Gastkommentar
Rassismus in der muslimischen Community – Verdrängtes Erbe

Ob gegenüber Schwarzen oder gegenüber Sinti und Roma – die Realität ist, dass auch innerhalb der Umma rassistische Denkmuster, koloniale Überlegenheitsfantasien und ethnische Abwertung tief verwurzelt sind.

Teilen

Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi

Während sich muslimische Communities in Europa – und vor allem in Deutschland – zu Recht gegen antimuslimischen Rassismus, staatliche Repression und medialen Generalverdacht zur Wehr setzen, bleibt eine unbequeme Wahrheit weitgehend verdrängt: Der Rassismus im eigenen Inneren.

Ob gegenüber Schwarzen oder gegenüber Sinti und Roma – die Realität ist, dass auch innerhalb der Umma rassistische Denkmuster, koloniale Überlegenheitsfantasien und ethnische Abwertung tief verwurzelt sind. Und je tiefer dieses Problem reicht, desto lauter wird es tabuisiert.

Ein Beispiel dafür ist die Figur des TikTok-Predigers Abdel Hamid – ein religiöser Influencer, der sich mit kindlich-traurigem Gesichtsausdruck, emotionalisierter Rhetorik und einer Mischung aus Ghettoästhetik und wahhabitischem Sendungsbewusstsein eine digitale Gefolgschaft aufgebaut hat.

Er redet viel über “den wahren Islam”, beschwört mit “Vallahi”-Pathos moralische Prinzipien und warnt vor Betrügern – während er selbst wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt gerät: Vorwürfe der Steuerhinterziehung, des Spendenbetrugs und mehrfacher Täuschung stehen im Raum. Und es ist nicht das erste Mal.

Doch anstatt diese Verfehlungen kritisch zu reflektieren, klammern sich viele seiner Anhänger an einen Verteidigungsreflex, der mehr an die Logik von Verschwörungsgläubigen erinnert als an islamische Selbstverantwortung. Abdel Hamid sei ein Opfer des Staates, ein „korrekter Bruder“, der von den „Kufar“ zum Schweigen gebracht werde.

Solche Narrative ähneln frappierend dem Opferdiskurs rechter Deutscher, die „das System“ für ihre eigene Verantwortungslosigkeit verantwortlich machen. Es ist die islamisierte Variante des deutschen “Stockholm-Syndroms”: Der Täter wird idealisiert, das System dämonisiert, und die Wahrheit bleibt auf der Strecke.

Als bekannt wird, dass Abdel Hamid zur Minderheit der Sinti und Roma gehört, kippt die Verteidigung in ein anderes Muster – und zwar in einen offenen Rassismus. In Kommentaren heißt es plötzlich: „Ach, er ist Roma? Das erklärt alles.“

Der strukturelle Rassismus, den viele Muslime selbst täglich erleben, wird in diesem Moment ungefiltert reproduziert – nur eben gegen jene, die innerhalb der marginalisierten Gruppen noch einmal ganz unten stehen: Schwarze und Roma.

Es ist ein bekanntes Muster: Wenn ein arabischer Prediger durch Korruption auffällt, heißt es, er sei vom Weg abgekommen. Wenn ein türkischer Hodscha die Community betrügt, wird von einer „Fitna“ gesprochen, einem teuflischen Test. Doch wenn ein Schwarzer Muslim oder ein Angehöriger der Roma-Community kriminell wird, dann wird seine Ethnie zum Erklärungsmodell.

Plötzlich ist es „in ihrer Natur“, plötzlich „nicht verwunderlich“. Dieses Denken ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines tief verinnerlichten Rassismus, den man in der muslimischen Umma weder benennen noch aufarbeiten will.

Die Diskriminierung von Schwarzen und Roma-Muslim*innen ist nicht neu. In vielen Moscheen gilt der dunkelhäutige Bruder als „der andere“, selbst wenn er mehr Qur’an kennt als der Imām. Roma-Familien wird unterstellt, sie seien „unorganisiert“ oder „illoyal“. Schwarze Schwestern werden bei Heiratsvorschlägen systematisch übergangen oder exotisiert. Und wenn Kritik an diesem Zustand laut wird, verteidigt man sich mit dem verlogenen Satz: „Bilal war schwarz – also gibt es keinen Rassismus im Islam.“

Diese Instrumentalisierung Bilals ist der Gipfel der Ignoranz. Denn Bilal wird nicht als realer Mensch gesehen, sondern als moralisches Alibi. Seine Hautfarbe soll die eigene Blindheit verdecken. In Wahrheit handelt es sich um eine islamisierte Variante des „Onkel-Tom“-Mechanismus: Bilal als Strohmann. Als Ausrede. Als bequeme Erinnerung daran, dass wir uns mit dem Rassismus in unseren Reihen nicht auseinandersetzen müssen.

