Ein Gastkommentar von Özgür Çelik
Der 3. Mai 1944 ist ein Datum, das sich wie mit glühendem Eisen in das Gedächtnis der türkischen Nationalismusgeschichte eingebrannt hat. Der Prozess, der an jenem Tag begann und jahrelang andauerte, repräsentiert eine dunkle Ära, die von Unterdrückung, Folter und Staatsterror geprägt war.
„Von nun an ist der 3. Mai der Tag der Türken.Turkisten! Ob in der Gemeinschaft oder allein, lasst uns überall des 3. Mai gedenken. Lasst uns seiner gedenken und die Erinnerung an Kür Şad ehren.“
— H. Nihal Atsız
Gleichzeitig markiert dieser Tag jedoch den Moment, an dem der Turkismus aus den staubigen Seiten von Zeitschriften heraustrat und zu einer Stimme wurde, die in den Herzen von Zehntausenden widerhallte – eine Ideologie, die auf den Straßen Gestalt annahm, indem sie einen hohen Preis zahlte. Der 3. Mai 1944 ist nicht nur ein Datum von Verhaftungen; er ist der Wendepunkt, an dem der Turkismus auf das Volk traf und seinen Überlebenswillen durch Blut und Geduld unter Beweis stellte.
Ein Sturm bricht aus dem Gerichtssaal los
Man kann den 3. Mai nicht verstehen, ohne das politische Klima jener Zeit zu begreifen. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs, als die Sowjetunion auf dem Weg zum Sieg war, suchte die Einparteienherrschaft unter İsmet İnönü nach einer neuen außenpolitischen Orientierung.
Unter diesen Bedingungen wurden Turkisten, die über die türkische Welt schrieben und den unterdrückten Türken Gehör schenkten, als ein Element angesehen, das die Sowjets beunruhigen könnte. Ein Prozess gegen nationalistische Intellektuelle schien ein einfacher Weg zu sein, um eine Freundschaftsbotschaft nach Moskau zu senden.
Der Funke, der die Ereignisse auslöste, waren zwei offene Briefe des Autors und Denkers Hüseyin Nihal Atsız, die in der Zeitschrift Orhun veröffentlicht wurden. Diese an den Ministerpräsidenten Şükrü Saraçoğlu gerichteten Schreiben prangerten kommunistische Elemente an, die sich in den Institutionen des Bildungsministeriums eingenistet hatten, und nannten dabei konkrete Namen.
Atsız forderte von der Regierung eine entschlossene Haltung gegen diese Bedrohung. Unter den Genannten befand sich auch der Lehrer Sabahattin Ali, der Atsız wegen Beleidigung verklagte. Die zweite Anhörung dieses Falles am 3. Mai 1944 wurde zu dem Funken, der den Lauf der Geschichte veränderte.
An jenem Tag waren die Korridore des Justizpalastes von Ankara und die Umgebung der Anafartalar-Straße von nationalistischen Studenten überfüllt. Nach Ende der Verhandlung marschierten die Jugendlichen zum Ulus-Platz, sangen Nationalhymnen und riefen Parolen gegen den Kommunismus. Dieser leidenschaftliche Strom wurde vom Volk an den Fenstern und Türen mit Applaus begrüßt. Es war die größte nationalistische Demonstration, die Ankara bis dahin gesehen hatte.
Das Antlitz des Staatsterrors: Komplott und Folter
Die Regierung nutzte diese Demonstration als Vorwand. Ein Trio, bestehend aus Bildungsminister Hasan-Âli Yücel, dem Autor Falih Rıfkı Atay und dem Gouverneur von Ankara, Nevzat Tandoğan, schritt mit Unterstützung von Präsident İnönü sofort ein.
Die Verhaftungswelle begann in Ankara und breitete sich über das ganze Land aus. Selbst ein Brief an Atsız oder die Teilnahme an einer Umfrage der Orhun reichte als Grund für eine Festnahme aus. Die Inhaftierten wurden nicht in Ankara behalten, sondern in das unter Belagerungszustand stehende Istanbul überstellt – ein eklatanter Rechtsbruch.
