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Uğur Mumcu: Mord im Schatten des NATO-Geheimnis Gladio

Zum 33. Todestag von Uğur Mumcu: Warum sein Mord mit dem NATO-Netzwerk Gladio, dem Susurluk-Skandal und sogar dem Oktoberfest-Attentat verknüpft sein könnte.

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Istanbul – Es ist der 24. Januar, ein Tag, der wie kein anderer für den Kampf um die Wahrheit in der Türkei steht. Heute vor 33 Jahren wurde Uğur Mumcu durch eine Autobombe ermordet.

Was damals wie ein lokaler Polit-Krimi wirkte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Teil eines düsteren, europaweiten Netzwerks: Gladio. Mumcus Recherchen führten ihn direkt in das Herz des „Tiefen Staates“.

Seine Bücher, allen voran „Sakıncalı Piyade“ (Der unerwünschte Soldat) und „Kürt-İslam Ayaklanması“ (Kurdisch-islamischer Aufstand), sind heute unverzichtbare Dokumente dieser Ära. Mumcu war überzeugt, dass regionale Instabilität oft ein kalkuliertes Produkt externer Mächte war, die lokale Akteure wie Schachfiguren nutzten.

Die Prophezeiung und der „Susurluk-Skandal“

Was Mumcu jahrelang akribisch recherchierte, wurde drei Jahre nach seinem Tod auf makabre Weise bewiesen: durch den „Susurluk-Unfall“ im Jahr 1996. Bei einem Autounfall in der Nähe der Stadt Susurluk kamen ein hochrangiger Polizeichef, ein gesuchter Mafia-Boss (Abdullah Çatlı) und eine Schönheitskönigin ums Leben; ein Parlamentsabgeordneter überlebte schwer verletzt.

Dieser Vorfall war der unwiderlegbare Beweis für das, wovor Mumcu gewarnt hatte: Die Existenz eines „Tiefen Staates“, in dem staatliche Sicherheitsorgane Hand in Hand mit dem organisierten Verbrechen arbeiteten, um politische Ziele mit Gewalt und Terror durchzusetzen. Mumcu hatte die Puzzleteile dieses Netzwerks bereits in den Händen, bevor das Bild für die gesamte Öffentlichkeit sichtbar wurde.

Gladio: Das europaweite Netz des Schreckens

Doch dieses Phänomen war nicht auf die Türkei beschränkt. Das Schweigen über diese Strukturen wurde erst 1990 gebrochen, als der damalige italienische Premierminister Giulio Andreotti offiziell die Existenz von „Gladio“ (Lateinisch für „Schwert“) bestätigte.

Dabei handelte es sich um ein geheimes „Stay-Behind“-Netzwerk der NATO, das ursprünglich für den Fall einer sowjetischen Invasion gegründet worden war. Doch in Ländern wie Italien und Griechenland (unter dem Codenamen LOK oder Sheepskin) entwickelten diese Einheiten eine blutige Eigendynamik. Sie wurden Teil einer „Strategie der Spannung“, um linke Bewegungen durch Terroranschläge zu diskreditieren und die Bevölkerung in Angst zu versetzen.

Spuren bis nach München: Das Oktoberfest-Attentat

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser dokumentiert in seinem Standardwerk „NATO-Geheimarmeen in Europa“ eindrucksvoll, wie diese Schattenkrieger agierten. Für deutsche Leser ist hierbei ein besonderer Verdacht brisant: Zahlreiche investigative Journalisten und Forscher ziehen bis heute Parallelen zwischen Gladio-Strukturen und dem Oktoberfest-Attentat in München 1980.

Während die offizielle Version lange von einem „Einzeltäter“ sprach, deuten Spuren im Umfeld rechtsextremer Gruppen und deren Kontakte zu Sicherheitsbehörden darauf hin, dass auch hier Netzwerke im Hintergrund aktiv gewesen sein könnten, die den „Stay-Behind“-Strukturen ähnelten. Es ist genau jene Art von „staatlich geduldetem“ oder „inszeniertem“ Terror, den Uğur Mumcu in der Türkei untersuchte.

Mumcus gefährliches Wissen

In der Türkei operierte dieser Arm unter dem Namen „Konterguerilla“. Mumcu untersuchte deren Verbindungen zur PKK, zum Waffenschmuggel und zu ausländischen Geheimdiensten wie der CIA und dem Mossad. Er war davon überzeugt, dass die Türkei als Labor für verdeckte Operationen diente.

Sein Wissen machte ihn zur Zielscheibe. Am 24. Januar 1993 explodierte die C-4-Bombe unter seinem Auto. Kurz vor seinem Tod sagte er zu seiner Frau Güldal: „Bestimmte Enthüllungen könnten zu meiner Tötung führen.“ Er behielt recht. Die Drahtzieher wurden – wie in so vielen Gladio-bezogenen Fällen in Europa – nie zur Rechenschaft gezogen.

Ein Vermächtnis, das bleibt

Heute, 33 Jahre nach seinem Tod, ist das Werk von Uğur Mumcu aktueller denn je. In einer Welt globaler Machtverschiebungen erinnert uns sein Schicksal daran, dass die Wahrheit oft tief unter der Oberfläche der offiziellen Nachrichten verborgen liegt. Sein berühmtestes Zitat bleibt die Leitlinie für mutigen Journalismus:

„Menschen sind nicht nur für das verantwortlich, was sie sagen, sondern auch für das, worüber sie schweigen.“

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