Frankfurt – Eine Frau sitzt im Feld. Ihr Rock ist weit ausgestellt, ein Tuch bedeckt ihr Haar, vor ihr steht ein golden glänzendes Saxofon.
Doch was aus dem Instrument strömt, gehört längst nicht mehr allein in diese ländliche Landschaft. Rote und violette Linien steigen wie Klangwellen in den Himmel, Häuser geraten ins Wanken, ein Drache oder Fabelwesen scheint sich aus der Musik zu lösen. Darüber schweben Planeten, Sterne und eine Rakete. Die Grenze zwischen Dorf, Kosmos und Traum ist aufgehoben.
Das Bild stammt von dem türkischen Künstler Halil Kıratlı, der heute in Frankfurt am Main lebt. Kıratlı lässt in dieser Arbeit zwei Welten aufeinanderprallen, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: die bäuerliche Lebenswelt Anatoliens und die Bildsprache einer urbanen, globalisierten Gegenwart.
Im Zentrum steht die Musikerin. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine Figur aus einer Erinnerung: die Kleidung, die Körperhaltung, die Landschaft und die Felder verweisen auf ein ländliches Leben. Doch dann fällt der Blick auf das Saxofon. Es ist nicht bloß ein Musikinstrument, sondern der Motor des gesamten Bildes. Aus seinem Schalltrichter scheint sich eine andere Wirklichkeit zu ergießen.
Musik als Kraft, die die Welt verändert
Kıratlı malt keinen realistischen Klang. Er macht Musik sichtbar.
Die farbigen Ströme, die aus dem Saxofon hervorkommen, ziehen sich über das Bild und verwandeln die Landschaft. Gebäude stehen schief, als würden sie von den Schwingungen erfasst. Eine Rakete steigt in den Himmel. Ein Planet schwebt über der Szenerie. Selbst die Sterne wirken weniger wie astronomische Objekte als wie Zeichen einer persönlichen Mythologie.
Gerade diese Mischung macht die Arbeit so eigenwillig. Sie erzählt nicht einfach von einem Dorf in der Türkei. Sie erzählt von Erinnerung, Fantasie und dem Wunsch, Grenzen zu überschreiten. Die Frau mit dem Saxofon wird dabei zur Vermittlerin zwischen den Welten. Sie sitzt fest auf dem Boden – und ihre Musik reicht bis in den Weltraum.
Zwischen anatolischem Bildgedächtnis und Underground
Kıratlıs Bildsprache verweigert sich einer klaren Zuordnung. Sie ist weder klassische Volksmalerei noch reine Pop-Art. Auch surrealistische Elemente finden sich darin, ohne dass das Werk einfach als Surrealismus abgeheftet werden könnte. Die handgezeichneten Linien, die dicht ausgearbeiteten Flächen und die kräftigen Farben erzeugen vielmehr den Eindruck einer ganz eigenen, privaten Bilderwelt.
Gerade darin liegt etwas zutiefst „Underground“-haftes: Das Bild scheint sich nicht darum zu kümmern, ob seine Motive zusammenpassen. Eine Dorfbewohnerin mit Saxofon? Ein startendes Raumschiff über einem Feld? Häuser, die wie Spielzeug in eine imaginäre Strömung geraten? Warum eigentlich nicht? Kıratlı erlaubt sich eine Freiheit, die in der Gegenwartskunst keineswegs selbstverständlich ist: Er muss seine Fantasie nicht rational erklären.
Frankfurt im Hintergrund
Dass der Künstler heute in Frankfurt lebt, verleiht der Arbeit eine zusätzliche Ebene. Frankfurt ist eine Stadt der Hochhäuser, des Finanzwesens, der internationalen Mobilität und der Migration. Anatolische Dorfwelten und die urbane Realität Deutschlands liegen für viele Menschen mit türkischen Wurzeln nicht in getrennten Universen. Sie existieren gleichzeitig – in Erinnerungen, Familiengeschichten, Bildern und persönlichen Biografien.
Kıratlı macht aus diesem Nebeneinander keine nüchterne Dokumentation. Er übersetzt es in eine fantastische Bildsprache.So kann das Feld im Vordergrund für Herkunft und Erinnerung stehen, während der Himmel zum Raum des Möglichen wird. Die Rakete ist dann nicht nur eine Rakete. Sie kann für Aufbruch stehen, für Entfernung, für Migration – oder schlicht für die kindliche Lust, die eigene Welt zu verlassen. Und vielleicht ist genau diese Offenheit die Stärke des Bildes.
Eine Frau, die nicht nur zuhört
Bemerkenswert ist auch die Rolle der Frau. Sie ist nicht Staffage und nicht bloß Teil einer folkloristischen Szene. Sie macht etwas. Sie erzeugt den Sturm, der das gesamte Bild bewegt.
Das traditionelle Bild der Dorfbewohnerin wird damit aufgebrochen. Ihre Musik besitzt eine geradezu kosmische Wirkung. Während sie scheinbar unbeirrt auf ihrem Instrument spielt, gerät um sie herum die Wirklichkeit in Bewegung.Man könnte sagen: Kıratlı gibt dieser Frau eine Stimme – oder genauer: einen Klang.
Und dieser Klang ist laut genug, um bis zu den Sternen zu reichen.
Eine Kunst der Zwischenräume
Kıratlıs Arbeit lädt dazu ein, über die geografischen Grenzen hinauszusehen. Türkei und Deutschland, Dorf und Großstadt, Vergangenheit und Zukunft, Realität und Fantasie: Das Bild entscheidet sich für keine dieser Seiten. Es bringt sie zusammen.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Qualität von Kunst aus einer Migrationsgesellschaft. Sie muss nicht erklären, zu welcher Welt ein Mensch gehört. Sie kann zeigen, dass mehrere Welten gleichzeitig existieren.
Die Frau im Feld spielt Saxofon. Über ihr schwebt der Kosmos. Zwischen den Häusern fließt Musik wie ein Fluss. Und irgendwo zwischen Anatolien und Frankfurt beginnt eine neue, eigensinnige Welt. Halil Kıratlı malt sie nicht, als wolle er sie beweisen. Er malt sie, als hätte sie schon immer existiert.
Kemal Bölge

