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Europas digitale Abhängigkeiten: Zwischen nationaler Souveränität und europäischer Handlungsfähigkeit

Die Diskussion über Europas Abhängigkeit von außereuropäischen Akteuren ist längst nicht mehr auf Sicherheit und Verteidigung beschränkt.

(Symbolfoto: pixa)
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Die Diskussion über Europas Abhängigkeit von außereuropäischen Akteuren ist längst nicht mehr auf Sicherheit und Verteidigung beschränkt.

Auch in der Digitalisierung und bei Schlüsseltechnologien stellt sich die Frage, in welchem Maß Europa eigene Fähigkeiten kontrolliert und wo es auf externe Anbieter angewiesen ist.

Diese Debatte lässt sich nüchtern führen: Die Fakten zeigen deutliche Abhängigkeiten, zugleich aber auch konkrete politische und industrielle Gegenbewegungen. Entscheidend ist dabei das Spannungsfeld zwischen der Souveränität einzelner Mitgliedstaaten und gemeinschaftlichen EU-Ansätzen.

Abhängigkeiten in zentralen digitalen Infrastrukturen

Besonders sichtbar sind Europas Abhängigkeiten im Bereich der Cloud-Infrastruktur. Der europäische Markt wird weiterhin von US-Anbietern dominiert, darunter Amazon, Microsoft und Google. Schätzungen zufolge entfallen rund 70 bis 90 Prozent der genutzten Cloud-Services in Europa auf diese Hyperscaler. Europäische Anbieter sind vorhanden, erreichen jedoch bislang nicht dieselbe Skalierung, insbesondere bei globalen Plattformdiensten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Künstlicher Intelligenz. Zentrale Foundation Models, Trainingsinfrastrukturen und spezialisierte Chips stammen überwiegend aus den USA oder Ostasien. Zwar gibt es in Europa starke Forschungseinrichtungen und wachsende Start-ups, doch die industrielle Umsetzung großer KI-Modelle ist weiterhin stark von außereuropäischen Ressourcen abhängig.

Starke Nischen, schwache Breite

Im Halbleiterbereich ist die Lage differenzierter. Europa verfügt mit ASML über ein weltweit führendes Unternehmen für Lithografie-Systeme und ist damit ein unverzichtbarer Teil globaler Chip-Wertschöpfungsketten.

Gleichzeitig fehlen in Europa breite Fertigungskapazitäten für moderne Logikchips und eine starke Position im Chipdesign. Die Abhängigkeit von Produktionsstandorten in Ostasien und den USA bleibt daher bestehen.

Der 2023 gestartete EU Chips Act hat 2024 und 2025 erste Investitionen ausgelöst, unter anderem in neue Fertigungsprojekte und Forschungseinrichtungen. Diese Maßnahmen zielen jedoch vor allem auf Resilienz und Risikominderung, weniger auf vollständige Autarkie

Fragmentierung statt Ressourcenmangel

Europas Abhängigkeit ist weniger Ausdruck fehlender technischer oder finanzieller Ressourcen als Folge institutioneller Fragmentierung.

Nationale Digitalstrategien, voneinander getrennte Förderprogramme, unterschiedliche Beschaffungslogiken und ein unvollständig integrierter Binnenmarkt erschweren die Skalierung digitaler Technologien. Während einzelne Mitgliedstaaten gezielt nationale Anbieter oder Projekte fördern, entstehen selten frühzeitig europäische Strukturen mit ausreichender Marktgröße.

Die strukturellen Folgen dieser Fragmentierung lassen sich auch an der Nutzung konkreter digitaler Angebote beobachten. So können Dienstleistungen im EU-Binnenmarkt rechtlich zulässig sein, während zentrale Schutz- und Kontrollmechanismen weiterhin national organisiert bleiben.

Ein Beispiel ist das Online-Glücksspiel: Während in Deutschland mit OASIS ein zentrales Spielersperrsystem vorgeschrieben ist, unterliegen Anbieter mit Sitz in anderen EU-Mitgliedstaaten den Regelungen ihrer jeweiligen Aufsichtsbehörden.