Besonders perfide ist es, wenn privilegierte muslimische Frauen – meist weiß, türkisch oder arabisch – diese Argumentation übernehmen, um sich ihrer eigenen rassistischen Reflexe nicht stellen zu müssen.

Dass der Fall Abdel Hamid gerade innerhalb einer unterschichtgeprägten, bildungsfernen TikTok-Community so viel Zuspruch erfährt, liegt auch an seiner Inszenierung als „einer von uns“. Er kommt „von der Straße“, spricht ihre Sprache, erzählt emotionale Geschichten, reduziert Frauen auf Anekdoten über Aisha – stets als die „demütige, dienende Frau“, die sich dem Propheten vollkommen unterordnet.

Dass Aisha in Wirklichkeit eine politische Akteurin, eine Gelehrte und eine streitbare Persönlichkeit war, wird ausgeblendet. Abdel Hamid benutzt sie als religiöse Vorlage zur Reproduktion patriarchaler Unterwerfung. Seine männliche Zuhörerschaft soll lernen: Eine gute Frau schweigt, folgt und gehorcht. Männliche Verantwortung? Theologische Tiefe? Fehlanzeige.

Dass er kaum Qur’an zitiert, keine Hadith-Kompetenz hat und stattdessen mit emotionaler Manipulation arbeitet, stört seine Gefolgschaft nicht. Denn Bildung ist in diesem Milieu kein Kriterium. TikTok ersetzt die Moschee. Emotion ersetzt Erkenntnis. Zugehörigkeit ersetzt Wahrheit.

Seine Zielgruppe – oft intellektuell marginalisierte Jugendliche aus der Unterschicht – gleicht in ihrer Emotionalisierung dem Milieu rechter AfD-Wähler: Beide fühlen sich „von oben“ verraten, beide sehnen sich nach klaren Feindbildern, beide idealisieren charismatische Anführer, die ihnen Erlösung versprechen. Der eine mit Kalifat, der andere mit Vaterland.

Noch drastischer zeigt sich der sexistische und patriarchale Bodensatz salafistisch geprägter Szenen im Fall des Predigers Ibrahim A. Gegen ihn wurde wegen sexualisierter Gewalt gegen seine Ehefrau ermittelt. Die Anzeige wurde schließlich zurückgezogen – nicht aus Mangel an Beweisen, sondern infolge massiven Drucks aus seinem eigenen religiösen Umfeld.

Das Opfer lebt heute im Verborgenen. Es ist ein Beispiel für die strukturelle Frauenverachtung innerhalb der Wahhabiyya: Frauen, die sprechen, werden gebrochen. Männer, die Gewalt ausüben, werden gedeckt. Man schützt den Täter, nicht das Opfer. Eine Praxis, die mehr mit mafiöser Loyalität als mit islamischer Ethik zu tun hat.

Auch Prediger wie Pierre Vogel oder Abul Baraa sind Teil dieser Verblendungsindustrie. Vogel, dessen Lies-Projekte als Nährboden jihadistischer Radikalisierung dienten, flüchtete sich in eine Medienstrategie, die jede Kritik als antimuslimische Hetze diffamierte. Abul Baraa betätigte sich während der Pandemie als esoterischer Händler von überteuertem Honig und verbreitete medizinisch gefährliche Falschinformationen – ohne dass daraus innerhalb der Community nennenswerter Protest entstanden wäre.

Warum? Weil sie entweder weiß, arabisch oder türkisch sind – und damit Teil der ethno-religiösen Mehrheitsidentität innerhalb der Umma. Doch sobald ein Schwarzer oder Roma-Muslim ähnlich handelt, wird nicht mehr verziehen. Dann wird nicht diskutiert, dann wird verurteilt. Ethnische Herkunft wird zur Ursache erklärt, kulturelle Minderwertigkeit unterstellt.