In Istanbul erwartete sie ein Leben, das man nur als Hölle bezeichnen kann. Zivilgefangene wurden in die verseuchten, fensterlosen Zellen im Dachgeschoss des Sansaryan Han gesperrt, wo Abwasser floss und nur 15-Watt-Glühbirnen brannten. Militärgefangene im Tophane-Gefängnis erging es nicht besser. Alparslan Türkeş beschrieb jene Tage so: „Die Feuchtigkeit der Zelle, die Dunkelheit, das Fehlen von Sonnenlicht und die Unmöglichkeit zu lesen, hatten mich zermürbt.“
Für diejenigen, die die vorbereiteten Geständnisse nicht unterschrieben, begann die physische Folter. In den sogenannten „Tabutluk“ (Sarg-Zellen) – Nischen von nur 40 cm Tiefe und 50 cm Breite – wurden die Gefangenen mit Ketten an die Wand gehängt, während über ihnen 1500-Watt-Birnen brannten. Sie blieben dort, bis sie aufgaben oder das Bewusstsein verloren. Reha Oğuz Türkkan, Orhan Şaik Gökyay und viele andere erlitten hier bis zu 48 Stunden lang Folter ohne Wasser und Brot.
Die Verleumdungskampagne und İnönüs Rede
Parallel zur Folter wurde ein Propagandakrieg geführt. Regierungsnahe Autoren überfluteten die Zeitungen mit Verleumdungen gegen die Turkisten. Am 19. Mai 1944 widmete İsmet İnönü den Großteil seiner Rede zum Feiertag der Jugend und des Sports dem Thema „Rassismus-Turantismus“.
Mit dieser Rede verurteilte der Staatspräsident Menschen, gegen die noch nicht einmal Anklage erhoben worden war, öffentlich als „Verräter“. Dies war eine klare Vorverurteilung und ein massiver Eingriff in die Unabhängigkeit der Justiz.
Der Prozess: Drei Phasen, ein Sieg
Insgesamt 23 Personen, darunter Zeki Velidî Togan, Nihal Atsız, Alparslan Türkeş und Nejdet Sançar, standen ab dem 7. September 1944 vor dem Militärgericht. Der Staatsanwalt Kâzım Alöç gab die Folterungen während der Verhandlungen sogar zu, versuchte sie jedoch als legitim darzustellen, da es sich um „Verräter“ handele.
Das erste Urteil vom 29. März 1945 spiegelte den politischen Druck wider: Zehn Personen erhielten Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.
Doch das Militärkassationsgericht hob dieses Urteil auf. Am 26. August 1946 begann der Prozess erneut, und am 31. März 1947 fiel das historische Urteil: Freispruch für alle Angeklagten. Damit endete dieser dreijährige, von Folter und Verleumdung geprägte Prozess mit einem Sieg für die Turkisten.
Warum ist der 3. Mai der „Tag der Turkisten“?
Der 3. Mai 1944 ist der Tag, an dem der Turkismus als Idee auf die Straße trat, sich als Bewegung dem Staat stellte und als Wille eine Prüfung bestand. Die Stimme gegen Folter, Kerker und Exil zu erheben und trotz des gesamten Unterdrückungsapparates des Staates nicht zu beugen – das erfordert keinen gewöhnlichen Mut, sondern einen tiefen nationalistischen Glauben.
3 Mai ist für türkische Nationalisten nicht nur ein Gedenktag. Er hat bewiesen, dass Ideen nicht durch Ketten zum Schweigen gebracht werden können. Wie Atsız aus dem Kerker schrieb:
„Während die Mutter Erde uns in ihrem Schoß schlafen lässt / Werden die Kommenden das ernten, was wir gesät haben.“
Den 3. Mai zu ehren bedeutet, sich an diese Saat zu erinnern und die Verantwortung zu übernehmen, sie weiter wachsen zu lassen.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.

