Geschichte
Einsteins Briefe: Wie die Türkei jüdische Wissenschaftler vor den Nazis rettete

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, begann für Tausende deutsche Wissenschaftler jüdischen Glaubens eine Ära der Verfolgung.

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Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, begann für Tausende deutsche Wissenschaftler jüdischen Glaubens eine Ära der Verfolgung.

Das im April 1933 erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entfernte alle Beamten „nicht-arischer Abstammung“ aus dem Staatsdienst — mit einem Schlag verloren die klügsten Köpfe Deutschlands ihre Stellen, ihre Würde und ihre Heimat.

Einer der ersten, der handelte, war der jüdische Pathologe Philipp Schwartz. Er floh aus Frankfurt nach Zürich und gründete dort die „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland“ — eine Organisation, die es sich zur Aufgabe machte, verfolgten Akademikern neue Stellen zu vermitteln.

Was zunächst aussichtslos schien, sollte sich als rettende Idee erweisen: Die junge türkische Republik, gerade erst im Aufbau ihrer Universitäten, suchte dringend nach erstklassigen Professoren.

Phillip Schwartz

Einsteins Brief an die Türkei

In dieser Not wandte sich auch Albert Einstein persönlich an die türkische Führung. Am 17. September 1933 schrieb er als Ehrenpräsident der Weltvereinigung „OSE“ einen Brief an den Präsidenten des Ministerrats der türkischen Republik — und bat um Aufnahme von 40 Professoren und Ärzten aus Deutschland, die in ihrer Heimat mit Berufsverbot belegt worden waren.

„Diese Wissenschaftler sind bereit, ein Jahr lang ohne jede Vergütung in einigen Ihrer Einrichtungen gemäß den Anweisungen Ihrer Regierung zu arbeiten“, schrieb Einstein.

„Diesen Antrag unterstützend nehme ich mir die Freiheit, meine Hoffnung auszudrücken, dass bei einer Bewilligung dieser Bitte Ihrerseits eine Tat der großen Humanität vollzogen wird, dadurch aber auch einen Vorteil für Ihr eigenes Land mit sich bringt.“

Der Brief war formal an den Präsidenten des Ministerrats adressiert — İsmet İnönü. Dieser lehnte den Antrag zunächst ab und schrieb handschriftlich auf das Dokument: „Ihre Gehälter werden für uns unerschwinglich sein.“

Doch als Staatspräsident Atatürk von dem Brief erfuhr, berief er persönlich eine Besprechung ein und überstimmte İnönü. Die Einladung an die deutschen Wissenschaftler wurde ausgesprochen — und die Modernisierung der türkischen Universitäten nahm ihren Lauf.

Istanbul wird zur „besten deutschen Universität“

Philipp Schwartz reiste im Sommer 1933 nach Ankara, um persönlich mit dem türkischen Bildungsminister Reşit Galip zu verhandeln. Er hatte bescheidene Erwartungen — und verließ das Treffen mit dreißig Stellenangeboten. Bis Ende 1933 hatten bereits 42 deutsche Akademiker ihre Arbeit an der Istanbuler Universität aufgenommen — die meisten mit Fünfjahresverträgen und Gehältern, die ihren deutschen Stellen entsprachen.

Am 1. August 1933 öffnete die İstanbul Üniversitesi ihre Tore mit 27 türkischen und 38 ausländischen Professoren. Türkische Zeitungen begrüßten die neuen Professoren mit Schlagzeilen auf der Titelseite. Unter den Geretteten befanden sich Wissenschaftler von Weltrang — darunter der Chirurg Rudolf Nissen, der Ökonom Fritz Neumark, der Rechtswissenschaftler Ernst Hirsch, der Hethitologe Hans Güterbock sowie die Physiker James Franck und Max Born als Berater. Auch der Komponist Paul Hindemith und der Architekt Clemens Holzmeister fanden in der Türkei Zuflucht. 

Manche Flüchtlingsprofessoren sagten gerne, Istanbul sei „die beste deutsche Universität“ geworden — eine Anspielung auf den enormen Zustrom an Talenten und die Tatsache, dass viele Universitäten in Deutschland nicht mehr das waren, was sie einmal gewesen waren. 

Historische Aufnahme: Mustafa Kemal Atatürk mit türkischen und deutschen Exil-Wissenschaftlern nach der großen türkischen Universitätsreform 1933.

Ein vergessener Retter: Philipp Schwartz

Hinter diesem historischen Kapitel steht vor allem ein Mann, dessen Name kaum bekannt ist: Philipp Schwartz. Der jüdische Pathologe, der 1933 aus Frankfurt fliehen musste, wurde zum Initiator der deutschen Wissenschaftsemigration in die Türkei und gilt heute als „vergessener Retter“. 

In seinen Memoiren beschrieb Schwartz die Ankunft in Istanbul mit Worten, die den Geist dieser außergewöhnlichen Episode einfangen: „Ich und meine Freunde wussten, dass wir gleichzeitig eine wichtige Mission übernommen hatten: den wahren deutschen Geist und die deutsche Kultur zu vertreten. Die Last dieser Mission gab uns nicht nur ein Gefühl des Stolzes, sondern auch Sicherheit.“

Die türkische Regierung unter Atatürk unterstützte das Programm mit 2,4 Millionen türkischen Pfund bis 1938 und beherbergte zwischen 1933 und 1945 rund 800 deutschsprachige Experten. Wikipedia

Ein bleibendes Erbe

Die Wissenschaftler, die in Istanbul Zuflucht fanden, hinterließen ein bleibendes Erbe. Sie strukturierten die Istanbuler Universität grundlegend um, führten europäische akademische Standards, Forschungsmethoden und pädagogische Praktiken ein und bildeten eine neue Generation türkischer Akademiker, Ärzte, Juristen und Ingenieure aus. 

Der britische Historiker Prof. Norman Stone, der 2001 einen Vortrag zu diesem Thema an der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara hielt, erklärte: Die „Notgemeinschaft“ habe bereits 1933 die ersten deutschen Hochschullehrer in die Türkei vermittelt. Bis 1937 hätten 350 deutsche Wissenschaftler eine Anstellung an türkischen Universitäten erhalten — darunter 150 Wissenschaftler von Weltrang.

Es ist eine Geschichte, die in keinem Schulbuch steht — und die vielleicht genau deshalb erzählt werden muss. Während Europa seine klügsten Köpfe vertrieb, öffnete die Türkei ihre Universitäten. Und während Deutschland seine Juden in die Vernichtung schickte, gaben ihnen Istanbul und Ankara eine neue Heimat — und eine neue Zukunft.

 


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