Kommentar
Wenn Kritik zum Tabu wird: Warum wir Sophie von der Tann verteidigen müssen

Eine Korrespondentin, die sich traut, historische Zusammenhänge zu erklären, wird zur Zielscheibe jener, die jede Form von Kontext bereits als Relativierung brandmarken.

Teilen

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Es wird zunehmend unheimlich still an den Orten, an denen eigentlich die lautesten Debatten geführt werden müssten. Die Stille entsteht nicht, weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil viele Menschen Angst haben, überhaupt noch Worte in den Mund zu nehmen.

Genau deshalb verdient Sophie von der Tann Rückendeckung. Eine Korrespondentin, die sich traut, historische Zusammenhänge zu erklären, wird zur Zielscheibe jener, die jede Form von Kontext bereits als Relativierung brandmarken. Doch wer den Auftrag ernst nimmt, Journalismus zu betreiben, muss das Gesamtbild ausleuchten dürfen – auch, wenn es unbequem ist.

Während über eine Formulierung gestritten wird, lenkt kaum noch jemand den Blick auf das, was gleichzeitig geschieht: Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant erlassen – schwerste Vorwürfe, darunter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die internationale Justiz hat keinen symbolischen Akt vollzogen, sondern juristisch bindende Schritte gesetzt. Und dennoch finden wir uns in einer öffentlichen Debatte wieder, in der jede Kritik an israelischer Regierungspolitik reflexhaft als antisemitisch gedeutet wird.

Als wäre die bloße Benennung rechtswidriger Gewalt ein Angriff auf ein ganzes Volk. Als hätte die Menschheit nie gelernt, zwischen Menschen und Regierungen zu unterscheiden, zwischen Judentum und politischem Zionismus, zwischen religiöser Identität und militärischer Doktrin.

Wer darauf besteht, diese Unterschiede zu verwischen, nimmt nicht nur die öffentliche Debatte in Geiselhaft, sondern instrumentalisiert den Kampf gegen Antisemitismus für politische Zwecke. Genau das beschädigt am Ende das, was eigentlich geschützt werden soll: das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes.

Antisemitismus ist real, gefährlich, tödlich – und gerade deshalb darf er nicht als rhetorisches Werkzeug missbraucht werden, um Kritik an staatlicher Gewalt zu verhindern. Niemandem ist damit gedient, wenn legitime Fragezeichen kriminalisiert werden.

Der Verweis auf die deutsche Geschichte lastet schwer, und natürlich prägt er den Umgang mit Israel bis heute. Doch die Vergangenheit darf nicht zur moralischen Blockade werden, die jede nüchterne Analyse verhindert.

Eine Demokratie, die erwachsen sein will, muss fähig sein, beides gleichzeitig zu tun: bedingungslos gegen Antisemitismus einzutreten und dennoch Verstöße gegen das Völkerrecht klar zu benennen, egal von wem sie begangen werden. Wenn der IStGH Haftbefehle ausstellt, dann spricht er nicht im Namen irgendeiner politischen Bewegung, sondern im Namen eines globalen Rechtsprinzips, das bewusst geschaffen wurde, damit nie wieder Menschen über ihrer Verantwortlichkeit stehen.

Es kann nicht sein, dass die Welt wegschaut, während internationale Institutionen Alarm schlagen. Es kann nicht sein, dass Journalistinnen, die ihren Job machen, eingeschüchtert werden sollen.

Und es kann auch nicht sein, dass Menschen, die Missstände benennen, sofort unter Generalverdacht gestellt werden. Kritik an einer Regierung ist kein Angriff auf ein Volk. Kritik an militärischer Politik ist kein Angriff auf eine Religion. Und wer das Gegenteil behauptet, betreibt nicht Aufklärung, sondern Abschreckung.

Wir sollten den Mut haben, auszusprechen, was ist: Niemand, wirklich niemand, steht über dem Recht. Wenn Menschenrechtsverbrechen im Raum stehen, müssen sie untersucht werden. Wenn der IStGH handelt, ist es unsere Pflicht, hinzuschauen – nicht zu schweigen. Und wenn Journalistinnen wie Sophie von der Tann versuchen, die Komplexität des Geschehens zu erklären, verdienen sie nicht Misstrauen, sondern Respekt.

Gerade für die junge Generation brauchen wir eine politische Kultur, die nicht in Reflexen erstarrt, sondern in der Lage ist, zu unterscheiden, zu differenzieren, zu denken. Eine Kultur, die Kritik nicht fürchtet, sondern sie als demokratische Notwendigkeit begreift. Denn Verantwortlichkeit ist kein Angriff auf Würde – sie ist ihre Voraussetzung.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


ZUM THEMA

– Gaza –
Pressefreiheit: Journalistenvereinigung verurteilt Israel

Die Foreign Press Association (FPA), die internationale Journalisten in Israel und den palästinensischen Gebieten vertritt, hat die israelische Regierung scharf kritisiert

Pressefreiheit: Journalistenvereinigung verurteilt Israel

Auch interessant

AfD-Spitzenkandidatin Brinker bekräftigt Punktesystem für Wohnungsvergabe

Berlin - Menschen, die schon länger in Berlin leben und in bestimmten Berufen arbeiten, sollen nach den Vorstellungen der AfD bei der Wohnungsvergabe bevorzugt...

„Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ feiert Premiere

Atça/Aydın - Ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte Westanatoliens ist auf die Kinoleinwand gebracht worden: Der Kurzfilm „Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ hat...

Penzberg: Imam Benjamin Idriz erhält Schreiben mit „NSU 2.0“-Bezug

Penzberg – Nach mehreren islamfeindlichen Schmierereien in Penzberg ist es zu einem weiteren Vorfall gekommen. Imam Benjamin Idriz hat nach eigenen Angaben ein anonymes...

Google: Türkischer KI-Experte übernimmt Führung von Gemini

Mountain View – Der türkische KI-Experte Koray Kavukcuoglu übernimmt eine der wichtigsten Führungspositionen bei Google DeepMind. Als Senior Vice President soll er künftig die Entwicklung...

US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel

Ein Gastkommentar von Mariana Hernandez Am Sonntag holte ihre Partei in einem deutschen Bundesland fast 44 Prozent. Sie führte ihren Wahlkampf mit einer Deportations- und...

Headlines

Israel verurteilt Sanktionen aus Europa

Tel Aviv - Der Druck auf Israel wegen der Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland nimmt zu. Zwölf westliche Staaten haben...

US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel

Ein Gastkommentar von Mariana Hernandez Am Sonntag holte ihre Partei in einem deutschen Bundesland fast 44 Prozent. Sie führte ihren...

Netanjahu zum 7. Oktober: „Sie haben mich nicht geweckt“

Tel Aviv - Im Vorfeld der anstehenden Parlamentswahlen in Israel hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schwere Vorwürfe gegen die eigene...

Israels Verteidigungsminister Katz fordert Massenvertreibung aus dem Gazastreifen

Tel Aviv - Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz hat sich erneut für eine großangelegte Übersiedlung der palästinensischen Bevölkerung aus...

Meinung

Uri Poliavich: Gemeindeentwicklung und Schulen

Eine Schule kann mehr als nur ein Ort für Unterricht sein, wenn Familien, Pädagogen und lokale Initiativen denselben Bildungsraum nutzen. Uri Poliavich wird als...

Israel verurteilt Sanktionen aus Europa

Tel Aviv - Der Druck auf Israel wegen der Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland nimmt zu. Zwölf westliche Staaten haben angekündigt, den Handel mit Waren...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...