Ukraine-Krieg
Henry Kissinger spricht sich gegen Putin-Sturz aus

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hat sich für einen weiteren Dialog mit Russland und auch mit dessen Präsidenten Wladimir Putin ausgesprochen.

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New York – Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hat sich in einem stern-Gespräch für einen weiteren Dialog mit Russland und auch mit dessen Präsidenten Wladimir Putin ausgesprochen.

Kissinger sagte:

„Eines Tages wird der Krieg beendet sein. Und nach diesem Krieg wird die Beziehung zwischen der Ukraine und Russland neu definiert werden. Auch Europa wird seine Beziehung mit Russland neu definieren müssen, denn Russland wird weiterhin ein wichtiger Faktor in den internationalen Beziehungen sein. Sollte Russland als Resultat des Krieges auseinanderbrechen, würde das zu Chaos in Zentralasien und im Mittleren Osten führen.“

Auf die Frage, ob Frieden erst nach Putins Absetzung möglich sei, sagte Kissinger: „Es ist wahrscheinlich, dass ein Friedensvertrag mit Putin gemacht werden muss. Sollte er gestürzt werden, würde das die Verhandlungen sicherlich erleichtern. Aber sollten alle Ziele erreicht sein, hätte eine Fortsetzung des Krieges, nur um Putin zu stürzen, sicherlich keine öffentliche Unterstützung, egal, wie unbeliebt Putin gerade ist.“

Der Politikwissenschaftler, der zahlreiche US-Präsidenten in führender Position beriet, warb zudem für ein umfangreiches neues Hilfsprogramm für die Ukraine:

„Nach dem Krieg ist ein Wiederaufbauplan für die verwüstete Ukraine essenziell. Ich hoffe, dass die Staaten der Atlantischen Allianz dabei zusammenarbeiten. In diesem Sinn brauchen wir einen Marshallplan. Und in einem tieferen Sinn könnte ein hoffnungsvolles Experiment entstehen: Russland wird verstanden haben, dass ein Angriff auf Europa das Ziel verfehlt. Die Nato tritt geschlossen auf, mit der Unterstützung der USA. Da wird sich Europa fragen müssen: Wie soll die langfristige Beziehung mit Russland aussehen? Muss sie allein auf militärischer Abschreckung basieren – oder ist ein Miteinander auf Grundlage kühler Entscheidungen möglich?“

Zur Frage, ob die Ukraine EU-Mitglied werden solle, sagte Kissinger: „2014 schrieb ich einen Artikel in der „Washington Post“, in dem ich davor warnte, die Ukraine zum Nato-Mitglied zu machen. Damals dachte ich, die Ukraine könnte eine Brückenfunktion zwischen Russland und der EU einnehmen. Ich dachte, sie könnte eine Rolle wie Finnland spielen – mit einem starken Bekenntnis zur eigenen Verteidigung, aber auch einer Bereitschaft zum Dialog. Das ist nun nicht mehr möglich. Die Ukraine ist praktisch gesehen ein Nato-Mitglied, und es wird schwer, das rückgängig zu machen. Eine Lösung, die mir vorschwebt, wären Rüstungsbeschränkungen entlang der Grenzen zwischen der EU und Russland, verbunden mit einem Bekenntnis zu gegenseitiger Zurückhaltung, aber das bedarf einer großen intellektuellen Anstrengung.“

Freilich rief Kissinger auch zu entschiedenem Widerstand gegen russische Atom-Drohungen auf: „Es ist eine sehr fragile Lage, wenn Atommächte sich im Konflikt befinden über ein nichtnukleares Land. Was die atomaren Drohungen Russlands angeht – da dürfen wir auf keinen Fall klein beigeben. Aus zwei Gründen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Unmengen ausgegeben wurden, um die Atomwaffen zu verbessern, und trotzdem hat kein Land sie seither eingesetzt, denn niemand sieht sich in der Lage, die Folgen zu kontrollieren. Sollte Putin diese Grenze überschreiten, muss er zurückgewiesen werden. Einem Friedensvertrag zuzustimmen, der unter der Drohung des Einsatzes atomarer Waffen zustande kommt, ist undenkbar. Das würde die Welt verändern.“

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