lautstark in ihre Richtung:
„Seitdem diese Ausländer hier sind, gibt es keine Sicherheit mehr. Sieh mal da, zwei Kanaken.“
Şahin und sein Freund gingen weiter, ohne zu antworten. Auf dem Rückweg liefen die beiden abermals in Andreas S. hinein. Dieser brüllte sie erneut an: „Ausländer raus!“, „Kanaken raus!“, „Deutschland den Deutschen!“ Şahin stellte sich vor ihn und fragte, warum er das sage. Andreas S. zog ein Messer und stach zu. Die Klinge traf eine Hauptschlagader. Ufuk Şahin verblutete noch am Tatort. Es war der 12. Mai 1989. Seine letzten Worte an seinen Mörder waren: „Ich bin ein Mensch wie Du.“ Rechts
Ein Leben, das gerade begonnen hatte
Ufuk Şahin war mit fünf Jahren mit seinen Eltern nach West-Berlin gekommen. Er machte seinen Realschulabschluss, absolvierte eine Ausbildung zum Schlosser und arbeitete bei der Berliner Firma Waggon-Union. Nebenbei betrieb er einen kleinen Imbiss.
Zwei Jahre vor seinem Tod hatte er geheiratet — die junge Familie lebte im Märkischen Viertel, ihr Sohn war zwei Jahre alt. Nachbarn beschrieben Şahin als höflich, vernünftig, jemanden der beruhigend auf jüngere Viertelsbewohner einwirkte wenn es nötig war. Er wurde 24 Jahre alt.
Kein rassistisches Motiv — laut Polizei
Die ermittelnde Mordkommission sah keine Anhaltspunkte für ein fremdenfeindliches Motiv des Täters. Das, obwohl Andreas S. wegen Körperverletzung vorbestraft war, Nachbarn und Zeugen ihn übereinstimmend als Ausländerhasser beschrieben, der mit einem Luftdruckgewehr auf Migrantenkinder gezielt hatte, militärisch salutierte und im Wald Wehrsportübungen durchführte.
Im Oktober 1989 verurteilte ihn ein Berliner Gericht wegen Körperverletzung mit Todesfolge — zu fünf Jahren Haft. Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft wollten ein rassistisches Motiv erkennen, obwohl der Täter selbst „Ärger über all die Kanaken“ geäußert hatte.
Bei Gedenkveranstaltungen nach dem Mord griffen Neonazis die Trauernden an. In Schöneberg zeigten Rechtsextremisten den Hitlergruß, beleidigten die Trauernden rassistisch und bewarfen sie mit Eiern.
Institutioneller Rassismus — kein Einzelfall
Der Fall Ufuk Şahin steht nicht allein. Er steht für ein Muster, das sich durch die deutsche Nachkriegsgeschichte zieht und das beim NSU-Komplex besonders deutlich wurde. Jahrelang mordeten die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds ungehindert — neun türkische Kleinunternehmer, ein griechischer Gewerbetreibender, eine Polizistin.
Statt in Richtung Rechtsterrorismus zu ermitteln, beschuldigten die Behörden jahrelang die Familien der Opfer. Der bayerische Kriminalbeamte und Profiler Alexander Horn hatte bereits 2006 in einer Fallanalyse einen rechtsextremistischen Hintergrund identifiziert — niemand nahm seine Analyse ernst.
Beim NSU-Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Anwohner und Betroffene wiesen unabhängig voneinander auf ein rassistisches Motiv hin. Die Ermittler verfolgten diese Hinweise nicht.
221 Tote — der Staat zählt nur 117
Seit der Wiedervereinigung dokumentiert die Amadeu-Antonio-Stiftung derzeit 221 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt in Deutschland — staatliche Behörden erkennen lediglich 117 davon offiziell an.
Die Lücke von über 100 anerkannten Toten ist kein Zufall. Für viele Fälle aus den 1990er Jahren wurden keine Ermittlungen in Richtung eines politischen Motivs eingeleitet, Akten wurden vernichtet, Hinweise ignoriert. Die Familien der Opfer wurden häufig kriminalisiert statt unterstützt — staatliches Versagen, das ihre Wunden zusätzlich vertiefte.
Hanau, 19. Februar 2020: Ein rechtsextremistischer Attentäter erschoss neun Menschen mit Migrationshintergrund in zwei Shisha-Bars. Der Täter hatte zuvor ein rassistisches Manifest veröffentlicht. Hanau wurde zum Symbol — und zur Mahnung, dass rechter Terror in Deutschland keine Geschichte der Vergangenheit ist.
Der 12. Mai 1989 jährt sich. Ufuk Şahin hinterließ eine Frau und einen zweijährigen Sohn. Sein Name steht für Hunderte, die vor ihm und nach ihm starben — und für ein Deutschland, das sich mit der Anerkennung dieser Taten bis heute schwer tut.

