Gaza-Konflikt
Israels „Knochenbrecher-Politik“ von 1988 und das Erbe der Gewalt

Israels „Knochenbrecher-Politik“ von 1988: Warum die heutige Kritik an der Gewalt in Gaza eine jahrzehntelange, historische Kontinuität hat.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Ein CBS-Video aus dem Jahr 1988, das zeigt, wie israelische Soldaten die palästinensischen Cousins Wael und Osamah Joudeh schlagen, ist im Internet wieder aufgetaucht und hat die Debatte über die jahrzehntelange Gewalt Israels gegen Palästinenser neu entfacht.

Das Filmmaterial dokumentiert Israels „Knochenbrecher“-Offensive, eine israelische Strategie, die Anfang 1988 zur Unterdrückung der Ersten Intifada angeordnet wurde. Auch fast vier Jahrzehnte später hält die Gewalt der israelischen Streitkräfte in den besetzten palästinensischen Gebieten weiterhin an.

Kein Phänomen der Gegenwart

Die weltweite Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen und die anhaltenden Verfahren vor internationalen Gerichten dominieren die heutigen Schlagzeilen.

Für viele Beobachter wirkt die aktuelle Isolation des Landes wie ein historischer Tiefpunkt. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Vorwürfe der Unverhältnismäßigkeit, der systematischen Gewalt und die darauffolgende internationale Empörung sind kein Phänomen der Gegenwart.

Sie folgen Mustern, die sich seit fast vier Jahrzehnten wiederholen.Ein besonders drastisches Kapitel dieser Kontinuität führt zurück in das Jahr 1988, auf den Höhepunkt der Ersten Intifada. Damals erschütterte eine staatlich angeordnete Taktik die Weltöffentlichkeit, die als „Knochenbrecher-Politik“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte.

Eine lange Tradition der Kritik

Wer die heutigen Debatten über die Einhaltung des Völkerrechts im Nahen Osten verfolgt, gewinnt oft den Eindruck, die tiefe Kluft zwischen Israel und der internationalen Gemeinschaft sei neu. Doch die diplomatischen und moralischen Abwehrkämpfe Tel Avivs haben tiefe Wurzeln.

Seit Jahrzehnten sieht sich die israelische Führung mit dem Vorwurf konfrontiert, im Umgang mit der palästinensischen Zivilbevölkerung die Grenzen des Erlaubten systematisch zu überschreiten. Um zu verstehen, wie die heutigen Dynamiken entstanden sind, muss man zu dem Wendepunkt zurückkehren, als die Bilder der Gewalt zum ersten Mal ungefiltert in die westlichen Wohnzimmer gelangten.

Die Erste Intifada und das Dilemma der Armee

Im Dezember 1987 entflammte in den besetzten palästinensischen Gebieten die Erste Intifada. Es war ein Aufstand, der die israelische Militärführung (IDF) völlig unvorbereitet traf. Im Gegensatz zu früheren Kriegen stand die Armee keinem regulären Militär gegenüber, sondern einer breiten Volksbewegung.

Der Protest äußerte sich in Generalstreiks, zivilem Ungehorsam und vor allem in dem massenhaften Werfen von Steinen durch Jugendliche gegen schwer bewaffnete Soldaten – ein Bild, das als „Krieg der Steine“ weltweit symbolisch wurde.

Die israelische Armee geriet schnell in ein strategisches und moralisches Dilemma. Der Einsatz von scharfer Munition gegen steineschmeißende Teenager führte zu einer rasant steigenden Zahl von Todesopfern und löste sofortige internationale Verurteilungen aus. Die Führung in Tel Aviv suchte händeringend nach einer Methode, den Aufstand niederzuschlagen, ohne durch Hunderte von Toten den Rückhalt im Westen komplett zu verlieren.

„Gewalt, Macht und Schläge“: Der Befehl von Yitzhak Rabin

Im Januar 1988 reagierte der damalige israelische Verteidigungsminister Yitzhak Rabin – der Jahre später ironischerweise den Friedensnobelpreis erhalten sollte – mit einer neuen, unmissverständlichen Direktive.

Um die Palästinenser abzuschrecken und den Willen zum Protest zu brechen, forderte er die Truppen auf, mit „Gewalt, Macht und Schlägen“ (force, might, and beatings) vorzugehen.