Wo Online Casinos ohne OASIS Spielsperre verglichen und bewertet werden, wird betont, dass Maßnahmen zum Spielerschutz auch bei solchen Anbietern ein Kriterium sind, das geprüft werden sollte. Bei Lizenzvergabe ausländischer Aufsichtsbehörden sind rechtssichere Bedingungen gegeben. Auch durch die Malta Gaming Authority lizenzierte Casinos beispielsweise sind verpflichtet, umfassende Spielerschutzmaßnahmen umzusetzen.

Auch bei Cloud-Diensten sind die Effekte beobachtbar: Einheitliche europäische Vorgaben zu Datenschutz und IT-Sicherheit definieren den Rechtsrahmen, während Zulassung, Sicherheitsklassifizierung und Beschaffung – insbesondere im öffentlichen Sektor – national geregelt bleiben.

Für Anbieter bedeutet das rechtliche Zulässigkeit bei gleichzeitig mehrfacher Anpassung, für Nutzer ein Nebeneinander technisch vergleichbarer, aber unterschiedlich eingebetteter Systeme. Die Fragmentierung liegt damit nicht in fehlenden Regeln, sondern in deren paralleler nationaler Umsetzung.

Datenschutz, Wettbewerbsrecht und Verbraucherschutz setzen verbindliche Rahmenbedingungen, die Planungssicherheit schaffen, aber Entwicklungs- und Markteinführungsprozesse verlängern können.

Diese Regulierung zielt nicht auf Abschottung, sondern auf Stabilität und Rechtsklarheit im Binnenmarkt. Sie unterscheidet Europa sowohl von den stärker kapital- und plattformgetriebenen Modellen der USA als auch von den staatlich gelenkten Technologieprogrammen Chinas, ohne dabei einen grundsätzlichen Innovationsnachteil zu begründen.

Nationale Souveränität und europäische Ergänzung

Die Europäische Kommission verfolgt seit mehreren Jahren das Ziel offener strategischer Autonomie. Programme wie Digital Europe, der Chips Act, IPCEI-Projekte oder der AI Act sollen Abhängigkeiten reduzieren, ohne Abschottung zu betreiben. Es zeigt sich: Diese Instrumente verbessern Koordination, ersetzen aber keine marktwirtschaftliche Skalierung.

Ein Beispiel ist Gaia-X, das als föderierte Daten- und Cloud-Initiative konzipiert wurde. Das Projekt hat Standards und Governance-Modelle hervorgebracht, jedoch keine eigenständige europäische Hyperscaler-Alternative. Ähnlich verhält es sich bei offenen KI-Modellen, die europäische Werte wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit betonen, aber bislang begrenzte Marktdurchdringung erreichen.

Die Rolle der Mitgliedstaaten bleibt zentral. Nationale Investitionen in Forschung, Verwaltung und digitale Infrastruktur entscheiden darüber, wie EU-Programme wirken. Gleichzeitig können viele Vorhaben – etwa Halbleiterfabriken oder große Rechenzentren – wirtschaftlich nur auf europäischer Ebene sinnvoll umgesetzt werden.

Damit entsteht ein komplementäres Modell: Nationale Souveränität zeigt sich in Prioritätensetzung und Umsetzung, während die EU Standards, Finanzierung und Marktintegration bereitstellt. Konflikte entstehen dort, wo nationale Industriepolitik europäische Skaleneffekte behindert oder umgekehrt EU-Regeln nationale Spielräume einschränken.

Europas digitale Abhängigkeit ist real und in vielen Bereichen strukturell. Sie ist jedoch kein statischer Zustand. Die EU verfügt über technologische Schlüsselpositionen, politische Instrumente und industrielle Basis, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Der aktuelle Trend geht nicht in Richtung vollständiger Autarkie, sondern zu mehr Resilienz, Diversifizierung und gemeinsamer Handlungsfähigkeit. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, nationale Interessen und europäische Strategien dauerhaft miteinander zu verzahnen.