Es ist ein rassistischer Doppelstandard, der sich in Predigten, in Ehen, in der Moscheepolitik und in der Jugendarbeit zeigt. Die Mechanismen gleichen denen der weißen Mehrheitsgesellschaft – mit dem Unterschied, dass man sie hier in Gottes Namen betreibt.
Wer den Islam als ethische Offenbarung versteht, muss endlich aufhören, diese Heuchelei zu dulden.

Kriminalität ist nicht ethnisch. Dummheit auch nicht. Aber Rassismus ist strukturell – und er ist in unseren Reihen angekommen. Wenn wir nicht den Mut aufbringen, den Finger in die eigene Wunde zu legen, dann wird die Umma nicht durch äußere Feinde zerstört – sondern durch das, was wir in ihr dulden: Ungerechtigkeit, Arroganz, Heuchelei.

Schwarze und Roma-Muslime sind keine Nebenfiguren, keine Testfälle, keine Fußnoten unserer Gemeinschaft – sie sind ein Teil von ihr. Und wer sie rassistisch ausgrenzt, hat den Islam nicht verstanden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 

Auch interessant

China stellt 1.000-PS-Supersportler Denza Z vor

Peking – Der chinesische Elektroautohersteller BYD hat auf der Automesse in Peking sein neues Hypercar Denza Z vorgestellt. Das viersitzige Elektrofahrzeug soll zunächst in...

Frankreich: Abgeordnete Gabrielle Cathala fordert Israel-Ausschluss

Strassburg - In der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) hat sich im April 2026 eine tiefgreifende Debatte über den Verbleib Israels als Beobachterstaat entwickelt. Die...

Iran-Krieg: Mutmaßlicher Insider-Handel rund um Trumps Ankündigungen

London - Die BBC hat in einem heute veröffentlichten Untersuchungsbericht systematische Hinweise auf illegalen Insider-Handel rund um die Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump gefunden. Händler...

Bericht: Israel nutzt sexuelle Gewalt zur Vertreibung

Jerusalem - Menschenrechts- und Rechtsexperten werfen israelischen Soldaten und Siedlern vor, geschlechtsspezifische Gewalt und sexuelle Übergriffe gezielt einzusetzen, um Palästinenser aus ihren Häusern im...

Göbeklitepe: Wie der deutsche Archäologe Klaus Schmidt die Geschichte neu schrieb

Von Klaus Jürgens Während Stonehenge 5.000 Jahre und die Pyramiden von Gizeh 4.500 Jahre alt sind, ist Göbeklitepe sage und schreibe 12.000 Jahre alt. Es...

Headlines

US-Kongress diskutiert Schutzrechte für Amerikaner in der israelischen Armee

Washington D.C. - Laut Berichten von Military.com zielt eine Initiative im US-Kongress darauf ab, wichtige militärrechtliche Schutzmaßnahmen auf US-Bürger...

Hegseth: Das US-Militär sollte jedes Jahr den Friedensnobelpreis erhalten

Washington D.C. - US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sagt, das Militär des Landes verdiene es, „jedes Jahr“ den Friedensnobelpreis zu gewinnen. Als...

Frankreich: Israel-Sanktionen „innerhalb weniger Tage“

Paris - Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot hat angekündigt, dass die Europäische Union bereits in den kommenden Tagen Sanktionen...

Frankreich: Abgeordnete Gabrielle Cathala fordert Israel-Ausschluss

Strassburg - In der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) hat sich im April 2026 eine tiefgreifende Debatte über den...

Meinung

China stellt 1.000-PS-Supersportler Denza Z vor

Peking – Der chinesische Elektroautohersteller BYD hat auf der Automesse in Peking sein neues Hypercar Denza Z vorgestellt. Das viersitzige Elektrofahrzeug soll zunächst in...

Langzeitpflege braucht organisationsbezogene Gewaltschutzkonzepte

Berlin - Gewaltprävention in Pflegeeinrichtungen ist fachlich geboten. Zentrales Instrument dafür ist ein partizipativ erarbeitetes Schutzkonzept. Um bei der Entwicklung solcher organisationsspezifischen Konzepte zu unterstützen,...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...