Was als politische Rhetorik zur Wiederherstellung der Ordnung getarnt war, übersetzten die Kommandeure und Soldaten auf der Straße in eine brutale Praxis. Anstatt Demonstranten festzunehmen oder scharf zu schießen, wurden Palästinenser systematisch mit Schlagstöcken, Gewehrkolben und Steinen traktiert.

Das erklärte Ziel war es, den Aktivisten gezielt die Knochen zu brechen – vor allem Arme und Beine –, um sie fluchtunfähig zu machen, physisch zu behindern und eine maximale Abschreckungswirkung in den Dörfern und Flüchtlingslagern zu erzielen.

Tausende Palästinenser, darunter viele Minderjährige, erlitten in dieser Phase schwere Frakturen und dauerhafte körperliche Schäden.

Das CBS-Video: Der Moment, der die Welt schockierte

Die „Knochenbrecher-Politik“ wurde von der israelischen Führung zunächst geleugnet oder als bedauerliche Einzelfälle unkontrollierter Soldaten dargestellt. Doch im Februar 1988 änderte sich die Situation schlagartig. Ein Kamerateam des US-Senders CBS hielt sich heimlich in der Nähe von Nablus auf und filmte eine Szene, die um die Welt gehen sollte.

Das Video dokumentierte vier israelische Soldaten, die zwei wehrlose, bereits festgesetzte Palästinenser hinter einen Felsen geschleppt hatten. Minutenlang schlugen die Soldaten mit schweren Steinen und Stöcken gezielt auf die Arme und Beine der am Boden liegenden Männer ein.

Die Brutalität und die Systematik, mit der hier Knochen zertrümmert wurden, ließen keinen Raum mehr für Ausflüchte. Die Ausstrahlung des Beitrags im internationalen Fernsehen löste eine Schockwelle aus. Verbündete wie die USA forderten sofortige Aufklärung, und das moralische Image Israels im Westen erlitt einen historischen Knacks.

Das juristische Nachspiel: Befehl und Gehorsam

Die Parallelen zu heutigen Debatten zeigen sich auch in der juristischen Aufarbeitung. Als es 1990 zu internen Militärprozessen kam – unter anderem gegen Oberst Yehuda Meir –, verteidigten sich die angeklagten Offiziere vehement damit, lediglich Befehle von höchster Stelle ausgeführt zu haben.

Meir gab vor Gericht an, er habe klare Anweisungen erhalten, den Gefangenen die Knochen zu brechen.Yitzhak Rabin bestritt zeitlebens, einen explizit illegalen Befehl zum Brechen von Gliedmaßen gegeben zu haben. Seine Verteidigungslinie lautete, die Schläge seien nur als Mittel zur Überwältigung während des Aufruhrs gedacht gewesen, nicht als nachträgliche, sadistische Bestrafung.

Diese Argumentation konnte die historische Realität jedoch nicht auslöschen: Die Politik der Knochenbrüche war systemisch und von der Führung geduldet.

Die Kontinuität der militärischen Logik

Wenn heute internationale Beobachter, Menschenrechtsorganisationen und Gerichte die Blockaden, die Luftangriffe und die Härte des Vaters des aktuellen Konflikts im Gazastreifen verurteilen, stehen diese Ereignisse nicht im luftleeren Raum.

Sie sind die Fortsetzung einer jahrzehntelangen militärischen Logik, bei der das Prinzip der Abschreckung und der massiven physischen Gewalt über völkerrechtliche Bedenken gestellt wird.

Die Methoden haben sich im Laufe der Zeit verändert – von den Schlagstöcken und Feldsteinen des Jahres 1988 hin zu modernster Drohnentechnologie und KI-gestützter Kriegsführung der Gegenwart.

Doch das Muster bleibt identisch: Eine militärische Übermacht versucht, einen politischen Konflikt mit maximaler Härte zu lösen, gerät dadurch in die globale Isolation und verweist gebetsmühlenartig darauf, sich lediglich zu verteidigen. Das historische CBS-Video von 1988 bleibt ein zeitloses Mahnmal dafür, dass die moralische Krise der Region keine Erfindung der Neuzeit ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

 

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