Völkermord an den Herero
Deutschland: Herero-Opferverbände zu Entschädigungsverhandlungen nicht eingeladen

In der Vorwoche begannen Verhandlungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Namibias über eine Aufarbeitung des Genozids an Herero und Nama. Opferverbände beklagen, dass die Regierung in Windhuk dabei lediglich eigene finanzielle Interessen verfolge.

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Deutschland: Herero-Vertreter kritisieren „Geheimverhandlungen“ ohne Opferverbände

Berlin (nex) – Die Verhandlungen zwischen der namibischen und der deutschen Regierung über den Völkermord an den Herero und Nama, die in der vergangenen Woche in Berlin begonnen haben, scheinen unter keinem guten Stern zu stehen.

Im Interview mit Radio Dreyeckland kritisiert Israel Kaunatjike, ein Herero, der in Berlin lebt und sich für das Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“ sowie bei Berlin Postkolonial engagiert, dass namibische Herero- und Nama-Verbände von den Gesprächen über eine Aufarbeitung des deutschen Völkermordes Anfang des 20. Jahrhundert ausgeschlossen seien.

Kaunatjike spricht gegenüber dem Sender von „Geheimverhandlungen, zu denen die Opferverbände nicht eingeladen sind“ und erklärt, die Gruppen wollen die Ergebnisse, die ohne ihre Beteiligung verhandelt worden wären, nicht respektieren. Die namibische Regierung verfolge nur finanzielles Interesse an so genannter Entwicklungshilfe und sei nie in der Frage selbst engagiert gewesen, betonte der Aktivist.

Erst auf weltweiten Druck der Opferverbände, dem sich auch das Parlament nicht verschließen konnte, habe sich die Regierung 2006 für das Thema zu interessieren begonnen. Die Opfervertreter selbst habe man jedoch von Beginn an ausgebootet. Der frühere Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Ruprecht Polenz, habe auf Anfrage im Namen der deutschen Regierung erklärt, dass Verhandlungen dieser Art nur auf Regierungsebene stattfänden, so Kaunatjike. Es sei jedoch die Vertretung eines kleinen Stammes sehr wohl in Berlin mit zu den Verhandlungen eingeladen worden, die jedoch nicht die breite Bevölkerung und die Opfer repräsentiere.

„Das ist ein ‚Teile und herrsche‘ und das stört uns einfach“, erklärt der Herero-Aktivist. Eine Bedeutung für die Gegenwart habe die Frage, wer in wessen Namen verhandelt, durchaus noch, so Kaunatjike. „Vertriebene in Botswana, Südafrika und Angola, deutsche Siedler leben heute noch auf deren Land“, erklärte er weiter. Zu 75 Prozent handle es sich dabei um Farmland. Man strebe diesbezüglich eine Restitution oder eine Entschädigung an.

“Unsere Anliegen werden ignoriert”, so der Sprecher der Herero und Nama-Nachfahren Israel Kaunatjike in einem Gespräch mit dem Nachrichtenexpress. “Sie werden uns aber nicht bremsen können.”

Man rücke die Schädel seiner Vorfahren unter fadenscheinigen Gründen nicht raus.

Um die angebliche Minderwertigkeit der Afrikaner zu belegen, brachten die Deutschen aus ihrer damaligen Kolonie Schädel und Gebeine Einheimischer nach Berlin. Der Historiker Jürgen Zimmerer, der sich seit Jahren mit der Kolonialgeschichte befasst, geht davon aus, dass damals über 1000 menschliche Überreste nach Deutschland gelangten, deren Reste teilweise bis heute in Archiven, Magazinen und Kliniken lägen, berichtet Deutschlandradio Kultur.

Die Geschichte der Schädel, das sei bis heute ein Trauma für ihr Volk, empört sich Ester Utjiua Muinjangue, Angehörige der Volksgruppe der Herero aus Namibia.

“Die deutsche Schutztruppe brachte die abgetrennten Köpfe zu den Herero-Frauen und zwang sie, sie zu reinigen, damit sie wie Eier fein säuberlich in Kartons nach Deutschland transportiert werden konnten, beschreibt Muinjangue. Es konnten die Köpfe ihrer Ehemänner, Brüder oder Schwestern sein.”

Der seit 1970 in Berlin lebende Herero-Nachfahre Israel Kaunatjike fordert außer einer offiziellen Entschuldigung der Bundesregierung die viel stärkere Förderung zivilgesellschaftlicher Initiativen zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Genozid als bisher.

Die Bundesregierung habe die Forschung an menschlichen Gebeinen, die im kolonialen Unrechtskontext nach Deutschland deportiert worden seien und nicht der Rückgabe an die Herkunftsgesellschaften dienten, zu unterbinden. Die Aufstellung riesiger rasseanthropologischer Sammlungen mit den sterblichen Überresten tausender Kolonisierter und Widerständiger aus aller Welt sei eines der düstersten Kapitel der europäischen Wissenschaftsgeschichte, lässt das Bündnis in der Pressemitteilung verlautbaren.

Vor dem Hintergrund der daran anknüpfenden Verbrechen der NS-Wissenschaft komme der Bundesrepublik hierbei eine besondere historische Verantwortung zu.

“Wir kämpfen für eine Wiedergutmachung und Anerkennung des Völkermordes”

Im Gegensatz zu den Armeniern würden sich die Nachfahren der Völkermordopfer von der Bundesregierung nicht ernst genommen fühlen, kritisierte der Sprecher der Berliner Nichtregierungsorganisation, Kaunatijke, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: “Wir werden einfach diskriminiert und als zweite Klasse behandelt.”

Die UNO erkannte bereits 1948 den Völkermord an den Herero und Nama an.

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